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Zentralafrikanische Republik: Völkermord mit Ankündigung

von Marc Engelhardt

Die Berichte, die in diesen Tagen aus der Zentralafrikanischen Republik nach außen dringen, sind voll des Grauens. Zusammen zeichnen sie das Bild eines Landes, das außer Kontrolle geraten ist. Die Lage erinnere ihn an Ruanda oder Bosnien, sagt der UN-Koordinator für humanitäre Hilfe, John Ging. Auf dem Land hat er Bewohner eines Dorfes getroffen, die sich seit Wochen im unwegsamen Busch versteckt halten. Entweder sie bleiben dort und sterben, weil sie weder Nahrung noch Medikamente haben, sagt einer von ihnen. Oder aber sie kämen zurück ins Dorf und würden dort ermordet. Tod durch Hunger oder durch Gewalt – das ist eine der letzten Entscheidungen, die die terrorisierten Bewohner eines der ärmsten Staaten Afrikas noch treffen können.

Der Völkermord, vor dem Ging Mitte Januar nach seiner Rückkehr aus der Zentralafrikanischen Republik warnte, wird immer wahrscheinlicher. Manche sagen, er habe längst begonnen. In dem Konflikt kämpfen Muslime gegen Christen. Der Hass zwischen ihnen scheint derart gewachsen, dass selbst Pfarrer und Imame ihn nicht mehr eindämmen können. Kein Wunder: Die Religion ist nur ein Instrument in einem Kampf, bei dem es tatsächlich um Macht und Ressourcen geht. Geschürt wird der Hass von Mitgliedern der wenige hundert Zentralafrikaner umfassenden Elite, die den Reichtum des Landes seit der Unabhängigkeit von Frankreich 1960 unter sich aufteilen.

Mit dem immer wieder aufflammenden Terror haben sich viele Bewohner in den vergangenen Jahren arrangiert – zwangsweise. Denn in dem Staat von der doppelten Größe Polens ist bisher noch kein Staatsoberhaupt auf demokratischem Wege an die Macht gelangt. In den protzigen „Palais de la Renaissance“ putschten sich immer neue Militärmachthaber, deren Truppen auf dem Weg in die Hauptstadt Bangui plündernd, mordend und vergewaltigend ihren „Lohn“ einsammelten. Wer konnte, floh in den dichten Busch, der weite Teile des dünn besiedelten Landes mit seinen knapp 4,5 Millionen Einwohnern bedeckt. Doch wenige Wochen, manchmal nur Tage nach der Machtergreifung kehrte wieder Ruhe ein und die Menschen bauten aus den Trümmern ein neues Leben auf. Diesmal nicht – und so schlimm wie in den letzten zwölf Monaten, da sind sich alle Beobachter einig, waren die Verhältnisse noch nie.

Alte Rivalen

Die Lage spitzte sich vor knapp einem Jahr zu, als Michel Djotodia den damaligen Präsidenten der Zentralafrikanischen Republik, François Bozizé, Ende März 2013 mit Hilfe einer Rebellenarmee aus dem Amt putschte. Der in der Sowjetunion ausgebildete Ökonom stammt aus dem Nordosten des Landes, wo der Sahel beginnt. Die sudanesische Unruheprovinz Darfur und der Osten Tschads, wo Banditengruppen und Exrebellen ebenfalls ihr Unwesen treiben, sind nicht weit entfernt. Von hier rekrutiert Djotodia im Dezember 2012 Söldner für seine Armee, die im Kern aus zwei anderen Rebellengruppen besteht und die er Séléka nennt – Allianz. Der Nordosten der Republik ist eine der ärmsten und unerschlossensten Regionen des Landes. Da verwundert es kaum, dass Djotodias Rebellion in seiner Heimatregion unterstützt wurde. Anfang 2013 sah es kurz so aus, als würden Präsident François Bozizé und Djotodia sich auf eine gemeinsame Regierung einigen können. Doch dann bricht der fragile Waffenstillstand und Djotodia erklärt Bozizé den Krieg.

Schon der Marsch auf Bangui ist von Brutalität und Gewalt gekennzeichnet. Es dauert nur wenige Tage, bis die Séléka-Rebellen Bangui erreichen und Bozizé nach Kamerun fliehen muss. Er selbst hatte sich zehn Jahre zuvor an die Macht geputscht und den damaligen Planungsminister Djotodia vertrieben. Für Djotodia ist Bozizés Flucht die lang ersehnte Rache. In seiner ersten Rede verspricht der neue Präsident noch Stabilität. Seine Truppen, sagt er, würden friedlich bleiben. Doch das Gegenteil passiert: Unmittelbar nach Bozizés Flucht plündern die Séléka-Einheiten die Hauptstadt Bangui. Wer von der alten Staatsmacht noch übrig war, habe seine Uniform versteckt und fleißig mitgeplündert, berichten später Bewohner. Die in Bangui stationierten französischen Truppen geleiten unterdessen die Ausländer – zum überwiegenden Teil Franzosen – sicher zum Flughafen. Sonst tun sie nichts.

Dass Djotodia die Macht in Bangui übernimmt, verdankt er zumindest indirekt Frankreichs Präsident François Hollande. Als die Séléka zum ersten Mal die Muskeln spielen ließ, erbat Bozizé französische Hilfe im Kampf gegen die Rebellen. Schon einmal, 2006, hatte die französische Luftwaffe Rebellen aus dem Norden für Bozizé vertrieben. Doch diesmal will Hollande nicht helfen. Man wolle sich nicht in innere Angelegenheiten einmischen, erklärt er kühl. Für die Séléka muss das wie eine Aufforderung zum Vormarsch klingen. Denn keiner der zentralafrikanischen Herrscher konnte sich ohne Unterstützung aus der Grande Nation jemals halten. Die Entscheidung darüber, wer in Bangui regiert, fällt eigentlich in Paris.

Das Bündnis zwischen der Elite Frankreichs und den Eliten in den ehemaligen Kolonien hat einen Namen: Françafrique – ein Amalgam aus France, Frankreich, und Afrique, Afrika. Manchmal wird der Begriff auch Françafric geschrieben, für France und Fric – Moneten. Denn im Gegenzug für wirtschaftliche und militärische Hilfe sind französische Unternehmen, die oft noch dem Staat gehören, die Ersten, die die Ressourcen im Land ausbeuten dürfen. So hat der Uran-Gigant Areva in der Zentralafrikanischen Republik eine Mine erschlossen, die schon bald die schwindenden Vorkommen in Niger ersetzen soll. Von den gut 1200 Franzosen, die 2013 noch in der Zentralafrikanischen Republik leben, spielen viele wichtige Rollen in der Wirtschaft des Landes, die sich vor allem um die weiteren Ressourcen dreht: Holz, Gold, Diamanten.

Air France sorgt dafür, dass das Land ohne Seezugang an die Welt – sprich: Paris – angeschlossen ist, obwohl die Direktflüge defizitär sind. Und wer es in der Zentralafrikanischen Republik zu etwas bringt, der hat entweder in Frankreich studiert, dort die Militärschule besucht oder dort Zeit im Exil verbracht – so wie Bozizé. Dessen Politik aber ist in den letzten Jahren seiner Amtszeit immer unberechenbarer geworden. Womöglich ist das der Grund, warum Paris ihn fallen lässt. Mit den fatalen Folgen rechnete dort vermutlich niemand.

Der geschürte Hass

Auch nach ihrem Plünderungszug in Bangui geht die Séléka nicht in die Kasernen. Die Rebellen und Söldner ziehen stattdessen plündernd durch das Land und verbreiten Angst und Schrecken. Der Ablauf sei stets ähnlich, sagt Peter Bouckaert von Human Rights Watch: „Sie kommen in Geländewagen, fahren mit hoher Geschwindigkeit in ein Dorf rein und eröffnen noch aus den Wagen heraus das Feuer. Sie töten, wen sie können, und stecken danach das Dorf in Brand.“ Die Übergriffe sind so brutal, dass Putschistenpräsident Djotodia seine eigene Bewegung im September 2013 verbieten muss. Doch der Terror geht weiter, und Bouckaert vermutet, dass zumindest enge Vertraute Djotodias auch danach noch Einfluss auf die Ex-Séléka haben: „Wir haben Belege dafür, dass sie Anweisungen aus Bangui folgen – in einem Fall ist ein General nach Bossangoa im Norden gereist, um Ex-Séléka-Truppen zu befehlen, in die Baracken zurückzukehren – das haben sie dann auch getan.” Anfang dieses Jahres trat Djotodia auf Druck zentralafrikanischer Nachbarstaaten zurück, nachdem es ihm nicht gelungen war, die Gewalt im Land zu unterbinden. Doch selbst nach seiner Flucht ins westafrikanische Benin gibt sich die Séléka nicht geschlagen. Im Februar sammelte die Gruppe sich im Norden der Republik, von wo weitere brutale Übergriffe gemeldet wurden.

Zu diesem Zeitpunkt ist mehr als ein Viertel der Bevölkerung auf der Flucht. Wie viele Tote es gibt, weiß niemand genau, vermutlich sind es Tausende. Denn aus dem Kampf von Rebellen gegen Soldaten ist längst ein Kampf von Muslimen gegen Christen geworden. Zur Séléka gehören fast nur Muslime. Wenn sich Kommandeure verständigen, dann tun sie das auf Arabisch – einer Sprache, die in der Zentralafrikanischen Republik eigentlich nicht gesprochen wird. Auch deshalb wird die brutale Séléka schnell als ausländische Besatzungsmacht empfunden. Christen und Anhänger anderer Religionen schließen sich gegen die Séléka in Bürgerwehren zusammen, die sich bald als landesweit agierende Miliz etablieren. Anti-Balaka, „Gegen Macheten“, nennt sich die Gruppe, die sich als christliche Armee auf dem Kreuzzug gegen alle Muslime im Land geriert. Menschenrechtler wie Bouckaert werfen der Anti-Balaka inzwischen ebenso grausame Verbrechen gegen die Menschlichkeit vor wie der Séléka. Seit Djotodias Flucht werden Muslime in der Hauptstadt Bangui sogar auf offener Straße angezündet oder zu Tode geprügelt.

Dabei nutzen die Strategen der Anti-Balaka die Tatsache aus, dass die muslimische Minderheit – ihr Anteil an der Bevölkerung wird auf rund 20 Prozent geschätzt – schon lange Opfer von Hass und Neid ist. Viele Muslime sind traditionell Händler und haben es mindestens zu bescheidenem Wohlstand gebracht – anders als die Mehrheit der Zentralafrikaner, die subsistent lebt. Im Norden gibt es zudem die nomadischen Fulbe, die ebenfalls muslimischen Glaubens sind und mit ihren Rinderherden durchs Land ziehen. Die Rinderherden sind wandelnde Reichtümer, zudem kommt es mit der sesshaften Bevölkerung – vor allem Christen – immer wieder zu Streit über Landrechte. Hass auf die Muslime zu schüren, auch auf die, die nie zur Séléka gehörten, war demnach oft nicht schwierig. Unterstützt wird die Anti-Balaka offenbar zudem von einer machtvollen Eminenz im Hintergrund: von Expräsident François Bozizé, der seine Pfründe noch nicht verloren gibt.

Die Männer im Hintergrund

Ein Beleg dafür ist ein Massaker, das Menschenrechtler in Zéré dokumentiert haben, einem Marktflecken im Nordwesten der Zentralafrikanischen Republik. „Es war vier Uhr in der Frühe, wir waren in der Moschee beim Gebet“, erinnert sich der Imam von Zéré. Die Stimmung im Dorf war angespannt, seit dort einige Tage zuvor fünf Kämpfer der Séléka-Bewegung Stellung bezogen hatten. Doch dass an diesem Morgen gut 100 Anti-Balaka-Kämpfer das Dorf stürmen und ein brutales Massaker anrichten würden, damit hatte niemand gerechnet. Selbst Kinder werden mit Machetenhieben in Stücke geschlagen. Unter den 56 Toten, die in Zéré schließlich zu beklagen sind, waren dem Imam zufolge nur zwei Séléka-Kämpfer. Und noch etwas sieht er: „Das war ein Angriff von Bozizé-Anhängern: Sie hatten gute militärische Ausrüstung, und sie trugen Uniformen.“ Auch das rote Barett, Kennzeichen von Bozizés gefürchteter Präsidentengarde, wollen Bewohner gesehen haben. „Die Anti-Balaka führen inzwischen sehr koordinierte Angriffe aus“, bestätigt Peter Bouckaert. Daran, dass Loyalisten des gestürzten Präsidenten an den Angriffen der Anti-Balaka beteiligt sind, zweifelt er nicht. „Ob Bozizé aus dem Exil Befehle gibt, kann man indes nicht eindeutig beweisen.“

Die Séléka soll ihrerseits von tschadischen Soldaten unterstützt werden – jenen Soldaten, die als Teil einer 5000 Mann starken afrikanischen Friedenstruppe im Land sind. Gemeinsam mit mehr als 1500 Franzosen sollen sie eigentlich einen Völkermord verhindern. Völkermord verfolgt „die Absicht, eine [...] religiöse Gruppe als solche ganz oder teilweise zu zerstören“, heißt es im Völkerrecht. Auch wenn die Motive andere sind und in Wirklichkeit die herrschende Klasse auf dem Rücken der Bevölkerung um die Profite aus legalen wie illegalen Geschäften im Staat streitet – das ist es, was Séléka wie Anti-Balaka offenbar anstreben: Die einen rufen offen zum Dschihad, die anderen zum Kreuzzug auf. Dass trotz der Hetzkampagnen bis heute noch Muslime Christen bei der Flucht helfen und umgekehrt, kann als kleines Wunder gelten.

Nach der Flucht Djotodias wählte der Nationale Übergangsrat die als integer geltende Bürgermeisterin von Bangui, Catherine Samba-Panza, Ende Januar zur Übergangspräsidentin. Doch auch sie hat die Gewalt bislang nicht stoppen können. In Bangui gibt es immer wieder Tote, vor allem außerhalb der Hauptstadt aber herrscht das Recht des Stärkeren. Zum Teil ist das ein altes Problem, denn die Regierung war schon früher nicht in der Lage, ihr Territorium zu schützen. Doch diesmal scheint auch außerhalb der Regierung niemand mehr willens oder in der Lage zu sein, Séléka oder Anti-Balaka Einhalt zu gebieten. Auch deshalb droht die Gewalt im Land nun in einen Genozid zu münden.

Maximal 1000 Soldaten aus Europa, die erst Ende Mai einsatzbereit sein werden (und dann nur für ein halbes Jahr bleiben sollen), werden die Situation kaum stabilisieren können. Zum einen wird man kurzfristig mehr Soldaten – am besten unter UN-Mandat – brauchen, um die Zivilbevölkerung überhaupt ausreichend schützen zu können. Zum anderen muss man die als vollkommen korrupt und unfähig geltenden zentralafrikanischen Sicherheitskräfte neu ausbilden. Das wird Jahre dauern – und so lange werden ausländische Soldaten für Sicherheit sorgen müssen.

Auf Dauer aber wird die Zentralafrikanische Republik nur dann zur Ruhe kommen, wenn aus ihr ein eigenständiger, demokratischer Staat wird. Dazu gehört auch, dass ausländische Unternehmen und Regierungen nicht bald schon wieder diejenigen stützen, die ihnen den maximalen Zugriff auf Ressourcen versprechen. Solange das Land wie ein Selbstbedienungsladen geführt wird, werden die Bozizés und Djotodias zurückkehren wollen. Söldner werden sie immer finden, solange der bewaffnete Kampf die einzige Einkommensquelle ist. Die Zukunft der Zentralafrikanischen Republik hängt also gleich mehrfach von Europa ab – nicht nur im militärischen Sinne.

(aus: »Blätter« 3/2014, Seite 17-20)
Themen: Afrika, Krieg und Frieden und Menschenrechte