Revolutionär statt Ikone: Der wahre Mandela | Blätter für deutsche und internationale Politik

LoginWarenkorb

Revolutionär statt Ikone: Der wahre Mandela

von Benjamin Fogel

Im Laufe seines Lebens konnte Nelson Mandela erfahren, wie man im Westen vom Terroristen zum säkularen Heiligen wird. Die Weltmedien hören nicht auf, Schlagzeile auf Schlagzeile über sein Leben und sein Vermächtnis zu drechseln. Heute gilt er ihnen, an der Seite Gandhis und Martin Luther Kings, als eine der moralischen Leitfiguren des 20. Jahrhunderts.

Jede und jeder, von Disney-Star Lindsey Lohan bis zu ehemaligen Apartheid-Verteidigern wie dem britischen Premier David Cameron, preist Mandela heute als Helden. Der war jedoch kein Pazifist, kein zahmer Gewaltlosigkeitsprediger, keine ideologiefreie Verkörperung einzigartiger Rechtschaffenheit. Er war ein exemplarischer Revolutionär, angespornt von seinem politischen Durchsetzungswillen.

Aber während Mandela zweifellos eine „große Gestalt von historischem Rang“ war, zeigen sich allzu viele der Nachrufe und Würdigungen unfähig, über Heldenverehrung oder Plattitüden hinauszukommen. Es gibt noch viel zu wenig kritische Reflexion darüber, worin sein politisches Vermächtnis tatsächlich besteht. Gleiches gilt für das Versäumnis, Beschaffenheit und Gefahren der verbreiteten Mandela-Mythologien zu analysieren. Viele malen das Bild einer fortschrittlichen „Regenbogennation“, die ihren Weg gefunden hat – ein Bild, das mit den gesellschaftlichen Realitäten Südafrikas jenseits der Apartheid wenig zu tun hat.

Mythos Mandela

In Wahrheit besteht in Südafrika viel von dem, was die Apartheid ausmachte, fort – nicht länger unter dem Zwang staatlicher Gesetze, Verordnungen oder Gewaltanwendung, sondern unter dem neuer, vom Markt durchgesetzter Formen. Hiervon muss ausgehen, wer Mandelas Erbe einer ehrlichen Beurteilung unterzieht. Doch dazu bedarf es der Unterscheidung zwischen Mandela, dem Mythos, und dem wirklichen Mandela.

Tatsächlich gab es zwei Mandelas. Bei dem ersten handelt es sich um den Revolutionär, den Rechtsanwalt, den Politiker – ein großer Mensch mit all seinen Schwächen. Mandela Zwei ist ein geschöntes Konstrukt, ein Mythos eben: der Vater der Nation, die Ikone, aller Welt Liebling, gefeiert auch von den Verbreitern globaler Menschlichkeitsphrasen, ja sogar den ursprünglichen Feinden des African National Congress (ANC). Diesen Mandela hat man seiner Menschlichkeit beraubt und zum abstrakten Wahrzeichen moralischer Gerechtigkeit stilisiert.

Mandela Eins war wie Zehntausende anderer von dem Willen beseelt, sein ganzes Leben in den Dienst der Bekämpfung eines rassistischen Systems zu stellen. Er war lebenslang Antiimperialist und zögerte nie, sich den Vereinigten Staaten in außenpolitischen Fragen entgegenzustellen. Nie ließ seine Solidarität mit dem Kampf der Palästinenser oder mit Ländern wie Kuba nach, enge Verbündete im Antiapartheidskampf.

Dieser Mandela war ein glänzender Stratege. Zusammen mit Weggefährten wie Walter Sisulu, Oliver Tambo und Anton Lembede gelang es ihm, den ANC in eine politische Massenorganisation zu verwandeln – maßgeblich durch die ANC-Jugendliga in den 40er und 50er Jahren des vorigen Jahrhunderts und mittels der Defiance-Kampagnen zur Missachtung ungerechter Gesetze. Nach seiner Haftentlassung gelang es Mandela wiederum, aus der Befreiungsbewegung ANC eine moderne politische Partei zu machen. In beiden Fällen bemerkenswerte Erfolge. Und natürlich diente er der Antiapartheidsbewegung als moralische Ikone von außerordentlicher Symbolkraft – ein Symbol, dessen Ausstrahlung sich später auch jene Menschen und Institutionen zunutze machen wollten, die Mandela bekämpft hatte.

Revolutionär statt Großvater der Nation

Im internationalen Diskurs über Menschenrechte und politische Führungskraft beruft man sich gern auf Mandela als wohltätige Führungsgestalt. Unter den Tisch fällt dabei, welchen politischen Weg er tatsächlich gegangen ist. Der führte vom antikommunistischen schwarzen Nationalismus seiner frühen Jahre über einen Ausflug in die Südafrikanische Kommunistische Partei (SACP) zu einer nicht rassisch bestimmten, radikaleren Vision der südafrikanischen Nation. Unbeachtet bleibt auch Mandelas frühzeitige Überzeugung, dass Verstaatlichungsmaßnahmen erforderlich seien – wovon er erst Anfang der 1990er Jahre abrückte –, sowie seine scharfe Kritik der Rassenungerechtigkeiten zu Apartheidszeiten. Ignoriert wird, ganz allgemein gesprochen, der revolutionäre Charakter seines politischen Wirkens.

1960 etwa formulierte er seine politische Einstellung folgendermaßen: „Mich zieht die Idee einer klassenlosen Gesellschaft an. Diese Anziehungskraft erwächst teils aus marxistischer Lektüre und andernteils aus meiner Bewunderung für Struktur und Organisation früher afrikanischer Gesellschaften in diesem Lande. Der Boden als damals wichtigstes Produktionsmittel gehörte dem Stamm. Es gab weder Reich noch Arm, und es gab keine Ausbeutung.“ Aus dem Jahre 1961, als der ANC sich für den bewaffneten Kampf entschied, stammt die folgende Kritik der Gewaltlosigkeit: „Es gibt viele, die spüren, dass es nutzlos und vergeblich ist, weiter von Frieden und Gewaltlosigkeit gegenüber einer Staatsmacht zu sprechen, deren einzige Antwort in grausamen Angriffen auf unbewaffnete und wehrlose Menschen besteht.“

Kurzum: Zu keiner Zeit war Mandela jener wohlwollende Großvater der Nation, als welcher er nach der Apartheids-Ära gern dargestellt wurde. Dennoch ist heute vor allem Mandela Zwei weltbekannt, der Mann der Versöhnung, der Südafrika vom Abgrund eines Bürgerkrieges zurückriss; der Mandela, der mit der Nationalist Party jenen Kompromiss einging, welcher nach dem Sieg des ANC bei den ersten demokratischen Wahlen im Lande 1994 zur Regierung der Nationalen Einheit führte. Dieser Mandela ist der Gegenstand postapartheidlicher Sentimentalitäten, etwa in Filmen wie „Invictus“, wo er beim Finale des Rugby World Cup im Trikot des südafrikanischen Teamchefs erscheint, um kundzutun, dass das neue Südafrika Platz für Weiße hat. Und in dem aktuellen Film „Long Walk to Freedom“ wird er als jemand porträtiert, der Südafrika vor dem Radikalismus seiner Mitstreiter gerettet habe.

Mandela gilt als eines der seltenen Beispiele für „gute Staatsführung“ in Afrika, weil er die Macht freiwillig abgab. Das führte zur Konstruktion eines unsinnigen Gegensatzes zwischen dem südafrikanischen Weg der Demokratie und ökonomischer Stabilität (Mandela) einerseits und dem zimbabwischen Weg radikaler Eingriffe und des Autoritarismus auf der anderen Seite (Mugabe). Diese alberne Gegenüberstellung findet man in vielen Nachrufen.

Die Neoliberalisierung Südafrikas

Ein zentraler Widerspruch kennzeichnet das Erbe Mandelas im heutigen Südafrika. Das Land ist eine pluralistische liberale Demokratie, in welcher die schwarze Mehrheit alle Bürgerrechte genießt – ein Staat, dessen Verfassung Menschenrechte und sozialökonomische Rechte gleichermaßen festschreibt. In der südafrikanischen Gesellschaft ist aber gleichzeitig die soziale Ungleichheit so ausgeprägt wie kaum irgendwo sonst auf der Welt. Die Arbeitslosigkeit liegt bei 40 Prozent und das Wirtschaftssystem des Landes hält die Mehrheit der schwarzen Südafrikaner immer noch in der Armutsfalle oder im Niedriglohnsektor gefangen.

Das geschriebene Recht, die Gesetze, Verordnungen und Vorschriften des Apartheidsystems mögen abgeschafft sein, aber der freie Markt wirkt als ein Mechanismus, der fast ebenso effektiv für den Fortbestand der Apartheidstrukturen sorgt – sowohl in geographischer als auch in ökonomischer Hinsicht. In großen Teilen des Landes ist die Bantustan-Struktur intakt geblieben. Diese Gebiete bleiben unerschlossene „Arbeitskräfte-Reserven“. Millionen von Südafrikanern leben dort unter der Tyrannei eines patriarchalen Gewohnheitsrechts, das zumeist auf von weißen Apartheidsbehörden erfundene „schwarze Überlieferungen“ zurückgeht und von „traditionellen Führern“ exekutiert wird.

Allzu oft wird die Zeit, in der Mandela selbst als Präsident amtierte, zu einer Art Wunder verklärt – einer Zeit, in der es ihm gelungen sei, Schwarz und Weiß zu vereinen. Die realen Erfolge werden ebenso wenig näher analysiert wie die Niederlagen, die er in seiner kurzen Amtszeit zu verzeichnen hatte.

Vieles, was nicht gelang, lässt sich auf den neoliberalen Kurs in der Wirtschaftspolitik des Landes zurückführen, den bereits die National Party in den 1980er Jahren eingeschlagen hatte. Unter dem Druck des von IWF und Weltbank 1996 erlassenen GEAR-Maßnahmenpaketes[1] wurde dieser Kurs verschärft und festgeschrieben. Damit unterwarf sich Südafrika einem Austeritätsregime, das mit der Notwendigkeit gerechtfertigt wurde, die Schulden zurückzuzahlen, die der Apartheidstaat angehäuft hatte. Auf den GEAR-Kurs drängten westliche Länder, internationale Finanzinstitutionen, (größtenteils von dem vorausgegangenen Regime ererbte) Technokraten in der südafrikanischen Regierung sowie eine mächtige ANC-Fraktion mit Ex-Präsident Thabo Mbeki und Ex-Finanzminister Trevor Manuel an der Spitze.

Infolgedessen kam es zur massenhaften Privatisierung staatlicher Unternehmen und zu einer weitgehenden Kommerzialisierung der Grundversorgung. Die GEAR-Politik verdrängte so die aus dem Befreiungskampf erwachsenen Kategorien universalistischer Bürgerrechte und ersetzte sie durch ein Bürgerschaftsverständnis, in dessen Mittelpunkt die jeweilige Stellung im Wirtschaftsgeschehen steht. Oder anders ausgedrückt: An die Stelle des Bürgers rückte der „Stakeholder“.

Dass sich der ANC das GEAR-Programm zu eigen machte, lag teilweise an den Pressionen internationaler Mächte und Kapitalvertreter sowie an Drohungen, dass Südafrika mit dem Ausschluss aus der Welthandelsorganisation WTO rechnen müsse, falls der ANC ein radikales Umverteilungsprogramm verfolge. Zudem hing die dominante Parteifraktion dem Glauben an, der Markt werde – von den Fesseln der Apartheid befreit – den Auf- und Umbau der südafrikanischen Gesellschaft bewirken und durch Integration der Schwarzen in den regulären Wirtschaftsbetrieb zu deren „Empowerment“ führen.

ANC: Partei ohne Narrativ

Der ANC, dem Mandela sein ganzes Leben widmete, ist mittlerweile zu einem tiefen Sumpf aus Sozialkonservatismus, neoliberaler Technokratie, Patronagenetzwerken, Korruption und zunehmend autoritärer Politik verkommen. Die Partei verfügt zudem über keinerlei Narrativ, welches das Land einen könnte, und ebenso wenig über eine Zukunftsvision für Südafrika. Ihr Ruf, als progressive Kraft im Interesse der Armen und der Arbeiterklasse zu wirken, basiert inzwischen auf reiner Rhetorik – einer Rhetorik, die nach dem Polizeimord an 34 streikenden Bergarbeitern 2012 in Marikana immer hohler klingt. Damals ging die Polizei im Einverständnis mit führenden ANC-Politikern vor, besonders dem stellvertretenden ANC-Vorsitzenden und Ex-Gewerkschaftsführer Cyril Ramphosa.

Der anhaltende Massenrückhalt des ANC hängt hauptsächlich damit zusammen, dass er das Pathos des Befreiungskampfes pflegt – und sich dabei auf Mandela beruft. Zugute kommen der Partei dabei die Schwächen der Oppositionsparteien, die Abhängigkeit von Millionen schwarzer Südafrikaner vom Staat im Hinblick auf den Zugang zum Wirtschaftsleben und schließlich der Erfolg des ANC-Sozialhilfeprogramms, dessen Leistungen inzwischen über 18 Millionen Bürgerinnen und Bürger beziehen.

Ein anderes Narrativ hingegen stellt Mandela als Erzverräter dar – als den Mann, der den Ausverkauf der Befreiung und des südafrikanischen Weges zum Sozialismus zu verantworten habe; der die Ideale der Befreiungsbewegung an weiße Kapitalisten und die National Party verscherbelt und es für wichtiger gehalten habe, sich mit dem weißen Südafrika zu verständigen und auszusöhnen, als die alte Elite und ihre Verbündeten zu bekämpfen.

Dieses Narrativ steht in engem Zusammenhang mit der stalinistischen Strömung innerhalb des ANC. Sie hängt der Vorstellung einer nationaldemokratischen Revolution an, in der eine nationalistische Revolution der Bourgeoisie als notwendige Vorstufe zum eigentlichen Kampf für den Sozialismus gilt. In dieser Vorstellung fungiert der Staat als bloßes Werkzeug, und zum Sozialismus gelangt man nur, wenn die richtigen Leute an der Macht sind. Doch dieses Narrativ zieht aus der Geschichte keine Lehren, weder aus dem Scheitern des „real existierenden Sozialismus“ noch aus den Experimenten eines „afrikanischen Sozialismus“. Ebenso wenig beschäftigt es sich je mit dem fundamentalen Widerspruch zwischen Nationalismus und Sozialismus.

Beide Narrative haben allerdings miteinander gemein, dass sie Mandela nicht als den Menschen, der er war, sondern durch die Optik der ihn umgebenden Mythologie betrachten. Sie bewegen sich also eher im symbolischen als im realgeschichtlichen Raum. Es war stets die Strategie des ANC, auf Kompromisse mit der rechtsgerichteten südafrikanischen Nationalpartei (Afrikaans Nasionale Party) und weißen Kapitalisten hinzuarbeiten. Auch während des bewaffneten Kampfes betrachtete die Organisation es zu keinem Zeitpunkt als reale Möglichkeit, den Apartheidstaat militärisch überwinden zu können. Das Verratsnarrativ, das große Teile der Linken sowohl innerhalb als auch außerhalb des ANC verbreiten, ist zu verschwörungstheoretisch und verstärkt noch die Mandela zugeschriebene historische Wirkungsmacht.

Mandelas nächtliche Hotelzimmergespräche mit südafrikanischen Kapitalisten wie Harry Oppenheimer, dem früheren Chef des Bergbaukonzerns Anglo-American, und seine Davos-Reisen hatten sicherlich großen Anteil an seiner allmählichen Hinwendung zur Marktwirtschaft. Politiker wie Ex-Präsident Thabo Mbeki und Trevor Manuel, seinerzeit südafrikanischer Finanzminister und Architekt des GEAR-Programms, spielten bei der neoliberalen Wende Südafrikas jedoch eine wesentlich wichtigere Rolle als Mandela. Es ist daher falsch, die gesamte Verantwortung Mandela persönlich anzulasten statt der mangelnden politischen Manövrierfähigkeit des ANC in den Wirtschaftsverhandlungen der Nach-Apartheids-Periode.

Schon 1999 betonte Neville Alexander – ein anderer großer Revolutionär und Mitgefangener Mandelas auf Robben Island, der im Jahr 2012 verstarb – in einem Fernsehinterview: „‚[Der ANC glaubt nicht...,] dass wir den Apartheidstaat umstürzen können. Er geht davon aus, dass wir die Ideologen und Strategen der Apartheid an den Verhandlungstisch zwingen müssen.’ Er erinnerte daran, dass [Ben Bella], der damalige algerische Führer, ihm, als er Algerien besuchte, von einem Versuch des ANC, den Apartheidstaat mit Gewalt zu überwinden, abgeraten hatte, denn das sei nicht zu schaffen. Es wäre eine strategische Vergeudung von Menschenleben, Zeit [und] Energie.“

Das verhängnisvolle Bild von Mandela als dem Erlöser, der 1990 von Robben Island aufbrach, Südafrika zu befreien, hält sich hartnäckig. Es nährt die sentimentale Aura, die den ANC umgibt – und ist der Schlüssel zu seiner Hegemonie. Gleichzeitig speist es die Post-Apartheids-Mythologie des Kapitals, Südafrika habe den Rassismus überwunden und sich in eine Gesellschaft verwandelt, in der moralischer Wert und soziale Stellung nicht länger an der Rassenzugehörigkeit gemessen werden, sondern am Marktwert oder der Produktivität. Ihr zufolge hat Mandela die Nation von allen früheren Sünden erlöst. Das Jahr 1994 bedeute den vollständigen Bruch mit der Vergangenheit.

Die politische Wiederbelebung der südafrikanischen Gesellschaft

Die Verherrlichung der Führer eines Befreiungskampfes, die Stilisierung zum „Gründervater“, tritt manchmal erst allmählich zu Tage. Sie geht dann über bloße Verzerrungen der Vergangenheit hinaus und entwirft ein Geschichtsbild, das diejenigen, die den Kampf aufnahmen, sowohl ihrer wirklichen Rolle als auch ihres kollektiven Handelns beraubt. Schließlich war es die schwarze Gewerkschaftsbewegung, waren es die Hunderttausenden von der United Democratic Front und den in ihr zusammengeschlossenen Organisationen mobilisierten Menschen sowie die Bürgerbewegungen, die auf die Straße gingen, Gruben besetzten und gegen die Polizei kämpften – sie waren es, die Mandela befreiten.

Weil aber die Legende von der Befreiung durch den einen, großen Mann eng an den ANC und Mandela gebunden ist, führt sie zur Demobilisierung einer hochpolitisierten Gesellschaft und bringt die Massenbewegungen der 1980er Jahre unter die direkte Kontrolle der ANC-Führung. So wandelte sich der ANC Anfang der 1990er Jahre von einer Befreiungsbewegung zur politischen Partei. Das geschah teilweise auch zu dem Zweck, massenhaftem Widerstand gegen die wirtschaftlichen Kompromisse vorzubeugen, welche die ANC-Führung mit dem Kapital und der National Party abschließen wollte. Der ANC sollte damit vor allem befähigt werden, Widerstand aus der Gewerkschaftsbewegung gegen seinen Wirtschaftskurs zu unterbinden. Im Ergebnis wurde, mit Frantz Fanon gesprochen, „das Volk aus der Geschichte vertrieben [...] und in die Höhlen zurückgeschickt.“ Konkreter ausgedrückt: Es setzte sich die Vorstellung durch, das Volk möge, nachdem die Freiheit einmal erreicht war, bitte schön passiv abwarten, was der ANC weiter vorhabe.

Jedes außerhalb des ANC angesiedelte linke Transformationsprojekt für Südafrika muss das Bewusstsein und das Vermächtnis der Massenbewegungen der 1970er und 80er Jahre erneut fruchtbar machen. Das bedeutet zugleich, dass sie das mit der Mandela-Mythologie verknüpfte Narrativ von der quasi messianischen Befreiung in Frage stellen muss.

Mandela verdient es, geachtet, betrauert und als Inspirationsquelle genutzt zu werden. Doch der Mythologie, die sein Erbe umgibt, sollten wir nicht erliegen. Die Gefahr einer Immunisierung gegen den Geist der Kritik ist einfach zu groß. Wenn wir Mandela Zwei, den Mythos, unangetastet lassen, lassen wir zugleich die dynastischen, ja religiösen Formen des Nationalismus zu, wie sie sich etwa in Indien um Mahatma Gandhi und Jawaharlal Nehru herausgebildet haben.

Mandela als Mythos bietet dem Kapital Deckung und verengt die politische Vorstellungskraft über Südafrikas Zukunft auf ein Politikverständnis, das die Gegenwart geradezu verewigt. Es wäre aber dringend erforderlich, erneut Alternativen zu entwickeln und an jene Tradition der Massenbewegung wieder anzuknüpfen, der Mandela selbst die Befreiung verdankte. Mandela lehrt uns, dass persönlicher Mut, kollektive Solidarität und revolutionäres Engagement tatsächlich politischen und sozialen Wandel bewirken können. Allerdings ist Südafrikas Befreiungskampf noch längst nicht vollendet.

 


[1] GEAR steht für Growth, Employment and Redistribution – also Wachstum, Beschäftigung und Umverteilung.

(aus: »Blätter« 2/2014, Seite 93-99)
Themen: Afrika, Demokratie und Neoliberalismus

top