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Brasilien oder: Schreiben in einem verfeindeten Land

von Luiz Ruffato

Am Beginn und am Ende der diesjährigen Frankfurter Buchmesse standen zwei höchst bemerkenswerte Reden. Vermeintlich völlig unterschiedlich – Luiz Ruffato sprach zur aktuellen Lage im diesjährigen Gastland Brasilien, Friedenspreisträgerin Swetlana Alexijewitsch zum Erbe der Sowjetunion – hatten doch beide im Kern dasselbe Thema: den „kleinen Menschen – das Sandkorn der Geschichte“ (Swetlana Alexijewitsch). – D. Red.

Was bedeutet es, Schriftsteller zu sein in einem Land in der Peripherie der Welt, einem Ort, wo der Begriff Raubtierkapitalismus ganz bestimmt keine Metapher ist?

Für mich ist Schreiben Verpflichtung. Man kann sich nicht der Tatsache entziehen, dass man am Beginn des 21. Jahrhunderts lebt, auf Portugiesisch schreibt und auf einem Territorium lebt, das Brasilien genannt wird. Es wird viel von Globalisierung geredet, doch die Grenzen sind offen für Handelswaren, für Menschen nicht. Unsere Einzigartigkeit zu erklären ist eine Form des Widerstands gegen den autoritären Versuch, Unterschiede zu nivellieren. Das größte Dilemma des Menschen ist schon immer der Umgang mit dem Gegensatzpaar Ich und der Andere. Denn obwohl unsere Subjektivität sich in dem Anerkenntnis des Anderen bestätigt – dessen Anderssein versichert uns unserer Existenz –, ist der Andere auch derjenige, der uns vernichten kann. Und wenn die Menschheit sich in dieser Pendelbewegung zwischen Gemeinschaft und Auseinanderstreben aufbaut, so stützt sich die brasilianische Geschichte fast ausschließlich auf die ausdrückliche Negation des Anderen durch Gewalt und Gleichgültigkeit.

Wir sind unter der Ägide des Genozids geboren. Von den vier Millionen Indigenen, die es im Jahr 1500 gab, sind heute noch ungefähr 900 000 übrig, von denen ein Teil unter erbärmlichen Bedingungen in Lagern am Rande der Landstraßen oder in den Favelas der großen Städte lebt. Als ein Merkmal brasilianischer Toleranz wird stets die sogenannte Rassendemokratie angeführt, der Mythos, es habe keine Vernichtung gegeben, sondern Assimilierung der Ureinwohner. Doch dieser Euphemismus dient lediglich dazu, eine unleugbare Tatsache zu vertuschen: Wenn wir heute ein Land von Mestizen sind, so ist dies das Resultat einer Kreuzung zwischen europäischen Männern mit indigenen oder afrikanischen Frauen, genauer gesagt: Die Assimilierung geschah über die Vergewaltigung von Ureinwohnerinnen und Afrikanerinnen durch weiße Kolonisatoren.

Bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts wurden fünf Millionen schwarze Afrikaner gefangen und gewaltsam nach Brasilien gebracht. Als im Jahr 1888 die Sklaverei abgeschafft wurde, wurde nichts unternommen, um den früheren Sklaven ein würdiges Leben zu ermöglichen. Daher befindet sich auch heute, 125 Jahre danach, die große Mehrheit der afrikanischstämmigen Brasilianer am unteren Ende der Gesellschaftspyramide. Eher selten findet man sie unter den Ärzten, Zahnärzten, Rechtsanwälten, Ingenieuren, leitenden Angestellten, Journalisten, bildenden Künstlern, Filmemachern oder Schriftstellern.

Unsichtbar, schlecht bezahlt und der einfachsten staatsbürgerlichen Rechte beraubt – Wohnung, Mobilität, Erholung, Bildung und Gesundheitsversorgung –, wurde die Mehrheit der Brasilianer im Getriebe der Ökonomie als entbehrlich betrachtet: 75 Prozent des Reichtums befinden sich in den Händen von 10 Prozent der weißen Bevölkerung, und nur 46 000 Personen besitzen die Hälfte der Fläche des Landes. Historisch gewohnt, ausschließlich Pflichten zu haben und keinerlei Rechte, leben wir in dem eigenartigen Gefühl, nicht dazuzugehören. In Brasilien gehört das, was allen gehört, niemandem.

Der Nächste wird unser Feind

Entlang eines furchtbaren Bewusstseins von Straflosigkeit, denn ins Gefängnis geht nur, wer kein Geld hat, um gute Anwälte zu bezahlen, gedeiht die Intoleranz. Wer in der Schutzlosigkeit eines Lebens am Rand der Gesellschaft von dieser nicht als Mensch anerkannt wird, reagiert dem Anderen gegenüber ebenso und verweigert ihm diesen Status genauso. So wie wir nicht den Anderen sehen, so sieht er uns auch nicht. Und so häuft sich der Hass an – der Nächste wird unser Feind.

Die Rate der Gewaltverbrechen in Brasilien kommt auf 20 Morde pro 100 000 Einwohner, das sind 37 000 tote Menschen, pro Jahr, dreimal mehr als im weltweiten Durchschnitt. Und der Gewalt am meisten ausgesetzt sind nicht die Reichen, die sich hinter hohen Mauern von Gated Communities verschanzen, geschützt durch Elektrozäune, private Sicherheitsdienste und elektronische Überwachung, sondern die Armen in den Favelas und Vorstädten, unter der Willkür von Drogenhändlern und korrupten Polizisten.

Als Machos nehmen wir den beschämenden siebten Platz unter den Ländern mit der höchsten Rate an häuslicher Gewalt ein, mit einer Bilanz von 45 000 ermordeten Frauen in den letzten zehn Jahren. Feige bilanzieren wir allein 2012 mehr als 120 000 Anzeigen von Misshandlungen an Kindern und Jugendlichen. Und es ist bekannt, dass sowohl in Bezug auf die Frauen als auch auf Kinder und Jugendliche diese Zahlen regelmäßig zu niedrig gegriffen sind. Die Fälle von Intoleranz gegenüber sexueller Orientierung zeigen exemplarisch unsere Bigotterie. Der Ort, an dem die wichtigste homosexuelle Parade der Welt stattfindet, mit mehr als drei Millionen Teilnehmern, die Avenida Paulista in São Paulo, ist exakt der Ort mit den meisten Übergriffen auf Homosexuelle in der ganzen Stadt.

Unwissenheit als Herrschaftsinstrument

Und damit kommen wir zu einem neuralgischen Punkt: Es ist kein Zufall, dass die Insassen der Gefängnisse Brasiliens, an die 550 000 Menschen, überwiegend junge Leute zwischen 18 und 34 Jahren sind, arm, schwarz und schlecht ausgebildet. Das Bildungssystem war im Verlauf der Geschichte stets einer der effizientesten Mechanismen zur Aufrechterhaltung der tiefen Kluft zwischen Arm und Reich. Wir befinden uns auf den hintersten Plätzen im Ranking der schulischen Leistungen weltweit. Ungefähr 9 Prozent der Bevölkerung kann nicht lesen und schreiben, und 20 Prozent gelten als funktionale Analphabeten. Einer von drei erwachsenen Brasilianern ist somit nicht in der Lage, einfachste Texte zu lesen und zu verstehen.

Die Perpetuierung von Unwissen als Herrschaftsinstrument, Markenzeichen jener Elite, die bis vor ganz kurzem noch an der Macht war, ist messbar. Der brasilianische Buchmarkt bewegt jährlich an die 2,2 Mrd. US-Dollar, 35 Prozent dieses Gesamtvolumens entfallen auf Käufe durch die Zentralregierung für öffentliche Bibliotheken und Schulen. Und noch immer lesen wir wenig, durchschnittlich weniger als vier Titel pro Jahr. Auf das Land hochgerechnet, gibt es nicht mehr als eine Buchhandlung auf 63 000 Einwohner, konzentriert außerdem auf die Hauptstädte und die großen Städte im Landesinneren.

Doch immerhin, wir haben Fortschritte gemacht. Die größte Errungenschaft meiner Generation war die Wiedererlangung der Demokratie – die nun seit 28 Jahren ununterbrochen Bestand hat. Wenig, wahrhaftig, aber der längste Zeitraum an Rechtsstaatlichkeit in der gesamten brasilianischen Geschichte. Mit der politischen und wirtschaftlichen Stabilität haben wir seit Ende der Militärdiktatur auch soziale Errungenschaften gemacht; die bedeutendste zweifelsohne die deutliche Verringerung des Elends: Beeindruckende 42 Millionen Menschen haben im vergangenen Jahrzehnt einen sozialen Aufstieg erlebt.

Nicht zu leugnen ist auch, wie wichtig es war, Mechanismen zu schaffen für finanzielle Transferleistungen, finanzielle Unterstützung von Familien zum Beispiel, aber auch der sozialen Inklusion, wie etwa die Quotierung nach Hautfarben an öffentlichen Universitäten. Doch leider wiegt – trotz aller Anstrengungen – das Erbe von 500 Jahren Machtmissbrauch noch schwer.

Ein paradoxes Land

Wir sind noch immer ein Land, in dem Wohnen, Bildung, Gesundheit und Erholung nicht das Recht aller sind, sondern ein Privileg weniger; in dem das Recht, sich zu jeder Zeit frei zu bewegen, nicht ausgeübt werden kann, weil es an Sicherheit mangelt; in dem selbst die Notwendigkeit, für einen Mindestlohn von umgerechnet etwa 300 Dollar im Monat zu arbeiten, auf elementare Probleme trifft, wie etwa das Fehlen von vernünftigem öffentlichem Personenverkehr; in dem die Achtung vor der Umwelt keine Rolle spielt; in dem wir uns angewöhnt haben, das Gesetz zu missachten.

Wir sind ein paradoxes Land. Mal erscheint uns Brasilien wie eine exotische Gegend mit paradiesischen Stränden, Urwäldern, Karneval, Capoeira und Fußball, mal wie ein furchtbarer Ort voller Gewalt in den Städten, Kinderprostitution, Missachtung der Menschenrechte und der Natur. Mal wird Brasilien gefeiert als ein Land, das bestens darauf vorbereitet ist, eine Rolle in der Welt zu spielen – mit reichen Bodenschätzen, Landwirtschaft, Viehzucht und einer vielfältigen Industrie, einem großen Wachstumspotential in Produktion und Konsum; dann wieder befindet es sich in der ewigen Nebenrolle als Zulieferer von Rohmaterial und Produkten aus billiger Arbeitskraft, unfähig, seinen eigenen Reichtum selbst zu verwalten.

Allerdings sind wir gegenwärtig die siebtgrößte Wirtschaftsnation der Welt. Und stehen weiterhin an dritter Stelle der Ungleichheit.

Zurück also zur Eingangsfrage: Was bedeutet es, in dieser Region der Peripherie der Welt zu leben, auf Portugiesisch zu schreiben, für fast nicht vorhandene Leser, zu kämpfen also, Tag für Tag, umgeben von Widrigkeiten dem Leben einen Sinn zu verleihen?

Leben für die Utopie

Ich glaube, vielleicht naiv, daran, dass Literatur etwas verändern kann. Als Kind einer Analphabetin und Waschfrau, eines des Lesens fast unkundigen Popcornverkäufers, selbst Popcornverkäufer, Kassierer, Verkäufer, Textilarbeiter, Dreher, Inhaber einer Imbissbude, wurde mein Leben verändert durch den, wenn auch zufälligen, Kontakt mit Büchern. Und wenn das Lesen eines Buchs den Weg eines Menschen verändern kann und wenn die Gesellschaft aus Menschen besteht, kann Literatur eine Gesellschaft verändern.

In unserer Zeit des übertriebenen Narzissmus und des extrem ausgelebten Individualismus wird derjenige, der uns fremd ist und deswegen in uns die Faszination des gegenseitigen Erkennens auslösen sollte, mehr denn je als Bedrohung gesehen. Wir kehren dem Nächsten den Rücken zu, sei es der Einwanderer, der Arme, der Schwarze, der Indigene, die Frau, der Homosexuelle, in dem Versuch, uns selbst zu bewahren, und vergessen dabei, dass wir damit unsere eigene Existenz in Gefahr bringen.

Wir verfallen der Einsamkeit und dem Egoismus und verleugnen uns vor uns selbst. Um dem entgegenzuwirken, schreibe ich: Ich will den Leser berühren, ihn verändern, die Welt ändern. Das ist eine Utopie. Ich weiß. Aber ich lebe von Utopien. Weil ich denke, dass die letzte Bestimmung jedes Menschen nur eine sein sollte: das Glück auf Erden erreichen. Hier und jetzt.

(aus: »Blätter« 11/2013, Seite 85-88)
Themen: Lateinamerika, Armut und Reichtum und Kultur