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»Nichts als Schinden und Rauben«

Zur politischen Aktualität Martin Luthers

von Friedrich Schorlemmer

Bauernschlächter, Judenhasser, Kirchenspalter – das sind nur einige der unzähligen Charakterisierungen Martin Luthers, des Bergmannssohnes aus Eisleben. Gewiss, man kann Luther aufgrund seiner Gewalt anfeuernden Entgleisungen mitten im Bauernkrieg verurteilen. Man kann ihn aber auch von seiner „Ermahnung zum Frieden“ kurz vor Beginn des Krieges her beurteilen, wo er den Fürsten ins Gewissen redete, ebenso wie den tollen Pfaffen und den blinden, verschwenderischen Bischöfen, weil wir Deutschen ihnen „dieses Unheil und solchen Aufruhr verdanken“.

All diese Zuschreibungen sind heute, da wir uns mitten in der von der evangelischen Kirche ausgerufenen Reformationsdekade befinden, von großer Relevanz. Am 31. Oktober 1517 soll Luther seine 95 Thesen eigenhändig an die Tür der Schlosskirche zu Wittenberg genagelt haben. Mit Blick auf die 500. Wiederkehr dieses großen Datums kommen bisher allerdings der politische Martin Luther und seine hochaktuelle Macht- und Gesellschaftsanalyse in der öffentlichen Debatte viel zu kurz, ja faktisch nicht vor.

Martin Luther, geboren 1483, ist zweifelsohne ein Mensch des ausgehenden Mittelalters, der zeit seines Lebens in Kategorien von Gut und Böse dachte. Aber gleichzeitig war er der Vordenker jener aufklärerischen Ideen, die sich 300 Jahre nach seinem Leben gegen die herrschenden Dogmen und die Unterdrückung des Geistes richteten. Aus eigener Einsicht, auf eigenes Risiko, auch ganz allein stehend, seinem Gewissen folgend zu handeln – auch gegen einen gegebenen Treueschwur: Luther selbst wurde damit zum Inbegriff des freien Individuums, das all den Autoritäten und Mehrheiten mutig entgegentritt, die dem Geist Christi widersprechen. Ohne Luthers „Von der Freyheith eines Christenmenschen“ (1520) hätte es wohl kaum die Freiheitsbewegung der Aufklärung gegeben. Nicht ohne Grund verehrte Lessing Luther zutiefst.

Weil aber Luther – aus seiner dem Mittelalter verhafteten tiefreligiösen Prägung – von der inneren Verfallenheit des Menschen an die Sünde (als eine gottferne Selbstverfehlung) ausging und um die Gefährdung durch die Sünden (als alltägliche Normverletzung und in sich verkrümmte Lieblosigkeit) wusste, war er alles andere als anthropologischer Utopist, freilich auch kein Pessimist, sondern ein Realist. Als solcher warnte er stets davor, den bloßen Wunsch zum Vater des politischen Gedankens zu machen. Gerade die wohlmeinendste Utopie über den Menschen kann in schlimmste Barbarei führen. Um zu dieser Einsicht zu gelangen, brauchte Luther nicht das Wissen um die Französische Revolution, deren Freiheitsgesänge auf die Guillotine und zu Napoleon führten.

 Drastisch merkte Luther an, dass der Mensch stets eine Regierung braucht. Eine Obrigkeit, eine Regierung ist unentbehrlich, weil wir Menschen nicht für die Freiheit geeignet sind und ohne staatliche Macht der Bosheit zu verfallen drohen. Darin steckt tiefe anthropologische Skepsis. Man könnte es auch Radikalrealismus nennen.

Aber: Aus dem gleichen Grund hat Luther die Obrigkeit in die Pflicht genommen und keineswegs bloß Unterordnung eingeschärft. Daher sind Luthers Gedanken zum Verhältnis des Einzelnen gegenüber der Staatsgewalt – ja gegenüber jeder Form der Macht – bis heute von brennender Aktualität. In gewisser Weise verbirgt sich dahinter eine eigene Macht- und Regierungslehre.

Luthers Machtverständnis

Luther versteht Macht im Grunde als Verantwortung der Herrschenden über ihre Untertanen. Narren solle man nicht über Eier setzen – sie zerbrechen die selbigen. Wer über Eiern sitzt, muss behutsam, schützend, geduldig sein und das Ausgebrütete hilfreich begleiten, bis es selbstständig ist.

Deshalb ist Macht nie Selbstzweck. Macht wird für andere übernommen. So soll also „ein Fürst in seinem Herzen sich seiner Amtsgewalt und obrigkeitlichen Stellung entäußern und sich des Bedürfnisses seiner Untertanen annehmen und dabei so handeln, als wäre es sein eignes Bedürfnis. [...] Nun wendest du ein: ‚Wer wollte dann ein Fürst sein? Damit würde der Fürstenstand der elendeste auf Erden sein; viel Mühe, Arbeit und Unlust würde darin sein.‘“

Macht muss folglich durchaus schmecken – auch darin zeigt sich Luthers Realismus –, denn sonst würde sie keiner wollen. Tatsächlich tut es den tatsächlich oder nur vermeintlich Mächtigen bis heute sichtlich gut, mit Herr Präsident, Herr Minister oder nur mit Herr Staatssekretär angesprochen oder eingeladen zu werden.

Doch auch hier winkt Gefahr: Aus der Sicht Luthers machen Regenten aus der Politik allzu leicht „nur eine Hantierung, ein Handwerk aus der Obrigkeit“. Politik verkommt so zu einer Selbstdarstellungsbühne und zu einer ganz legalen, kaum legitimen Bereicherungschance. Diverse Schmeichler umgarnen die Politiker, interessenbezogene Lobbyisten scharen sich um sie. Manchem ursprünglich hoch Ambitionierten nehmen sie die früheren Antriebe, rauben ihm geschmeidig einflüsternd seine politisch-ethischen Koordinaten, bis er als einst durchaus kantige Persönlichkeit vollends unkenntlich und damit unglaubwürdig geworden ist.

Luther hat genau beobachtet, wie oft Menschen in den oberen Rängen nicht ihrer eigentlichen Aufgabe, sondern bloß ihren Eitelkeiten nachgehen, und daraus unerbittlich seine Konsequenzen gezogen: „Wo ein Herr oder Fürst [...] sich dünken lässt, er sei nicht um seiner Untertanen willen, sondern um seiner schönen gelben Haare willen Fürst [...], der gehöret unter die Heiden.“ Oder anders ausgedrückt: Dem bleibt Gottes Himmelreich versperrt.

Hier wird bereits in der Begrifflichkeit deutlich, dass Luther noch nicht in den Kategorien der Moderne denkt. Für ihn existiert nur der Untertan als Gegenüber zur Obrigkeit und noch nicht der Bürger in einer Demokratie, gar mit freien, gleichen und geheimen Wahlen.

Aber Luther wusste dennoch bereits ganz genau, welche Gefahren im Machtgebrauch liegen, welcher Missbrauch lauert, welchen Versuchungen Mächtige unterliegen. Daher geißelt Luther nicht nur unerschrocken die Gefährdungen der Macht und der Mächtigen, sondern bringt ihnen auch Verständnis entgegen, weil man „bisweilen manchem Unrecht tut, wenn sie sich auch aufs allerfleißigste davor hüten mögen, denn sie können’s nicht allezeit schnurgleich treffen und fadenrecht machen, wie etliche Klüglinge meinen; darum bedürfen sie am allermeisten der Vergebung der Sünden“.

Dieser Realismus muss all jene enttäuschen, die ihre Idealvorstellungen gerne eins zu eins umgesetzt sähen und jeden Kompromiss mit der Wirklichkeit oder mit den politischen Konkurrenten als Verrat ansehen – bis sie denn einmal selbst konkrete Verantwortung übernehmen und durch die Realität schmerzlich ernüchtert werden.

In Wittenberg, wo Luther seit 1508 lebte und ab 1512 bis zu seinem Lebensende 1546 an der Universität lehrte, erfuhr er sehr konkret etwas von der Schwierigkeit, eine Stadt zu regieren. Lebenslang beschäftigte ihn die Trennung zwischen geistlichem und weltlichem Amt und deren Zusammenhang.

Freimütig stellt Luther fest: „Gott macht beide, Fürsten und Theologen, zu Narren, denn er befiehlt ihnen das Regiment und legt ihnen auf, was unmöglich ist, welches keiner auf sich nähme, wenn er’s von Anfang an wüsste, und darf doch davon nicht lassen mit gutem Gewissen, wenn’s ihm einmal befohlen ist und er’s angenommen hat. Aber es ist Mühe und Arbeit, dass uns viel befohlen wird und geschieht doch wenig.“

Welche Konsequenzen aber zieht Luther aus dieser luziden Analyse der Macht und ihrer Wirkungsmechanismen?

Auf die richtige Auswahl der Regierenden kommt es an

Luther meint, dass möglichst verständige, weise und erfahrene Männer zu Häuptern gewählt werden sollten.[1] Einer, der eine Führungsaufgabe hat, müsse auch wissen, was sein Amt betreffe, und die Gesetze und Rechte kennen, die dazu gehören. Denn: Regenten sollen Menschen sein, die sich Gedanken machen über ihre Verantwortung vor den Menschen, die ihnen anvertraut worden sind – und vor der Zukunft des Landes. Das Repertoire von Leuten, die Leitungsämter als glaubwürdige Persönlichkeiten – ausgerüstet mit einem verinnerlichten ethischen Kompass und mit umfassenden Wissen – übernehmen können und wollen, muss daher ausreichend groß sein. Denn, so Luther, „soll man denn zulassen, dass lauter Flegel und Grobiane regieren, wenn man‘s sehr wohl besser machen kann? Das ist jedenfalls ein barbarisches, unvernünftiges Vorhaben. Da lasse man lieber doch gleich Säue und Wölfe zu Herren machen und über die setzen, die nicht darüber nachdenken wollen, wie sie von Menschen regiert werden. Ebenso ist es auch eine unmenschliche Bosheit, wenn man nicht weiter denkt als so: Wir wollen jetzt regieren. Was geht es uns an, wie es denen gehen wird, die nach uns kommen? Nicht über Menschen, sondern über Säue und Hunde sollten solche Leute herrschen, die beim Regieren nichts mehr suchen als ihren Vorteil oder ihre Ehre.“

Hier zeigt sich: Was wir heute Korrumpierung durch Macht nennen und was auf der anderen Seite Nachhaltigkeit oder generationenübergreifende Mitverantwortung bedeuten, all das hat Luther bereits erkannt. Deshalb forderte er die allgemeine Volksbildung und gemeinschaftliche Erziehung aller Heranwachsenden. Denn auf sich allein gestellt handelten Menschen nicht per se „gut“. Wegen ihrer Gier und ihres Egoismus werden aus allen Menschen eben nicht wie von selbst Brüder, wie es später eine allzu naive Form der Aufklärung glauben sollte.

Luther dagegen hatte Furor vor jedem Aufruhr. Die brandschatzenden Bauern sollten ihm Recht geben. Bleibt nämlich staatlich regelndes und Gesetze überwachendes Handeln aus, machen Plünderer offensichtlich, was geschieht: Niederen Instinkten wird in Anarchien freier Lauf gelassen – ob bei Naturkatastrophen oder bei Revolutionen. Die Haut der Zivilisation ist dünn. Deshalb muss die Obrigkeit menschliche Bosheit eindämmen.[2]

Der starke und gerechte Staat

Luther ruft daher nach dem starken, aber auch nach dem gerechten Staat: „Wenn ein Fürst sein Volk so regiert, dass er niemand Unrecht tun lässt und straft die Übeltäter, der tut wohl und wird gelobt. [...] Es ist nur ein Schutz und eine Wehr gegen die Bosheit. Denn wo sie nicht wäre, würde einer den anderen fressen und keiner könnte sein Leben, Gut, Weib und Kind behalten. Damit nun nicht alles untergehe, hat Gott das Schwert eingesetzt, durch das der Bosheit doch zum Teil gewehrt werde, auf dass doch das weltliche Regiment Friede schaffe und niemand dem anderen Unrecht tue. Darum muss man es gehen lassen. Aber doch ist es, wie gesagt, nicht für die zum Himmel Gehörigen eingesetzt, sondern nur darum, dass die Leute nicht noch tiefer in die Hölle geraten und das Spiel noch ärger machen.“ Die Obrigkeit hat stets vorrangig die Aufgabe, Recht und Frieden zu handhaben. Und dazu braucht sie auch Gewaltmittel und das Gewaltmonopol – mindestens die Fähigkeit, Gewalt notfalls als ultima ratio anzuwenden, also eine Gewalt eindämmende und dazu legitimierte Gewalt angemessen auszuüben. Die Obrigkeit sollte ihr Gewaltmonopol jedoch in keiner Weise für ihren eigenen Vorteil gebrauchen. Über die Funktion der Fürsten schreibt Luther: „Die Obrigkeit ist nicht dazu eingesetzt, die Untertanen zu ihrem persönlichen Nutzen und nach ihrem Mutwillen zu gebrauchen, sondern dazu, bei den Untertanen Nutzen und überhaupt das Beste zu schaffen.“[3]

Ein Fürst „darf nicht darauf bedacht sein, selber hohes Ansehen zu genießen und zu herrschen, sondern sie mit gutem Frieden beschützen und verteidigen. [...] Ich will bei meinen Untertanen nicht das Meine suchen, sondern das Ihre. Auch will ich ihnen mit meinem Amte dienen, sie schützen, anhören, verteidigen und regieren, allein mit dem Ziel, dass sie Vorteil und Nutzen davon haben und nicht ich. Ein Fürst muss also in seinem Herzen auf seine Gewalt und Herrschaft verzichten. Er muss sich der Bedürfnisse seiner Untertanen annehmen und sich so verhalten, als wäre es sein eigenes Bedürfnis.“

Hier zeigt sich: Trotz seines skeptischen Blicks auf die Natur des Menschen glaubt Luther an die menschliche Fähigkeit, sich zu bessern und gerecht zu handeln. In jedem stecke gleichermaßen Gut und Böse. Wir sind – auf uns selbst gesehen – in uns verkrümmte Wesen, die der Aufrichtung bedürfen. Gnade ist solches Aufrichten.

Bildung und Erziehung als Königsweg – und das Versagen der Eltern

Wie aber soll das geschehen? Wie kann – unter diesen Voraussetzungen, sprich: trotz der im Menschen angelegten Bösartigkeit – menschliches Zusammenleben tatsächlich gedeihen und befördert werden?

Durch Bildung: durch Befähigung aller Einzelnen, ihre verschiedenen Gaben zu entfalten. Das gelingt durch sachentsprechendes Wissen, erlernbare Fertigkeiten und – in politischer Hinsicht – durch Motivierung vieler Fähiger, im Gemeinwesen zum Nutzen aller mitzuwirken.

Sachwissen allein reicht also nicht aus: Erziehung ist stets auch als zivilisatorische Bändigung zu begreifen. Denn Bildung und Erziehung tragen nicht zuletzt zur Entgröberung und Sensibilisierung des Einzelnen und damit zur Humanisierung der Gesellschaft bei.

Kurzum: Selbst- und Weltveränderung sind nur durch Bildung zu erreichen – wobei Bildung sowohl als Allgemeinbildung als auch als allgemeine Bildung, für alle prinzipiell zugänglich, verstanden werden will. Kein Bildungsprivileg also mehr für Reiche! Dies sind die unabdingbaren Voraussetzungen für eine gedeihliche Übernahme von Verantwortung im Gemeinwesen. Bereits Luther beklagte jedoch, dass viele Eltern die Erziehung ihrer Kinder sträflich vernachlässigen. Da sind „etliche einfach nicht so rechtschaffend und pflichtbewusst, dass sie es täten, obgleich sie es könnten. Sondern wie die Strauße verhärten sie sich sogar gegen ihre Jungen und lassen‘s dabei bewenden, dass sie die Eier von sich geworfen und Kinder gezeugt haben – mehr tun sie nicht dafür. [...] Denn sie haben selbst nichts gelernt, als den Bauch zu versorgen.“ Und so konditionieren sie ihre Kinder lediglich auf alles, was materiellen Gewinn verspricht.

Wenn aber Eltern in ihrer Rolle als Erzieher versagen, dann muss es, so Luther, „dem Rat und der Obrigkeit zukommen, die allergrößte Fürsorge und Gewissenhaftigkeit dem jungen Volk zu widmen. Denn weil der ganzen Stadt, Gut, Ehre, Leib und Leben, ihnen zu treuen Händen anvertraut ist, handelten sie nicht verantwortlich vor Gott und der Welt, wenn sie der Stadt Gedeihen und Vorteil nicht nach bestem Vermögen verfolgten Tag und Nacht.“

Luther wusste bereits um das, was heute unter ökonomistischen Vorzeichen als „Humankapital“ bezeichnet wird: „Nun besteht das Gedeihen einer Stadt nicht allein darin, dass man große Schätze sammelt, feste Mauern, schöne Häuser, viele Kanonen und Harnische herstellt. Vielmehr, wo es viel davon gibt und es kommt in die Hände wahnsinniger Narren, so ist das ein umso schlimmerer und umso größerer Schaden für diese Stadt. Vielmehr das ist einer Stadt Bestes und ihr allerprächtigstes Gedeihen, ihr Wohl und ihre Kraft, dass sie viele gute, gebildete, vernünftige, ehrbare, wohlerzogene Bürger hat, die dann sehr wohl Schätze und alle Güter sammeln können, sie recht erhalten und recht gebrauchen.“

Die Konsequenz daraus: „Darum müssen wir dazu beitragen und Mühe und Kosten dransetzen, sie selbst erziehen und zu etwas machen. Denn wessen Schuld ist es, dass es jetzt in allen Städten so spärlich aussieht in Bezug auf fähige Leute, wenn nicht die der Obrigkeit, die das junge Volk hat aufwachsen lassen, wie das Holz im Wald wächst, und nicht darauf gesehen, wie man es lehre und erziehe?“

Autorität und Paternalismus

Wer Luthers gleichermaßen autoritäre wie paternalistische Gedanken aus seiner Zeit und seiner Herkunft heraus verstehen will, kommt nicht umhin, an seinen überaus strengen Vater zu erinnern. Obgleich er ihn sehr liebte, hatte Luther vor diesem beständige Versagensangst. Deshalb war er sehr glücklich, als es kurz vor dem Tode des Vaters noch zur Versöhnung zwischen den beiden kam.

Gott-Vater und leiblicher Vater waren bei Luther ähnlich angstbesetzt. Wie tief seine biographische Prägung auch theologisch und ethisch wirksam geworden ist, lässt sich an seiner Auslegung des vierten Gebotes („Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren“) ablesen, wo Luther vor allem Gehorsam einschärft. Daraus wurde wirkungsgeschichtlich eine Gehorsams- und Untertanenhaltung – ganz gegen das eigene mutige Beispiel Luthers, symbolisch verdichtet im Anschlag seiner 95 Thesen an der Kirche zu Wittenberg und bei der mutigen Verteidigung der „Freiheit eines Christenmenschen“ auf dem Reichstag zu Worms.

Die Familie (samt ihrer Autoritätsstrukturen) ist bei Luther noch ganz selbstverständlich die Keimzelle der Gesellschaft. In seiner wohl wirkmächtigsten Schrift, seinem Großen Katechismus, heißt es: „Aus der Eltern Obrigkeit fließet und breitet sich aus alles andere. Denn wo ein Vater nicht allein sein Kind aufzuziehen vermag, nimmt er einen Schulmeister dazu, der es lehre; ist er zu schwach, so nimmt er seine Freunde oder Nachbarn zu Hilfe; stirbt er, so befiehlt er und übergibt das Regiment und Oberhand andern, die man dazu verordnet. [...] Desgleichen ist hier auch vom Gehorsam weltlicher Obrigkeit zu reden, welche (wie gesagt) samt und sonders in den Vaterstand gehöret und sich am allerweitesten erstreckt. Denn hier handelt es sich nicht um einen Vater einer einzelnen Familie, sondern um einen, der sovielmal Vater ist, so viel er Einwohner, Bürger oder Untertanen hat.“

Zugleich aber hat Luther, bei aller Aufforderung der Untertanen zur Autoritätenanerkennung, von den Autoritäten etwas erwartet – von den Eltern, von den Lehrern, den Pfarrern und allen hohen Herren und Mächtigen. Do, ut des! Keine Rechte ohne Pflichten. Und dies gilt überall – auf dem Gebiet der Politik, der Gesellschaft wie auch auf dem Gebiet der Wirtschaft, die Luther ebenfalls heftig kritisiert.

Luthers Reichtumskritik

Luther benannte den schon damals dramatischen Widerspruch, dass die einen im Überfluss lebten, während die anderen mehr und mehr verarmten. 1519 brachte der Reformator den „Kleinen Sermon vom Wucher“ und 1520 den „Großen Sermon vom Wucher“ heraus. Darin ging es ihm um das Verhältnis der Christen zum Eigentum, jenseits von Habsucht: „Man muss wissen, dass zu unseren Zeiten die Habsucht und der Wucher in der ganzen Welt nicht nur furchtbar eingerissen sind, sondern auch gewagt haben, sich Deckmäntel zu suchen, worunter sie ihr böses Tun ungehindert ausüben.“

Luther fordert, über allem Handeln müsse das Gebot der Nächstenliebe stehen. Er kritisiert, dass wir Menschen dieses Gebot aus den Augen lassen und allein Gewinn oder Verlust achten. Deshalb bräuchten wir so viele Bücher, Gesetze, Gerichte, gäbe es Streit und Blutvergießen und den ganzen Jammer. Zwar war Luther nicht per se gegen den Handel mit Geld und Waren. Das Übel beginne jedoch bei der Gier der Kaufleute, die sagen: Ich kann meine Ware so teuer verkaufen, wie ich es vermag. Sie halten dies für ein Recht. Tatsächlich ist aber damit der Habsucht Raum gegeben, und was heißt Gier nichts anderes als: Ich frage nicht nach meinem Nächsten? Luther schließt daher mit einer Warnung: „Da siehst du, dass dieser Wahlspruch direkt und schamlos nicht nur gegen die christliche Liebe, sondern auch gegen das Naturgesetz verstößt.“

In unsere Zeit übersetzt heißt das: Der Markt regelt eben nicht, quasi naturwüchsig, alles von selbst! Es bedarf einsichtiger Maßstäbe, die das Lebensrecht aller berücksichtigen. Die Wolfsgesetze eines Marktes jedoch, der keine sozialen Kriterien kennt, auf dem der Mensch nur dient und gar selbst zur Ware wird, führen in den Ruin.

Manchmal scheint es, wir seien in dieser Hinsicht noch nicht viel weiter als zu Luthers Zeiten. Preisabsprachen und das findige Ausnützen aller Gesetzeslücken, um die Gewinne immer weiter zu steigern, sind offenbar ein jahrhundertealter Giersport.[4] Mit einem Unterschied: Das Problem hat sich seither globalisiert. Was vor 500 Jahren noch überschaubar war, wird heute zur weltumspannenden Gefahr.

Gegen die Gier: Das Recht zum Widerstand

Luther warnte hellsichtig: „Dazu tut ihr in der weltlichen Herrschaft nichts als Schinden und Rauben, um weiter euer üppiges und hochmütiges Leben zu führen, bis es der arme, gemeine Mann nicht länger ertragen kann und mag.“ Hier aber zeigt sich ein anderer als der autoritäre, obrigkeitstreue Luther. Denn hier, im Falle massiven Machtmissbrauchs, ist durchaus Widerstand angelegt. Luther verteidigt denn auch die „Zwölf Artikel der Bauernschaft“,[5] doch nicht deren Gewaltappell. Die Bauern ruft er eindringlich auf, für ihre Sache einzutreten, aber dafür keinesfalls Gewalt anzuwenden. Alle Seiten beschwört er: „Man lasse die Geister aufeinander platzen und miteinander kämpfen, aber die Fäuste haltet stille.“

Wenn Luther die Bauern und alle Rechtlosen, die sich ihr Recht erkämpfen wollen, zur Friedfertigkeit ermahnt, stellt er zugleich klar: „Damit will ich nicht die Obrigkeit in ihrem unerträglichen Unrecht, das ihr leidet, rechtfertigen und verteidigen. Sie begehen schweres Unrecht. Das sage ich offen.“

Doch Luther fürchtete spätestens seit dem Sommer 1524, unter dem Eindruck der ersten Bauernaufstände in Baden-Württemberg, Bayern und Thüringen, dass die große Masse – erst einmal in Aufruhr gebracht – außer Rand und Band kommt und dass „der Herr Omnes [gemeint ist die gemeine Masse, d. A.] mehr als geneigt ist, zum Aufruhr zu greifen“. Wenn man mehr tun wolle, als mit dem Worte zu kämpfen, mehr als mit dem Argument „aneinanderzugeraten und zu streiten“, wenn man anfinge „zu zerbrechen und mit der Faust zuzuschlagen [also gewaltsame Revolution zu machen, d. A.] dann müssen Eure Fürstlichen Gnaden eingreifen“.

Hier also, im Falle offenen Aufruhrs, setzt die übergeordnete Verantwortung und Pflicht der Obrigkeit ein, für Recht und Ordnung zu sorgen. Deswegen müssten die Fürsten alles tun, um einem solchen Aufruhr entgegenzuwirken und zuvorzukommen – auch durch Sozialreformen.

Der Fürst soll sich der Bedürfnisse seiner Untertanen annehmen und ihnen dienen. Was aber, wenn es dabei zu Konflikten oder Beschwernissen kommt? Luther nennt dafür eine Grenze: „Der Obrigkeit darf man keinen Widerstand leisten mit Gewalt, sondern lediglich mit der Kundgabe der Wahrheit.“[6] Man solle alles tun, dass mit dem Wort gekämpft wird, damit sich die richtige Lösung herausstelle.

Luther geht es also im Ergebnis immer um eine geistig-politische Auseinandersetzung, um den Streit um die richtigen Konzepte für Frieden und soziale Gerechtigkeit. Darin stecken noch immer taugliche Lehren, gerade in unserer Zeit der vermeintlichen Alternativlosigkeit. Demokratie braucht die Beteiligung der Bürger an öffentlichen Aufgaben, sodann braucht sie auch Kritik an den jeweiligen Herrschenden durch klare Alternativen (eine Kritik, die noch glaubwürdiger und nützlicher wird, wenn sie Selbstkritik einschließt).

Die Kirche ist dabei durchaus mit gemeint; sie darf nach Luther keine Rücksicht nehmen: „Ein Prediger soll Zähne im Maul haben, beißen und salzen und jedermann die Wahrheit sagen. Denn so tut Gottes Wort, dass es die ganze Welt antastet, Herrn und Fürsten und jedermann ins Maul greift, donnert und blitzt und stürmt gegen große, mächtige Berge, schlägt drein, dass es raucht, und es zerschmettert alles, was groß, stolz und ungehorsam ist.“

Unzufriedenheit mit den Regierenden ist, wie sich hier zeigt, offensichtlich eine in jeder Zeit anzutreffende Empfindung der Regierten. Es tut schließlich gut, jemanden zu haben, den man für das Übel der ganzen Welt verantwortlich machen kann. Doch Luther geht es um mehr, wenn er schreibt: „Obrigkeit ändern und Obrigkeit bessern sind zwei Dinge, die so weit voneinander sind wie Himmel und Erde.“ Denn was heute als revolutionäre, das Heil versprechende Alternative auftritt, kann sich morgen schon als die Wiederkehr des Immergleichen vom Falschen entpuppen.

Um später nicht enttäuscht zu werden, hilft daher letztlich nur eines: Abwägen, Maßnehmen, sich keine Illusionen machen, sondern, fast unter Vorwegnahme Max Webers, die Politik stets als Kunst des Möglichen zu begreifen. Das ist der Kern des radikalen Realismus Martin Luthers. 

 


[1] Vgl. 5. Buch Mose, Kapitel 1, Vers 13. 

[2] Allerdings konnten die mörderisch dreinschlagenden Söldnerheere der Fürsten Luther nicht das moralische Recht verleihen, sich ganz auf deren Seite zu schlagen. Schließlich wusste er doch, wie barbarisch sie mit dem geschlagenen Thomas Müntzer und seiner schwangeren Frau umgegangen waren. 

[3] Dieser Passus ist adaptiert in den Text zur Vereidigung unserer Bundesminister aufgenommen worden. 

[4] Vgl. Friedrich Schorlemmer, Das Prinzip Gier, in: „Die Zeit“, 11.7.2013. 

[5] Darin erheben die Bauern soziale, wirtschaftliche und kirchliche Forderungen und begründen diese als „christlicher Haufen oder Vereinigung“ fast durchgehend „aus der Schrift, von Gott her, durch das Evangelium“. 

[6] Schorlemmer, a.a.O., S. 145. 

(aus: »Blätter« 11/2013, Seite 109-117)
Themen: Religion, Armut und Reichtum und Geschichte