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Trittbrettfahrer IS

von Björn Blaschke

Das Sprachrohr des IS heißt „Amaq“, zu Deutsch: „Die Tiefe“. Und in dem von der Tiefe verbreiteten Tweet klang es eindeutig: „Der bewaffnete Angriff, der im Nachtklub in der Stadt Orlando im amerikanischen Bundesstaat Florida stattfand und bei dem mehr als 100 Menschen getötet oder verletzt wurden, wurde von einem Kämpfer des Islamischen Staates geführt.“ Ähnliches wurde kundgetan, nachdem am darauffolgenden Tag, dem 13. Juni, ein Mann in einem Vorort von Paris ein französisches Polizistenpaar ermordet hatte.

Doch so eindeutig wie diese Meldungen klingen, sind sie nicht. Denn der IS verschickt keine Mitgliedschaftsanträge. Er hält auch keine Mitgliedschaftseignungstests in Syrien oder im Irak ab, und er verleiht keine Mitgliedskarten oder -urkunden. Wer nach Syrien oder in den Irak kommt, um sich dem IS anzuschließen, wird sogar von dessen Spezialisten scharf befragt, allein schon um zu verhindern, dass Spitzel die Organisation infiltrieren. Das allerdings betrifft nicht die sogenannten einsamen Wölfe, also Einzeltäter, oder andere Terrorgruppen. Für sie gilt vor allem eines: Wer zum IS gehören will, braucht Geld, Waffen und den Willen, andere Menschen zu ermorden. Wer diese drei Voraussetzungen erfüllt, legt einen baa’ya ab, einen Eid, und schon ist er Teil des IS.

Das hat beispielsweise Ansar Bayt al-Maqdis getan. Diese Gruppe, deren Name ins Deutsche übersetzt „Unterstützer des Heiligen Hauses“ bedeutet, wurde 2011 auf der ägyptischen Sinai-Halbinsel gegründet. Drei Jahre lang griffen ihre Terroristen ägyptische Sicherheitskräfte an, sie mordeten und raubten. Dann, 2014, schworen sie dem IS-Führer, Abu Bakr al-Baghdadi, die Treue. Seither nennt sich die Gruppe „Islamischer Staat – Provinz Sinai“. Für die IS-Führung brachte dieser Schritt keinerlei Verpflichtungen mit sich: Sie musste ihrem Sinai-Ableger weder Geld noch Waffen liefern. Wenn Angriffe oder Anschläge der Ägypter scheitern, schweigen die IS-Sprachrohre. Aber jedes erfolgreiche Attentat, das die Mörderbande vom Sinai tatsächlich oder auch nur angeblich selbst verübt, kann die IS-Führung ideologisch ausschlachten. Für sie ist das ein billiges Geschäft – und ein lukratives obendrein.

Genauso verhält es sich wahrscheinlich auch mit dem Mörder von Orlando: Der Mann, ein afghanisch-stämmiger US-Bürger, hatte sich seine Waffen selbst besorgt. Und er war bereit, andere Menschen zu ermorden, in diesem Falle Lesben und Schwule, die bekanntlich auch vom IS verfolgt werden. Bisher ist nicht bekannt geworden, dass der Täter jemals in Syrien oder im Irak gewesen war. Doch den Eid auf den IS legte er ab, als er vor dem Blutbad die 911 wählte. In seinem Anruf bei der US-Notfallnummer bekannte er sich zur Terrororganisation. Und nach dem Massenmord bekannte sich der IS zu ihm, indem sein Sprachrohr den Mörder zum IS-Kämpfer machte.

Trittbrettfahrer nutzen den IS – und der IS nutzt die Trittbrettfahrer, indem er selbst zum Trittbrettfahrer wird. Das ist eine neue Version des Terror-Franchise – und eine Gefahr, die nicht unterschätzt werden darf. Das gilt gerade in Zeiten, in denen Militärstrategen und Politiker erklären, der IS verliere an Boden. Denn auf diese Weise kann jeder durch ein bloßes Bekenntnis – in Verbindung mit einem Mord – IS-Mitglied werden. IS ist dann nur mehr ein Logo, unter dem jeder firmieren kann, der dazu bereit ist.

Das könnte obszönerweise selbst dazu führen, dass eines Tages solche Täter Verbrechen verüben, die so grausam sind, dass sie sogar dem IS nicht ins terroristische Konzept passen. Derzeit mag dieser Gedanke eher theoretisch wirken, angesichts all der Grausamkeiten, mit denen der IS in die Schlagzeilen gerät. Aber möglich ist es allemal.

Wettbewerb der Grausamkeit

Das aber könnte zwei Folgen haben, die beide anhand der Geschichte des IS deutlich werden.

Im Irak erlangte nach dem Sturz von Saddam Hussein, zur Zeit der US-Besatzung, ein Mann namens Abu Mussab al-Sarkawi traurige Berühmtheit. Er und seine Gruppe gehörten zu den ersten, die vor laufender Kamera Ausländer enthaupteten. Und sie hatten auch keinerlei Scheu, andere Muslime zu Ungläubigen zu erklären und zu töten – sei es, weil sie mit den Amerikanern zusammenarbeiteten oder sei es, weil sie mit der neuen irakischen Führung kooperierten, die ihrerseits mit den Besatzern kollaborierte. Soweit bekannt ist, hatte Sarkawi zuvor mehrfach Osama bin Laden getroffen; jenen Mann also, der maßgeblich für die vielen Tausend Toten vom 11. September 2001 verantwortlich war. Doch selbst bin Laden sollen Sarkawis Ansichten zu extrem gewesen sein. Trotzdem hat er Sarkawi quasi adoptiert, als dieser begann, im Irak zu morden: Vermutlich weil bin Laden Angst hatte, dass Sarkawi ihm den Rang ablaufen könnte, erklärte er ihn zu seinem Vertreter für den Irak. So wurde Al Qaida im Irak zum Trittbrettfahrer.

Das aber heißt erstens: Möglicherweise wird auch der IS eines Tages durch die Grausamkeiten anderer herausgefordert – und wahrscheinlich wird auch er dann versuchen, sie für sich einzunehmen – um selbst noch grausamer zu werden.

Jedoch würde das den IS, zweitens, letztlich nicht davor schützen, am Ende ins Abseits zu geraten – wie das Beispiel von Al Qaida im Irak ebenfalls zeigt. Lange nachdem die US-Amerikaner Abu Mussab al Sarkawi und Osama bin Laden getötet hatten, trennten sich deren „Erben“: Zunächst hatte bin Ladens Wiedergänger, Aiman al-Sawahiri, noch versucht, Sarkawis Nach-Nach-Nachfolger auf Linie zu bringen, aber letztlich schloss er ihn von Al Qaida aus. Sein Name lautete: Abu Bakr al-Baghdadi.

Das Monster und sein Schöpfer

Der führte ohnehin eine Organisation, die schon lange nicht mehr Al Qaida im Irak hieß, sondern sich Islamischer Staat in Syrien und im Irak (ISIS, später kurz IS) nannte. Nach dem Bruch mit Al Qaida ging er dann endgültig eigene Wege und rief sein eigenes Kalifat aus. Und verglichen mit diesem – so wirkt es derzeit – verliert Al Qaida immer mehr an Bedeutung. Kurzum: Der Trittbrettfahrer des Trittbrettfahrers wird überrollt.

Oder anders ausgedrückt: Das Biest Al Qaida hat das Monster IS mit erschaffen – und dieses Monster verdrängt seinen Schöpfer. Das aber kann dereinst auch dem IS widerfahren, wenngleich dies heute noch unwahrscheinlich wirkt.

Doch die Mörder von Orlando und Paris könnten erste Anzeichen dafür sein, dass sich der IS in eine neue Richtung entwickelt. Nur ist nicht klar, in welche. Klar ist allerdings eines: Die Entwicklung zum „Immer-noch-schlimmeren“ kann nur durch eines gebremst werden – indem den Mörderbanden vom Schlage des IS und Al Qaidas endlich der ideologische Boden entzogen wird.

(aus: »Blätter« 7/2016, Seite 29-30)
Themen: Fundamentalismus, Krieg und Frieden und Innere Sicherheit