Der Tod des Kritikers | Blätter für deutsche und internationale Politik

LoginWarenkorb

Der Tod des Kritikers

von Jan Kursko

Dass der Tod Marcel Reich-Ranickis eine Lücke reißt, die nicht mehr zu schließen ist, wurde allen schlagartig bewusst, als am 18. September die Mitteilung über die Ticker und Bildschirme ging. In diesem Augenblick fanden die mediale Kunstfigur und ihre Verballhornung ein Ende, verwandelte sich das „bekannteste Lispeln des Landes“ ein für alle Mal in die Jahrhundertgestalt.

Biographie und Literatur hingen im Falle Marcel Reich-Ranickis existenziell zusammen. Sein Schreiben und Kritisieren gingen stets auf Leben und Tod. Denn Reich-Ranicki blieb sein Leben lang ein Überlebender des deutschen Massenmordes. Nur gerettet durch die Wette des polnischen Schriftsetzers Bolek Gawin, der ihn und seine Frau Teofila ab 1943 versteckte: „Adolf Hitler, Europas mächtigster Mann, hat beschlossen: Diese beiden Menschen hier sollen sterben. Und ich, ein kleiner Setzer aus Warschau, habe beschlossen, sie sollen leben. Und nun wollen wir mal sehen, wer siegen wird.“

Wessen Leben an einem so dünnen Faden gehangen hat, der muss es ernst nehmen. Was daraus folgte? Das Prinzip der Unbedingtheit: Was Du auch machst, es spielt eine Rolle. Daraus, und aus seinen frühesten Erfahrungen, erwuchs Reich-Ranickis literarische Leidenschaft: 1929, im Alter von neun Jahren, die Übersiedlung aus der polnischen Kleinstadt nach Berlin, als Sohn eines Bankrott gegangenen Kaufmanns; dann die entscheidende Prägung durch das Berlin der 30er Jahre: Ausgeschlossen vom Nationalsozialismus werden Literatur und Theater zu seinem wirklichen Leben, als einem NS-freien Raum. Literatur wurde, mit dem Wort Heinrich Heines, zu Reich-Ranickis „portablem Vaterland“ – trotz und erst recht mit der Deportation 1938 nach Warschau, ins spätere Ghetto.

Leben als Literatur, Literatur als Lebenselixier. Damit war Reich-Ranicki ein Fossil. Das Fossil einer Kritik, für die es immer um alles geht.

Man muss sich bewusst machen, dass Reich-Ranicki erst als 67jähriger mit seinem „Literarischen Quartett“ die Mattscheibe eroberte, von 1988 bis 2001 – also kurz vor dem Siegeszug Harald Schmidts, des Meisters der Ironisierung. Einer Ironisierung wohlgemerkt, die mit der feinen TV-Ironie etwa eines Loriot nichts gemein hat, sondern alles dem Gespött und dem Zynismus preisgibt. Erinnert sei nur an den „Nazometer“, der auf das Wort Gasherd anschlägt. Wollt Ihr die totale Ironie, was haben wir gelacht – und damit längst Schule gemacht: Heute wird schier alles mit der Dünnsäure der Ironie überschüttet, um sich vor klarer eigener Positionierung zu drücken.

Von derartiger Haltungslosigkeit war bei Reich-Ranicki nie etwas zu spüren. Dabei wusste er ganz genau, zu was Ironie nütze sein kann – gerade einem Außenseiter wie ihm. In seinem Essay über den „Fall Heine“ beschreibt er, wie der Pariser Emigrant das Stilmittel der Ironie ganz gezielt einsetzt – als Distanz schaffenden Selbstschutz, um den Schmerz über die Zustände seiner Zeit zu ertragen. Reich-Ranicki hat zu diesem Selbstschutz nie gegriffen, im Gegenteil: Mit letzter Konsequenz begab er sich in die intellektuelle Schlacht um Positionen.

Das verlangte aber auch ein Zweites: Reich-Ranicki brauchte dafür Gegenspieler, die der Auseinandersetzung wert waren und die den Fehdehandschuh in gleicher Weise aufnahmen. Er fand sie in den Kämpen der skeptischen Generation, Martin Walser und Günter Grass an der Spitze, wie er mit einer scheinbar unverwüstlichen Konstitution ausgestattet. Sie duellierten sich immer wieder auf offener Bühne – RR zerreißt Grass und Walser und umgekehrt, auch hier fast als Auseinandersetzung auf Leben und Tod, bis zu Walsers infamem „Tod eines Kritikers“. Literaturkritik als Kampf um Inhalte und Positionen: Dahinter verbirgt sich eine radikale Anfrage an die Harmlosigkeit der herrschenden Spaßkultur. In aller Deutlichkeit kam die enorme Kluft vor fünf Jahren, am 11. Oktober 2008, zum Ausdruck.

Es war der „Deutsche Fernsehpreis“, einer jener zahllosen banalen TV-Abende, die ganz der Selbstbeweihräucherung der unzähligen größeren und kleineren Sternchen gewidmet sind. Mit einer Ausnahme: Marcel Reich-Ranicki sollte für sein Lebenswerk geehrt werden.

Der Moderator Thomas Gottschalk fand dazu erstaunliche Töne: „Sie haben Einiges riskiert“, man dachte, jetzt werde er auf Reich-Ranickis Flucht und Rettung zu sprechen kommen, „und sind aus der Welt der blassen Wunderkinder immer wieder in die raue Welt der Fernsehunterhaltung hinabgestiegen.“ Was für ein Mut! Für einen Mann in der Fernsehblase vermutlich der allergrößte. „Herr Professor Reich-Ranicki, in meinem Namen darf ich Ihnen sagen, dass ich Sie verehre, im Namen des deutschen Fernsehens darf ich Ihnen mitteilen, dass Sie geehrt werden.“ Soviel der salbungsvollen Worte. Doch mit dem, was dann passierte, dürfte der große Zampano wohl nicht gerechnet haben. Deshalb an dieser Stelle die Rede Marcel Reich-Ranickis im O-Wort: „Meine Damen und Herren, ich habe in meinem Leben, in den 50 Jahren, die ich in Deutschland bin – hintereinanderweg, meine Jugend habe ich auch in Deutschland, in Berlin erlebt – ich habe in diesen Jahren viele Literaturpreise bekommen, sehr viele, darunter auch die höchsten, wie den Goethe-Preis, den Thomas-Mann-Preis – und einige andere. Und ich habe mich immer bedankt für diese Preise, wie es sich gehört. Und bitte verzeihen Sie mir, wenn ich offen rede. Es hat mir keine Schwierigkeiten bereitet, für die Preise zu danken.

Heute bin ich in einer ganz schlimmen Situation. Ich muss auf den Preis, den ich erhalten habe, irgendwie reagieren. Der Intendant Schächter sagte mir: ‚Bitte, bitte, bitte nicht zu hart!’ Ja, in der Tat. Ich möchte niemanden kränken. Niemanden beleidigen oder verletzen. Nein, das möchte ich nicht. Aber ich möchte auch ganz offen sagen: Ich nehme diesen Preis nicht an!

Ich hätte das – werden Sie irgendwie denken und sagen – früher erklären sollen. Natürlich! Aber ich habe nicht gewusst, was hier auf mich wartet. Was ich hier erleben werde. Ich gehöre nicht in diese Reihe der heute – vielleicht sehr zu Recht – Preisgekrönten.

Wäre der Preis mit Geld verbunden, hätte ich das Geld zurückgegeben. Aber er ist ja nicht mit Geld verbunden, ich kann nur den Gegenstand, der hier verschiedenen Leuten überreicht wurde, von mir werfen oder vor die Füße werfen. Ich kann das nicht annehmen. Und ich finde es auch schlimm, dass ich vier Stunden das erleben musste.“

Souveräner als mit dieser Philippika hat sich in Deutschland bis heute niemand der Spaßgesellschaft verweigert – und sein eigenes Lebenswerk, ja sein ganzes Leben gegen die infame Trivialisierung verteidigt. Denn zweifellos hätte die Annahme des Preises nicht den Preisträger, sondern die Verleihenden geehrt. Das musste nach dem Tod Reich-Ranickis auch Thomas Gottschalk einräumen: „Unser beider Welten krachten vor den Augen der Öffentlichkeit just in dem Moment gegeneinander, als ihn die bunte TV-Welt mit einem Preis für sich zu vereinnahmen suchte, den er schnöde, aber konsequent zurückwies.“

In der Tat, nicht zuletzt dieser beeindruckenden Kompromisslosigkeit gilt es zu erinnern – einer Haltung unabhängiger Kritik gegen jede Ironisierung.

(aus: »Blätter« 10/2013, Seite 99-100)
Themen: Medien, Geschichte und Kultur

top