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Ein Nachruf auf Walter Jens (1923 - 2013)

von Friedrich Schorlemmer

Selten kommt es vor, dass man einen Menschen schon vor seinem Tode verliert. Bei Walter Jens war es der Fall. Da lebte ein Großer noch unter uns, aber nicht mehr bei uns. Im Tübingen Hölderlins. Dieser so sprühende Geist war unansprechbar geworden, ausgelöscht sein phänomenales Gedächtnis. Nun ist er auch körperlich von uns gegangen. Umso mehr bleibt die Erinnerung an ihn.

Direkt, atemringend, sorgenzerfurcht, gedankensprühend, verschmitzt das zusammengekniffene Auge unter dem jungenhaft ins Gesicht fallenden Haar, umschiffte er kein Tabu. Meister der Gleichzeitigkeit aller Wirklichkeiten, machte er Vergangenes als Gegenwärtiges lebendig: mea res agitur, um meine Sache geht‘s – so sehe ich ihn vor mir, noch immer.

Walter Jens, von Januar 1989 bis April 2011 Mitherausgeber der „Blätter“, war ein Phänomen. Was er in die Hand nahm, durchdrang er so, dass dem Überlesenen, dem Übersehenen, dem Überhörten etwas Erhellendes abgewonnen wurde. Jens öffnete und eröffnete – und wie er das tat, war eine Kunst: tief lotend, geistreich, lustvoll. Immer spürte er den Ambivalenzen des Lebens nach, wies auf die Widersprüche hin, die produktiv werden und uns vor Eindimensionalität und Ideologisierung bewahren.

Wer Walter Jens‘ Essay „Lessing: Theologie und Theater“ gelesen hat, der sieht sich angeregt, ja genötigt, seinen Lessing gleich noch einmal, noch ganz anders und noch anderes von ihm zu lesen. Lessing – der Pfarrerssohn mit seiner Grenzüberschreitung, „mit seiner Entschlossenheit, der Bühne die Würde einer Anstalt zu geben, in deren Umkreis, an der Grenze von Belehrung und Spiel, die Zentralfragen der Zeit analysiert und in Rede und Gegenrede veranschaulicht wurden – Fragen der Erziehung, des rechten Glaubens, der gesellschaftlichen Pflichten, der Verantwortung gegenüber der eigenen Klasse (und des Rechts, die andere, noch herrschende, zu bekämpfen), des Dienstes am Staat und, ihn transzendierend, des Dienstes an der Menschheit.“

Lessing, näher an Brecht als an Goethe, bleibt ein Impuls für die „libertäre Ausrichtung deutscher Geschichte für Heutige, die mehr und mehr zu vergessen (beginnen), dass es in Wahrheit keine wichtigere Aufgabe für eine Gesellschaft geben kann, die sich im Sinne einer Gemeinschaft der Freien und Gleichen versteht, als die Verheißung der Aufklärung, Lessings großes Erziehungsprogramm, zu verwirklichen und damit jene Vision der nur sich selbst – und Gott! –, aber keiner Obrigkeit verantwortlichen Bürger zu konkretisieren.“

Wie wichtig bleibt solches im Zeitalter des postmodernen Theaters, der Spaßgesellschaft – ohne gesellschaftliche Utopie.

Heute vor fast 30 Jahren, im November 1983, las Walter Jens vor einigen Tausend Teilnehmern in Halle aus seiner Auslegung des Barmherzigen Samariters – packend selbst die Textstrukturanalyse, konkret, assoziativ, weiterführend: „Die Räuber werfen den Mann nieder, der Samariter hebt ihn auf. Die Räuber schlagen den Mann halbtot, der Samariter wäscht ihm die Wunden. Die Räuber lassen den Mann liegen. Der Samariter bringt ihn zur Herberge.“ Und der Samariter hatte doch zu den Ausgegrenzten gehört!

Da ist die Frage nach dem „Feind“ abgelöst durch die Sorge um den konkreten Menschen, der Hilfe braucht. Das aktive Mitleid mit der Kreatur unterlässt das Fragen, zu welcher Partei der Zusammengeschlagene gehört. Er braucht Hilfe. Die Fronten sind aufgehoben. Die Liebe verbindet, was Raffgier, Hass, Gewaltlust zerstören wollten. Immer wieder zuerst die Frage nach den Opfern, nach den Opfern auch, die die Guten für ihr Gutes stets zu bringen bereit sind, in Kauf zu nehmen bereit sind. Heute heißt das schlicht Kollateralschaden. Der Zynismus ist längst alltäglich geworden.

Heute sind „die Bösen“ längst wieder andere, und die „Achse des Bösen“ erfordert erneut gigantische Rüstungsanstrengungen, der US-Amerikaner, der Russen, der Chinesen. Nach der – glücklich überwundenen – Ost-West-Konfrontation ist eine substanziell geschwächte UNO übrig geblieben, außerdem unberechenbare Atomwaffenstaaten und entstaatlichte, weltweit agierende terroristische Gewalt mit Verfügungsmöglichkeit über Massenvernichtungsmittel. Die neuen Fundamentalismen schaukeln einander hoch. Die Aufgaben für einen gerechten Frieden bleiben, wenn es nicht zum unkalkulierbaren, asymmetrischen, entgrenzten Dauerkrieg kommen soll.

Was wir in der christlichen Friedensbewegung in der DDR mit Entmilitarisierung, Friedenserziehung und der kreativen Gestaltung des Friedens gemeint hatten, trifft genau das, was wir in Walter Jens‘ Essay über Erasmus von Rotterdam nachlesen können: „Wann, frage ich, wird man beginnen, den Lateinunterricht statt mit Cäsars Gallischem Krieg mit den ‚Colloquia familiaria‘ des Erasmus von Rotterdam zu beginnen.“

Bereits 1972 erschien die Matthäus-Übersetzung von Jens unter dem Titel „Am Anfang der Stall – Am Ende der Galgen: Jesus von Nazareth. Ernst Bloch zugeeignet“. Wegen jenes Mottos und wegen dieses Namens durfte bei uns in der DDR seine Evangelienübersetzung nicht gedruckt werden – bis sie 1982 doch herauskam, aber eben nicht unter jenem Titel und ohne die Zueignung. Wie las ein Student, der in der roten Hochschule für Chemie „Carl Schorlemmer“ (Chemiker und Marx-Freund in dessen Londoner Zeiten) in Merseburg 1972 mit einer Karte „zwecks Klärung einer Angelegenheit“ in das Prorektorat bestellt worden war, der dort von zwei Herren empfangen wurde, die demonstrativ die Tür von innen verschlossen – wie las der, wie behielt der die Sätze aus der Aussendungsrede Jesu, übersetzt von Walter Jens, in Erinnerung – „Habt keine Furcht! Fragt nicht: Was soll ich sagen? Wie muss ich sprechen? Euch wird gegeben, wenn die Stunde kommt, wie ihr zu sprechen habt. Schreit, was euch ins Ohr geflüstert wird, herab von den Dächern!“

Nein, das ist nicht Jens von Tübingen, das ist Jesus von Nazareth! Wir erfuhren es erst später, aber wir erspürten es schon ohne den Kommentar, dass er, wie er sagte, beim Übersetzen als Adressaten auch an die Jungen Gemeinden in der DDR gedacht habe. Der unmittelbare Anspruch sollte sichtbar werden. Eine verfremdende und zugespitzte Wortwahl wollte neue Erkenntnisse provozieren.

Walter Jens – das war, das bleibt der Typus eines Protestantismus, der nicht in seiner Orthodoxie erstickt, sondern sich unauflöslich mit der Aufklärung verschwistert. Einer Aufklärung, die – ganz im Lessingschen Geist – das bloß Rational-Einlinige überschreitet, die das Pathos nicht scheut, wohl aber das Falsche meidet, und die die Widersprüche des Lebens selbst zur Sprache bringt, die Tragik wie die Beglückung.

Erinnert sei schließlich auch an den entschiedenen Demokraten Jens, der dem Sozialismus gegenüber aufgeschlossen blieb, weil es immer noch und wieder neu um die soziale Emanzipation geht. Er hat den Sozialismus kritisiert, sowie er ideologisch wurde. Die Verzahnung von Recht, Gerechtigkeit und Frieden zieht sich wie ein roter Faden durch sein reiches publizistisches Werk, wie es auch sein Engagement in der Friedensbewegung der 80er Jahre kennzeichnet.

Ich vermute, dass es gerade seine Beschäftigung mit der Literatur, mit griechischer Mythologie und den großen griechischen Tragödien, dann aber auch die Beschäftigung mit der Bibel war, die ihn dazu führte, sehr differenziert mit Schuld, Irrtum, Verführung, Verfehlung einerseits und den unbestreitbaren Leistungen und widersprüchlichen Ideen eines Menschen andererseits so kritisch wie bedachtsam umzugehen. Also, die Ambivalenzen und Widersprüche im Leben eines Menschen als solche erkennbar zu machen, aber eben nicht als Richter, sondern als ein so distanziert-kritischer wie nahe mitverstehender Mensch, nicht als ein fauler Entschuldiger, ein moralisch oder gedanklich gleichgültiger Weißwäscher aufzutreten.

Wie kann man sich in so vieles so hineindenken und dennoch seinem Lebensprinzip treu bleiben: Multum, non multa? Wie konnte er so viel geben, sich so viel merken und mit Lese-Früchten so verdichtend, erörternd oder erzählend umgehen, dass Hörern und Lesern Türen und Tore geöffnet werden? Walter Jens hat sich lebenslang am Überschreiten dessen, was ist, beteiligt – begleitet und inspiriert durch Freunde wie Ernst Bloch und Hans Mayer, Hans Küng und, wahrlich nicht zuletzt, durch Inge Jens.

„Solitaire“ und „Solidaire“ – eine Sprachfigur aus Camus‘ „Jonas oder Der Künstler bei der Arbeit“ – hat Walter Jens immer wieder bewegt, als Dialektik von Einzelnem und Gemeinschaft, von einsam und gemeinsam. Dialogische Kultur, das Expressive, das Luzide und das gesellige Gespräch – das wollte er, das konnte er. So bleibt er im Gedächtnis. Und wirkt weiter.

(aus: »Blätter« 7/2013, Seite 40-42)

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