Mikrokredite: Das Geschäft mit der Armut | Blätter für deutsche und internationale Politik

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Mikrokredite: Das Geschäft mit der Armut

von Christa Wichterich

Indien erlebt gegenwärtig eine Finanzkrise, die in ihren Strukturen von der Entstehung bis zur „Rettung“ frappierende Parallelen zur Subprime-Krise in den Vereinigten Staaten aufweist. Diese Krise betrifft Mikrofinanzinstitutionen (MFIs), die seit der Liberalisierung des indischen Finanzsektors Anfang der 90er Jahre als Vermittler zwischen den Kreditnehmerinnen an der Basis und kommerziellen Banken agieren.

Da ein Gesetz die Dienstleistung kommerzieller Banken auf die Kreditvergabe beschränkt, nahmen MFIs bei indischen und immer häufiger auch bei ausländischen Banken – sehr prominent darunter die deutsche Kreditanstalt für Wiederaufbau – Kredite zum üblichen Zinssatz auf, die sie, allerdings mit satten Zins- und Gebührenaufschlägen, an die Frauen weiterverliehen. Die Garantie, die die MFIs Banken und Investoren boten, war dabei die hohe Rückzahlungsquote der Frauen von über 95 Prozent. 

Damit wurde zwar die Kreditvergabe an besitzlose indische Frauen erst ermöglicht, jedoch von Beginn an als Finanzdienstleistung kommerzialisiert und der Verwertungslogik des Finanzmarkts unterworfen. Wie die billigen Hypothekenkredite für einkommensschwache Haushalte in den USA, so bedeuteten auch die Kleinkredite für arme Frauen in den ländlichen Regionen eine Finanzialisierung ihres Alltags und die Integration in den globalen Finanzmarkt und dessen Renditelogik.

Die guten Renditeaussichten lösten einen wahren Boom aus: Die Zahl der MFIs oder „Non-Banking Finance Companies“ stieg in Indien in knapp 20 Jahren auf über 3000 an. Ihr oberstes Ziel ist die Durchdringung von Regionen ohne Bankenzugang oder – wie es die indische Regierung formulierte – die „finanzielle Inklusion“ der bisher vom etablierten Finanzmarkt Ausgeschlossenen. Die MFIs expandierten und konkurrierten, so dass sich nach einem Konzentrationsprozess sechs Marktführer herausbildeten, die immer mehr Kapital vom internationalen Finanzmarkt in die Dörfer Indiens kanalisierten. Gleichzeitig wuchs im Ausland, vor allem in Luxemburg, die Zahl der Investmentfonds, die ihr Kapital in MFIs anlegen. Bizarrerweise profitierten diese Fonds wie auch die MFIs von der globalen Krise 2008/9, in der nomadisierendes Kapital neue Renditemöglichkeiten suchte. Den Anlegern wurden quasi doppelte Rendite zugesichert, nämlich finanzielle und moralische, weil die Kleinkredite als Patentrezept für Armutsreduktion, zum Frauen-Empowerment und zu Entwicklung schlechthin gepriesen wurden.

Die MFIs wurden auf diese Weise zu einem gigantischen Beschäftigungsfeld, das seine zigtausend meist männlichen Agenten in ein Bonisystem durch Erfolgsprämien einbezog. Das führte dazu, dass die Agenten sich die Kundinnen gegenseitig abjagten und auch Frauen unter der Armutsgrenze, die keine realistische Rückzahlungschance hatten, motivierten, jeweils zu fünft eine für die Rückzahlung verantwortliche „Lasten-Gemeinschaft“ zu bilden. Eine Smart-Card ermöglichte das „mobile Banking“ an der Haustür und das wöchentliche Abkassieren der Zinsen. Im Geschäftsjahr 2008/2009 erreichten die MFIs allein im südindischen Bundesstaat Andhra Pradesh 8,5 Millionen vornehmlich weibliche Kunden, ein Wachstum von 60 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Ausstehende MFI-Kredite beliefen sich auf 360 Mrd. Rupien (etwa sechs Mrd. Euro).[1] Eine der größten MFIs, die SKS Microfinance, verbuchte in den vergangenen fünf Jahren ein durchschnittliches Umsatzwachstum von 162 Prozent und zahlte seinen Managern die höchsten Gehälter der gesamten Branche und fürstliche Boni. Als sie 2010 als weltweit zweite Mikrofinanzinstitution an die Börse ging, konnte sie – grandios überzeichnet – 350 Mio. US-Dollar frisches Kapital einfahren.

Ende des Goldrauschs

Bis 2010 erzielten alle Beteiligten die erwähnte fabelhafte Rückzahlungsquote von über 95 Prozent. Diese erklärt sich teils durch den Gruppendruck, vor allem aber damit, dass die Frauen mehrere Kredite von mehreren Anbietern aufnehmen und, um Rückzahlungen prompt leisten zu können, zusätzlich noch zum Geldverleiher vor Ort gehen. Rein statistisch flossen in jeden armen Haushalt in Andhra Pradesh acht Kredite.

Das Jonglieren mit mehreren formellen und informellen Geldquellen führte zu einer jahrelang weitgehend ignorierten Überschuldung der Frauen. Als sich die Meldungen über die Selbsttötung überschuldeter Frauen häuften, brach der Mythos zusammen. Während die MFIs einen Zusammenhang abstritten und die Zinsen und Gebühren bis zu 38 Prozent mit hohen Transaktionskosten wegen der arbeitsintensiven Kreditvergabe und Zinseintreibung rechtfertigten, warf die Regierung von Andhra Pradesh den MFIs vor, ein neues intransparentes System der Wucherei aufgebaut zu haben und Hyperprofite einzufahren. Als der Chef der börsennotierten SKS private Anteile im Wert von 13 Mio. US-Dollar an einen Hedgefonds in Singapur verkaufte, verstärkte dies den Vorwurf privater Bereicherung auf Kosten von Frauen unterhalb der Armutsgrenze. Daraufhin brach die Rückzahlungsquote massiv ein, und die MFIs hatten Schwierigkeiten, neues Kapital auf den internationalen Finanzmärkten aufzutreiben.

Die indische Regierung steht in der Kritik, eine gesetzliche Regulierung des wildwüchsigen Sektors versäumt zu haben. Außerdem fuhr sie ihre Investitionen in den kleinbäuerlichen Sektor in den vergangenen 20 Jahren, also parallel zur Einführung der MFIs, um mehr als ein Drittel zurück. Die kleinbäuerlichen Einkommen sanken um 20 Prozent, im landesweiten Durchschnitt ist die Hälfte der Haushalte überschuldet, was zu mehr als 200 000 Selbsttötungen von Bauern führte. Zugang zu Krediten wurde für Klein- und Mittelbauern immer schwieriger, während armen Frauen die Mikrokredite regelrecht aufgedrängt wurden. In Andhra Pradesh, dem indischen Bundesstaat, der zum weltweiten Musterland der Kredit-„Penetration“ avancierte, hatte all dies zur Folge, dass dort schließlich 82 Prozent der bäuerlichen Haushalte hoch verschuldet waren; die Gesamtschuldenlast lag sogar acht Mal höher als der indische Durchschnitt.[2]

Die nun in der Krise versprochene Regulierung ist ebenso halbherzig wie die Finanzmarktregulierung im Westen. Eine kürzlich erlassene Verordnung der Regierung von Andhra Pradesh zu MFIs bemüht sich zwar um Schadensbegrenzung, schützt aber die Kreditnehmerinnen nicht effektiv vor Ausbeutung. Nationale wie ausländische Banken, darunter die Citi Group, entfalteten stattdessen einen Rettungsschirm für die MFIs. Doch das Platzen dieser Blase delegitimierte die gesamte Mikrokreditindustrie.

Die entwicklungspolitische Blase

Gleichzeitig zerplatzte damit nämlich die euphorische Hoffnung, dass Frauen durch das entwicklungspolitische Instrument der kleinen Darlehen sozial und ökonomisch so „empowert“ werden, dass sie eigene Einkommen erwirtschaften und sich aus eigener Kraft aus der Armut befreien können. Der Vater dieses Hypes, Mohammed Yunus, hatte zwei brillante Ideen, nämlich erstens, dass die Bank zu den armen Frauen in die Dörfer gehen muss, wenn die Frauen nicht zur Bank gehen können, und zweitens, die Kredite an Frauengruppen zu vergeben, die kollektiv für die Rückzahlung mit stattlichen effektiven Zinsen von 25 Prozent bürgen. Mit der Kreditvergabe verband die Grameen Bank von Yunus die Einführung der Frauen in die marktökonomische Disziplin und eine Modernisierung der Frauenrolle durch Familienplanung und Entwicklungsaktivitäten im Dorf. Entscheidend ist die zwillingshafte Verkoppelung der Mikrofinanzierung mit dem Kleinunternehmertum, das heißt der wirtschaftlichen Eigeninitiative. Letztlich entpuppten sich die kleinen Darlehen als eine neoliberale Herrschaftstechnik, mit der Frauen Selbstregulierung erlernen und in die Finanzmärkte als selbstverantwortliche Subjekte integriert werden.

Yunus rief ein „Menschenrecht auf Kredit“ aus und verknüpfte das Menschenrechtsparadigma der Vereinten Nationen mit der modernen Finanzwirtschaft und dem neoliberalen Mainstream, indem er große Banken und Fondsgesellschaften aufforderte, in das kommerzielle Geschäft mit den Kleinkrediten einzusteigen. Dafür versprach er den kommerziellen wie den wohlfahrtsorientierten Geldgebern „ein gutes Gewissen“ und die Hoffnung, „Armut ins Museum“ zu befördern. Yunus war damit auch der eigentliche Vater der Kommerzialisierung des Kleinkreditwesens. Mit dem unablässigen Verweis auf die Rückzahlungsmoral der Frauen trat das Grameen-Modell seinen Siegeszug um die Welt an.

Der fatale Boom der indischen Mikro-finanzinstitutionen hatte seine Wurzeln in zwei früheren Typen von Spar- und Kreditinstitutionen für arme Frauen auf dem Land. Der erste Typus war das Sangham-Modell: Dorffrauen schlossen sich seit den 1970er Jahren in Gruppen zusammen, um gemeinsam ihre Probleme von Gesundheit bis zu sexueller Gewalt anzugehen. Ein zentrales Element dieser Organisierung auf der Grundlage von Solidarität waren das Sparen und die Vergabe von Krediten an Sangham-Mitglieder im Notfall oder für besondere Anlässe. Die Gruppe entschied über die bedürfnisgerechte Verwendung der Kredite im Kontext von Armut, Kastensystem und Frauenunterdrückung.

Der zweite Typus waren Selbsthilfeprogramme für Frauengruppen, die die Regierung mit Hilfe von Weltbankkrediten auflegte und von Nichtregierungsorganisationen (NGOs) umsetzen ließ. Meist vermittelt durch die staatliche Entwicklungsbank NABARD stand hierfür das Grameen-Modell Pate. Mit dem Fokus auf Expansion und Marktorientierung war in der Grameen Bank bereits die Logik angelegt, die die Mikrofinanzinstitutionen vollständig zum Verwertungszirkel und zur Abschöpfung von Kapital aus den dörflichen Ökonomien ausbauten.[3] Faktisch fand eine Schwerpunktverschiebung vom Sparen zur Kreditvergabe, von Bedürfnis- zu Marktorientierung der Kredite, von politischen Kämpfen zur Marktintegration der Frauen und von Solidarität zu Marktkonkurrenz statt.

Cash-Flow und Konsum nahmen in den Dörfern bei wachsender Verschuldung zu. So kam es auch dort zu jener Finanzialisierung des Alltags wie in den USA,[4] die allerdings keineswegs Armutsbeseitigung bedeutet. Vielmehr ist der Profit Selbstzweck dieses komplexen Systems finanzieller Transaktionen. Da stets arme Frauen im Zentrum standen, handelt es sich gleichzeitig um eine Feminisierung der alltäglichen Finanzialisierung.[5]

Von der Belobigung zur Kritik

Erst die Krise des Mikrokreditsektors löste einen erstaunlichen Wechsel in der Sprache und im Diskurs über Kleinkredite aus. Obwohl Kritik an den Krediten seit Jahren geäußert, aber von großen NGOs und MFIs ebenso wie von westlichen Gebern beständig ignoriert wurde, wird sie nun plötzlich von einer breiten Öffentlichkeit bestätigt.[6]

Nach mehr als zwei Jahrzehnten des hymnischen Lobs sind die Begrifflichkeiten von Frauen-Empowerment oder gar Gruppensolidarität inzwischen vollständig verschwunden. Nun ist es fast ein Allgemeinplatz geworden, dass mindestens die Hälfte der Frauen den Kredit für die Begleichung anderer Schulden, für Notfälle (zum Beispiel eine Operation) oder für konsumtive Zwecke benutzen und die Rückzahlungen mit Hilfe von neuer Verschuldung leisten. Eine Studie in Bengalen wies nach, dass die Kreditnehmerinnen zu 97 Prozent zurückzahlten, doch nur in neun Prozent der Fälle verbesserte sich die ökonomische Situation der Frauen dauerhaft.[7] Wo sie den Kredit produktiv investieren, beispielsweise in Hühnerzucht und Eierverkauf, kommt es schnell zu einem lokalen Überangebot, so dass die Frauen sich gegenseitig Konkurrenz machen. Dies war auch bei der Grameen Bank der Fall, etwa als Frauen auf den Dörfern Telefonierzeit für Mobiltelefone von Nokia anboten. Joghurt von Danone dagegen – Yunus hatte mit dem französischen Konzern ein Projekt „sozialen Unternehmertums“ vereinbart – fand in jenen Dörfern zunächst überhaupt keine Nachfrage, in denen nahezu jede Frau selbst Joghurt herstellt. Doch wie bei den Franchise-Läden, die Frauengruppen in Indien auf dem Dorf eröffnen, erschließen derartige Projekte „sozialen Unternehmertums“ den Konzernen neue Märkte und übernehmen Umsatzrisiken. Dabei wird mittelfristig – vermutlich selbst im „Joghurt-Fall“ – die dörfliche Subsistenzökonomie ins Abseits gedrängt.

Auch wenn Frauen in diesen Prozessen durchaus Anerkennung und Verhandlungsmacht in den Haushalten und gegenüber den Behörden gewinnen konnten: Seit dem Crash steht außer Frage, dass das beste Mikrokreditsystem kein Ersatz ist für eine gute Sozial- und Umverteilungspolitik sowie für eine strukturelle Veränderung der Armutsverhältnisse. Doch eine baldige Besserung der verheerenden Zustände ist nicht in Sicht: Während die Mikrofinanzindustrie bereits von Erholung spricht, kommt in der indischen Öffentlichkeit jetzt erst eine Debatte in Gang, wie Sparen und Kreditvergabe mittels Sozialverträgen und Strukturen einer solidarischen Ökonomie wirksam in die Gesellschaft zurückgebettet werden können. Dabei wird es darauf ankommen, dass das von den Armen erwirtschaftete Einkommen zukünftig nicht von außen abgeschöpft wird, sondern in den lokalen Kreisläufen der Existenzsicherung verbleibt.

 


[1] N. Srinivasan, Microfinance India. State of the Sector Report 2009, Neu-Delhi 2009.

[2] Ebd., S. 4.

[3] Vgl. dazu die instruktive Studie von Milford Bateman, Why Doesn’t Microcredit Work? The destructive rise of local neoliberalism, London 2010.

[4] Julie Froud, Adam Leaver und Karel Williams, New Actors in a Financialised Economy and the Remaking of Capitalism, in: „New Political Economy”, 3/2007, S. 339-347.

[5] Vasanth Kannabiran, Marketing Self-Help, Managing Poverty, in: „epw”, 20.8.2005, S. 3716-3719.

[6] Vgl. dazu Linda Mayoux, From Vicious to Virtous Circles? Gender and Micro-Enterprise Development, UNRISD, Genf 1995; Kavaljit Singh, Women’s Empowerment and the New World of Microcredit Evangelism, Neu-Delhi 1997; Naila Kabeer, Is Microfinance a ‚Magic Bullet‘ for Women’s Empowerment? In: „epw”, 29.10.2005, S. 4709-4719; Srilatha Batliwala und Dhanraj Deepa, Gender-Mythen, die Frauen
instrumentalisieren, in: „Peripherie”, 103 (2006),
S. 373-385.

[7] Amrita Chatterjee, Institutionalization of Micro Finance as a Menace towards an Integrated Development of Women Surviving Severe Poverty in India: A Study, South Asian Forum for Environment 2010.

 

(aus: »Blätter« 3/2011, Seite 27-31)
Themen: Armut und Reichtum, Entwicklungspolitik, Finanzmärkte und Feminismus

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