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»Wir werden frei sein!«

Schwarzer Widerstand von Martin Luther King bis Black Lives Matter

von Inken Behrmann

Das Jahr 1968 markierte in den Vereinigten Staaten in gewisser Weise schon den Tiefpunkt jener Revolte, die weltweit unter dem Label „68er-Bewegung“ in die Geschichtsbücher eingehen sollte. Nachdem die Bürgerrechtler, Hippies und Studenten das Land seit den 1950er Jahren kulturell tiefgreifend verändert hatten, wurde es 1968 durch zwei tödliche Attentate regelrecht traumatisiert. In der Nacht vom 4. zum 5. Juni 1968 wurde der linke Senator Robert Kennedy im Vorwahlkampf für die Präsidentschaft erschossen, keine fünf Jahre nach seinem Bruder, dem damaligen Präsidenten John F. Kennedy. Bereits zwei Monate zuvor, am 4. April 1968, war die charismatische Führungsfigur der Schwarzen Bürgerrechtsbewegung,[1] Martin Luther King Jr., ermordet worden.

Am Vortag seines Todes kam King in die Stadt Memphis im US-Bundesstaat Tennessee und sprach den dort streikenden Müllmännern Mut zu. In seiner Rede „I‘ve been to the Mountaintop“ (zu Deutsch: Ich bin auf dem Gipfel des Berges gewesen) zog King eine Analogie von der Bürgerrechtsbewegung zur biblischen Exodus-Geschichte. Moses, der das Volk Israel aus der Sklaverei führte, konnte das versprochene Land vom Berg Nebo aus sehen. Auch King sah das gelobte Land bereits vor sich liegen: „das neue New York, das neue Atlanta, […] das neue Memphis, Tennessee“. So wie das Reich Gottes für Jesus bei den armen Menschen beginnt, so blickte auch King auf die „Slums hier und Gottes Kinder, die nicht einmal drei Mahlzeiten am Tag essen können“. In aller Welt stünden Menschen gegen die wirtschaftliche und soziale Ungerechtigkeit auf. Ihr Ruf sei allerorten zu vernehmen: „Wir wollen frei sein!“[2]

Ebenso wie Moses sollte auch King das versprochene Land nicht mehr erreichen – und auch die Schwarze Bevölkerung bislang nicht. Noch immer bestimmen Armut und Rassismus den Alltag vieler Schwarzer Gemeinden in den USA. Und nur wenige Schwarze Menschen entkommen dem Teufelskreis aus Antidrogenkrieg, Kriminalisierung und Armut.

Doch hat der Kampf gegen den institutionalisierten Rassismus in den USA in jüngster Zeit neue Kraft gewonnen. „Sterne kann man nur sehen, wenn es dunkel genug ist“, wusste bereits King. Ein besonders heller Stern ist derzeit das Movement for Black Lives (M4BL), ein US-amerikanisches Netzwerk aus mehr als 50 Organisationen, die sich gemeinsam gegen Rassismus, Diskriminierung und Armut stark machen. Die 2014 entstandene Bewegung setzt den Kampf Kings fort und knüpft – wenn auch ohne Führungsfigur – direkt an die frühe Bürgerrechtsbewegung an. „Rassismus, Kapitalismus und Sexismus sind immer noch dieselben wie damals“, so Patrisse Khan-Cullors, eine Organisatorin des Black-Lives-Matter-Netzwerks. „Und wann immer Menschen nicht bekommen, was sie verdienen [...], werden sie sich erheben.“[3]

Das unvollendete Erbe

Mitte der 1950er Jahre war es Martin Luther King, der gegen die weiße Vorherrschaft aufstand. Bis heute ist er die Ikone der Schwarzen Bürgerrechtsbewegung und gilt als der „bedeutendste und erfolgreichste organische Intellektuelle der amerikanischen Geschichte“.[4] In den nunmehr fünf Jahrzehnten seit seiner Ermordung wurde er zwar zu einer Schlüsselfigur der amerikanischen Kultur, seine politische Vision blieb in ihrer Radikalität jedoch unvollendet. Während die Errungenschaften der Bürgerrechtsbewegung so längst Teil der nationalen Erzählung in den USA sind,[5] wurden ihre radikalen und nach wie vor hochaktuellen Forderungen unter den roten Teppich der Ehrerbietung für King gekehrt. Die populäre Erzählung über die Bürgerrechtsbewegung erweckt somit den Eindruck, Rassismus sei ein Problem der Vergangenheit. Davon profitiert nicht zuletzt die weiße Mittelschicht, die sich diese Erzählung als Teil ihrer nationalen Fortschrittsgeschichte aneignen kann und sich damit zugleich auch drängenden Fragen nach dem fortbestehenden Rassismus nicht länger stellen muss.

Die bekannte Geschichte des Bürgerrechtlers Martin Luther King beginnt mit dem Montgomery Bus Boycott im Dezember 1955. Rosa Parks, damals eine Schwarze Frau Anfang 40, blieb auf dem Platz eines Busses sitzen, den ein weißer Mann für sich beanspruchte, und wurde daraufhin verhaftet. Aus Protest boykottierte die Schwarze Bevölkerung für mehr als ein Jahr den öffentlichen Nahverkehr in Montgomery, der Hauptstadt des US-Südstaates Alabama – ein Protest, der symbolische Bedeutung für den Widerstand gegen die Segregation im ganzen Land gewann. Während des Boykotts wurde der junge Pastor Martin Luther King zur Galionsfigur der Bewegung. Jahre der Organisierung und der Marsch auf Washington mit der berühmten „I Have a Dream“-Rede folgten, bis die Bewegung zwischen 1964 und 1968 wichtige legislative Erfolge erzielte: Die gesetzliche Rassentrennung wurde beendet und die Diskriminierung Schwarzer Menschen bei der Wohnungsvergabe, auf der Arbeit und bei Wahlen offiziell für illegal erklärt.

Die nationale Erzählung der Bewegung endet in den 1960er Jahren mit den Bürgerrechtsgesetzen. In Vergessenheit gerät dabei jedoch zumeist, dass Proteste gegen sozioökonomische Missstände in den letzten Jahren vor der Ermordung Kings erheblich an Bedeutung gewannen. Bereits 1958 beschrieb King ökonomische Ungleichheit als „den Zwilling“ rassistischer Ungleichheit und zog Parallelen zwischen kommunistischen Idealen und dem Christentum als Protestbewegungen gegen soziale Ungerechtigkeit.[6]

In den späten 1960er Jahren verschärfte King diese Kritik. Um die Dringlichkeit politischen Handelns zu verdeutlichen, verglich er etwa 1967 in einer Vortragsreihe die Armut Schwarzer Menschen in den USA mit einem Hausbrand: „Für die Schwarzen und Armen dieser Gesellschaft brennt das Feuer jetzt. Aufgrund der grausamen wirtschaftlichen Ungerechtigkeit leben sie unter tragischen Umständen, die sie in einer ‚Unterklasse‘ gefangen halten. […] Die einzigen wirklichen Revolutionäre, sagen die Leute, sind jene, die nichts zu verlieren haben. Es gibt Millionen arme Menschen in diesem Land, die wenig oder gar nichts zu verlieren haben. Wenn diese Menschen sich verbünden, werden sie zu einer neuen, gewaltigen politischen Kraft in unserem allzu selbstzufriedenen Land.“[7]

Gegen die soziale und wirtschaftliche Ungerechtigkeit organisierte King im Jahr seiner Ermordung einen zweiten Marsch nach Washington – diesmal von Arbeitslosen und Armen –, der in eine regelrechte Belagerung der Stadt münden sollte.[8] Die Demonstrantinnen und Demonstranten forderten unter anderem ein Mindestjahreseinkommen, vergleichbar mit dem bedingungslosen Grundeinkommen. Und weniger als eine Woche nach seiner Ermordung führte Coretta Scott King, Aktivistin und Witwe Martin Luther Kings, den Poor People’s March durch die US-Hauptstadt. Dessen Erfolg hielt sich allerdings in Grenzen: Zwar wurde 1968 ein Gesetz zur Gleichberechtigung bei Mietpreisen verabschiedet, ein umfangreiches Sozialprogramm scheiterte jedoch im Kongress.

Martin Luther King war bei alldem jedoch kein Einzelkämpfer, sondern vielmehr die Galionsfigur einer überaus gut organisierten Bewegung. Ella Baker, damals eine der wichtigsten Organisatorinnen, sagte, „die Bewegung erschuf eher Martin, als dass Martin die Bewegung erschaffen hätte“.[9] Sein Wirken muss deshalb im Rahmen dieser Organisierung verstanden werden. Ebenso ist der Kampf gegen Segregation mit jenem gegen soziale und ökonomische Ungleichheiten eng verwoben. Erst diese Kontextualisierung gibt den Blick auf Analysen aus der Bewegung frei, welche die Armut Schwarzer Menschen als eigenständiges System rassistischer, kapitalistischer und sexistischer Ausbeutung verstanden haben.

Insbesondere für Schwarze Frauen manifestierten sich die rassistische Diskriminierung und sexistische Dominanz von weißen und Schwarzen Männern auch materiell in Lohnunterschieden. Das alltägliche Erleben dieser Mehrfachdiskriminierung veränderte die Perspektive der Betroffenen auf den notwendigen gesellschaftlichen Wandel radikal: „Wir müssen feststellen, auf welche Art und Weise der Kapitalismus uns unterdrückt und dann neue Institutionen bauen, […] die alle Formen der Unterdrückung abschaffen“, schrieb die Schwarze Feministin Frances Beale im Jahr 1970.[10] Erst wenn Rassismus, Sexismus und kapitalistische Ausbeutung zusammengedacht und zusammen bekämpft werden, hätten Schwarze Frauen eine Chance auf gesellschaftliche Gerechtigkeit und Gleichheit.

Krieg gegen die Drogen statt gegen die Armut

Der politische Kampf der Schwarzen Bewegung war mit dem Tod Kings keineswegs abgeschlossen. Das zeigte sich allzu deutlich in den 1970er Jahren – die vor allem von einem politischen Backlash gekennzeichnet waren. Anstatt des von King geforderten War on Poverty[11] erklärte Präsident Richard Nixon im Jahr 1971 den War on Drugs – den Krieg gegen die Drogen. Laut John Ehrlichman, einem engen Berater Nixons, hatte das Weiße Haus damit zwei neue Feindbilder geschaffen: die Antikriegslinke und Schwarze Menschen. „Wir wussten, dass wir es weder für illegal erklären konnten, gegen den Krieg oder Schwarz zu sein“, räumte Ehrlichman Jahrzehnte später ein. „Aber indem wir Hippies mit Marihuana assoziierten und Schwarze mit Heroin, konnten wir beide kriminalisieren und ihre Gemeinschaften spalten. Wir konnten ihre Führungsfiguren festnehmen, ihre Häuser durchsuchen, ihre Versammlungen auflösen und sie Nacht für Nacht in den Abendnachrichten diffamieren. Wussten wir, dass wir über die Drogen logen? Natürlich wussten wir das.“[12]

Das Kalkül der Nixon-Regierung ging auf. Mit dem War on Drugs wurde ein System der Kriminalisierung und Masseninhaftierung mehrheitlich Schwarzer Bürgerinnen und Bürger geschaffen, das bis heute Bestand hat. Zwischen 1980 und 2015 stieg die Zahl der inhaftierten Menschen in den USA von rund 500 000 auf über 2,2 Millionen an. Die Vereinigten Staaten weisen damit heute die höchste Inhaftierungsquote weltweit auf.[13] Der Großteil der Insassen sitzt für gewaltlose Verbrechen ein, zumeist für Drogendelikte. Und obwohl Schwarze ähnlich viel und häufig Drogen konsumieren wie Weiße, werden sie rund sechs Mal häufiger für Drogenkonsum oder -besitz verhaftet – und obendrein erheblich härter für diese Delikte bestraft.

Der Teufelskreis der Kriminalisierung

Die Folgen dieser systematischen Kriminalisierung sind dramatisch und zerstören die sozialen Netzwerke Schwarzer Menschen nachhaltig.[14] In den USA wird dieses System als School to Prison Pipeline beschrieben, in der der Weg vieler junger Menschen aus der Schule fast zwangsläufig in die Jugend- und Erwachsenengefängnisse führt. Aufgrund rigoroser Null-Toleranz-Politiken führen bereits geringfügige Delikte und Disziplinarverstöße zu Schulausschlüssen, Festnahmen in der Schule und Einträgen im polizeilichen Führungszeugnis. Betroffen sind dabei vor allem Schwarze, sozioökonomisch Benachteiligte sowie Schülerinnen und Schüler mit Behinderungen.

So wird denn auch ein Drittel der Schwarzen Jugendlichen mindestens ein Mal von einer Schule ausgeschlossen – im Vergleich zu nur 15 Prozent der weißen Jugendlichen. Die frühe Kriminalisierung beeinträchtigt die Chancen im weiteren Leben enorm: Ein Eintrag im polizeilichen Führungszeugnis senkt die Wahrscheinlichkeit, später eine Anstellung zu erhalten, um die Hälfte; bei Schwarzen Menschen fällt der Effekt doppelt so hoch aus.[15]

Auch deshalb lebt gut ein Viertel der Afroamerikanerinnen und Afroamerikaner unterhalb der Armutsgrenze – mehr als doppelt so viele wie im nationalen Durchschnitt. Als besonders armutsgefährdet gelten dabei Kinder und Frauen: Von allen Schwarzen Familien, die in Armut leben, werden knapp 80 Prozent von alleinerziehenden Frauen geführt.[16] Gerade die Inhaftierung von Elternteilen stellt ein ökonomisches und soziales Problem für Schwarze Familien dar. Wenn alleinerziehende Mütter in mehreren schlecht bezahlten Jobs arbeiten müssen, um die Familie über die Runden zu bringen, fehlt Kindern zumeist die notwendige Stabilität sowie ausreichend Fürsorge und Unterstützung durch Erwachsene. Infolge der Armut und Kriminalisierung geraten sie oft ebenfalls in den sozialen und ökonomischen Teufelskreis.

Ein kommunales Netzwerk, das diesen Kreislauf durchbrechen könnte, fehlt zumeist. In vielen Städten leben zwischen 15 und 35 Prozent der armen Schwarzen Menschen auch in armen Nachbarschaften. Die sozioökonomische Benachteiligung Schwarzer Menschen betrifft somit nicht allein das Schicksal Einzelner, sondern sie ist strukturell – durch unterfinanzierte Schulen, Straßen, Kommunalpolitik und die gesamte öffentliche Infrastruktur.[17]

In der öffentlichen Debatte kommen all diese Faktoren kaum zur Sprache. Soziale Zerrbilder prägen die Debatte um Rassismus und Armut und der ideologische Siegeszug des Neoliberalismus hat diese Diskussion politisch ausgehöhlt.

Als Zerrbild dient vor allem das von Ronald Reagan in seinem Präsidentschaftswahlkampf im Jahr 1976 eingeführte Stereotyp der welfare queen („Wohlfahrtskönigin“). Es beschreibt alleinerziehende Schwarze Mütter, die zu faul zum Arbeiten seien und stattdessen auf Staatskosten Kinder bekämen. Diesem Stereotyp steht das der Schwarzen Matriarchin gegenüber, die ihren Partner seiner patriarchalen Privilegien beraube und damit für den Zerfall der Familie verantwortlich sei. Während das erste Bild sozialpolitisches Schmarotzertum unterstellt, zeichnet das zweite die Armut alleinerziehender Schwarzer Frauen als Ergebnis ihres kulturellen Versagens. In beiden Fällen wird die Verantwortung für Armut nicht rassistischen Strukturen, sondern den vermeintlich asozial handelnden Individuen zugeschrieben.[18]

Die Individualisierung der ökonomischen und sozialen Ungerechtigkeit wurde durch die zunehmend neoliberale Wirtschaftspolitik in den 1980er und 90er Jahren zusätzlich verstärkt – insbesondere während der Amtszeiten Ronald Reagans und Bill Clintons. Nahezu alle von der Bürgerrechtsgeneration erkämpften Sozialstaatsprogramme gegen Armut wurden in diesen drei Jahrzehnten entweder massiv beschnitten oder gleich gänzlich eingestellt.

Zugleich differenzierte sich die sozioökonomische Situation der Schwarzen Bevölkerung in den USA immer weiter aus: Während auf der einen Seite (teils extreme) Armut über Generationen fortbestand, wuchs die Schwarze Mittelschicht auf ein Drittel der Afroamerikaner und Afroamerikanerinnen an; es entstand sogar eine kleine Schwarze obere Mittelschicht. Diese Nachfolgegeneration der Bürgerrechtsaktivisten und -aktivistinnen verfolgte nunmehr das Ziel, die politischen Interessen der Schwarzen Bevölkerung in politischen Ämtern zu repräsentieren.

Und dies mit Erfolg: Im Jahr 2008 wurde Barack Obama zum ersten Schwarzen Präsidenten der USA gewählt. Dieser wichtige Etappensieg gab vielen Schwarzen Menschen neue Hoffnung auf den lang erwarteten Change.

Die Rückkehr auf die Straße

Tatsächlich aber bereitete Obamas Sieg den Boden für zahlreiche Enttäuschungen – und beförderte zugleich das Entstehen einer neuen Schwarzen Bewegung. Denn auch unter seiner Präsidentschaft veränderte sich das alltägliche Leben der Schwarzen Bevölkerung nicht wesentlich. Stattdessen stimmte auch Obama in das Credo ein, Schwarze Menschen sollten die Armut individuell bekämpfen. Statt Sozialprogramme einzuführen, setzte er sich für die Belange der Wall Street ein.[19] Währenddessen wuchs bei vielen Schwarzen Menschen der Zorn über die anhaltenden Diskriminierungen und die zunehmende Polizeigewalt.

Als am 9. August 2014 der Polizist Darren Wilson in Ferguson im Bundesstaat Missouri den 18jährigen Schüler Mike Brown erschoss, war dies der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. In der Stadt kam es zu andauernden Demonstrationen und Unruhen gegen rassistische Polizeigewalt. Nachdem eine Grand Jury Ende November entschied, kein Verfahren gegen Wilson zu eröffnen, eskalierte die Situation endgültig: Landesweit protestierten Menschen in mehr als 170 Städten.

Dass sich die Wut derart heftig entlud, hat einen schlichten Grund: Nahezu alle Schwarzen Menschen machen in ihrem Leben Erfahrungen mit Polizeiwillkür und -gewalt – insbesondere seit dem Beginn des War on Drugs und der damit einhergehenden Militarisierung der Polizeikräfte. Vielerorts kontrollieren zudem weiße Polizisten Schwarze Viertel. Systematisch nutzen sie vor allem Verkehrskontrollen, um Schwarze zu kriminalisieren. Mehr als einem Zehntel der Erschießungen durch Polizisten geht eine Verkehrskontrolle voraus.[20] Was den Zorn obendrein anfachte, war die Tatsache, dass die Täter in der Regel ungeschoren davonkommen; in den allermeisten Fällen kommt es nicht einmal zu einer Anklage.

#BlackLivesMatter und das Movement for Black Lives

Seit 2009 hatten Videos von den Ermordungen Schwarzer Jugendlicher in sozialen Netzwerken die Aufmerksamkeit für Polizeigewalt noch erhöht.[21] Als im Juli 2013 der Nachbarschaftspolizist George Zimmermann vom Vorwurf freigesprochen wurde, den 17jährigen afroamerikanischen Highschool-Schüler Trayvon Martin ermordet zu haben, antworteten die Aktivistinnen Alicia Garza und Patrisse Khan-Cullors auf Facebook mit #BlackLivesMatter (zu Deutsch: „Schwarze Leben zählen“). Unter diesem Hashtag wurde die Welle von lokalen Protesten, die von 2014 bis 2016 zahlreiche US-Städte in Atem hielt, national und international als Black Lives Matter bekannt. Im Juli 2015 traf sich die entstehende Bewegung schließlich auf einer Konferenz an der Cleveland State University, an der mehrere tausend Aktivistinnen und Aktivisten teilnahmen. Dort wurde das Movement for Black Lives (M4BL) gegründet.[22] Diesem Netzwerk aus mehr als 50 Organisationen gehören unter anderem Gruppierungen wie das Black Lives Matter-Netzwerk, die Dream Defenders und das Ella Baker Center for Human Rights an. Ihr Ziel ist es, eine „geeinte Front“ im Kampf für Gleichheit und Freiheit für Schwarze Menschen zu bilden.

Das Movement for Black Lives haucht den Forderungen Martin Luther Kings neues Leben ein. In seinem Manifest fordert esähnlich radikal wie die frühe Schwarze Bürgerrechtsbewegung eine umfassende, kollektive Befreiung: „Es wird nicht ein Gesetz geben, das plötzlich alle Wege, in denen das System Schwarze und Braune Menschen marginalisiert, aufhebt. Wir müssen das ganze Ding neu aufbauen“, sagt auch Kayla Reed, eine der M4BL-Organisatorinnen.[23] Die Aktivistinnen und Aktivisten prangern die Willkür und Gewalt der Polizei an und kritisieren den systematischen Rassismus, durch den Armut fortgeschrieben wird. Konkret fordern sie die Auflösung privater Gefängnisse; stattdessen müsse in Schulen und die kommunale Infrastruktur in Schwarzen Gemeinden investiert werden.

In den vergangenen zwei Jahren hat sich die Bewegung zunehmend weiter dezentralisiert. Einige Gruppen bauen vor Ort politische Macht auf, indem sie mit eigenen Kandidaten an Wahlen teilnehmen oder ihnen nahestehende Bewerberinnen unterstützen.[24] Campus-Gruppen protestieren gegen Rassismus im Universitätssystem. Andere Verbände arbeiten eng mit Gewerkschaften zusammen und setzen sich für Lohnverbesserungen Schwarzer Angestellter ein. Auf diese Weisekämpft das Movement for Black Lives nicht nur gegen Polizeiwillkür, sondern auch gegen strukturelle Diskriminierungen und letztendlich gegen das Stigma individueller Verantwortung für die eigene ökonomische Lage.

Anders als die Bürgerrechtsbewegung in den 1960er Jahren verfügt die aktuelle Schwarze Bewegung jedochüber keine prominente Führungsfigur, wie sie damals Martin Luther King darstellte. Stattdessen ist sie als Graswurzelorganisation konzipiert, was eine lokale und gruppenzentrierte Führung ermöglicht. Im Unterschied zur in Teilen patriarchal geprägten Bürgerrechtsbewegung orientiert sich das Movement for Black Lives damit an den horizontalen Strukturen feministischer und queerer Bewegungen, denen auch die drei Begründerinnen des #BlackLivesMatter-Netzwerkes entstammen – neben Alicia Garza sind dies die Schriftstellerin Opal Tometi und die Künstlerin Patrisse Khan-Cullors. Die Bewegung ist so zum einen weniger abhängig von zentralen Führungsfiguren, die wie im Falle Kings ermordet werden können. Zum anderen erhoffen sich die Aktivisten, dass ihren politischen Forderungen mehr Aufmerksamkeit geschenkt wird als den Personen.

Die Kräfte der Bewegung konzentrieren sich daher vor allem auf das Empowerment der Menschen an der breiten Basis. Gerade auch weil landesweite Kampagnen unter einem Präsidenten Donald Trump geringe Aussichten auf Erfolg haben, sollen sie ermächtigt werden, auf lokaler oder überregionaler Ebene für die Verbesserung von Lebensbedingungen zu kämpfen.

Liebe als Waffe gegen Rassismus und Diskriminierung

Bei allen Unterschieden in den Organisationsstrukturen bleiben die – nicht zuletzt spirituellen – Parallelen des Movement for Black Lives zur Bürgerrechtsbewegung aus Kings Zeiten unverkennbar.

Nach dem Freispruch für George Zimmermann im Sommer 2013 schrieb Alicia Garza ihren inzwischen legendären Facebook-Eintrag. Ihre digitale „Liebesnotiz an Schwarze Menschen“ endete mit den Zeilen: „Schwarze Menschen, ich werde uns niemals aufgeben. […] Schwarze Menschen. Ich liebe Euch. Ich liebe uns. Unsere Leben sind wertvoll, Schwarze Leben sind wertvoll.“[25] Patrisse Kahn-Cullors antwortete mit dem Hashtag #BlackLivesMatter.

Die Liebe, die Garza hier beschreibt, erinnert stark an die radikale Liebe, die für Martin Luther King die Grundlage des gewaltlosen Widerstands war. Es geht dabei keineswegs um Affekte, sondern um die Liebe als ein auf die Gemeinschaft ausgerichtetes Verstehen und erlösendes Wohlwollen. Indem der innere Kompass auf Gerechtigkeit, gegenseitiges Verständnis und Gemeinschaft ausgerichtet wird, verwandelt sich die radikale Liebe in ein Werkzeug für gesellschaftlichen Wandel und zugleich in ein strategisches Mittel des politischen Widerstands.[26]

Die Liebe von Garza, Khan-Cullors und anderen Black-Lives-Matter-Aktivistinnen beruht auf dem tiefen Verständnis für die Lebensrealitäten Schwarzer Menschen. Sie ist nicht weniger als die gemeinschaftsstiftende Antwort auf Kriminalisierung, Inhaftierung, die Zerstörung Schwarzer Gemeinschaften sowie die Individualisierung von Armut.

Dass die Aktivistinnen und Aktivisten diese Gemeinschaftsorientierung auch in ihren Organisationsstrukturen umsetzen, ist womöglich ein wesentlicher Grund dafür, dass die Schwarze Bürgerrechtsbewegung derzeit mit neuer Kraft auf die Straße, in die Öffentlichkeit und in die politischen Institutionen drängt. Diese neue Kraft entsteht in den Gemeinschaften und ruht zugleich auf dem Fundament des bereits Jahrhunderte andauernden Widerstands Schwarzer Amerikanerinnen und Amerikaner gegen Rassismus und Unterdrückung. Die Schwarze Aktivistin Adrienne Cabou brachte diesen Zusammenhang jüngst am Rande einer Black-Lives-Matter-Demonstration auf den Punkt: „Wenn heute eine von uns heraussticht, dann kann die eine Person dies nur aufgrund der Massen Afrikanischer Menschen, die eben dafür gekämpft haben. Gewiss, derzeit sind wir noch nicht frei. Aber wenn wir uns organisieren und zusammenschließen, dann werden wir frei sein!“[27]

Diese Vision von Freiheit und Gerechtigkeit, die auch das aktuelle Movement for Black Lives antreibt, formulierte King bereits am Vorabend seines Todes. Dabei war ihm durchaus bewusst, dass der Weg dorthin steinig ist und seine Lebenszeit überdauern würde. In seiner letzten Rede zitierte er den Propheten Amos: „Wir werden weiterkämpfen, bis das Recht wie Wasser strömt und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach.“ Dieser Kampf ist heute, 50 Jahre später, noch lange nicht ausgefochten. Aber er wird im Movement for Black Lives mit neuer Stärke weitergeführt.

 


[1] Im Anschluss an die Aktivistinnen Noah Sow und Kimberlé Crenshaw schreibe ich Schwarz groß, da es sich um keine adjektivische Beschreibung, sondern um die politisch gewählte Selbstbezeichnung einer Gruppe handelt. Weiß dagegen wird als die Bezeichnung einer gesellschaftlichen privilegierten Position kleingeschrieben. – Die Autorin.

[2] Martin Luther King Jr., „I’ve Been to the Mountaintop“, Memphis/Tennessee, 3.4.1968, www.americanrhetoric.com. Die Zitate in diesem Text hat die Autorin aus dem Englischen übersetzt.

[3] Time: Patrisse Cullors On The History Of Black Lives Matter Movement And Its Political Future, www.youtube.com, 25.1.2018. 

[4] Cornel West und Christa Buschendorf, „We need Martin more than ever”: Interview with Cornel West on Martin Luther King, Jr., in: „Amerikastudien/American Studies“, 3/2011, S. 449-467.

[5] Vgl. Jeanne Theoharis, A More Beautiful and Terrible History. The Uses and Misuses of Civil Rights History, Boston 2018.

[6] Martin Luther King, Jr., Pilgrimage to Nonviolence, in: Cornel West (Hg.), The Radical King, Boston 2015, S. 39-43.

[7] Martin Luther King, Jr., Nonviolence and Social Change, in: Cornel West (Hg.), The Radical King, Boston 2015, S. 147.

[8] Vgl. Albert Scharenberg, Der unvollendete Traum. Der „Marsch auf Washington“ und das radikale Vermächtnis Martin Luther Kings, in: „Blätter“, 8/2013, S. 107-117; Martin Luther King, Jr., Where do we go from here?, in: Cornel West (Hg.), The Radical King, Boston 2015, S. 161-180.

[9] Interview: Veterans of the Civil Rights Movement – Ella Baker, 19.6.1968, www.crmvet.org/nars/baker68.htm.

[10] Frances Beale, Double Jeopardy. To Be Black and Female, in: Words of Fire. Anthology of African American Feminist Thought, New York 1995, S.146-155, hier: S. 154 f.

[11] King, Jr., Nonviolence and Social Change, a.a.O., S. 152.

[12] Tom LoBianco, Report: Nixon’s war on drugs targeted black people, www.cnn.com, 24.3.2016.

[13] NAACP, Criminal Justice Fact Sheet, www.naacp.org; Sarah Childress, Michelle Alexander, „A System of Racial and Social Control“, www.pbs.org, 29.4.2014.

[14] Vgl. Patrisse Khan-Cullors und Asha Bandele, When They Call You a Terrorist. A Black Lives Matter Memoir, New York 2018.

[15] Vgl. NAACP, Criminal Justice Fact Sheet.

[16] Poverty in Black America, www.blackdemographics.com, 2014.

[17] Ta-Nehisi Coates, The Enduring Solidarity of Whiteness, in: „The Atlantic“, 8. 2.2016.

[18] Patricia Hill Collins, Black Feminist Thought. Knowledge, Consciousness, and the Politics of Empowerment, New York 22002, S. 69-96.

[19] Cornel West (Hg.), The Radical King, Boston 2015, S. xiv.

[20] Wesley Lowery, „They Can’t Kill Us All“. Ferguson, Baltimore and a New Era in Americas Racial Justice Movement, New York 2016, S. 15, 45, 126, 138. 

[21] Seit 2009 wurden standardmäßig hochauflösende Videokameras in Smartphones verbaut. Dies ermöglichte Filmaufnahmen von Polizeigewalt sowie deren schnelle Verbreitung im Internet.

[22] Vgl. Movement for Black Lives, https://policy.m4bl.org/about.

[23] Lowery: „They Can’t Kill Us All“, a.a.O., S. 222.

[24] Dani McClain, Can Black Lives Matter Win in the Age of Trump?, in: „The Nation”, 19.9.2017.

[25] „Black people. I love you. I love us. Our lives matter, Black Lives Matter.“

[26] Martin Luther King, Jr., Pilgrimage to Nonviolence, in: Cornel West (Hg.), The Radical King, Boston 2015, S. 51.

[27] Anthony Jackson, Demonstrators support Black Lives Matter movement, www.dailylobo.com, 27.2.2018.

(aus: »Blätter« 4/2018, Seite 101-109)
Themen: Soziale Bewegungen, Rassismus und USA