Literarische Grenzziehungen | Blätter für deutsche und internationale Politik

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Literarische Grenzziehungen

Die Schriftsteller und der Mauerbau

von Vanessa Brandes

1961 markiert eine Zäsur, keineswegs nur im politischen Sinne. Das ganze Jahr kennzeichnet eine Phase hoch verdichteter politischer und literarischer Ereignisse; doch speziell der Bau der Mauer am 13. August ist heute zur wichtigen Wegmarke deutscher Geschichte geworden. Dabei war die literarische Teilung des Landes eigentlich schon zwei Jahre zuvor überdeutlich. Während sich 1959 die beiden deutschen Republiken zur Feier ihres ersten vollendeten Jahrzehnts rüsteten, führten zwei deutsche Schriftsteller – als wollten sie diesen Umstand dokumentieren – eine signifikante Streitkorrespondenz, der eine auf westlicher, der andere auf östlicher Seite.

„dieser briefwechsel ist für mich sehr lehrreich, nicht zuletzt der verständigungsschwierigkeiten halber, die er zeitigt, und die beweisen, dass es heute zwei deutsche sprachen gibt“, schrieb Hans Magnus Enzensberger 1959 aus Norwegen an seinen Ostberliner Kollegen Peter Hacks.[1] Der Brief benennt, zweieinhalb Jahre vor der durch den Mauerbau betonierten Teilung Deutschlands, die bereits zu jenem Zeitpunkt weit fortgeschrittene Entzweiung des Landes. Anlässlich seiner Lektüre von Enzensbergers Gedichtband „verteidigung der wölfe“ hatte der 1955 in die DDR übergesiedelte Hacks Enzensberger Unkenntnis vorgeworfen – Unkenntnis „der einschlägigen Wissenschaften“ sowie der gesellschaftspolitischen Wirklichkeit in der DDR – und ihn gefragt: „Was nützt poetisches Vermögen, ohne Kenntnis, im zwanzigsten Jahrhundert, wo, und Sie werden mir da beipflichten, Poesie ohne Kenntnis nicht mehr gedacht werden kann?“[2] Enzensberger antwortete daraufhin: „ich habe fragen, sie haben antworten. aber sind ihre antworten gut? sie sind, in meinen augen, erbärmlich. sie sind schlechter als meine fragen. sie haben nur einen vorteil, den ich allerdings für meinen teil nicht in anspruch nehmen möchte: sie machen ihnen ein gutes gewissen, sie ersparen ihnen die mühe und die trauer des zweifels.“[3]

Der Dialog zwischen Enzensberger und Hacks musste als Verständigungsversuch scheitern: zu breit schon damals der politisch-kulturelle Graben, zu nachhaltig die Meinungsverschiedenheiten im Ringen um Begriffe und ihre Ausdeutung. „vielleicht haben wir dieses gespräch am falschen ende begonnen“, versuchte Enzensberger einen zweiten Anlauf, „vielleicht wäre es an der zeit, dass wir uns überlegten, in welchen angelegenheiten wir übereinstimmen können. begrenztes einverständnis ist besser als unbegrenzter streit. ich nenne folgende punkte: gegenseitige anerkennung der beiden deutschen staaten. konföderation unter genau definierten bedingungen. zulassung der sed in der bundesrepublik, zulassung der spd in der ddr. atomwaffenfreie zone in mitteleuropa. schrittweise ausdünnung der fremden truppen bis zu ihrem völligen abzug. austritt der staaten, die in dieser zone gelegen sind, aus der nato und dem warschauer pakt. reduktion der volksarmee und der bundeswehr. europäisches sicherheitssystem unter der garantie der großmächte. befragung der arbeiter darüber, wer das proletariat ist, sie selber oder das zk der sed. (nun brausen sie nicht schon wieder auf, den letzten punkt schenke ich ihnen.) vielleicht sind sie mit dieser liste einverstanden, vielleicht haben sie einwände, vielleicht können wir sie gemeinsam verlängern. das hätte zwar, im augenblick, wohl keine erheblichen folgen, aber es hätte hand und fuß.“[4] Doch Enzensbergers Bemühen, das Gespräch zu konkretisieren, lief ins Leere: „Das ist eine schöne Liste. Aber das ist keine Politik“, antwortete sein Korrespondenzpartner.[5]

Die Geburt einer Generation

Wirft man einen weiteren Blick auf das literarische Leben dieser bewegten Monate, so fällt auf, dass eine neue Generation von Schriftstellern von sich reden machte, in Ost- wie Westdeutschland. Sie würde diese Bühne nicht so bald wieder verlassen: „Meine Generation, die nach dem Krieg alle Chancen bekam und nutzte, hat die intellektuelle Szene ungewöhnlich lange beherrscht“, befand Jürgen Habermas gut 30 Jahre später.[6] 1961 war er 32 Jahre alt, genau wie Reinhard Baumgart, Kritiker und Erzähler, wie der Soziologe und Politiker Ralf Dahrendorf, der Literaturwissenschaftler Peter Szondi, wie die Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger, Walter Kempowski, Heiner Müller, Peter Rühmkorf und Christa Wolf. Weitet man den Blick auf die angrenzenden Jahrgänge aus, dann kann man jener jungen Generation, die um das Jahr 1961 herum in die Öffentlichkeit trat, noch die beiden bahnbrechenden Roman-Debütanten des Jahres 1959 zurechnen: Günter Grass und Uwe Johnson.
Wenn auch das Bedürfnis nach Katalogisierung und verlässlicher Einordnung nur scheinbar Halt im Versuch von Generationsbenennungen findet – schon das Phänomen Generation hat ambivalente Züge, wo es sich aber mit dem gleichlautenden Schlagwort konfrontiert sieht, ist schnell jeder verbindlichen Aussage der Boden entzogen –, es ist eine Tatsache, dass die sogenannte Flakhelfer-Generation sich entschieden an politischen, poetischen und philosophischen Diskursen beteiligte und die intellektuelle Öffentlichkeit nicht nur maßgeblich prägte, sondern sie gleichsam für mehr als ein halbes Jahrhundert weitgehend bildete. Peter Rühmkorf ging so weit zu vermuten, dass seine Generation „eigentlich nur aus dem einen Jahrgang 1929 bestand“.[7]

Sein Jahrgang hatte tatsächlich ein ganz besonderes Schicksal. Die älteren männlichen Jugendlichen der Jahrgänge 1926 bis 1928 hatten in der Regel alle (para-)militärischen Organisationen durchlaufen: Jungvolk, Hitlerjugend und Wehrmacht. Wer jünger war, hatte die Jugendorganisationen kennengelernt, war aber normalerweise nicht mehr an die Waffe verpflichtet worden und dem aktiven Fronteinsatz entgangen. Der Jahrgang 1929 liegt dazwischen: Er war der erste Jahrgang, der ohne Ausnahme mit Erreichen des zehnten Lebensjahres die gesetzlich geregelte „Jugenddienstpflicht“ in der Hitlerjugend zu leisten hatte, die Geländemärsche, Schießübungen und Fahnenappelle einschloss. Beinahe alle, die ihm angehörten, wurden in den Volkssturm eingegliedert und erlebten sich in militärischen Abläufen. Sie sahen sich bereits auf dem Schlachtfeld; fast alle aber hatten das Glück, ihm zu entgehen. Was auf den ersten Blick wie Zahlenspielerei wirken kann, hatte folgenreiches Gewicht. Die 1929 Geborenen bildeten, während und nach dem Krieg, als Flakhelfer, Bauarbeiter, Schwarzmarkthändler, Geheimnisträger oder Landesverräter eine Generation kleiner Erwachsener, die eine schwere Last als selbstverständliches Marschgepäck mit sich herumtrug. Tatsächlich also scheinen die verschiedenen Laufbahnen unter merkwürdig verwandten Voraussetzungen begonnen zu haben – und sie haben sich ungewöhnlich nachhaltig fortgesetzt.

Danach gefragt, wie er sich die Durchschlagkraft seines Jahrganges erkläre, antwortet Enzensberger: „Die älteren Jahrgänge wurden im Zweiten Weltkrieg verheizt. Viele begabte Leute sind dadurch nie zum Zuge gekommen. […] Mein Jahrgang war zu jung, um in die Vernichtungsmaschine zu geraten. […] Und nach dem Krieg waren viele der Älteren in Gefangenschaft, verschollen, politisch kompromittiert oder aus der Emigration nie zurückgekehrt. Die Jüngeren hatten also ein offenes Feld vor sich; das Wort Arbeitsmarkt hatte keinen Schrecken für sie. Ein Weitermachen gab es für uns nicht, nur lauter Anfänge.“[8]

Für die Generation der 29er um Enzensberger und Habermas ist die mehrfache Erfahrung von Desillusion prägend gewesen. Dass 1945 ein ganzes System zusammenstürzen konnte und danach wider Erwarten die Dinge ihren mehr oder weniger gewohnten Gang gingen – es bedingte eine misstrauische Weltsicht und frühe Selbstständigkeit, sublimiert in erhöhte Wachsamkeit gegenüber Restauration und Schuldverschiebung. Im von Hans Werner Richter ein Jahr nach dem Mauerbau herausgegebenen Sammelband „Bestandsaufnahme. Eine deutsche Bilanz 1962“ charakterisierte Peter Rühmkorf seine Generation in diesem Sinne als eine, die „die Welt in ihren naturalen und sozia-
len Gegebenheiten akzeptierte: als Reibungswiderstand.“[9]

Viele der Reaktionen von Schriftstellern dieser Maßstäbe setzenden intellektuellen Generation zum Mauerfall 1989 klingen heute noch im Ohr: Günter Grass, der Vereinigungsskeptiker, Walter Kempowski, der aus seiner niedersächsischen Ecke heraus gegen die „Großschriftsteller“ eines seiner Meinung nach linkslastigen Kulturbetriebs und ihre politischen Äußerungen schimpfte, der nachdenkliche literarische Spaziergänger Günter de Bruyn wie der Briefwechsel zwischen Christa Wolf und Jürgen Habermas, in dem die beiden die Frage diskutierten, inwieweit die Debatten im geteilten Land von Anpassungen an die jeweils dominierenden Weltmächte beeinflusst gewesen waren. Und nicht zuletzt Peter Rühmkorfs „TABU I“, sein Tagebuch der Jahre 1989/90, ein Musterstück seiner Gattung als Zeitdokument und literarisches Zeugnis. Im Zusammenklang sind all diese Wortmeldungen so kräftig, dass sie rückblickend die zeithistorische Stimmenvielfalt beherrscht zu haben scheinen; man wollte diese Meinungen hören: Eine intellektuelle Öffentlichkeit wurde gefragt und gab bereitwillig Auskunft, analysierte die Situation, äußerte Wünsche und Ängste.

Und am 13. August 1961? Wo waren jene, die sich 1989 – als fertige, gemachte Generation – so engagiert zu Wort meldeten, knapp 30 Jahre zuvor gewesen? Das politisch turbulente Jahr 1961 stellte die Anfang 30jährigen vor eine erste große historische Probe. Im Schlagschatten eines Krieges und Nachkrieges aufgewachsen, dessen Katastrophen sie mitzutragen, aber nicht verursacht hatten, standen sie unversehens unter Positionierungsdruck. Das, was sie taten oder unterließen, was sie äußerten oder verschwiegen – es würde gewogen werden und von anhaltendem Interesse bleiben. Darüber bestand keinerlei Zweifel. Es lohnt also aus gegebenem Anlass, noch einmal einen, wenn auch summarischen Blick auf jene Schar zu werfen, die ihrer Generation Profil und Stimme gab. Dass dabei das gemeinsame Geburtsjahr kein Garant für Einstimmigkeit im historischen Urteil sein konnte, versteht sich von selbst.

Die Zäsur im Osten: Christa Wolf, Heiner Müller

Beginnen wir mit den ostdeutschen Stimmen, die vom Bau der Mauer existenzieller getroffen wurden als ihre Kollegen im Westen. Zum Beispiel Christa Wolf. Sie, akademisch ausgebildet, politisch geschult und zeitweilig für den Schriftstellerverband tätig, war noch freischaffende Lektorin für den Mitteldeutschen Verlag in Halle, als sie 1961 mit ihrer „Moskauer Novelle“ debütierte. Nach der Veröffentlichung dieser in der DDR viel beachteten Erzählung entschloss sie sich im darauf folgenden Jahr, freie Schriftstellerin zu werden. Mit allen Konsequenzen, die das bedeutete, und im Bewusstsein, durch ihre literarische Arbeit an der Profilierung des politisch-kulturellen Diskurses innerhalb der DDR mitzuwirken. Ihr Buch „Der geteilte Himmel“, erschienen 1963, geriet zu einer frühen literarischen Auseinandersetzung mit dem Mauerbau. Die Geschichte verunsicherte nicht nur einige argwöhnische Kulturfunktionäre, obgleich ihr Standort im Ost-West-Konflikt zweifelsfrei ein sozialistischer war. Dass Christa Wolf über diese Arbeit und das Leben, für das sie sich entschieden hatte, in ihrem Verpflichtungsverhältnis als inoffizielle Mitarbeiterin der Staatssicherheit verunsichert wurde und sich aus ihm löste, charakterisiert den eingeschlagenen Lebensweg. Dass er mit einer tiefsitzenden und nachhaltigen Verdrängung sowie deren schmerzhaftem Aufbrechen nach Ende der DDR verbunden war, auch.

Auf Fotografien von Heiner Müller aus jener Zeit ist ihm nicht anzusehen, dass er schon ein hartes Schreibjahrzehnt hinter sich hatte, mit Proben, sich auf einen Sozialismus einzulassen, wie er in der DDR eingerichtet wurde, mit missglückten, aber auch geglückten Experimenten. Müller würde in den folgenden Jahren noch vieles durchzustehen haben: literarische Zensur, soziale Armut, Perspektivlosigkeit. 1961 brachte er sein Drama „Die Umsiedlerin“ in Berlin auf die Bühne, nach der Uraufführung wurde es verboten. Im selben Jahr wurde Müller aus dem Schriftstellerverband ausgeschlossen. Aber seine Ärmel blieben hochgekrempelt, er war bereit, sich auf kulturpolitische Konfliktlagen einzustellen – sie waren ihm Inbegriff objektiver Widersprüche, zu denen auch die Grenze durch Berlin wie jene zwischen den beiden deutschen Staaten gehörte. Diese Grenzen bedeuteten für ihn auch die Trennung von seinem Vater, der als Sozialdemokrat in der DDR Repressalien ausgesetzt gewesen war und im anderen Teil Deutschlands lebte. 1961 lag dessen Wechsel in den Westen zehn Jahre zurück. Für Müller verschmolz das politische Jahr und sein Datum mit einem persönlichen Jahrestag, der sich tief in die Werkgeschichte einschreiben sollte.

1961 in Westdeutschland: Walter Kempowski, Uwe Johnson, Günter Grass

Doch auch im Westen bedeutete der Mauerbau einen Einschnitt – allerdings hier ebenfalls am stärksten bei jenen, die über eigene DDR-Erfahrung verfügten. Für Walter Kempowski, der aus einer zutiefst bürgerlichen Lebenswelt stammte und unter dem (zutreffenden) Verdacht, für den US-amerikanischen Geheimdienst gearbeitet zu haben, acht Jahre seines jungen Lebens im Gefängnis gesessen hatte, bevor er 1956 nach Westdeutschland entlassen worden war, musste der Mauerbau zeichenhaft schlechthin sein. Kempowski, noch fern einer erfolgreichen literarischen Karriere, hatte gerade seine erste Stelle als Dorfschullehrer in Breddorf bei Zeven angetreten, als der ihm verhasste Osten in Stein und Stahl Realitäten schuf. In seiner gründlichen Ablehnung bestätigt, richtete sich Kempowski in ländlicher Abgeschiedenheit ein, experimentierte mit reformpädagogischen Ansätzen und erwartete vom Osten nichts Gutes, wie vom politischen „großen Ganzen“ überhaupt. Außerdem schloss er das Manuskript „Margot“ ab – Vorform seines ersten Romans „Im Block“. Das Jahr des Mauerbaus bleibt prägend für sein ganzes weiteres Werk. 1961 wird Handlungszeitraum und Thema in dem 1998 erschienenen Roman „Heile Welt“, der einen Ausschnitt bundesrepublikanischer Wirklichkeit jenes Jahres aus der (autobiographisch eingefärbten) Perspektive eines Dorfschullehrers erzählt.

Uwe Johnson, in Güstrow aufgewachsen, mit Studium in Rostock und Leipzig, aber seit 1959 in Westdeutschland lebend, wo er mit „Mutmaßungen über Jakob“ beim Suhrkamp Verlag schlagartig in der literarischen Szene Furore gemacht hatte, veröffentlichte 1961 „Das dritte Buch über Achim“, und die Kritik verlieh ihm den Kampfnamen „Dichter der beiden Deutschland“, zum Verdruss von Johnson selbst. Vom 20. April bis zum 21. August 1961 hielt sich Johnson in den USA auf, wo er, auf Einladung der Wayne State University, zunächst an einer Konferenz in Detroit teilnahm und seinen Text „Berlin, Border of the Divided World“ vortrug, auf Deutsch später unter dem Titel „Berliner Stadtbahn“ erschienen. Die Tage um den Berliner Mauerbau verbrachte er in Cambridge beim International Seminar der Harvard Summer School of Arts and Sciences, das von Henry Kissinger geleitet wurde.[10] Doch er entkam den zündelnden Debatten nicht: Noch im selben Jahr sah er sich mit dem Vorwurf attackiert, er habe den Mauerbau als „gut, vernünftig und sittlich“ verteidigt. Hermann Kesten, der einflussreiche Exilschriftsteller, hatte Johnsons Erläuterungen zu den deutschen Vorgängen bei einem Mailänder Symposium im „Münchner Abendblatt“ sinnentstellt wiedergegeben, die „Welt“ druckte den Artikel nach, und kurz darauf thematisierte sogar der Bundestag den Vorfall. Ein Tonbandmitschnitt rettete Johnsons Ehre. Es hätte das vorzeitige Ende seiner vielversprechenden Laufbahn bedeuten können.

Sein zukünftiger Nachbar in der Berliner Niedstraße, Günter Grass, seit dem Erscheinen der „Blechtrommel“ 1959 unangefochtener Star seiner Generation, hatte die deutsch-deutsche Grenze vielfach für inoffizielle Kollegentreffen wie offizielle Schriftstellerzusammenkünfte überschritten und war seit 1961 im Visier der Staatssicherheit – die Akten sind kürzlich im Ch. Links Verlag erschienen. Am Tag nach den militärischen Absperrmaßnahmen im Berliner Stadtgebiet schrieb er einen offenen Brief an Anna Seghers, die zu diesem Zeitpunkt auch Vorsitzende des Deutschen Schriftstellerverbandes der DDR war. „Sie waren es, die meine Generation oder jeden, der ein Ohr hatte, nach jenem nicht zu vergessenden Krieg unterrichtete, Recht und Unrecht zu unterscheiden“, schrieb er und bat: „Sie mögen als schwache und starke Frau Ihre Stimme beladen und gegen die Panzer, gegen den gleichen, immer wieder in Deutschland hergestellten Stacheldraht anreden, der einst den Konzentrationslagern Stacheldrahtsicherheit gab.“[11] Wie bei Kesten/Johnson überkreuzten sich die Zeiten, das Exil wirkte in eine Gegenwart. Das schloss Fremdheit und Befremden ein.

Nur „Springer“ auf den Barrikaden?

Kann man dem Feuilletonchef der „Welt“, Georg Ramseger, Recht geben, der am 13. September 1961 vermeintliches Stillschweigen unter den westdeutschen Schriftstellern zum Mauerbau monierte? „Die tapferen Streiter der Gruppe 47 mit ihren so sehr schätzenswerten Hans Werner Richter, Böll, Walser, Enzensberger und so manchen anderen noch schweigen sich aus in dieser Stunde“, schrieb er. „Sind sie gelähmt? Geht ihnen etwas auf, das sie nie glauben mochten in ihrer allumfassenden Liebe zur Menschheit? Dass Berlin heute überall in Deutschland liegt, spüren denn das unsere Schriftsteller nicht? […] Das Schlimme ist am Schlimmen, dass unsere Schriftsteller uns nichts mehr zu sagen haben werden, wenn sie jetzt schweigen.“[12]

Dass diese Kritik – ohnehin fragwürdig in Forderungen und Folgerungen – unbegründet war, dokumentiert der von Hans Werner Richter herausgegebene Band „Die Mauer oder Der 13. August“. Von Richter zunächst als ein Sammelband eigens zum dortigen Abdruck verfasster Schriftstellerreaktionen auf den Mauerbau geplant, versammelte das in der bekannten rororo-Reihe erscheinende Buch schließlich die zahlreichen verstreuten Beiträge zu einer Diskussion, die sich hauptsächlich im Feuilleton abgespielt hatte. Nachlesbar sind dort neben den Analysen, Stellungnahmen und Reaktionen von Golo Mann, Hermann Kant, Walter Jens, Hans Magnus Enzensberger und zahlreichen anderen Autoren von beiden Seiten der Mauer auch der zitierte Brief von Günter Grass an Anna Seghers. Ein weiterer aus seiner und Wolfdietrich Schnurres Feder an die Mitglieder des Schriftstellerverbandes der DDR mit der Aufforderung zum Protest erhielt zahlreiche Antworten, unter ihnen die von Stephan Hermlin, der beteuerte, die Spaltung der Stadt habe bereits seit der Währungsreform von Mitte 1948 bestanden. „Von welchem Unrecht sprechen Sie?“, fragte Hermlin. „Was am 13. August erfolgte, war ein logischer Schritt in einer Entwicklung, die nicht von dieser Seite der Stadt eingeleitet wurde. Ich habe meiner Regierung am 13. August kein Danktelegramm geschickt […]. Aber ich gebe den Maßnahmen der Regierung der Deutschen Demokratischen Republik meine uneingeschränkte ernste Zustimmung.“[13]

Die sich innerhalb Westdeutschlands abspielende Diskussion um die vermeintlich fehlenden Stellungnahmen zum Mauerbau war befeuert worden von der Antwort des Schriftstellers und erklärten Antikommunisten Rudolf Krämer-Badoni auf Georg Ramsegers Klage, ebenfalls in der „Welt“. Krämer-Badoni, wie Ramseger Jahrgang 1913, pflichtete diesem bei und fügte noch hinzu, dass es zweierlei Schweigen gebe: „das kurzfristige betretene Schweigen jener, die ‚in Leipzig Sympossen reißen‘ (wie ich dem Enzensberger ungebeten ins Stammbuch schrieb), und das Schweigen derer, die sowieso schon mit ihrer ganzen Existenz ein einziger Protest sind gegen Totalitarismus, gegen bluttriefende Neue-Menschen-Macher, und gegen käufliche oder zynische oder fellowtravelnde Tintenbuben. […] Die ignoble fünfte Kolonne ‚konkret‘ posaunt wie immer Chruschtschows Schlagworte aus, diesmal das Schlagwort von der ‚Annäherung der beiden Teilstaaten‘ mit der leichten Tarnung ‚Wieder‘-Annäherung. Aber von diesen Landsknechten ‚im Selbstverlag‘ brauchen wir gar nicht zu reden. Ich bin und bleibe so intransigent, dass ich auch die Brecht- und Mayer-Apologeten als Aufweicher bezeichne.“[14]Die Grenze zwischen den beiden Teilen Deutschlands war 1961 nicht der einzige Schauplatz von Konflikten: Es prallten im gleichen Zuge zwei Generationen aufeinander, nicht selten unerbittlich.

Auf diese Stellungnahme reagierte nämlich unter anderen und auf charakteristische Weise der 1929er Peter Rühmkorf. Empfindliches Unbehagen gegenüber dem Vokabular bewegte ihn dazu. Zutage träten in der laufenden Diskussion „Abneigungen – man lausche und rekapituliere Vergangengehofftes – gegen die politischen ‚Aufweicher‘, ‚Feiglinge‘, ‚Dummköpfe‘, ‚käuflichen Tintenbuben‘. Die Terminologie ist nicht ganz unbekannt: von gestern und von drüben.“ Darin, dass sich die Wut auf den „Aufweicher“ richte, machte Rühmkorf eine Gefährdung prinzipieller demokratischer Elemente aus: eine Gefährdung der Gesprächskultur zwischen politischen Gegnern und der Offenheit für Argumentation, ausgelöst durch die Verachtung für Zwischentöne und Skrupel. „Das wird, wenn es so fortheckt, Schule machen und Denk- und Ausdrucksformen korrumpieren weit übers Feuilleton hinaus. […] Das schürt den Widerwillen gegen, das fördert den Hass auf einen Charakter, der die uns zugesprochene Freiheit nun auch wahrnehmen möchte, und nicht als bloßes Hieb- und Schlagwort.“[15] Ganz ähnlich Marcel Reich-Ranicki: „Wir wollen nicht verheimlichen, dass uns die auffallende Ähnlichkeit der Ausdrücke, mit denen sich deutsche Schriftsteller von hüben und drüben gegenseitig bedenken, sehr beunruhigt.“[16]

Schließlich antwortete, zögernd, Enzensberger, dessen Gedichtband „landessprache“ im vorangegangenen Jahr für Furore gesorgt hatte, auf den ihn in seinem norwegischen Wohnsitz erreichenden Vorwurf eines vermeintlichen Stillhaltens der westdeutschen Linksintellektuellen. Die Angriffe, schrieb er, beachte und beantworte er nur aus einem Grund: „Sie dienen, wenn auch auf subalterne Art und mit den albernsten Mitteln, der Vorbereitung eines deutschen Bürgerkrieges.“[17] Dass Enzensberger sich mit ihnen befasste, liegt – ähnlich wie bei Rühmkorf – in einer ernsten Sorge um die politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen in Deutschland begründet. Die vorherrschende Emotion in jenen Tagen scheint nachhaltige Beunruhigung über eine militärische Eskalation, nach innen wie nach außen, gewesen zu sein – und weniger Wut über einen unvorhersehbaren Akt plötzlicher politischer Willkür. Tatsächlich war die Front des Kalten Krieges, die mitten durch Berlin verlief, 1961 bedrohlich nah daran, Schauplatz tatsächlicher bewaffneter Kämpfe zu werden. Und, diese Angst saß tief, der Dritte Weltkrieg würde ein atomarer sein.

Mehr Willy wagen

Die mit dem 13. August fundamental veränderte Lage hatte unmittelbare Folgen für die Bundespolitik. Am 17. September 1961, nur fünf Wochen nach dem Mauerbau, fand eine Bundestagswahl statt – und zum ersten Mal trat für die SPD Berlins Regierender Bürgermeister Willy Brandt, Jahrgang 1913, an. Kandidat der CDU blieb „der Alte“, Konrad Adenauer, Jahrgang 1876, den die FDP als möglicher Koalitionspartner aber nicht mehr mittragen wollte. Auch hier kam es also zu einer Auseinandersetzung zweier Generationen. Adenauer sah sich zudem einem Gegner gegenüber, dessen Wahlkampfstrategen die amerikanische Präsidentschaftswahl des Vorjahres genau beobachtet und einiges für die eigene Kampagne übernommen hatten – bis hin zur Fahrt im offenen Auto entlang jubelnder Menschenmassen.[18]

Dass der solchermaßen in Szene gesetzte Brandt von Adenauer weiterhin mit seinem unehelichen Geburtsnamen „Herr Frahm“ genannt wurde, fiel nicht nur der links-liberalen Presse negativ auf. Noch ungünstiger für das Wahlergebnis im September schlug wohl die Tatsache zu Buche, dass der Bundeskanzler nicht sofort nach dem Mauerbau in die geteilte Stadt geeilt war. Als er es schließlich tat, bereitete die Stadt ihm einen kühlen Empfang. Der „Spiegel“ berichtete: „Zaghaft zupfte Franz Amrehn, CDU-Bürgermeister von Berlin und Stellvertreter Willy Brandts, seinen Kanzler und Parteichef am Ärmel. Amrehn […] wagte die respektlose Geste, um den Blick des Berlin-Besuchers Konrad Adenauer von zwei Transparenten abzulenken, mit denen eine kleine Schar Berliner zur Begrüßung des betagten Siebengebirglers am Tor 9 des Flughafens Tempelhof aufmarschiert war. Willkommensspruch eins lautete: ‚Hurra, der Retter ist schon da.‘ Spruch zwei monierte lakonisch: ‚Zu spät.‘ Derart unverhohlen bekundeten nicht nur Anhänger des sozialdemokratischen Kanzlerkandidaten Willy Brandt dem Bonner Regierungschef, dass sie seinen Besuch neun Tage nach Ulbrichts Abschnür-Aktion keineswegs für zeitig hielten.“[19] Im Berliner Arbeiterbezirk Wedding sei Adenauer auf seiner Stadtrundfahrt von „Willy-Willy“-Rufen begrüßt worden, berichtet das Blatt – es habe einige Zeit gedauert, bevor die Schaulustigen begriffen hatten, dass ihr Bürgermeister, zum ersten Mal in seiner Amtszeit, den Kanzler nicht begleitete.

Just in diesen Wahlkampf hinein erschien nun im August des Jahres 1961, ebenfalls im Rowohlt-Taschenbuchverlag und als erste Publikation der neuen Reihe „rororo aktuell“, das von Martin Walser herausgegebene Bändchen „Die Alternative oder Brauchen wir eine neue Regierung?“ In diesem Buch äußerten sich Schriftsteller zu der bevorstehenden Bundestagswahl und unterstützten Willy Brandts Kampagne – in der Regel nicht euphorisch, hatte die SPD sich doch innenpolitisch der CDU stark angenähert, aber entschlossen, mangels Alternativen und in erklärter Gegnerschaft zu Adenauers „Keine-Experimente“-Partei. Dieses Bändchen, lange vor dem Mauerbau geplant, lässt sich vielleicht als die erste gemeinsame politische Intervention der jungen Generation von Literaten begreifen, umfasst es doch auch Beiträge von Peter Rühmkorf, Hans Magnus Enzensberger, Günter Grass, Fritz J. Raddatz und Siegfried Lenz. „Der Gedanke zu diesem Buch entstand auf einer Zusammenkunft von Schriftstellern im Frühsommer dieses Jahres“, heißt es im Vorwort. Die Beiträger sähen sich „in der Tradition Frankreichs, das von Voltaire über Zola bis Jean-Paul Sartre immer seine Männer der Feder auch als Gewissen der Nation wertete.“[20] Mit Publikationen wie dieser signalisierten Autoren einer Generation die Absicht, sich in wachsendem Maße dezidiert als kritische Intellektuelle westlich-moderner Provenienz zu präsentieren.

Hauptsächlich wegen der Ostpolitik der vorangegangenen Jahre, wegen Wiederaufrüstung und der Entfremdung der „beiden Deutschländer“, kam Peter Rühmkorf zu dem in seinem Beitrag „Passionseinheit“ verkündeten Entschluss: „Ich wähle SPD. Bei allen Skrupeln, diversen Vorbehalten, Einwänden, Abstrichen, Gewissensbissen, Ängsten, bösen Vorausahnungen: SPD. Und wahrlich nicht begeistert. […] Begeisterung und Sympathie für was denn? Für neue glanzkaschierte Gesichter, die man uns anstelle von Profil zeigt? Für frischen Wind, der dieser einst so wackeren Partei das eigene Konzept wegpustete? Für eine Opposition, die sich danach drängt, Apposition zu werden der jetzigen Regierungspartei? […] Genug, sie sei gewählt. […]. Nur eben, weil kein besserer Bündnispartner zu Hand ist, und weil man gegen das Schlimmere und Schlimmste halt mit dem Nochnichtganzsoüblen paktieren muss. Ein Bündnis ohne sonderliche Zuneigung und eine Zwangsalliance eher als Wahlverwandtschaft, kurz, in der Leideform benannt: Passionseinheit.“[21]

Strauß ante portas

Tatsächlich erzielte die SPD hohe Zugewinne, wenn auch wohl mehr durch Adenauers Verhalten beim Mauerbau als durch das Engagement der Intellektuellen, und die CDU verlor ihre absolute Mehrheit. Die FDP wich jedoch von ihrem vor der Wahl geäußerten Nein zu Adenauer ab und wählte ihn erneut zum Bundeskanzler – unter der Bedingung, dass noch vor der nächsten Bundestagswahl ein Nachfolger gefunden werden müsse. Dabei war schon vor der Wahl neben Ludwig Erhard ein anderer als Nachfolger des bereits 85jährigen Adenauer im Gespräch gewesen: nämlich der CSU-Vorsitzende und Verteidigungsminister Franz Josef Strauß. Nach der Wahl von 1961 blieb Strauß zunächst Minister, aber weiter im Visier der Intellektuellen. Dass er 1962 im Zuge der „Spiegel“-Affäre zurücktreten und Erhard schließlich 1963 Adenauers Nachfolger werden würde, war 1961 noch nicht abzusehen, im Gegenteil: Strauß’ Karriere war bis dato unerhört steil verlaufen. 1955 wurde ihm das neu gegründete Ministerium für Atomfragen unterstellt, schon 1956 übernahm er das Amt des Verteidigungsministers. Strauß befürwortete entschieden die atomare Ausrüstung der Bundeswehr – gegen den scharfen Protest jener weltbekannten 18 deutschen Atomforscher („Göttinger 18“), unter ihnen Werner Heisenberg, Carl Friedrich von Weizsäcker und der spätere Herausgeber der „Blätter für deutsche und internationale Politik“ Fritz Straßmann.

Enzensbergers Beitrag zum rororo-Band „Ich wünsche nicht gefährlich zu leben“ formulierte sowohl die Furcht vor einem möglichen Bundeskanzler Strauß als auch die Angst vor einer atomaren Auseinandersetzung. Der Verlautbarung der Regierung, das Echo auf den ersten Gewehrschuss an der Sektorengrenze werde eine nukleare und thermonukleare Explosion sein, hielt Enzensberger entgegen: „Ich schlafe gern gut. Ich wünsche nicht gefährlich zu leben. Ich billige harmlose Beschäftigungen. Ohne Begeisterung, doch ohne Missgunst betrachte ich an diesem Juniabend Frankfurt am Main. Der Anblick ist friedlich. Aber der Anblick täuscht.“ Denn: „Wir haben hier eine Regierung, die meint es gut mit uns. […] Ein alter Mann steht ihr vor, der ist kein Faschist […]; meine Nachbarn lieben ihn. […] Lieben sie auch seinen Nachfolger? […] Der Nachfolger wartet auf seine Stunde, um die Versuchsanordnung anzuordnen. Wartet er auf den ersten Gewehrschuss? […] Das totale Experiment ist das beste. Forschend betrachte ich die Gesichter meiner Nachbarn in Frankfurt am Main. Im September dieses Jahres wird an sie die Frage gerichtet werden: ‚Wollt ihr das totale Experiment?‘“[22]

Rhetorik der Radikalisierung

Hoch aggressiv und erstaunlich reich an Kriegsmetaphern wirkt rückblickend die politische Rhetorik von 1961, das auch das Jahr des Jerusalemer Eichmann-Prozesses war. „Vernichtender Schlag, Entfaltung nationaler Macht, totale Vernichtung, absolute Abschreckung, mehrmals vernichten, totaler Atomkrieg, von der Landkarte streichen“[23], zitierte Enzensberger den „Atom-Minister“ Strauß, über dessen Werdegang der „Spiegel“ im April desselben Jahres unter der Überschrift „Der Endkampf“ berichtet hatte.[24]Kurzum: Es gab schon 1961 allen Grund zu der (An-)Klage, die Rühmkorf und Enzensberger im „Alternative“-Band gegenüber Strauß und Co. führten – und die ein Jahr später mit der „Spiegel“-Affäre endgültig beglaubigt werden sollte.

Auch was den Bau der Mauer anbelangte, kannte die Rhetorik der Radikalisierung keine Grenzen. Der Vergleich der Abriegelung Berlins mit dem Errichten von Konzentrationslagern schien 1961 den unterschiedlichsten politischen Lagern als geeignet. Verständlich wirkt vor dieser rhetorischen Zuspitzung die Orientierung ins Ausland, ins Freie, die viele Schriftsteller vornahmen, aber ebenso die resignativ-besorgte Haltung und die unüberhörbare Distanz im Sprechen über Deutschland, die Enzensberger im Titelgedicht seines Bandes „landessprache“ zum Ausdruck bringt: „Was soll ich hier? und was soll ich sagen?/ in welcher Sprache? und wem?/ […] Deutschland, mein Land, unheilig Herz der Völker,/ ziemlich verrufen, von Fall zu Fall,/ unter allen gewöhnlichen Leuten: // Meine zwei Länder und ich, wir sind geschiedene Leute,/ und doch bin ich inständig hier,/ in Asche und Sack, und frage mich:/ was habe ich hier verloren?“[25]

Im Abstand von genau 30 Jahren bekamen Rühmkorf und Enzensberger den Georg-Büchner-Preis zugesprochen. Enzensberger erhielt die Ehrung im Jahr 1963, mit 34 Jahren war er der damals jüngste Preisträger. In seiner Dankrede sprach er über die „Aporien der Identität“ im geteilten Deutschland und über die Mauer als ihr Sinnbild – „ein deutsches Denkmal, wirklich, aber gespenstig, normal, aber irrsinnig.“[26] An diese Rede erinnerte Rühmkorf 1993, am anderen Ende der deutschen Teilungsgeschichte, und reichte dem Kollegen über drei Dekaden hinweg symbolisch die Hand: „Es sind jetzt auf den Schlag dreißig Jahre her, dass mein kritisch verehrter Sangesbruder Hans Magnus Enzensberger an dieser Stelle stand und ein verflixt gebrochenes Deutschland-Deutschland-Lied anstimmte […]. Die im Jahre 1963 von einem deutschen Dichter scharfsinnig diagnostizierten Widersprüche der bundesdeutschen Wiedervereinigungspolitik – hier zahlungsunwillige Dickfelligkeit bis zum Gehtnichtmehr und dort Lippenbekenntnisse klebrig und gewunden wie ein Fliegenfänger – stehen nämlich erst heute wirklich zum Spruch an und beweisen uns, dass, was schon damals zusammengelogen wurde, gar nicht bruchlos zusammenkommen konnte.“[27] Was hier ausgesprochen wird, ist bezeichnend – weil es vermeidet, Schlusswort zu sein.

 


[1] Hans Magnus Enzensberger an Peter Hacks, 13.2.1959, in: Alexander Karasek und Roland Berbig (Hg.), Hans Magnus Enzensberger – Peter Hacks. Ein Briefwechsel 1957 bis 1962, in: „Berliner Hefte zur Geschichte des literarischen Lebens“, 8/2008, hier S. 48.

[2] Peter Hacks an Hans Magnus Enzensberger, August 1958, in: ebd., S. 35.

[3] Hans Magnus Enzensberger an Peter Hacks, 27.1.1959, in: ebd., S. 41.

[4] Hans Magnus Enzensberger an Peter Hacks, 13.2.1959, in: ebd., S. 51f.

[5] Peter Hacks an Hans Magnus Enzensberger, 26.2.1959, in: ebd., S. 54.

[6] Jürgen Habermas, Vergangenheit als Zukunft. Das alte Deutschland im neuen Europa? Ein Gespräch mit Michael Haller, München 1993, S. 86.

[7] Peter Rühmkorf, Die Stibierbande. Meine Schulzeit im Dritten Reich, in: ders., Bleib erschütterbar und widersteh. Aufsätze – Reden – Selbstgespräche, Reinbek 1984, S. 17-27, hier S. 17.

[8] Zit. nach Stephan Schlak, „Das wahre Ausland ist die Vergangenheit“. Ein Gespräch mit Hans Magnus Enzensberger, in: „Magazin“,11/2008, S. 8-9, hier S. 8.

[9] Peter Rühmkorf, Das lyrische Weltbild der Nachkriegsdeutschen, in: Hans Werner Richter (Hg.), Bestandsaufnahme. Eine deutsche Bilanz 1962. Sechsunddreißig Beträge deutscher Wissenschaftler, Schriftsteller und Publizisten, München, Wien und Basel 1962, S. 447-476, hier S. 474

[10] Vgl. Hans Magnus Enzensberger und Uwe Johnson, „fuer Zwecke der brutalen Verständigung“. Der Briefwechsel, hg. v. Henning Marmulla u. Claus Kröger, Frankfurt a. M. 2009, S. 244 f.

[11] Zit. nach Hans Werner Richter (Hg.), Die Mauer oder Der 13. August, Reinbek 1961, S. 63.

[12] Ebd., S. 127f.

[13] Ebd., S. 67.

[14] Ebd., S. 131.

[15] Ebd., S. 135.

[16] Ebd., S. 137.

[17] Ebd., S. 175.

[18] Vgl. Axel Schildt und Detlef Siegfried, Deutsche Kulturgeschichte. Die Bundesrepublik von 1945 bis zur Gegenwart, München 2009, S. 216.

[19] „Der Spiegel“, 36/1961, S. 13.

[20] Martin Walser (Hg.), Die Alternative oder Brauchen wir eine neue Regierung? Reinbek 1961.

[21] Peter Rühmkorf, Passionseinheit, in: ebd., S. 48.

[22] Hans Magnus Enzensberger, Ich wünsche nicht gefährlich zu leben, in: ebd., S. 63 f.

[23] Ebd., S. 63.

[24] Vgl. „Der Spiegel“, 15/1961, S. 14 ff.

[25] Hans Magnus Enzensberger, Landessprache, Frankfurt a. M. 1999 [1960], S.12.

[26] Zit. nach Büchner-Preis-Reden, 1951-1971, Stuttgart 1981, S. 124.

[27] Peter Rühmkorf, Deutschland, ein Lügenmärchen, Göttingen 1993, S. 18.

(aus: »Blätter« 8/2011, Seite 109-120)
Themen: Geschichte, Kultur und Ostdeutschland

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