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Reich statt sexy

von Albrecht von Lucke

„Reich und sexy“ werde Berlin werden, hatte der Berliner Landesverweser Klaus Wowereit pünktlich zur Vereidigung der neuen rot-schwarzen Koalition prophezeit. Doch noch sind keine vier Wochen regiert, da ist der Sex-Appeal schon weg. Denn reich geworden ist vor allem einer: der neu ernannte und prompt zurückgetretene Justiz- und Verbrauchersenator Michael Braun. Dieser hatte als Notar den Verkauf von Schrottimmobilien beurkundet, was zahlreiche ahnungslose Berliner um ihre Ersparnisse brachte.

Damit steckt die Berliner Union wieder in genau jenem Sumpf der Bau- und Immobilienkorruption, der ihr seit 30 Jahren anhaftet – seit der legendären „Antes-Affäre“ von 1984. Der damalige Charlottenburger CDU-Vorsitzende gleichen Namens hatte 2000 Senatswohnungen zum Schnäppchenpreis von je 4 000 DM an einen Wuppertaler Gebrauchtwagenhändler verkloppen wollen. Und die Diepgens, Landowskys oder Lummers hatten allzu gerne in der gleichen Brühe gebadet.

Doch unter der Ägide des neuen Berliner Dreamteams, Klaus Wowereit und Frank Henkel, sollte nun alles anders werden. Porentief rein eben, selbst in der CDU. „Neese“ sagt da nur der Berliner. Kaum kommt die Union wieder dran, ist der blubbernde Westberliner Morast wieder da.

Einen allerdings wird es insgeheim freuen: Klaus Wowereit höchstselbst, den ersten Experten des Landes für anspruchsloses Regieren. In den letzten zehn Jahren hat er erfolgreich demonstriert, wie man ohne jede Vision, aber mit ständigem Sitz in sämtlichen Talkshows eine handzahme Linkspartei klein regiert. Nun wird es der Berliner Union nicht anders ergehen. Eine parlamentarische Opposition braucht der Regierende Partymeister ohnehin nicht zu fürchten. Die einst so siegessicheren Künast-Grünen – als Tiger gesprungen, als Bettvorleger gelandet. Heute demonstrieren sie, wie man sich erfolgreich selbst zerlegt, um anschließend in der moderierten Selbsthilfegruppe die eigenen Wunden zu lecken – genau wie die arg ramponierte Linkspartei.

Und da auch die Occupy-Bewegung in Berlin außer ein paar in der Winternässe vor sich hin müffelnden Zelten nichts zu bieten hat, bleibt der SPD, um die neue Legislatur wenigstens etwas spannend zu machen, gar nichts anderes übrig, als die Rolle der Opposition gleich mitzuübernehmen. Auf den Schleudersitz des Bildungssenators setzte Wowereit daher ein absolutes Bildungs-Greenhorn, nämlich die 41jährige Sandra Scheeres aus Pankow, allerdings erst nachdem ihm etliche Expertinnen schnöde abgesagt hatten. Gleichzeitig wurde die gesamte außeruniversitäre Forschung dem Wirtschaftssenat zugeschlagenund damit der CDU. Der neuen Wirtschaftssenatorin,Sybille von Obernitz, stieg das offenbar zu Kopf. Jedenfalls forderte sie im Überschwang der neuen Macht einen „Mentalitätskick“, den sie „gerne anstoßen möchte“.

Doch da hat sie die Rechnung ohne den Chef gemacht. Kicks und Anstöße, Eröffnungen und Vernissagen – all das ist in Berlin Chefsache. Und auf Mentalität hat Wowereit ohnehin das Copyright: „Berlin braucht einen tief greifenden Mentalitätswechsel“, hatte er bei seiner ersten Regierungserklärung im Jahre 2001 vollmundig gefordert. Aber das ist lange vorbei. Heute klingeln bei dergleichen in der Senatskanzlei nur noch die Alarmglocken: Mentalität? Is’ nich‘. Und Wechselschon gar nicht. Da sei der Ewige Wowi vor. Doch wo bleiben bei alledem, da viel beschworen, „Mitte und Maß“? Berlin macht daraus lange schon: nur Mittelmaß. 

 

(aus: »Blätter« 1/2012, Seite 100-100)
Themen: Parteien

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