Europa und die Herausforderung der muslimischen Präsenz | Blätter für deutsche und internationale Politik

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Europa und die Herausforderung der muslimischen Präsenz

von Tariq Ramadan

Parallel zu den Ereignissen in der arabischen Welt fand am 21. Januar d. J. im Berliner „Haus der Kulturen der Welt“ eine Konferenz zum Thema „Deutschlands Muslime und europäischer Islam“ statt. Auf dem Podium diskutierten, nach dem einleitenden Vortrag des bekannten Islamwissenschaftlers Tariq Ramadan (vgl. auch dessen Beitrag „Ihr bekommt die Muslime, die ihr verdient.“ Euro-Islam und muslimische Renaissance, in: „Blätter“, 6/2006), der Historiker und „Blätter“-Herausgeber Dan Diner sowie die Islamwissenschaftlerin Gudrun Krämer dessen zentrale Thesen. Die Moderation hatte Susanne Stemmler. – D. Red.

Meine Ausführungen zu den Herausforderungen des Islam in Europa möchte ich mit den zwei Fragen beginnen, die derzeit wohl am häufigsten gestellt werden: Vor welchen Schwierigkeiten stehen wir? Und welche Chancen gibt es? Meine Antworten erfolgen dabei nicht aus rein theoretischer Perspektive, sondern ich möchte sie mit dem aktuellen Geschehen verknüpfen. Daher sei eines, gerade auch mit Blick auf die jüngsten Ereignisse in der arabischen Welt, von vornherein klargestellt: Den viel beschworenen Kampf der Kulturen gibt es nicht; die unterstellte Dualität Islam versus Abendland ist Unfug. Das Kernproblem besteht stattdessen in dem derzeit herrschenden Kampf der Wahrnehmungen, der wiederum ständig neue Fakten schafft. Will man den Kern des Konfliktes begreifen, muss man daher zuallererst das Bild „des Anderen“ dekonstruieren, die Bilder von „denen“ und von „uns“.

Sämtliche Umfragen belegen, dass in den Staaten Europas – und das gilt nicht allein für Westeuropa – die überwiegende Mehrheit der zu diesem Thema Befragten den Islam als massives Problem betrachtet. So verbinden zum Beispiel 75 Prozent aller Franzosen den Islam mit der Ausübung von Gewalt und etwas „Fremdem“. In Deutschland wiederum entspann sich erst kürzlich eine große Kontroverse um Thilo Sarrazins Thesen, die er in seinem Buch „Deutschland schafft sich ab“ vertrat. Im Zuge dieser Auseinandersetzungen wurde schlagartig klar, dass Sarrazin lediglich ausspricht, was viele, ja allzu viele Leute denken, ohne es laut zu äußern. Das zentrale Problem, mit dem wir es heute zu tun haben, ist denn auch in der gängigen Meinung zu sehen, der Islam sei erstens gewalttätig und zweitens die Religion „der Anderen“, drittens unterdrücke er die Frau und viertens ließen sich die Muslime niemals in die europäische Gesellschaft integrieren.

Bei Muslimen ruft dies verschiedenste Reaktionen hervor – wobei ich keinesfalls für alle europäischen Muslime sprechen möchte. Zum einen gibt es etliche, die im Begriff stehen, Europa den Rücken zu kehren. Einige der deutschtürkischen Muslime – zum Teil deutsche Staatsbürger –, bekommen allmählich das Gefühl, dass es ihnen aufgrund der oben zitierten Wahrnehmungsmuster leichter fallen wird, zukünftig in der Türkei zu leben, als weiterhin in Deutschland zu bleiben. Wieder andere wandern nach Kanada aus – ein Land, in dem ohnehin fast nur Einwanderer leben, weshalb der Islam nicht derart negativ besetzt ist und es Muslimen leichter fällt, Arbeit zu finden. Eine dritte Gruppe wiederum zieht innerhalb Europas um – da das Leben in Deutschland zunehmend Schwierigkeiten aufwirft, versuchen diese Muslime eben in England oder anderen Ländern ihr Glück. Mit anderen Worten: Einige Muslime wandern aus, während sich andere isolieren, da sie sich in der deutschen Gesellschaft fremd und abgelehnt fühlen. Als Reaktion darauf igeln sie sich ein, machen sich unsichtbar, um sich auf diesem Wege der freiwilligen Abkapselung Respekt und Anerkennung zu verschaffen. Und tatsächlich, achtet man auf die Rhetorik bestimmter Parteien, gelten nur unsichtbare Muslime als gute Muslime.

Freilich gibt es auch die gegenläufige Reaktion, die darauf drängt, dass sich Muslime deutlicher zu Wort melden. Die meisten Muslime reagieren auf die aktuelle öffentliche Debatte, indem sie auf ihre Rechte pochen, ihre Meinung sagen und diese dezidiert nach außen vertreten: Zwar ist dies gewiss nicht die einzige Haltung, aber sieht man sich das Gros der muslimischen Vereinigungen in Deutschland an, ist klar zu erkennen, dass sie Deutschland als ihr Land betrachten und sich entschiedenes Engagement für die deutsche Gesellschaft auf die Fahnen schreiben.

Populismus auf dem Vormarsch

Wie aber sehen die Schwierigkeiten konkret aus, mit denen wir heute konfrontiert sind? Fest steht, dass die oben genannten Probleme heute ein gesamteuropäisches Phänomen sind und die Konflikte überall aufbrechen: in Deutschland genauso wie in den Niederlanden, in Frankreich genauso wie in Dänemark. Und überall bewegt sich die Politik in Richtung Populismus. Und wenn ich das sage, meine ich wohlgemerkt keineswegs nur die extreme Rechte. Alle extrem rechten Parteien argumentieren populistisch, aber beileibe nicht alle Populisten sind Vertreter der extremen Rechten oder des (Neo-)Faschismus. Man muss hier sehr genau darauf achten, welche Begriffe man verwendet. Der Haken an der Sache ist nämlich folgender: Die Rhetorik der Populisten hat solche Wellen geschlagen, dass vieles, was gestern noch ausschließlich die Parteien am äußersten rechten Rand über die Lippen brachten, heutzutage von den Volksparteien vertreten wird. Auch sie wollen sich mit populistischen Phrasen Aufmerksamkeit verschaffen, in der Hoffnung, damit entscheidende Prozentpunkte bei den nächsten Wahlen herauszuschlagen.

Bevor ich das aktuelle Dilemma im Einzelnen ausführe, möchte ich betonen, dass ich keineswegs suggerieren möchte, ich sei kein Europäer und spräche ausschließlich als Muslim. Im Gegenteil: Als Europäer betone ich, dass es zukünftig möglich sein muss, Vielfalt zu leben, während man gleichzeitig allen Menschen den Status als Mitglied der Gesellschaft zugesteht, zu der sie nun einmal gehören. Aus exakt diesem Grund ist es nötig, sich für all jene Ideen und politischen Maßnahmen zu engagieren, die gegenwärtig ins Visier geraten sind, weil wir alle viel zu verlieren haben, falls dieser fatale Hang zum Populismus noch weiter um sich greifen sollte.

Was ist kennzeichnend für diese Tendenz, die derzeit in ganz Europa grassiert? Zunächst einmal haben wir es mit einer Politik zu tun, die auf Emotionen basiert und mit den Ängsten der Menschen spielt. Und so sehr wir uns gegen jede mit Emotionen kalkulierende Politik stemmen müssen, so sehr müssen wir die Ängste der Menschen respektieren. Als ich in verschiedenen Kleinstädten und Wohnvierteln über kommunale und lokale Politik forschte, bekam ich immer wieder ähnliche Antworten: „Wenn ich mich in meiner Gegend umschaue, fühle ich mich nicht mehr heimisch. Diese Leute sind einfach nicht wie ich.“ Und niemand dürfte behaupten, diese Ängste wären völlig unbegründet. Problematisch ist nicht etwa die Tatsache, dass manche Leute Angst haben – problematisch ist vielmehr, dass diese Angst instrumentalisiert wird, um mit ihr die nächsten Wahlen zu gewinnen. Den populistischen Parteien geht es ja gerade um emotionalisierte Politik, weshalb auch die Medien sofort zur Stelle sind. Sie greifen nur allzu gerne auf, was die Menschen umtreibt; und die Menschen haben nun einmal ein Herz für Emotionen.

Man braucht sich nur anzuschauen, was für einen Wirbel die Schweizerische Volkspartei (SVP) in meinem Heimatland veranstaltet: Mit spitzem Zeigefinger warnte sie davor, dass die Schweiz vor lauter Minaretten zur Kolonie wird und die Minarette überdies wie Raketen aussehen, die gleich neben einer Muslima mit Burka in den Himmel ragen. Diese Kontroverse wurde nur für die Presse inszeniert; der fatale Teufelskreis liegt darin, dass geistige Brandstifter ihre Ziele umso eher erreichen, je ausführlicher über solche Kampagnen berichtet wird.

Der zweite wunde Punkt ist die binäre Weltsicht des „wir gegen die“. Gestern noch zogen Türken nach Deutschland, Pakistanis nach England und Algerier nach Frankreich – heute gelten sie allesamt nur noch als Muslime, und der Islam ist ein für allemal das „Fremde“, das „Andere“ geworden. Diese verkürzte Sicht gilt es zu dekonstruieren mittels einer allen gemeinsamen Staatsbürgerschaft mit gemeinsamen Zielen. Doch die Populisten tun alles, um dieses „Fremde“ zum Zauberwort zu machen – und ihre Täuschung funktioniert. Viele Menschen fühlen sich nicht mehr zu Hause in ihren Vierteln, weil sie das Gefühl haben, die Fremden verwandelten ihren Wohnort klammheimlich in eine Kolonie.

Das dritte zentrale Problem ist der leidige Umstand, dass diese allzu simple Realitätswahrnehmung eine ebenso simple Antwort nach sich zieht: „Der „Andere“, der „Fremde“ ist das Problem. Zeigt sich ein eigentlich gesellschaftlich verursachtes Problem, findet die „einfache“ Sichtweise im Handumdrehen die passende Diagnose und schreibt alle Schuld den Einwanderern und ihrem mangelnden Integrationswillen zu. Schon wird allen primär in der Ökonomie begründeten Problemen die Tarnkappe übergestreift und von „kultureller Andersartigkeit“ schwadroniert; im Nu werden dann die Ausländer für die hohe Arbeitslosigkeit verantwortlich gemacht und ihre Ausweisung gefordert.

Als viertes und letztes Dilemma ist die Opfermentalität anzusprechen, die stets im Diskurs der Populisten auftaucht und die Angst vor der Attacke des Fremden schürt: „Wir sind die Opfer, die Fremden greifen uns an.“ Es schadet nicht, sich kurz daran zu erinnern, was Präsident Bush unmittelbar nach dem 11. September aussprach: „Diesen Leuten ist unsere Demokratie ein Dorn im Auge, wir sind die Opfer der Terroristen.“ So gesehen, erschien es nur recht und billig, in Afghanistan einzumarschieren und den Terroristen „eine Lektion zu erteilen“.

Geben wir nicht sofort Kontra, zwingen uns die populistischen Parteien der öffentlichen Debatte ihre Themen auf. Das zumindest ist die Lehre, die ich in der Schweiz aus dem Streit über den Bau von Minaretten ziehen musste, während der ich mich des Öfteren zu Wort meldete. Es ist auch das Fazit, das ich aus der in Deutschland geführten Kontroverse um die Thesen Thilo Sarrazins und aus dem Theaterdonner ziehe, der der Rede des Bundespräsidenten Christian Wulff zum 20. Jahrestag der deutschen Einheit folgte, in der er den Islam als deutsche Religion bezeichnet hatte. Auch Barack Obama geriet prompt unter heftigen verbalen Beschuss der Medien, als er den Islam als eine der amerikanischen Religionen benannte. Ruckzuck schlugen ihm die Kommentatoren das empörte „Nein“ der Tea Party um die Ohren, wurde das Menetekel der drohenden Islamisierung Amerikas und Europas in Flammenschrift an die Wand gemalt. Diese Parolen werden der Öffentlichkeit von den Populisten aufgezwungen – und ihre Taktik hat Erfolg.

Die rassistische Strategie der Islamisierung
sozialer und wirtschaftlicher Probleme

In einem kürzlich in der „New York Times“ veröffentlichten Essay verwies Jürgen Habermas darauf, dass nicht so sehr die Parolen der Populisten das Problem sind als vielmehr die Reaktionen der übrigen Parteien, die alles andere als eindeutig ausfallen. Auch ich zog in einem Artikel dasselbe Resümee: Das Fatale sind die Einwände der bürgerlichen Parteien, in denen viel zu viel Unausgesprochenes mitschwingt. So war es – um ein schlagendes Beispiel zu nennen – zwar einzig und allein die Schweizerische Volkspartei, die sich in der Schweiz nach dem Lancieren der Volksinitiative für ein Verbot des Baus von Minaretten aussprach, doch zuletzt stimmten 67 Prozent der Schweizer für dieses Verbot. Und warum? Ich kann es Ihnen sagen, denn ich sprach mit Leuten von den Christdemokraten, den Sozialisten und den Liberalen: Alle waren sie gegen das Verbot, aber im selben Atemzug folgte: „Wir sind zwar gegen diese Volksabstimmung, aber wir werden nicht stumm bleiben, was die Situation der Frauen im Islam angeht und das Problem des Terrorismus und und und.“ Mir blieb nur die Klarstellung, dass man sich so zwar theoretisch gegen die Volksabstimmung ausspricht, aber im Nachsatz des Protests exakt das äußert, was die Populisten hören wollen.

Es gibt einfach zu wenig politische Parteien, die Klartext reden und sich deutlich gegen die Islamisierung sozialer und wirtschaftlicher Probleme aussprechen. Wir brauchen endlich wieder eine unmissverständliche Politik, die klar macht, was Gleichberechtigung in der Schule heißt, was Gleichberechtigung an sich bedeutet und wie die Diskriminierung auf dem Arbeitsmarkt zu beenden ist. Wir müssen wieder zu einer Politik finden, die diesen Namen verdient, und wir dürfen nicht den Scharlatanen auf den Leim gehen, die mit Emotionen Stimmen fangen. Wir brauchen Politiker, die Courage an den Tag legen und klar benennen, dass jeder, aber auch jeder, der ein Problem als „Kampf der Kulturen“ ausgibt, ein Rassist ist. Ebenso wie jeder, der bei sozialen Problemen die Religion, sprich: den Islam ins Spiel bringt, ohne Wenn und Aber ein Rassist ist.

Was fehlt, ist kritisches Denken – auch unter Muslimen

Das sind die Schwierigkeiten, aber es winken auch jede Menge Chancen. Allerdings muss man festhalten, dass die europäischen Muslime dafür auch hausgemachte Herausforderungen zu bewältigen haben. Eine der zentralen Herausforderungen wird es sein, einen Dialog innerhalb dieser Gruppe zu eröffnen. Denn einige Muslime haben ihrerseits die Ansicht übernommen, dass der Westen schlicht und einfach „der Andere“ sei – und damit reagieren sie auf die Debatten der Populisten mit einer Haltung, die diese populistische Debatte aufs neu bestätigt. Hier müssen wir Einspruch erheben und deutlich machen, dass dieser Diskurs inakzeptabel ist. Denn es ist nicht allein absolut inakzeptabel, zu Gewalt zu greifen und in London, Bali, Casablanca, New York oder anderswo Unschuldige umzubringen, sondern es ist bereits grundfalsch, den Westen einseitig zum Buhmann abzustempeln.

Mit anderen Worten: Wir müssen uns für kritisches Denken starkmachen. Und wir müssen all jene Muslime, die glauben, das einzig Legitime und Angemessene für einen Muslim in Europa sei, sich zum arabischen Muslim zu stilisieren, fragen, was genau sie denn am Westen irritiert. Diese kulturelle Dimension unserer Religion sollte man dringend hinterfragen. Wir sollten nach Europa gehen mit einem Ja zu Europas Grundprinzipien, nicht unbedingt jedoch zu allem kulturellen Drumherum. Der springende Punkt ist, dass wir als Muslime Muslime bleiben, selbst wenn wir alles aus der uns umgebenden Kultur übernehmen, das legitim und stimmig ist. Und dass wir ein für allemal die Tatsache klarstellen, dass es nichts Abwegiges ist, kulturell gesehen ein Deutscher zu sein, und ein Muslim, was die Religion betrifft.

Erfreulicherweise belegen sämtliche Zahlen und Fakten mittlerweile, dass die meisten Muslime heute die Sprache des Landes sprechen, in dem sie leben. Das ist ein ganz entscheidender Schritt.

Ein zweiter entscheidender Schritt ist, dass sie die Gesetze befolgen. Als ich einmal mit einem deutschen Minister sprach, meinte er, es gebe keinerlei Probleme mit der großen Mehrheit der Muslime, da sie sich an die Gesetze hielten und treu zu Deutschland stünden. Eine einzige Ausnahme gilt es allerdings einzuräumen: Beim Sport kommt es durchaus vor, dass unser Herz anders schlägt. Aber was bitte ist daran verkehrt, wenn ein Türke die türkische Mannschaft anfeuert? Muss das gleich bedeuten, dass er kein Deutscher ist? Und was ist mit mir, der ich aus Ägypten stamme, aber Schweizer bin? Tritt die Schweiz oder tritt Ägypten gegen Brasilien an – dann bin ich für Brasilien. Doch man muss hier behutsam argumentieren: Auch wir lassen uns unter Umständen von einer Politik der Emotionen lenken. Kurzum: Nimmt man an, dass jemand nicht loyal zu seinem Land steht, wenn er nicht mit dessen Fußballmannschaft mitfiebert, dann ist das ein sehr engherziges Verständnis dessen, was es bedeutet, treu zu seinem Land zu stehen.

Gegen die Opfermentalität: Wir sind Europäer und keine Minderheit

Als Europäer werde ich eines ganz gewiss nicht tun: nämlich mich als Minderheit zu begreifen. Ich teile die Werte, die uns allen gemeinsam sind, und die Muslime sollten endlich aufhören – und das ist tatsächlich eine Herausforderung –, sich als Minderheit zu fühlen. Wenn ich Thilo Sarrazin Kontra geben möchte, muss ich das als Europäer tun und deutlich machen, dass seine Thesen keinerlei Bedrohung für mich als Muslim darstellen, sondern dass Sarrazin im Gegenteil die geistigen Werte Europas verrät. Alles, was er über die Juden, über die Muslime, über Deutschland als Ganzes sagt, wenn er behauptet, bestimmte Menschen senkten das Intelligenzniveau in Deutschland, ist eine Aussage über seinen eigenen Mangel an Intelligenz – und daher stellt er selbst eine Gefahr für Deutschland und seine geistigen Werte dar.

Wie bereits erwähnt, ist es eine altbewährte Praxis der Populisten, aus der Opfermentalität Profit zu schlagen. Doch umgekehrt gibt es Muslime, die dasselbe unter umgekehrtem Vorzeichen tun. Aber diese Opfermentalität ist sehr gefährlich, und die adäquate Antwort kann nur sein, sich klipp und klar als Staatsbürger zu verstehen und sich aktiv am politischen Geschehen zu beteiligen. Wir sind vollwertige Staatsbürger, wir leben in unseren Ländern, wir sind Europäer und deshalb müssen wir uns hier engagiert am Geschehen beteiligen.

Daher noch ein paar Worte zu den Chancen. Der Papst betonte kürzlich, die Wurzeln Europas lägen in der griechischen Antike und im Christentum. In vielen Ländern reagierten die Muslime darauf, indem sie sich in die Historie vertieften, um diese These besser zu begreifen. Aber nichts anderes als unsere Gegenwart hier und heute sollte uns dabei helfen, unsere eigene Identität klarer zu fassen. Denn es ist nicht wahr, dass unsere Identität als Europäer ihre Wurzeln lediglich bei den Griechen und den Christen hat.

Diese Tatsache eröffnet die Chance, gemeinsam abzuklären, wie in unseren Schulen heute Geschichte vermittelt wird. Bei solch einem kritischen Blick zurück werden wir schnell begreifen, dass wir Christen, Juden und Muslime nicht bloß viele Philosophen gemeinsam haben, sondern auch viele geistige Werte teilen und eine gemeinsame Vision. Das bietet eine gewaltige Chance, endlich einmal die wahre Bedeutung des Begriffs Pluralismus zu begreifen. In meinem letzten Buch[1] schreibe ich über die Philosophie des Pluralismus und beziehe mich dabei auf den Hinduismus, Buddhismus, Islam sowie die letzten achtzig Jahre der Philosophie, genauer: der westlichen Philosophie. Ich habe das Buch als einen Beitrag zur Philosophie unserer Zeit geschrieben, aber die erste Reaktion eines Journalisten war ausgerechnet die Frage, ob ich mich denn nicht mehr als Muslim begreife. Die Frage sagte viel mehr über ihn aus als über mich und machte sofort klar, was er unter einem Muslim versteht.

Für ein neues „Wir“

Die intellektuellen Bereicherungen, die eine Gesellschaft erfährt, sind wichtig; nicht weniger wichtig ist jedoch, welche ethischen und spirituellen Bereicherungen sie erfährt. In einer Industriegesellschaft müssen wir uns fragen, was wir erreichen wollen. Welche Ziele verfolgt unsere (Schul)Bildung? Geht es nur darum, Erster zu sein? Geht es nur darum, zu Reichtum zu gelangen? Gibt es nichts, das uns ethisch verbindet? Zählen denn keine geistigen Werte, die wir teilen? In Deutschland sind zahlreiche Lehrer und Medienleute am Werk, die sich um die geistige Vielfalt sorgen und den pluralistischen Diskurs positiv begreifen und vorantreiben. Wir sollten daraus Konsequenzen ziehen und uns viel stärker auf Initiativen auf lokaler Ebene beziehen, anstatt immer nur auf die großen Kontroversen, die auf nationaler Ebene ausgetragen werden.

Nehmen wir zum Beispiel den Streit, den die besagte Rede des Bundespräsidenten Christian Wulff auslöste, als er lediglich aussprach, was längst auf der Hand liegt – nämlich dass der Islam eine deutsche Religion, eine europäische Religion ist. Alle Menschen, egal mit welcher Familiengeschichte, müssen zusammenfinden und auf die populistische Gefahr reagieren, müssen die populistische Bedrohung einer binären Realitätssicht des „wir gegen die“ widerlegen. Ich habe bereits im Jahre 2006 ein Manifest über dieses neue „Wir“ veröffentlicht und möchte nun kurz einige der Dinge nennen, die für dieses neue „Wir“ von Belang sind.[2]

Zuallererst einmal folgende Bitte: Wenn schon ständig davon die Rede ist, dass ich mich im Land meines Wohnsitzes integriert fühlen möge, könnte man dann endlich damit aufhören, immerzu über Integration zu reden? Ich bin jetzt beinahe fünfzig Jahre alt und erlebe immer und immer wieder, und zwar egal, wo ich bin, einen bizarren Gesprächsauftakt, der da lautet: „Sie sind ja der Enkel von …“ Und als zweites folgt die Frage, ob ich mich eigentlich integrieren wolle. Darauf antworte ich stets mit der Gegenfrage, was darunter zu verstehen sei: „Integriert worin? Und mit wem? Wovon reden Sie?“

Kurzum: Der nächste Schritt nach der „Integration“ ist der Beitrag, den die Zuwanderer zur Bereicherung ihres Land leisten. Im Sport funktioniert das bereits mit großem Erfolg, in der Populärkultur ebenso, jetzt fehlen nur noch die übrigen Bereiche. Freilich ist dies auch eine Frage der Zeit: Niemand sollte schnell vorpreschen und den historischen Prozess überholen wollen. In historischer Perspektive bedeutet eine Generation nichts, selbst zwei Generationen sind äußerst wenig – wir brauchen also Zeit. Man denke nur an die Italiener, Spanier, Portugiesen, die sich in vielen europäischen Staaten nach drei Generationen reibungslos und nahtlos in ihre neue Heimat eingegliedert haben. Diesen Diskurs der Post-Integration müssen wir fördern und dazu insbesondere die lokalen communities ansprechen. Noch bleibt diese Aufgabe allzu sehr den „Experten“ überlassen.

Muslimische Kinder haben es nicht leicht in den staatlichen Schulen – und zunächst einmal lief die Antwort der Muslime darauf hinaus, eigene islamische Schulen zu gründen. Das war ein Trend und ist immer noch gängige Praxis, gleichzeitig finden sich heute immer mehr Lehrer muslimischer Herkunft – in England genauso wie in Frankreich und Deutschland –, die im öffentlichen Schulsystem arbeiten, und so sollte es auch sein. Überdies war ich erstaunt, in den Niederlanden zu erleben, welch aktive Rolle die Eltern an den Schulen übernehmen; dies sollte meiner Meinung nach unbedingt gefördert werden, da es eine passende Antwort auf die hohlen Phrasen der Populisten ist.

Wenn wir uns zusammentun: Eine neue Politik für das Gemeinwohl aller

Was die Politik angeht, beachte man die Verhältnisse in Belgien. Und ebenso die Situation in Deutschland und England: Hier sind es immer mehr Migranten und gerade auch muslimische Migranten, die aktiv in die Politik gehen – und sie tun dies nicht etwa als Muslime (und sollten das auch nicht tun), sondern sie kümmern sich als Politiker um das Gemeinwohl aller.

Als drittes Beispiel möchte ich die Moscheen nennen, die heute nicht mehr nur nach orientalischem Geschmack, sondern eher nach deutschem beziehungsweise europäischem Stilempfinden gebaut werden. Das ist der beste Beleg für eine Kreativität, welche die muslimischen Grundsätze respektiert und gleichzeitig die Kultur des neuen Landes aufgreift. Genau darum geht es. Man muss ja keine Moschee in Deutschland bauen, als ob sie in der Türkei oder in Marokko stünde; sie sollte so aussehen, dass sie zu ihrem Umfeld passt. Analoges gilt für die Musik: Ich bin kein Freund der Ansicht, derzufolge islamische Lieder unbedingt einige arabische Wörter enthalten sollten – ein Popsong ist ein Popsong, Punkt. Folglich sollten darin die Dinge besungen werden, die wir alle gemeinsam haben. Es ist im Islam keineswegs haram, über Liebe zu sprechen.

Der springende Punkt ist, dass alle Künste eine gemeinsame Basis haben; nichts anderes als diese Einsicht gilt es zu unterstreichen. Und unbedingt sollte man die Stimmen der Muslime nicht immer nur dann hören, wenn es um die Belange des Islam geht. Das begreifen inzwischen auch immer mehr Menschen, denn schließlich und endlich ist es eine universale Gegebenheit, dass man als Bürger selbstbewusst auftritt und seinen eigenen Prinzipien treu bleibt, während einem zugleich bewusst ist, dass man auch mit anderen zahlreiche ethische Grundsätze teilt.

Nur ist das eben keine Einbahnstraße. Wenn wir jedoch im Westen eisern daran festhalten, „den Anderen“ vorwurfsvoll ins Visier zu nehmen, und stereotyp mit dem spitzen Finger auf den Islam zeigen und gebetsmühlenartig die Probleme beklagen, die er vermeintlich heraufbeschwört, dann wird die Situation verfahren bleiben. Stattdessen müssen beide Seiten Verantwortung übernehmen; denn das neue „wir“ kann nur entstehen, wenn wir uns zusammentun.

Hinter all dem aktuellen Gestreite und Gezanke gibt es indes viel Positives zu entdecken. Ich bin nicht naiv, auch mir ist bewusst, dass uns schwere Zeiten bevorstehen und die beidseitige Annäherung allen sehr schwer fallen wird. Die Stimmung in Europa ist alles andere als rosig, aber wir alle müssen uns fragen, ob wir gewillt sind, einträchtig miteinander zu leben und gemeinsam an der Zukunft zu bauen – oder ob wir das rein in Schwarz und Weiß gemalte Gegensatzpaar „wir gegen die“ der Populisten schlucken. Eines könnte ich im letzteren Falle schon jetzt klarstellen: Beim „wir gegen die“ werden alle verlieren – „wir“ genauso wie „die“. Gewinnen aber können wir alle nur, wenn wir die Herausforderungen gemeinsam angehen.

 


[1] Tariq Ramadan, The Meaning for Quest, London 2010.

[2] www.tariqramadan.com/Manifesto-for-a-new-WE.html.

(aus: »Blätter« 3/2011, Seite 59-67)
Themen: Migration, Rassismus, Europa, Rechtsradikalismus und Religion

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