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»Islamischer Staat«: Vom Terror zum Kalifat

Wie der asymmetrische Krieg wieder symmetrisch wird

von Bernd Rheinberg

Osama bin Laden war ein Meister der Engrammierung: ein kühl kalkulierender Bildwerfer jenes Schädelkinos, das wir Menschen Gedächtnis nennen. Kaum einer, der die Bilder an jenem 11. September 2001 gesehen hat, wird die Aufnahmen vom brennenden Nordturm des World Trade Center vergessen, vom aufsteigenden Rauch aus der klaffenden, mehrere Stockwerke großen Wunde des Gebäudes und von dem dann plötzlich auftauchenden zweiten Flugzeug, das, die Flügel schräg stellend, in den Südturm rast und in einem gewaltigen Feuerball explodiert und alle Menschen an Bord und in der Nähe der Einschlagstelle augenblicklich in den Tod reißt.

Die Bilder, die der Öffentlichkeit zurzeit aus dem Lager des militanten Islamismus präsentiert werden, zeigen – neben den triumphierenden, drohenden und erniedrigenden Fotos und Filmen von Exekutions- und Entführungsopfern – vor allem dynamische vermummte Kämpfer auf bewehrten Pick-ups, die wehende Fahne der jeweiligen vorwärtsstürmenden Miliz im symbolischen Anschlag. Besonders großer Popularität und Aufmerksamkeit erfreut sich momentan das Panier des Islamischen Staates (IS), vormals Islamischer Staat im Irak und in Syrien (ISIS) oder Islamischer Staat im Irak und in der Levante (ISIL): Auf schwarzem Untergrund heben sich weiß das – nicht offizielle – „Siegel“ Mohammeds („Gottes Prophet Mohammed“) und die Schahada, das islamische Glaubensbekenntnis („Es gibt keinen Gott außer Allah“), ab – all das eindeutig eine Nachempfindung der Kriegsflagge des Propheten.

Der Bezug auf die Tradition wird verstanden – und Tausende folgen dem Ruf. Mit bestialischer Grausamkeit vernichten sie ihre „Gegner“, sprich: alle, die sie als ungläubig ausmachen, ob Jesiden, Christen oder Schiiten, ob Männer, Frauen oder Kinder.

Wie groß das Heer der IS-Dschihadisten mittlerweile ist – niemand weiß es genau zu sagen. Aber da sie in der Lage sind, weite Landstriche in Syrien und im Irak zu erobern und dabei Städte und Industrieanlagen im Handstreich zu nehmen, darf man davon ausgehen, dass die allseits noch immer benutzte Kategorisierung „Terrorgruppe“ eine Untertreibung ist.

Die beiden Inszenierungen für die Weltöffentlichkeit – hier der spektakuläre, medienwirksame Terroranschlag vom 11. September 2001, dort die aktuellen dschihadistischen Wochenschauaufnahmen und entsetzlichen „Shock and Awe“-Videos – verdeutlichen die Veränderungen, die der Dschihad des militanten Islamismus in den letzten Jahren genommen hat. Der Krieg, nach der Jahrtausendwende als „asymmetrisch“ definiert, hat sich erneut gewandelt: Es stehen nicht mehr die Terrorzellen und Einzeltäter gegen die Sicherheitsarchitekturen hoch gerüsteter Staaten im Vordergrund, sondern Milizen, fast schon Armeen, die nach Landgewinn streben – und vollendete Tatsachen schaffen.

Terror und Territorien

Zwar gilt weiterhin: Die Staaten haben das Monopol auf den Krieg verloren. Mit Warlords sowie Guerilla- und Terrorgruppen sind seit dem Rückzug der sowjetischen Truppen aus Afghanistan neue, starke Akteure in das Kriegsgeschäft eingestiegen. Seit den 1990er Jahren ist daraus eine Situation entstanden, die der Europas im Dreißigjährigen Krieg ähnelt, wie Herfried Münkler in seinem Buch über die „Neuen Kriege“ feststellte: „Wir befinden uns in einer Gemengelage aus privaten Bereicherungs- und persönlichen Machtbestrebungen [...], Expansionsbestrebungen der Politiker benachbarter Mächte [...] sowie Interventionen zur Rettung und Verteidigung bestimmter Werte.“[1] Diese Beschreibung trifft weitgehend immer noch zu.

Doch nun haben sich in den letzten Jahren Milizen zu den neuen „Global Playern“ des Krieges entwickelt, zu Machtfaktoren mit einem besorgniserregenden Wachstumspotential. Sie besitzen keine feste territoriale Operationsbasis wie eine staatliche Armee, schwimmen nicht wie Terroristen im Wasser wohlmeinender Gesellschaften, haben auch nicht wie Partisanen eine begrenzende „Heimatverbundenheit“ (wenn sie auch deren Irregularität und Mobilität teilen). Vielmehr bilden sie selbst feste, stützende Gemeinschaften, knüpfen Netzwerke mit anderen Milizen oder Terrorgruppen jenseits staatlicher Grenzen, organisieren Beschaffungs- und Mobilisierungsmärkte sowie strategische Partnerschaften mit Clans.

Basis dieser Milizen sind die Gewaltmärkte zerfallender Staaten, also Märkte mit besonderen Strukturen, in denen organisierte Kriminalität und militante Ideologieunternehmen wie Terrorgruppen und Milizen eng miteinander verflochten sind und die Übergänge von wirtschaftlichen Interessen und Gewaltausübung fließend. Dort bedienen sie sich aus Waffenarsenalen, die von Rüstungsfirmen rund um den Globus bestückt wurden, also vor allem aus Russland, USA, China, Europa und Israel.

Besonders deutlich wird das momentan in Libyen. Es gibt dort mittlerweile – geschätzt – über 200 Milizen: kleinere, größere, bis hin zur Mann- und Waffenstärke von Armeen. Ein staatliches Gewaltmonopol gibt es dagegen kaum noch bzw. gar nicht mehr, es ist auf die Milizen übergegangen, mit allen nachteiligen Folgen für die Bevölkerung: Unsicherheit, Willkür, Terror, brutale Gewalt.

Die Geburt der Miliz aus Gewaltmärkten

Gewaltmärkte sind Brutstätten von Terrorgruppen und Milizen. Die „effizientesten“ Gewaltmärkte sind Bürgerkriege. Der Entwicklungssoziologe Georg Elwert hat schon vor bald zwanzig Jahren die besondere Lernfähigkeit, die rationale Planungskompetenz solcher Märkte hervorgehoben. Sie seien fähig zu evolutiven Prozessen, die den Gewalteinsatz geradezu optimieren, indem sie neue Institutionen und Formen der Gewaltorganisation fortwährend testen.[2]

Die Bürgerkriege in Libyen und Syrien haben dies besonders gezeigt. Sie strahlen folgenschwer in die benachbarten Regionen aus. Von der Levante über Nordafrika bis zur Sahelzone ist ein gigantischer Gewaltmarkt entstanden, in dem Schmuggel, Entführungen, Waffen- und Menschenhandel die einträglichsten Geschäftszweige sind – und mithin auch lukrative Einnahmequellen für Gruppen mit ganz großen Zielen. Die „New York Times“ hat jüngst errechnet, dass allein im Jahr 2013 rund 66 Mio. US-Dollar von europäischen Regierungen an verschiedene Al-Qaida-Gruppen gezahlt worden sind.[3] Das Geld wird allerdings nie als Lösegeld deklariert, sondern als humanitäre Hilfe. Die Öffentlichkeit erfährt davon in der Regel nichts. Das Geschäft wird über Mittelsmänner abgewickelt. Und auch Al Qaida überlässt die Drecksarbeit der Entführung europäischer Bürger meist spezialisierten Verbrecherbanden, die für den Job einen festen Betrag erhalten – aber natürlich weit weniger als das in zähen Verhandlungen erzielte Lösegeld. Mit dem so eingenommenen Geld unterhält man die Gruppe, kauft Waffen, zahlt Schmiergeld usw.

Der „Islamische Staat“ hat dies nur zum Teil nötig. Sein Startkapital dürfte von der Arabischen Halbinsel stammen; danach hat man sich unter anderem mit Entführungen und Anschlägen nach oben gearbeitet und seine kriminellen Fähigkeiten und Mittel diversifiziert. Aber auch davon hat man sich inzwischen zu einem guten Teil emanzipiert, denn der Landgewinn in den ehemaligen Hoheitsgebieten Syriens und Iraks befördert die Unabhängigkeit und den Spielraum durch die Übernahme ganzer moderner Waffenarsenale, Geldhäuser und Industrieanlagen der alten Regime.

Mit der territorialen Expansion und der überall wehenden schwarzen Fahne als Zeichen der Eroberung und des Sieges stößt die islamistische Miliz nun in eine ganz neue Dimension des „Terrors“ vor. Je größer sie selbst wird und je stärker und vielseitiger ihre Bewaffnung, desto mehr steigt die Tendenz zum symmetrischen Krieg – mit Grenz- und Frontverläufen, der Entvölkerung ganzer Landstriche durch Flucht und Vertreibung sowie verlustreicher Kämpfe durch den Einsatz schwerer Waffen. IS steht damit in der Tradition der Zeloten aus der Zeit Christi, die neben den Einzeltaten und gezielten Anschlägen auch schon die direkten Kämpfe mit dem Militär suchten.

Die Geburt des Staates aus dem Geist der Miliz

Der stärkste Verbündete der Miliz und ihr erster Erfolgsgarant – neben der Ideologie – ist im Moment der Erfolg selbst. Er führt ihr immer neue Kämpfer und Unterstützer zu. Nicht von ungefähr wird die schwarze Fahne stets ins Bild gerückt, symbolisiert sie doch nicht nur die Tradition und den Kampf, sondern auch das Ziel: den islamistischen Staat, das Kalifat.

Erleben wir also gerade die Geburt eines Staates aus dem Geist der Miliz, die verschweißt ist durch eine fanatische Ideologie, die Sehnsucht nach einem Reich der gläubigen und gottgefälligen Muslime und die Bewährung durch den blutigen Kampf gegen den Feind, den Ungläubigen?

Tatsächlich hat IS teilweise bereits staatlichen Charakter angenommen: Die Miliz unterhält Gerichte, Schulen, Ämter, Wohlfahrtseinrichtungen und besitzt – eindeutig – als Insignium der Macht eine Flagge. Die Merkmale eines modernen Staates wie Verfassung, Rechtsstaatlichkeit, Gewaltenteilung und Legitimierung durch einen weltlichen Souverän fehlen selbstverständlich – und das werden sie auch weiterhin tun. Die Scharia wird die Grundlage allen Rechts sein, vielleicht sogar der einzige, alles umfassende Kodex. Die Souveränität wird beim selbst ernannten Kalifen liegen, der sich in die Tradition der rechtgeleiteten Nachfolger des Propheten im 7. Jahrhundert stellt.

Andere Merkmale von Staatlichkeit, wie Gewaltmonopol, Herrschaft über ein bestimmtes Territorium, Bürokratie, Besteuerungsrecht, sind in dem Milizstaat des IS bereits vorhanden. Der Expansionswille diktiert das vornehmliche Interesse an einer Kriegswirtschaft, sie soll Geld und Waffen zuführen bzw. als Druckmittel dienen und den Gegner schwächen. Daher die schnelle Eroberung der Ölanlagen im Irak und Anlagen der Wasserversorgung. (In Libyen sind es auch die Ölanlagen, um die gekämpft wird, aber auch die Häfen; im Süden Algeriens waren es die Gasanlagen.)

Der Milizstaat ist kein Schattenstaat, wie ihn beispielsweise die PLO bis zum Tode Arafats jahrzehntelang betrieb, und auch kein Nationalstaat moderner Prägung. Er ist ein Kriegsstaat, der ohne die Strukturen von Gewaltmärkten nicht überleben kann – diese aber selbst fördert. Das ist das besondere Problem für die Welt.

Unabhängig davon bietet dieser Staat keine dauerhafte Perspektive für eine Bevölkerung, die Frieden, Sicherheit und wenigstens geringen Wohlstand sucht. In den IS-Gebieten ist über kurz oder lang mit Aufständen von Clans zu rechnen, die wiederum Milizen bilden werden (in Libyen ist dies bereits eingetreten). Gegen das Gebilde, das daraus entsteht, wirkt eine zerbrochene Vase geradezu heil. Die Flüchtlingsströme und der dauerhafte Krieg werden zu gewaltigen Belastungen für die Länder in der Nachbarschaft von Milizstaaten. Nur mit massiver Hilfe von außen werden sie dem Ansturm der „Gotteskrieger“ standhalten können und einen sicheren Hafen bilden für Menschen, die alles verloren haben.[4]

Islamismus und innerkonfessioneller Bürgerkrieg

Das Ziel des IS ist Bagdad. Aber ist das auch das Ende? Aus Bagdad sollen die Schiiten vertrieben werden – so will es der IS als potenter Vollstrecker angeblichen sunnitischen Willens im innerkonfessionellen Bürgerkrieg der Muslime. Befeuert wird er von Islamisten rund um die Welt, die ihn erbarmungslos vorantreiben. Vor allem deswegen sind die ersten Opfer des Islamismus Muslime selbst: „Andersgläubige“, Widersacher, Abweichler, Gemäßigte. Man hat über die Aktionen von Al Qaida, die dem vorrangigen Hass auf die Amerikaner, die Juden, den Westen geschuldet waren, vergessen, dass die islamische Welt dem Dschihad der Islamisten bislang den höchsten Blutzoll entrichten musste. Mit dem Erfolg der islamistischen Milizen ändert sich diese Wahrnehmung vielleicht.

Doch die Agenda der Islamisten ist noch lange nicht abgearbeitet. Auch wenn der innerislamische Bürgerkrieg im Moment im Vordergrund steht, so sind die anderen Ziele bei den Islamisten nicht vergessen. Dazu gehört natürlich weiterhin – als zweite von vier ideologischen Säulen – die Feindschaft gegen den Westen und dessen Liberalität, Individualismus, Pluralismus, Säkularismus. Al Qaida, wenn auch geschwächt und bei potentiellen Dschihadisten etwas aus der Mode, hat ihre Tätigkeit mitnichten eingestellt und weiterhin Anschläge gegen den Westen und seine Verbündeten im Auge. Aber die Headhunter der islamistischen Milizen sind erfolgreicher, weil der offene Kampf mit Landgewinn attraktiver und die Prioritätensetzung eine andere ist: Neben dem innerislamischen Bürgerkrieg ist die Errichtung eines Kalifats, die dritte ideologische Säule, mit der Einführung der Scharia und der Selbstinauguration von Abu Bakr al-Baghdadi als Kalif vorläufig schon eine Tatsache. Sollte er mit seiner Miliz Bagdad erreichen, würde er die nostalgischen Sehnsüchte der Islamisten nach dem Goldenen Zeitalter unter den rechtgeleiteten Kalifen im 7. Jahrhundert weltweit wenigstens zum Teil befriedigen und weitere Hoffnungen beflügeln.

Auf jeden Fall landete al-Baghdadi einen Coup, als er Ende Juni, fast genau 90 Jahre nach der Abschaffung des letzten Kalifats durch die türkische Nationalversammlung – eine weltliche Institution! –, die Gründung des Kalifats Großsyrien per Twitter bekannt gab. Die Wiederherstellung des Kalifats war schon für Osama bin Laden ein vorrangiges Ziel, aber er hatte nie die Chuzpe, den Größenwahn oder die Stärke besessen, das Kalifat auszurufen. IS und al-Baghdadi haben das Ziel nun einfach zum Mittel gemacht. Ob diese Strategie aufgeht, wird sich zeigen.

Das Kalifat, die gottgerechte Herrschaft in der Nachfolge Mohammeds, bleibt Phantasma und Obsession der Islamisten. Der Ort, der „Fruchtbare Halbmond“ um Euphrat und Tigris, ist gut gewählt. Das Kalifat bietet nicht nur die Möglichkeit, die Folgen des verhassten Sykes-Picot-Abkommens von 1916[5] zügig und nachhaltig zu revidieren, sondern sich auch auf das Kalifat der Abbasiden zu beziehen, das immerhin über fünfhundert Jahre, von 749 bis 1258, Bestand hatte, und damit aller Welt zu zeigen, dass nicht so sehr ein neues „Nation-“, sondern gleich ein „Empire-Building“ auf der Tagesordnung steht.

Und dann die ganze Welt?

Die Miliz des Islamischen Staates ist diesbezüglich auch ein Vorbild, fungiert sie doch durch die Internationalität ihrer Kämpfer quasi als Schule eines neuen Panislamismus, der – so die vierte Säule der islamistischen Ideologie – die Spaltung der Umma, der Gemeinschaft aller Muslime, im Sinne strenger Gottgefälligkeit überwinden helfen soll.

Was hier, im Nahen Osten, in nuce passiert, besitzt Strahlkraft über fast den gesamten Globus. Es ist nicht falsch und auch kein schiefes Bild, wenn man behauptet, dass der Islamismus – trotz gelegentlicher Rückschläge – auf dem Vormarsch ist. Es gibt islamistische Gruppen von den Philippinen über Indonesien und Thailand bis nach China, Pakistan, Afghanistan und Zentralasien; es gibt sie in der gesamten arabischen Welt ebenso wie in Europa (allein in Deutschland soll es knapp dreißig, wenn auch kleine bis winzige islamistische Gruppen geben); es gibt sie verstärkt in Afrika, insbesondere in dem breiten Streifen zwischen Mauretanien und Somalia, aber auch in Nigeria und Tansania usw. Die Gründe sind unterschiedlicher Natur, und doch gibt es viele Gemeinsamkeiten. Gerade in Afrika, wo rund 45 Prozent der Bevölkerung islamischen Glaubens sind, wird der Islamismus ständig genährt durch Perspektivlosigkeit, Verelendung, Repression, Staatsversagen, Korruption und multiethnische Spannungen. Außerdem ist der Kampf, ob sich Afrika islamisiert oder ob sich der Islam afrikanisiert, nicht neu; er wird seit Jahrhunderten ausgetragen. Aber in den letzten Jahren ist noch einmal deutlich geworden, wie der Islamismus Vielfalt, nämlich die höchst unterschiedliche historische und kulturelle Erfahrung des Islams (beispielsweise des Sufismus) radikal einebnet. Diese Einebnung vollzieht sich durch die rücksichtslose und vollständige Zerstörung von Kulturgütern (wie im malischen Timbuktu) oder gar von Moscheen und Heiligengräbern.

Der schier unendliche Raum der Sahara und des Sahel bietet den islamistischen Milizen Rückzugs- und Aufmarschgebiete sowie Platz für Ausbildungslager. Weite Teile der Wüste sind so längst an die Milizen verloren gegangen, von dort werden die Länder Nordafrikas, aber auch Mali, Niger und der Norden Nigerias destabilisiert. So ist von der Mittelmeerküste Libyens bis Nigeria eine labile wie explosive Situation entstanden, in der islamistische Milizen, Terrorgruppen, kriminelle Banden an der Dystopie eines riesigen gemeinsamen Gewaltmarktes arbeiten, aus dem irgendwann ein islamistisches Regime entstehen könnte. Man kann zwar auf die Gegensätze, den Neid und die Konkurrenz der unterschiedlichen Gruppen hoffen, dass sich dadurch die Gefahr erübrigen möge. Doch bislang funktioniert die Zusammenarbeit prächtig. Mit den Worten des Literaturnobelpreisträgers Wole Soyinka jüngst in der „taz“: „Das radikalislamistische Netzwerk ist eine Realität, eine Bedrohung für den gesamten afrikanischen Kontinent, aber die Sprache der Political Correctness hat es vermocht, die Tatsachen zu verschleiern.“[6]

Fast schon vergessen: Es ist beispielsweise erst zwei Jahre her, dass französische Truppen mit Unterstützung anderer europäischer Länder den Vormarsch der salafistischen AQMI (Al Qaida des islamischen Maghreb), der islamistischen Tuareg-Gruppe Ansar Dine und der MUJAO (Bewegung für Einheit und Dschihad in Westafrika) in Mali zurückschlugen. Diese waren mit Tuareg-Rebellen der säkularen MLNA, die nach Unabhängigkeit streben, ein Zweckbündnis eingegangen. Sowohl der Einsatz des französischen Militärs als auch die Aufkündigung des Bündnisses durch die Tuareg der MLNA – sie wollten die Scharia in den besetzten Gebieten nicht akzeptieren – zwangen die Islamisten in eine vorübergehende Niederlage in diesem symmetrischen Teil des globalen Krieges.

Viele Jahre stand für den militanten Islamismus der Terrorkampf gegen den „großen Satan USA“ und seine Verbündeten im Vordergrund. Dieser Kampf wird auch vorerst nicht enden. Die Errichtung und Expansion islamistischer Milizstaaten und die Einführung der Scharia in diesen Gebieten könnte uns aber wieder ins Bewusstsein rufen, dass der Kampf der Dschihadisten zuallererst ein Kampf gegen Andersdenkende und Andersgläubige, gegen die Trennung von geistlicher und weltlicher Macht, gegen Freiheit und Demokratie, vor allem aber gegen unseren Lebensstil ist; er gilt ihnen als dekadent, pervers, materialistisch, gottlos, sprich: sündhaft.

Daher gilt leider der alte Satz weiterhin: „Ihr interessiert euch vielleicht nicht sehr für den Krieg, aber der Krieg interessiert sich sehr für euch.“

 


[1] Herfried Münkler, Die neuen Kriege, Reinbek 2002. 

[2] So schön zusammengefasst in seinem Festvortrag zum Leibniztag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften im Juni 2002: Die Attentäter des 11. September. Terrorismus unter dem Dach von Ideologieunternehmen; detaillierter in vielen anderen seiner Publikationen. 

[3] Vgl. „New York Times“, 30.7.2014. 

[4] Vgl. Gülistan Gürbey, Auf den Trümmern des Irak: Das kurdische Dilemma, in: „Blätter“, 8/2014, S. 9-12. – D. Red. 

[5] Vgl. Björn Blaschke, Syrien und die neue Al-Qaida-Achse, in: „Blätter“, 4/2014, S. 15-18. – D. Red. 

[6] Wole Soyinka, „Wie ein tollwütiger Hund“, Gespräch über die Gewalt in Nigeria, in: „die tageszeitung“, 30.7.2014.

(aus: »Blätter« 9/2014, Seite 47-53)
Themen: Fundamentalismus, Krieg und Frieden und Naher & Mittlerer Osten