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Randale um die Sandale

von Daniel Leisegang

Man sollte meinen, die Journalisten dieses Landes hätten sich längst an den Anblick der Piraten gewöhnt. Doch weit gefehlt: Ein Auftritt ihres neuen politischen Geschäftsführers, Johannes Ponader, in der Talkshow von Günther Jauch genügte, um die „bürgerlichen Medien“ auf die Barrikaden zu treiben. Stein des Anstoßes waren dabei nicht die politischen Aussagen Ponaders, sondern dessen Schuhwerk. 

In ihrer Stilkritik empörte sich die „Süddeutsche Zeitung“: „Die nackten Füße des Mannes steckten in Trekkingsandalen, dazu trug er Knitterjeans und eine Mischung aus Wolljacke und Teppich [...]. Vollendet wurde die Erscheinung durch eine Körperhaltung, die nur den Schluss zulässt, dass dem 35jährigen irgendwann jeder zweite Knorpel aus dem Leib entfernt worden sein muss.“ Und die FAZ stammelte schier fassungslos: „Ist der noch ganz bei Trost? […] Wir haben einen hochbegabten Menschen, der weder ein Paar Halbschuhe noch die passenden Socken hat? Dem man wirklich erklären muss, wie man sich auf einen Sessel setzt?“ Der „Spiegel“ dagegen investigierte und hakte direkt nach: „Haben Sie keine Manieren, Herr Ponader?“ Dieser zeigte sich jedoch wenig beeindruckt von den selbsternannten „Sittenwächtern der Demokratie“: Er trage gerne Sandalen ohne Socken, er fühle sich „damit am meisten geerdet“.

Doch im politischen Talkgeschäft wird offenbar nur ernst genommen, wer die passende Uniform trägt: Anzug und Krawatte für die Herren, Hosenanzug à la Merkel für die Damen. Gerade Journalisten sollten es allerdings besser wissen: Denn die verpönten Sandalen waren schon immer die Wegbereiter einflussreicher Imperien.

Ende der 1970er Jahre begann Steve Jobs, der Gründer von Apple, barfüßig und mit kahl geschorenem Haupt die Eroberung des Silicon Valley. In den Jahren darauf schlüpfte er in Sandalen und Shorts – und revolutionierte mit iPod, iPhone und iPad die Computerwelt und unseren Medienkonsum.

Auch der frisch gebackene Börsen-Milliardär Marc Zuckerberg trägt leidenschaftlich gern Sandalen – wenn auch in ihrer sportlichsten Variante. In blau-weißen Adidas-Schlappen („Adiletten“) gründete und dirigiert er das Soziale Netzwerk „Facebook“ mit mehr als 900 Millionen Mitgliedern.

Das älteste auf Sandalen fußende Reich rief jedoch bekanntlich ein Anderer ins Leben: nämlich Jesus Christus. Vor über 2000 Jahren wandelte er nicht nur in Riemenschuhen durch Galiläa, Samaria und Judäa, sondern obendrein quer über den See Genezareth.

Für die weltweit über 2,2 Milliarden Gläubigen sind die Jesus-Latschen bis heute eine bedeutende Reliquie: Jährlich pilgern Zigtausende aus aller Welt nach Prüm, etwa 60 Kilometer nördlich von Trier. In der dortigen St.-Salvator-Basilika werden die Schuhe in einem reich verzierten Schrein aufbewahrt und verehrt.

Mark Zuckerberg hätte sich an dieser Wertschätzung ein Beispiel nehmen sollen. Denn so rasant einen die Sandalen nach oben bringen, so jäh kann abstürzen, wer sich ihrer entledigt: Nur einen Tag nach dem Mega-Börsengang gab der Facebook-Gründer überraschend seiner langjährigen Freundin das Ja-Wort, in Anzug, Krawatte – und in Lackschuhen. Es kam, wie es kommen musste: Kaum waren die Hochzeitsglocken verklungen, trudelte die Facebook-Aktie auch schon in den Keller. In der Wall Street war schnell vom „Facebook-Fluch“ die Rede. Piraten-Geschäftsführer Johannes Ponader hingegen dürfte den wahren Grund kennen.

(aus: »Blätter« 6/2012, Seite 64-64)
Themen: Medien und Kultur