Urban Gardening: Die grüne Revolte | Blätter für deutsche und internationale Politik

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Dossier Stadtpolitik

Urban Gardening: Die grüne Revolte

Warum Gärtnern in der Stadt politisch ist

von Christa Müller

Vor wenigen Wochen erzielte das Gartenmagazin „Landlust“ erstmals eine Auflage von über einer Million Exemplaren – und übertraf damit sogar jene des „Spiegel“. Dabei galt der Gemüsegarten bis vor kurzem noch als Relikt längst vergangener Zeiten. Doch nun entdecken immer mehr Städterinnen und Städter „die neue Lust am Gärtnern“. Bei alledem handelt es sich aber keineswegs nur um einen Rückzug stressgeplagter Großstadtbewohner in die private Nische. Denn neben dem Gärtnern auf dem eigenen Stück Land verbreitet sich auch eine völlig neue Form der grünen Kultur: „Urban Gardening“ – das Gärtnern auf öffentlichen Flächen inmitten der Großstadt.

Unbekümmert vermischt die neue urbane Gartenbewegung großstädtische mit ländlichen Ästhetiken und Lebensstilen. Es sind insbesondere zwei Phänomene, die mit der Bodenständigkeit des Gärtnerns bis dato noch nie in Verbindung gebracht wurden: Zum einen die Bezugnahme auf Guerilla-Taktiken und zum anderen die Betonung der Mobilität, die in dem nomadischen Anbau in Bäckerkisten auf Parkgaragendecks und städtischen Brachflächen erkennbar wird. Nicht zuletzt wegen dieser bewusst produzierten Reibungen belegt die Gartenbewegung derzeit einen Spitzenplatz in der Aufmerksamkeitsökonomie.

Neue Orte der Begegnung

Urbanes Gärtnern zumeist soziales Gärtnern, es ist partizipativ und gemeinschaftsorientiert; der Garten wird als Lern- und Begegnungsort inszeniert und die Nachbarschaft in die Gestaltung des städtischen Sozialraums einbezogen. Häufig werden so aus vernachlässigten „Nicht-Orten” wieder Gegenden, in denen die Menschen sich begegnen und Gemeinsamkeiten entdecken.

Am bekanntesten sind hierzulande die in den 1990er Jahren entstandenen Interkulturellen Gärten. Bundesweit gibt es derzeit etwa 130, weitere 77 Projekte befinden sich im Aufbau. In ihnen bewirtschaften Menschen mit und ohne Zuwanderungsgeschichte eigene Parzellen und tauschen Saatgut wie auch Kochrezepte aus. Auf diese Weise wird das Gärtnern zum Ausgangspunkt für Identitätsfindungsprozesse, für die Fruchtbarmachung von lokalem ökologischem Wissen, für die Aneignung des öffentlichen Raumes durch Migranten und Migrantinnen und für eine urbane Kultur der Begegnung und der Gastfreundschaft. Interkulturelle Gärten werden dabei auch zu „produktiven Räumen“ im Stadtteil: In manchen Gärten feiern Nachbarn ihre Hochzeiten oder Geburtstage, Kiezmütter treffen sich; im Rosenduftgarten auf dem Berliner Gleisdreieckgelände veranstalten bosnische Flüchtlingsfrauen beispielsweise offene Workshops zu Heilkräuterkunde und produzieren Ringelblumenseife und Tee für den Eigenbedarf.

Ein anderes Beispiel ist der Prinzessinnengarten in Berlin-Kreuzberg. Mehr als 150 Freiwillige verwandelten in nur einer Saison eine ehemalige Brachfläche von über 6000 Quadratmetern in ein blühendes Paradies. Der seit Sommer 2009 für alle zugängliche Garten versteht sich als Plattform für Interessierte, die etwas tun wollen – und die Möglichkeiten nehmen mit jedem Besucher zu, der durch das Gartentor tritt: Inmitten der Stadt hält ein Imker seine Bienen und führt Kinder in die Honigproduktion ein, eine schwedische Künstlerin baut 16 verschiedene alte Kartoffelsorten an und sensibilisiert den Blick für das monokulturelle Angebot in den Supermärkten. Trägervereine aus der Nachbarschaft nutzen den Garten für Integrations- oder Gesundheitsarbeit, das benachbarte „Heilehaus“ bietet eine Kooperation in Sachen Heilkräutergewinnung an.

Stadt neu denken

In Projekten wie diesen entsteht offenbar ein völlig neues Selbstverständnis von Stadt und Urbanität, wird das Verhältnis von Kultur und Natur in vielversprechender Weise neu verhandelt und vergesellschaftet.[1] Genau an diesem Punkt beginnen sich für den Garten auch soziale Milieus zu interessieren, für die Pflanzen bislang eher „Aliens” waren – nämlich die sogenannten Urban Hipster.[2] Für sie ist die neue Mischform von Stadt und Natur Quelle und Inspiration neuer Ausdrucksformen von Urbanität.

Gerade auch die künstlerischen Milieus haben den Garten entdeckt, geht es ihnen doch darum, Grenzen beständig zu verschieben und Räume zu erweitern. Verwiesen sei nur auf die Aktion der Berliner Künstlergruppe „Pony Pedro“, die 2007 auf einem Parkhausdach am Berliner U-Bahnhof Kottbusser Tor das Kunstwerk „Nutzgärten vor urbaner Betonkulisse – Selbstversorger aus der Nachbarschaft bepflanzen zwölf Parkplätze” schuf: Kaum war die Muttererde mit Kränen angeliefert, griff die deutsch-türkische Bevölkerung gemeinsam mit Künstlern und weiteren Kiezbewohnern zu Hacke, Spaten und Teegläsern und verbrachte einen produktiven Sommer auf dem Dach.

All diese Akteure tragen dazu bei, dass derzeit zentrale Dichotomien der europäischen Moderne – zwischen Stadt und Land, zwischen Gesellschaft und Natur – ins Wanken geraten. Die Kultivierung der städtischen Natur ist also keineswegs ein Rückzug in die grüne Nische, sondern mit neuen Formen von Sozialität und Kollektivität verbunden. Der größte Unterschied zwischen der traditionsreichen Institution der Kleingärten und den neuen urbanen Gärten ist jedoch weder das spärliche Regelwerk des neuen Urban Gardening oder der stärkere Fokus auf die lokale Nahrungsmittelproduktion der „Youngster”, noch sind es die fehlenden Zäune. Vielmehr setzt sich der neue Garten bewusst ins Verhältnis zur Stadt, tritt in einen Dialog mit ihr und will wahrgenommen werden als ein genuiner Bestandteil von Urbanität, nicht als Alternative zu ihr – und erst zuletzt als Ort, an dem man sich von der Stadt erholen will. Zuweilen scheint es sogar um die Herausforderung zu gehen, dass die Stadt selbst sich der grünen, geerdeten Lebensweise im Garten anverwandeln und sich in Entschleunigung, Kontemplation und dem Genuss der lokalen Vielfalt üben möge.

Ressourcenkrise und postfossile Wohlstandsmodelle

Repräsentiert der Garten also womöglich gar das Modell einer besseren Gesellschaft? Werden die in ihm gelebten bzw. von ihm favorisierten Tugenden wie Kooperation, Gelassenheit, handwerkliches Können, Lebendigkeit, Empathie und Großzügigkeit, aber auch die Kunst des „einfachen Lebens”, das Arrangement mit dem, was vorhanden ist, richtungweisend für die vor uns stehenden Transformationsprozesse?

Das wachsende Interesse am urbanen Gärtnern – und damit an der innerstädtischen Produktion lokaler, biologischer Lebensmittel – steht jedenfalls auch im Blickpunkt eines weiteren Megathemas: der globalen Nahrungsmittel- und Ressourcenkrise. Es ist davon auszugehen, dass die Epoche der billigen Nahrungsmittel in absehbarer Zeit zu Ende gehen wird. Die veränderten Konsummuster in bevölkerungsreichen Ländern wie China und Indien, in denen immer mehr Getreide und Fleisch verzehrt werden, beschleunigen die Knappheit. Die radikale Verstädterung in China führt zudem dazu, dass bis zu 20 Prozent des besten Agrarlandes dem Bau von hunderten neuer Städte geopfert werden.[3] Hinzu kommen die klimabedingte Versteppung und Verwüstung von immer mehr Agrarflächen sowie die ölpreisbedingte Steigerung der Transportkosten. Man muss sich nur vor Augen führen, dass die industrialisierte Intensivlandwirtschaft ohne die Erdölprodukte Kunstdünger und Pestizide undenkbar wäre. Die Rückbesinnung auf lokale und regionale Potentiale scheint daher angezeigt.

Die urbanen Garteninitiativen greifen die Illusion der westlichen Gesellschaften – das Wachstumsparadigma, der Glaube daran, durch immerwährenden technischen Fortschritt und ökonomisches Wachstum den Wohlstand mehren zu können – an verschiedenen Punkten auf und kontrastieren diese Mythen der Moderne mit eigenwilligen sozialen Praxen und postmateriellen Wohlstandsmodellen.[4]

Der Garten ist nämlich weit mehr als ein Ort des Säens und Erntens: Gemüseanbau ist auch Ausgangspunkt politischen Handelns für die, die den ungehinderten und ungenierten Zugriff auf die Ressourcen der Welt in Frage stellen. Sie gärtnern, um praktisch zu zeigen, wie es besser laufen könnte mit der Lebensmittelproduktion. Ihr Motto: Sie fangen schon mal an. Sie reproduzieren Saatgut selbst, tauschen es untereinander, statt Hybridsorten im Baumarkt zu kaufen, sie kultivieren alte Sorten, ziehen lokales Gemüse, bereiten es im Idealfall gleich vor Ort zu und verspeisen es – klimaneutral und in bester Qualität – gemeinsam mit anderen Gartennutzern.

Postmoderne Ethiken: Nahesser oder Fernesser?

Als „Locavores” werden die „Nahesser” bezeichnet, die die ökologische Maxime „saisonal und regional” ernst nehmen und die Herkunft ihres Essens auf einen Radius von hundert Meilen beschränken.[5] Auch für diese Subkultur liegt die Idee des städtischen Gemüsegartens auf der Hand, denn er bietet eine Nahrungsmittelqualität, die in Sachen Frische, Geschmack und Sortenvielfalt nicht zu überbieten ist. Auch deshalb sind Slow-Food-Gruppen, aber auch Transition-Town-Initiativen „natürliche Kooperationspartner” derer, die städtisches Brachland in „produktive Stadtlandschaften” verwandeln wollen.

Zum Gusto und zur positiven Klimabilanz werden sich womöglich schon bald auch monetäre Aspekte hinzugesellen – diverse Zukunftsszenarien sprechen für Local-Food-Strategien. So gab Gene Giacomelli, Direktor des Controlled Environment Agriculture Center an der University of Arizona, schon vor Jahren zu Protokoll: „Unser ganzes billiges Essen basiert zurzeit auf niedrigen Transportkosten, billigem Wasser und billiger Energie für die Erzeugung von Düngern.”[6]

Billiges Essen beruht auf der Externalisierung von Produktionskosten, also auf Kostenauslagerung auf niedrig bezahlte Rohstoffproduzenten in der sogenannten Dritten Welt, auf dauerhaft verseuchte Böden und auf Tiere, die erbarmungslosen Haltungsbedingungen ausgesetzt sind. Kurz: Externalisierung geht einher mit Leid. Dieses zu dulden, sind zunehmend weniger Konsumenten bereit. Zu beobachten ist, gerade bei den jüngeren Generationen, eine verstärkte Hinwendung zu ethischen Diskursen, die genau hier ansetzen. Vermutlich gerade weil sie viel in virtuell vernetzten Welten unterwegs sind, erfahren die Digital Natives im Gegensatz zu ihren Vorgängergenerationen die Welt auf eine andere Weise. Netzwerke, die „prägende Charakteristik räumlicher Organisation im 21. Jahrhundert”, haben die Art verändert, in der Räume produziert und erfahren werden.[7] Netzwerke stellen Beziehungen in den Vordergrund und „verflüssigen” vormals feststehende Grenzen; insofern sind die Menschen in den Ländern des Südens für die „Generation Internet” nicht länger „die Anderen”, sondern Netzbewohner wie sie, die man nicht einfach ihrer Nahrungsmittelgrundlagen berauben kann. Auf eine politische Ebene gebracht bedeutet dies: „Es gibt kein Außen mehr.”[8]

Gärtnern als Distinktionspraktik

Die Sensibilität für den fairen Umgang mit Menschen anderer Länder und mit den Gemeingütern zeigt sich unter anderem im Bio-Boom. So werden in angesagten Vierteln wie dem Münchener Glockenbach oder dem Prenzlauer Berg in Berlin hippe Produkte in fair gehandelter Ökoqualität angeboten. In den dortigen Cafés, retrogestylten Chocolateries und Feinkostgeschäften mit Heile-Welt-Ambiente kommen Waren ohne ethische Labels oft gar nicht mehr in die Regale. Unübersehbar ist, dass Teile der mittelschichtgeprägten jüngeren Generationen nicht von neokolonialen Verhältnissen profitieren wollen.[9] Dieses Statement ist Teil ihres Lifestyles.

Die postmodernen Ethiken sind dabei gekoppelt an Hedonismus und Selbstverortung in der komplexen Welt – somit sind sie individualistisch und performativ. Man bringt die übernommene Verantwortung für Produktions- und Konsumtionsprozesse in einer verspielten Ästhetik zum Ausdruck – und setzt sich damit von anderen ab. Die Kultursoziologin Eva Illouz zeigt in ihrem Klassiker „Gefühle in Zeiten des Kapitalismus” auf, wie passgenau die öffentlichen Selbstinszenierungen des privaten Selbst heute auf die ökonomische Sphäre zugeschnitten sind. Sie spricht vom „emotionalen Kapitalismus” als einer Kultur, in der sich emotionale und ökonomische Diskurse und Praktiken gegenseitig formen.[10] Auch das Gärtnern in der Stadt findet nicht in jedem Fall „außerhalb” der wirkmächtigen Realität des Marktes statt, sondern kann eine Distinktionspraktik sein und die erste eigene Gemüseernte samt der damit verbundenen Coolness der Autonomieerfahrung zur markanten Hinzufügung relevanter Codes im eigenen Zeichenkosmos werden.

Im derzeit jüngsten Trend der „Foodies” wird Genießer-Esskultur öffentlich zelebriert. Ökokisten mit landwirtschaftlichen Produkten aus der Stadt gelten in New York längst als die „neuen iPods” und hausgemachte Marmelade als unverzichtbares „must have”. Die Bewegung der Foodies organisiert über Twitter und Facebook sogenannte Supper Clubs, bei denen mehrtägige Menüs in Privathäusern zubereitet werden. Die Organisatoren verstehen dies als Wiederaneignung: „Supper Clubs geben uns die Kontrolle zurück – wir holen uns den Spaß an hervorragendem Essen in gutem Ambiente von profitorientierten Restaurants zurück.”[11]

Identitätspolitiken und Nachhaltigkeitsstrategien liegen hier nah beieinander und prägen auch einige der urbanen Gärten, die in Arrangements wie Local-Food-Dinner auf sich aufmerksam machen. Gerade unspektakuläre Mikro-Erlebnisse wie die Bekanntschaft mit lokal gepressten Apfelsäften oder dem gemeinsamen Anbau von bunten, alten Kartoffelsorten machen die Gärten zugleich zu eminent politischen Orten. Nicht zuletzt stößt man beim Säen, Ernten und Tafeln unweigerlich auf Fragen wie: Woher kommt das Essen, und wie wird es produziert? Wem gehört das Land, und wer erntet seine Früchte? Und kann ich womöglich mit meiner eigenen Hände Arbeit dazu beitragen, un(ge)rechte Strukturen aufzubrechen?

Politik für Subsistenz: Ernährungssouveränität statt Neokolonialismus

Neben postmodernen Ethiken treten einige der urbanen Gärten auch mit handfesten politischen Botschaften auf. So ernährt sich der Berliner Gartenaktivist Hanns Heim vom Kreuzberger Nachbarschaftsgarten „Ton Steine Gärten” nach eigenen Angaben die Hälfte des Jahres von eigenem, selbst angebautem Gemüse.[12] Für ihn ist diese Form der lokalen und klimaneutralen Lebensmittelproduktion ein politisches Statement, mit dem er sich der Forderung von La Via Campesina nach Ernährungssouveränität anschließt. La Via Campesina ist eine internationale Vereinigung von Kleinbauern- und Landlosenorganisationen, die weitreichende Landreformen zu Lasten der kapital- und flächenintensiven industriellen Landwirtschaft fordert. Die Protagonisten setzen auf Nahrungsmittelanbau für die lokale Bevölkerung und regionale Handelsstrukturen, um die Ernährungssouveränität der Menschen zu gewährleisten.

Tatsächlich gibt der jüngste Weltagrarbericht ihren Forderungen recht. Der von 500 Wissenschaftlern im Auftrag der Vereinten Nationen und der Weltbank angefertigte Rapport kommt zu dem Ergebnis, dass die industrielle Landwirtschaft, unter anderem wegen ihres immensen Ressourcenverbrauchs und ihrer Abhängigkeit vom Öl, nicht in der Lage ist, die Menschheit zu ernähren. Der Weltagrarbericht empfiehlt die Wiederherstellung von kleinbäuerlichen Strukturen, vor allem in Asien, Afrika und Lateinamerika, als die wichtigsten Garanten einer nachhaltigen Lebensmittelversorgung.[13]

Einige der urbanen Gartenaktivisten verstehen sich explizit als Teil der globalen Kleinbauernopposition gegen die Verwerfungen der globalisierten Nahrungsmittelproduktion wie zum Beispiel das Land Grabbing. Innerhalb der neuen urbanen Gartenbewegung ist dies allerdings nur eine Position unter mehreren. Zwar wird die Kritik an der konzerngesteuerten Globalisierung durchweg geteilt, aber die Art und Weise, wie politische Themen behandelt werden, hat sich ausdifferenziert. Kritische Positionen sind nicht mehr automatisch „systemkritisch” oder „fundamentaloppositionell”. Vielmehr ist der Glaube an das „Drehen großer Räder” längst verabschiedet.

„Generation Garten”: Gelebter Pragmatismus

Merkmal der „Generation Garten” ist eher ein breit gefächerter Pragmatismus. Häufig wird versucht, durch kleinteiliges Handeln Missstände zu beseitigen, bei sich selbst anzufangen und vor Ort überschaubare Alternativstrukturen aufzubauen. Die politischen Diskurse in der urbanen Gartenbewegung zeigen sich nur noch sporadisch als Diskurse der „Gegenkultur”, wie sie für die 1980er Jahre kennzeichnend waren,[14] dafür aber vielfach verknüpft mit Themen wie urbaner Lebensqualität und postmateriellen Lebensstilen.

Dieser vermeintlich hedonistische Zugang zu den Grundlagen des Lebens ist hochgradig subtil; politisch ist er im genuinen Sinne der Wortbedeutung, weil er punktgenau auf die Tätigkeiten und Fragestellungen zielt, die die Polis betreffen. Die Politik für das Kleinteilige im Kontext der Wiederentdeckung des Nahraums macht die Gärten zu Orten einer neuen Politik, in denen auf unterschiedlichen Ebenen ein Unbehagen an der Ökonomisierung der Gesellschaft zum Ausdruck kommt. Sie sind Räume des Widerstands gegen die neoliberale Doktrin.[15] Im Garten kommen zum Beispiel eigene, dem ökonomistischen Regime gegenläufige Zeitvorstellungen in den Blick. Der Garten bietet die Erfahrung von Zyklen des Werdens und Vergehens, womit er die grundlegenden Zusammenhänge des Lebens erfahrbar macht. Das Säen, Ernten, Kochen und Weiterverarbeiten für den Winter sensibilisiert nicht nur für die Natur, sondern auch für einen „Reality Check“ der vorhandenen natürlichen Bedingungen: Wer Wert auf lokale und saisonale Qualitäten legt, muss auch mal passen, denn die Gemüse werden nicht „just in time”, sondern zu unterschiedlichen Zeiten reif und lassen bisweilen auf sich warten.

Viele Stadtbewohner wollen sich nicht einfach nur treffen und etwas zusammen trinken; sie wollen auch gemeinsam etwas tun, zusammen einen Ort verändern, Spuren hinterlassen und vor allem: etwas Sinnvolles anfangen mit der Zeit, und dies unter geistigem und körperlichem Einsatz. Nicht ohne Grund verweist Robert Harrison darauf, dass die Kultivierung des Bodens und die Kultivierung des Geistes wesensgleiche und nicht nur ähnliche Tätigkeiten sind.[16]

Die Suche nach ganzheitlicher Erfahrung, nach Sinn und nach Vergemeinschaftungsformen, die kompatibel sind mit dem in westlichen Gesellschaften erreichten Individualisierungsgrad, lassen in der tendenziell destabilen und fragmentierten Moderne und mitten in unseren durch globale Produktions- und Konsumstrukturen geprägten Städten Parallelstrukturen der Subsistenz entstehen – und zwar neuerdings wieder sichtbar im öffentlichen Raum, aus dem sie seit den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts verbannt waren und ein verschämtes Dasein in den Hoheitsgebieten der Hausfrauen fristeten.[17]

Die Wiederentdeckung des Verlorengegangenen, des Kontakts mit der Erde und ihren Früchten, des Zeitwohlstands, der eigenen Gestaltung von Nahräumen und Sozialräumen – all diese individuellen Strategien aus der Zivilgesellschaft geben wichtige Impulse für eine zukunftsfähige Stadtentwicklung, die heute weitaus mehr Wirkung entfalten könnte, wenn sie stärker mit den Nachhaltigkeitsstrategien der Kommunen korrespondierte, die häufig noch zwischen verschiedenen Interessengruppen und Ämterzuständigkeiten zerrieben werden. Doch noch ist nicht entschieden, welche Wege die Städte in Zukunft beschreiten werden. Wird man weiterhin kommunales Eigentum vermarkten in der Hoffnung, dass etwa die Investoren einer neuen Shopping Mall die finanziellen Probleme der Kommunen lösen? Oder entscheidet man sich für eine „grüne Stadt für alle”?

Subtile Gentrifizierung – hinter dem Rücken der Akteure

Heute ist die Marktlogik die dominante Logik der Gesellschaft und damit auch der Städte. Aber die Stadt ist keine Ware, sondern ein Lebensraum. Seine Wiedereroberung haben sich unterschiedliche zivilgesellschaftliche Akteure – unter ihnen eben auch viele urbane Gartenprojekte – zur Aufgabe gemacht.

An Orten wie Hamburg, Berlin oder Leipzig stehen sie jedoch auch vor der Frage, ob ihr Engagement im Viertel zu einem sozialräumlichen Wandel beiträgt, insofern die Aufwertung der Lebensqualität zur Grundlage für eine „Inwertsetzung” mit den bekannten Folgen der Vertreibung alteingesessener Bevölkerungsteile und steigender Mieten wird.[18] Auch ein Projekt wie der Prinzessinnengarten, der sich auf einer städtischen Spekulationsfläche in Zwischennutzung befindet, ist mit Gentrifizierung konfrontiert. Das Projekt beabsichtigt keine Aufwertung des Viertels, um dessen Kapitalwert zu erhöhen, sondern will positiv in die Nachbarschaft hineinwirken. Je erfolgreicher es mit dieser Strategie jedoch ist, desto mehr entzieht es sich selbst die Grundlage. Das Perfide an Gentrifizierungsprozessen ist, dass sie sich hinter dem Rücken und gegenläufig zu den Intentionen der zivilgesellschaftlichen Akteure abspielen. Dies tritt allerdings nur dann ein, wenn die Stadt die Kapitalisierungsprozesse nicht reguliert.

Eine der ureigensten Aufgaben der Kommunen, die Freihaltung öffentlicher Räume von Partikularinteressen und die Ermöglichung von Teilhabe aller Bewohner, gehört daher heute neu auf die politische Tagesordnung. Und subsistenzorientierte Nachhaltigkeitsstrategien benötigen mehr als Anerkennung, nämlich infrastrukturelle und rechtliche Voraussetzungen wie die Bereitstellung von Grund und Boden, damit sich ihre Potentiale für eine zukunftsfähige Entwicklung entfalten können.

Urbanes Gärtnern im Dienste von neosozialen Strategien?

Zugleich muss man sich darüber im Klaren sein, dass – auch wenn der absehbare Anstieg der Lebensmittelpreise das Gemüsegärtnern in Zukunft vermutlich weitaus lohnender machen wird – urbane Gärten im 19. Jahrhundert als Armen- und Arbeitergärten in Zeiten von Bodenspekulation und Ausbeutung entstanden und primär der Überlebenssicherung dienten.[19] Das Land wurde den Bedürftigen mit patronisierendem Gestus von Staat und Kirche zugeteilt, denn man war auf die Reproduktion ihrer Arbeitskraft angewiesen.

Heute wird die (einfache) Arbeitskraft nicht mehr benötigt und so mancher würde die städtischen Armen gerne wieder beim Hacken sehen statt auf den innerstädtischen Plätzen mit der Bierflasche in der Hand. Urbane Subsistenz sollte aber nicht im Sinne einer neosozialen Logik für den Umbau des Sozialstaates instrumentalisiert werden.[20] Die neuen Gärten stehen vielmehr für Teilhabe und Partizipation in einer grünen und produktiven Stadt, für die Wiederaneignung von Kulturtechniken der Kooperation, für die Wertschätzung von Landwirtschaft und Ernährung, von den Grundlagen des Seins.

Genau aus diesem Grund brauchen wir zuallererst ein grundlegend revidiertes Verständnis von Ökonomie, das den sozialen und ökologischen Erfordernissen dienen sollte, statt diese zu kolonisieren und zu instrumentalisieren. Um das umzusetzen, müssten sich allerdings ganz neue Interessenskonstellationen zwischen öffentlichen und zivilgesellschaftlichen Akteuren entfalten.

Diesen geht die Erkenntnis voraus, dass die politischen Strukturen nicht mehr den Erfordernissen einer Gesellschaft im Transitstadium entsprechen. Im besten Falle werden die Demokratisierungsschübe von heute noch weit mehr als die funktionale Teilung der modernen Großstadt in Arbeits- und Privatleben in Frage stellen.[21] Das öffentliche Gärtnern könnte dabei ein wichtiger Schauplatz der kommenden Auseinandersetzung sein.

 


[1] Vgl. Sophie Wolfrum und Winfried Nerdinger (Hg.), Multiple City, Berlin 2008.

[2] Vgl. Karin Werner, Eigensinnige Beheimatungen. Gemeinschaftsgärten als Orte des Widerstandes gegen die neoliberale Ordnung, in: Christa Müller, a.a.O., S. 22-53.

[3] Vgl. Wolfgang Hirn, Der Kampf ums Brot. Warum die Lebensmittel immer knapper und teurer werden, Frankfurt a. M. 2009.

[4] Schon der amerikanische Anthropologe Marshall Sahlins kam in seinen Studien zur „Ökonomie der Fülle” der Jäger und Sammler zu dem Ergebnis, dass ein niedriger Lebensstandard materiellen Wohlstand keineswegs ausschließt. Seiner Meinung nach hat erst der industrielle Kapitalismus die Knappheit institutionalisiert, vgl. Marshall Sahlins, Stone Age Economics, London 1974.

[5] Vgl. Sarah Elton, Locavore. From Farmers’ fields to rooftop gardens. How Canadians are changing the way we eat, Toronto 2010.

[6] Zit. nach Gretchen Vogel, Wenn Wolkenkratzer Bauerhöfe werden, in: „Spiegel Online“, 5.5.2008.

[7] Vgl. Peter Mörtenböck und Helge Mooshammer, Netzwerk Kultur. Die Kunst der Verbindung in einer globalisierten Welt. Bielefeld 2010, S. 18 sowie John Palfrey und Urs Gasser, Generation Internet. Die Digital Natives: Wie sie leben – Was sie denken – Wie sie arbeiten, München 2008.

[8] Vgl. Michael Hardt und Antonio Negri, Empire. Die neue Weltordnung, Frankfurt a. M. und New York 2002, S.198 ff.

[9] Dass und warum dies schwerlich über strategischen Konsum gelingt, analysiert Kathrin Hartmann, Ende der Märchenstunde. Wie die Industrie die Lohas und Lifestyle-Ökos vereinnahmt, München 2009.

[10] Eva Illouz, Gefühle in Zeiten des Kapitalismus, Frankfurt a. M. 2006, S. 13; vgl. auch Diess., Das Elend der Liebe, in „Blätter“, 1/2012, S. 109-120.

[11] Vgl. Miriam Stein, Noch ein Amuse Bouche, Alter? In: „Süddeutsche Zeitung“, 28./29.8.2010.

[12] Vgl. das Weblog des Gemeinschaftsgartens „Rosa Rose“, www.rosarose-garten.net/de/gaertnern.

[13] Vgl. www.weltagrarbericht.de.

[14] Joseph Heath und Andrew Potter, Konsumrebellen. Der Mythos der Gegenkultur, Frankfurt a. M. 2005.

[15] Vgl. Karin Werner, a.a.O.

[16] Vgl. Robert Harrison, Gärten. Ein Versuch über das Wesen der Menschen, München 2010, S. 56.

[17] Vgl. Claudia von Werlhof, Maria Mies und Veronika Bennholdt-Thomsen, Frauen, die letzte Kolonie. Reinbek 1983; Christa Müller, Von der lokalen Ökonomie zum globalisierten Dorf. Bäuerliche Überlebensstrategien zwischen Weltmarktintegration und Regionalisierung, Frankfurt a. M. und New York 1998.

[18] Vgl. Thomas Dörfler, Gentrification in Prenzlauer Berg? Milieuwandel eines Berliner Sozialraums seit 1989, Bielefeld 2010; Christoph Twickel, Gentrifidingsbums oder eine Stadt für alle, Hamburg 2010.

[19] Vgl. Senatsverwaltung für Stadtentwicklung (Hg.), Das bunte Grün. Kleingärten in Berlin, Berlin 2010; Hartwig Stein, Oasen in der Steinwüste, in: Brita Reimers (Hg.), Gärten und Politik. Vom Kultivieren der Erde, München 2010, S. 121–136.

[20] Vgl. Stephan Lessenich, Die Neuerfindung des Sozialen. Der Sozialstaat im flexiblen Kapitalismus, Bielefeld 2008.

[21] Richard Sennett, Civitas. Die Großstadt und die Kultur des Unterschieds, Berlin 1990.

(aus: »Blätter« 8/2012, Seite 103-111)
Themen: Ökologie, Kultur und Soziale Bewegungen

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