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Ganz und gar dagegen

von Heinrich Senfft

Der deutsche Widerstand gegen das Hitler-Regime, vor allem der militärische, war ein Trauerspiel, klein, schlecht organisiert und erfolglos. Die Erfolglosigkeit hatte lediglich den Vorteil, dass sich daraus keine neue Dolchstoßlegende bilden konnte. Man muss sich dagegen nur bewusst machen, mit welchem Weltbild viele für die Zukunft des Landes entscheidende Männer aus dem Ersten Weltkrieg heimkamen: als Monarchisten, Antirepublikaner, Antidemokraten, Antikommunisten und Antisemiten. Als Thomas Mann sich 1923 zur Weimarer Republik bekannte, war es für sie im Grunde schon zu spät. Fast alles, was die siegreichen Alliierten den Deutschen in der Weimarer Zeit verweigert hatten, gaben sie Hitler freiwillig heraus. So gewannen die Deutschen den Eindruck: „Wir sind wieder wer!“ – und vergaßen, dass die Deutschen nie „wer“ gewesen waren, ja, dass die deutsche Geschichte höchst unglücklich verlaufen war.

Das eigentliche Elend hatte mit der Reichsgründung von oben durch Bismarck begonnen und strebte mit Hilfe Kaiser Wilhelms II. dem Ersten Weltkrieg zu, der Überkompensation des deutschen Minderwertigkeitskomplexes. Hier liegen wesentliche Ursachen des massiven Zulaufs zu Hitler. Und als der „GröFaZ“, der zum „Größten Feldherrn aller Zeiten“ Verklärte, zu Beginn des Zweiten Weltkrieges militärisch sogar höchst erfolgreich war und fast ganz Europa besetzte, war die Begeisterung allenthalben groß – selbst unter etlichen derer, die später, zu spät, Widerstand leisteten. Auch Graf Stauffenberg glaubte bekanntlich zunächst noch, der Krieg gegen Russland sei zu gewinnen, bevor er schließlich zur Widerstandsbewegung stieß – und seit den beiden Wehrmachtsausstellungen von Jan Philipp Reemtsma Mitte der 90er Jahre darf man in diesem Lande sogar laut sagen, dass einige der späteren Widerständler an Kriegsverbrechen in Russland beteiligt waren.

Da ragen Helmuth James und seine Freya von Moltke wie ihr Kreisauer Kreis immer noch fast einsam hervor und machen dadurch das Versagen dieser Jahre noch sichtbarer. Zwei Neuerscheinungen geben einen Einblick in ihre Rolle und ihr Wirken: eines mit dem nunmehr ganzen Schriftwechsel zwischen den Moltkes von September 1944 bis Januar 1945 und eine Biographie der am Neujahrstag 2010 verstorbenen Freya von Moltke. Beide Bücher machen deutlich, dass es bei den Moltkes keiner auch noch so kleinen beschönigenden oder rechtfertigenden Erklärung bedarf: Sie waren ohne Einschränkung dagegen.

Einige der Briefe waren Freya Moltke zu intim, um sie noch selbst zu veröffentlichen. Aber in ihrem letzten Lebensjahr, im Alter von 98 Jahren, beschloss sie, alle Briefe dem Deutschen Literaturarchiv in Marbach am Neckar zu schenken – mit der Einwilligung, sie nach ihrem Tod zu veröffentlichen.

Waren die Moltkes in ihren ersten Ehejahren zwar Christen, aber noch viel mehr von sozialdemokratischen Gedanken beherrscht, so änderte sich das im Herbst 1944: Die allgemeine Verrohung und die Auseinandersetzung mit dem Nazi-Regime ließen den Kreisauer Kreis glauben, das Christentum werde in Europas Zukunft eine wichtige Rolle spielen. In der vorzüglichen Einleitung des Briefbandes heißt es: „Für Helmuth wie auch für Freya wurden die Bibel und das Gesangbuch zu täglichen Begleitern.“ Der Glaube hat Freya Moltke nie verlassen.

Die Vorstellungen der verschiedenen Widerstandsgruppen gingen weit auseinander: Helmuth Moltke wollte mit den Eliten der Kaiserzeit ebenso wenig zu tun haben wie mit den Konservativen der Weimarer Republik. Er stritt dafür, dass nach dem Ende der Nazizeit kein anderes autoritäres System an die Macht käme. Moltke war mit dem Kreisauer Kreis allerdings gegen ein Attentat auf Hitler, damit die neue Ära nicht mit einem Mord begönne. „Welch eine Zeit! Was für Frucht wird sie bringen? Werden wir etwas erworben haben, was es denen, die nach uns kommen werden, vor allem unseren Söhnchen, leichter macht zu erkennen, neue Untiefen zu messen und neue Höhen zu erklimmen?“, so Helmuth von Moltke am 14. Oktober 1944. Eine mutige Freya und ein paar andere, die nicht im Strom mitschwammen, waren freilich nicht genug. Freya von Moltke schrieb ihrem Mann: „Außer dem Leben können sie Dir ja nichts nehmen.“ Tröstlich ist das nicht, aber ein Zeugnis der ganz und gar verzweifelten Situation der Moltkes und des ganzen Landes.

Bietet die Freya-von-Moltke-Biographie dagegen mehr Trost? In der Tat, wiewohl ihr Leben vom Mord an ihrem Mann überschattet blieb. Freya wurde am 29. März 1911 als Tochter des sehr angesehenen Bankiers Carl Theodor Deichmann geboren. Das Bankhaus, 1858 in Köln gegründet, war mit der Finanzierung des expandierenden Krupp-Unternehmens rasch gewachsen. Ihr Vater starb 1931, nachdem das Bankhaus in der damaligen großen Finanzkrise zusammengebrochen war. 1932 wurde der ganze Nachlass versteigert, aber wirklich Not gelitten hat deshalb von der Familie niemand – und Freya nahm das Privileg mit ins Leben, reich aufgewachsen zu sein. 1929 begegnet sie in Berlin dem Jurastudenten von Moltke: „Ich sah ihn und mein Herz stand still.“ Ihrem Enkel James erzählte sie 1987: „Ich kam in Helmuths Leben gerade in dem Moment, als er mich brauchte.“ Moltkes Briefe an Freya, so Frauke Geyken, die Autorin der vorzüglichen Biographie, die in Göttingen die deutsche, britische und amerikanische Geschichte der frühen Neuzeit lehrt, „sind die eines höchst verliebten jungen Mannes.“ 1931 machte Freya mit Bruder Hans ihren ersten Besuch in Kreisau, dem Familiengut der Moltkes in Schlesien. 1931 heiraten die beiden im engsten Familienkreis in Köln. Da der Jurist von Moltke nicht in Kreisau als Landwirt leben wollte, ließ er sich 1935 in Berlin als Anwalt nieder. Ein Jahr zuvor hatte das junge Paar eine erste große Reise nach Südafrika, der Heimat der Mutter Helmuth von Moltkes, unternommen. Sie wollten dort aber nicht bleiben, sondern sahen ihren Platz in Deutschland, um sich politisch gegen das NS-Regime zu betätigen.

Helmuth kümmerte sich aber auch um sein Studium des englischen Rechts und erhielt die Zulassung als barrister. Freya promovierte unterdessen bei Martin Wolff, der als Jude schikaniert wurde und schließlich nach London emigrierte. Er gab Freya die schlechteste Note – und tatsächlich hatte sie wegen der Organisation des Gutes in Kreisau, das aufgrund des Versagens eines Verwalters hoch verschuldet war, kaum Zeit gehabt, sich näher mit ihrem Thema auseinanderzusetzen. „Ihre Stärke war“, wie die Biographin betont, „nicht die Theorie, sondern das Leben.“ Kreisau war der zentrale Punkt im Leben der Moltkes. Und dieser Ort wurde immer wichtiger, je mehr sich der Nationalsozialsmus radikalisierte. Anfang 1940 nahm Helmuth mit Peter Graf Yorck von Wartenburg den Widerstand auf – Freya stets an seiner Seite, doch wie die meisten anderen Widerstandsfrauen eher im Hintergrund. Dem Kreisauer Kreis gehörten zwischen 20 und 30 Personen an. Sie alle befürworteten die Überwindung des Regimes. Man traf sich in Berlin bei den Trotts, bei Gerstenmaiers oder dem Diplomaten Haeften. Moltke und Trott wollten Deutschand in eine europäische Konföderation eingebunden wissen, durchaus vergleichbar der heutigen. Dazu Freya: „Wir waren so ganz und gar davon überzeugt, dass wir das, was wir taten, tun mussten, dass wir sozusagen unser Soll erfüllten.“ Im Januar 1944 wurde Helmuth James von Moltke von den Nationalsozialisten verhaftet und ein Jahr später hingerichtet. Nach dem Ende des Krieges ging Kreisau an Polen. Trotz der Einladung von Helmuth von Moltkes Mutter wollte Freya nicht in Südafrika leben – und tat es von 1947 bis 1956 doch, ihrer beiden Söhne wegen. Der dortigen Rassentrennung, die sie an die Nazi-Maßnahmen gegen die Juden erinnerten, müde, kehrte Freya von Moltke nach Deutschland zurück. Doch damals, zur Hochzeit des Wirtschaftswunders, interessierte sich kaum jemand für den Widerstand gegen die Nazis, galten die Kreisauer vielen noch als Landesverräter. Freya setzte sich nun aktiv für die deutsch-polnische Versöhnung ein – und nahm eine alte persönliche Verbindung wieder auf. 1933 hatte sie den Kulturphilosophen Eugen Rosenstock-Huessy zum ersten Mal gesehen, als er sich von Helmuth James verabschiedete und in die USA auswanderte. 1937 kaufte er sich in Norwich/Vermont ein Haus, in das Freya von Moltke 1960 einzog. Rosenstock starb 1973, doch Freya blieb in Norwich und nahm 1986 die amerikanische Staatsbürgerschaft an.

Am 1. Januar 2010 starb die letzte große Zeitzeugin des Widerstands gegen Hitler im Alter von 98 Jahren – ein „Jahrhundertleben“, in der Tat. Wer Freya kannte, fühlte sich sofort bei ihr zu Hause, wer sie nicht kannte, dem wird sie durch die ergreifende Biographie von Frauke Geyken schon bald vertraut und nahe sein. 

(aus: »Blätter« 3/2011, Seite 121-123)
Themen: Nationalsozialismus und Geschichte

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