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Kurzgefasst

Lamya Kaddor: Dschihad aus Dinslaken: Der Weg in den »Heiligen Krieg«, S. 45-57

Längst findet der Dschihad nicht nur in Syrien oder Irak, sondern auch in Deutschland statt. Die Islamwissenschaftlerin und Religionspädagogin Lamya Kaddor hat erlebt, wie einige ihrer Schüler in Dinslaken zu „Heiligen Kriegern“ wurden. Die Salafisten erkennen die Orientierungslosigkeit der Jugendlichen und bieten ihnen einen Heimatersatz. Doch statt „Dschihad-Romantik“ erwartet diese eine ideologische Rosskur: Die Welt in Gut und Böse eingeteilt – und am Ende sind die Jugendlichen zu allem bereit.

Micha Brumlik: »Israel, ich bleibe!« Als Deutscher unter Deutschen, S. 59-68

Während der Antisemitismus in Europa zunimmt, bemüht sich Israel verstärkt um jüdische Immigranten, getreu dem eigenen Selbstverständnis als „Heimstatt aller Juden“. „Blätter“-Mitherausgeber Micha Brumlik, selbst jüdischer Herkunft, als Kind deutscher Flüchtlinge in der Schweiz geboren und in Frankfurt a. M. aufgewachsen, setzt sich mit dieser Aufforderung auseinander: Derweil von der sicheren Heimstatt Israel heute keine Rede sein kann, ist die Bundesrepublik „der beste Staat“, den die „Biodeutschen“ je hatten – nicht zuletzt dank jener jüdischen Remigranten, die entscheidend zum Aufbau der liberalen Bonner Republik beigetragen haben.

Robert von Olberg: Versprochen, gebrochen. Die SPD und das Aufstiegsversprechen, S. 69-76

In Umfragen verharrt die SPD seit Monaten auf dem historischen Tiefstand von 25 Prozent. Doch während die Partei dies als „Imageproblem“ abtut, erkennt der Politikwissenschaftler Robert von Olberg eine weit tiefer liegende Ursache – nämlich die Abkehr von dem sozialdemokratischen Markenkern schlechthin: dem Aufstiegsversprechen für jedermann. Nicht zuletzt als Folge der Agenda 2010 herrscht heute allerorten Abstiegsangst. Will sich die SPD aus ihrer Misere befreien, muss sie sich auf ihr einstiges Versprechen besinnen und die Chancengleichheit fördern.

Sebastian Mayer: Putin der Getriebene? Wider den Strukturdeterminismus in der Russland-Ukraine-Debatte, S. 77-83

Viele Kommentatoren und (Populär)wissenschaftler aus der neorealistischen Schule reduzieren den Ukrainekonflikt auf ein einfaches Reiz-Reaktionsschema: Der Westen hat agiert, Putin musste reagieren. Der Politikwissenschaftler Sebastian Mayer widerspricht dieser Exkulpationslogik. Die russischen Handlungsmotive ließen sich keinesfalls allein mit strukturdeterministischen Kategorien erfassen. Vielmehr bringt Putin die europäische Friedens- und Völkerrechtsordnung ganz gezielt ins Wanken – der Westen darf das nicht teilnahmslos hinnehmen.

Ernst Engelberg: Großmächte im Gleichgewicht. Bismarcks Werk und Erbe, S. 85-94

Otto von Bismarck, dessen Geburtstag sich am 1. April zum 200. Mal jährt, ist eine der umstrittensten Persönlichkeiten des 19. Jahrhunderts. Erzkonservativ von Herkunft wurde er doch zum „Revolutionär von oben“ und zum Gründer des deutschen Nationalstaats. Der Historiker Ernst Engelberg analysiert Bismarcks Werk und Wirkung. Obschon hoch aggressiv in der Einigungspolitik, gelang es Bismarck, die widerstreitenden Interessen der europäischen Nachbarstaaten auszugleichen. Bis heute bleibt seine Bündnis- und „Entspannungspolitik“ damit hoch aktuell.

Rolf Hosfeld: Eine »Ära der Säuberungen«: Der Völkermord an den Armeniern, S. 95-108

Vor 100 Jahren ereignete sich der erste Genozid des 20. Jahrhunderts: die systematische Vernichtung der Armenier durch das Osmanische Reich. Doch die türkische Regierung erkennt den Völkermord bis heute nicht an. Der Kulturhistoriker Rolf Hosfeld arbeitet die Hintergründe des Massenmords auf. Ganz gezielt wurde der Erste Weltkrieg ausgenutzt, um den vermeintlichen inneren Feind auszulöschen. Mit nachhaltigen Folgen: Mit dem Verbrechen an den Armeniern beginnt auch der Versuch, Genozide international unter Strafe zu stellen.

Wolfgang Streeck: Wie wird der Kapitalismus enden? Teil II, S. 109-120

Finanzkrise, Schuldenkrise, Umweltkrise: Wir erleben die Krise in Permanenz. Stößt also die immer weiter vorangetriebene Expansion des Marktes bald an ihre gesellschaftlichen Grenzen? Der Soziologe Wolfgang Streeck zeigt im zweiten Teil seiner Analyse, an welchen Funktionsstörungen das globale kapitalistische System leidet – und wie es Schritt für Schritt zu zerfallen droht. Was in absehbarer Zukunft fehlt, sind die notwendigen Ressourcen, um die wachsenden Verteilungskonflikte einzudämmen. Das aber könnte auf lange Sicht das Ende des Kapitalismus bedeuten.

(aus: »Blätter« 4/2015, Seite 43-44)