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Ein Sozialist im besten Sinne des Wortes

»Es gibt Alternativen« Zum Tode von Elmar Altvater

attac Deutschland (CC BY-ND 2.0) Foto: attac Deutschland (CC BY-ND 2.0)

von Raul Zelik

Am 1. Mai, vier Tage vor dem 200. Geburtstag von Karl Marx, starb nach schwerer Krankheit der bedeutende Marxist Elmar Altvater. Auf ihn traf das doch so abgenutzte Wort des Vordenkers tatsächlich zu; vor allem mit seiner Verbindung von ökonomischem und ökologischem Denken hat er Generationen von Studierenden politisiert. In seiner 2006 in den »Blättern« veröffentlichten Abschiedsvorlesung »Was heißt und zu welchem Ende betreiben wir Kapitalismuskritik?« antwortete er auf ebendiese Frage: »Weil wir die Welt verändern müssen, wenn wir wollen, dass sie bleibt. Die Geschichte ist nicht am Ende. Es gibt Alternativen.« In einer Welt vermeintlicher Alternativlosigkeit bleibt diese Position für jedes kritische Denken unabdingbar und ein fortwährender Auftrag. Am 9. Mai 2018 fand in der Kapelle des Friedhofs »In den Kisseln« und anschließend im Paul-Schneider-Haus der evangelischen Luther-Kirchengemeinde in Berlin-Spandau die Trauerfeier statt. Wir dokumentieren die beiden dort gehaltenen Reden. – D. Red. 

Meine erste Begegnung mit Elmar Altvater muss im Frühjahr 1990 gewesen sein. Der Seminarraum in der Ihnestraße 21 war völlig überfüllt, man bekam nicht einmal mehr auf dem Fußboden einen Sitzplatz. Als es mit dem voranschreitenden Semester dann wärmer wurde, standen die Fenster häufig offen. Der Erdgeschossraum grenzte an eine kleine Parkwiese, und so hielten „die Naturverhältnisse“, an deren Bedeutung Elmar uns so oft erinnerte, Einzug in unseren Kapital-Lektürekurs. Eine hereinstreichende Brise, manchmal das Singen der Vögel, das leuchtende Grün der Büsche und Bäume vor den Fenstern. Die Sätze über den Mehrwert und möglicherweise vielleicht doch nicht fallende Profitraten habe ich akustisch und inhaltlich mehr als einmal kaum verstanden.

Ich kann mich nicht daran erinnern, dass Elmar, der den Lesekurs mit Michael Heinrich leitete, viel in die Debatten eingegriffen hätte. Er ließ die Gespräche eher laufen. Ich habe ihn nie dazu befragt, aber ich glaube, seine Vorstellung vom Lernen beruhte auf der Idee der Selbstaneignung: selber lesen, selber sprechen, selber schreiben – und auch: sich selbst organisieren. Das haben wir, die Studierenden seiner Kurse, denn auch getan. In die Uni kamen viele von uns nur zweimal die Woche, aber gelesen, diskutiert, politisch gehandelt haben wir den ganzen Tag, die ganze Woche.

In diesem Sinne schrieb ich zwar die wichtigsten Arbeiten bei Elmar, aber die klassische Lehrerfigur war er für mich nicht. Elmar war viel unterwegs, er forschte am Amazonas über eine Ökonomie des – ökologischen – Reichtums, der sich nicht in Geldwerten ausdrücken lässt. Und er bespielte das institutionelle Feld: war Mitglied einer Enquetekommission des Bundestags, nahm an UN-Konferenzen teil. Das war für mich weit weg.

Diese leichte Distanziertheit hatte aber auch noch eine andere Seite: Elmar war es zuwider, wenn sich jemand bei ihm anbiederte. Er wollte keine Anhänger um sich scharen. Das ist vielleicht auch wichtig zu erwähnen: Elmar konnte, wenn er etwas falsch fand, ziemlich schroff und laut werden. Das Autoritäre war ihm also nicht ganz fremd. Trotzdem war er durch und durch ein Antiautoritärer. Ich habe erst viele Jahre später erfahren, dass er in Westberlin einen der ersten Kinderläden mit aufgebaut hatte. Was ich jedoch schon damals merkte, war, dass Elmar es schätzte, wenn man ihm widersprach. Wenn man Gegenargumente vorbrachte – auch vor Publikum –, fühlte er sich nicht persönlich angegriffen. Und so entwickelte sich in dieser Distanziertheit eine besondere Form des Respekts.

Nach dem Diplom hatte ich einige Jahre nichts mehr mit dem Wissenschaftsbetrieb zu tun und deshalb weniger Kontakt zu Elmar. Auch sein Verhältnis zur Universität kühlte damals allerdings ab. Das Otto-Suhr-Institut der FU Berlin wurde von marxistischen Denkansätzen regelrecht gesäubert, und Elmar erlebte diese Veränderungen an seinem Institut wie viele andere seiner Kolleginnen und Kollegen machtlos und frustriert. Ich weiß nicht, ob es an diesem Bedeutungsverlust des Akademischen lag, aber mein Eindruck ist, dass Elmar sich nach seiner Emeritierung noch einmal radikalisierte. Ist das der richtige Begriff? In einem Interview brachte er es 2011 auf den Punkt. Simpel, unprätentiös und, wie ich finde, sehr elegant. Der Journalist fragte: „Sind Sie sich treu geblieben?“, und er antwortete: „Ich habe immer versucht, authentisch zu sein. Aber ich habe meine Positionen stets überprüft und geändert. Ich habe es immer richtig gefunden, radikal zu denken – im guten Sinne. Also an die Wurzel des Problems zu gehen.“

1996 und 2002 veröffentlichten Birgit Mahnkopf und er zusammen zwei Bücher, die sich dem Globalisierungs-Hype widersetzten. Während andere damals die Entstehung eines globalen Kommunikations- und Wirtschaftsraums als großen Fortschritt feierten, wiesen Elmar und Birgit auf die Widersprüche hin: dass die Globalisierung für Millionen prekärere Arbeitsverhältnisse bedeutet, dass die „Internationalisierung der Politik“ die Herrschaft vielerorts undemokratischer macht. Und sie stellten, gegen die allgemeine Euphorie, auch klar, dass es immer natürliche, physikalische und soziale Grenzen gibt, über die auch die tollste Technik nicht hinauskann. Heute, fast 20 Jahre später, ist die Begeisterung dahin, und die Widersprüche, auf die Elmar und Birgit damals hinwiesen, sind offenkundig.

Was muss ich noch über Elmar sagen? Mir ist wichtig zu erwähnen, dass er versuchte, die Gesellschaft von unten zu betrachten, aus der Perspektive einfacher Leute. 2003 begegneten wir uns in Caracas wieder. Wir besuchten ein Armenviertel in der venezolanischen Hauptstadt, und ein paar Nachbarn erzählten uns davon, wie sich ihr Leben gerade veränderte. In dem Gespräch ging es nicht um die ewige Debatte zwischen Chávez-Regierung und Opposition, sondern um die Selbstorganisierung in einem Armenviertel, um Partizipation von unten. Elmar hat zugehört und Fragen gestellt. Ein wenig wie in den Texten von Karl Marx, aus denen er so gern zitierte: Hinter dem Abstrakten steckt immer etwas Konkretes. Die Lebensverhältnisse von Menschen.

Ich habe von Elmar gelernt, dass wir das Ökologische und Soziale verschränkt denken müssen. Er war ein erbitterter Kritiker des Raubbaus an der Natur und der Zerstörung des Sozialen. Von dem Wirtschaftshistoriker Karl Polanyi erzählte er uns bereits Anfang der 1990er Jahre: „The disembedding of the market“, die „Entbettung der Märkte“. Die Schlussfolgerung daraus lautete: Eine Gesellschaft, die sich den Märkten anvertraut, zerstört auf längere Sicht die Bedingungen ihrer Existenz. Wir erleben das heute: Alle reden vom Kampf gegen den Klimawandel, aber da die Märkte und Preise entscheiden, scheinen wir Menschen machtlos.

Das Bemerkenswerte an Elmar war außerdem, dass es immer auch sinnlich wurde, wenn er über diese Fragen sprach. Wenn er schrieb oder Vorträge hielt, dann verließ er den engen Horizont des Wissenschaftsbetriebs: Ökologie, das war die Vielfalt eines Regenwalds, von dem er schwärmte; ein historischer Prozess, das war die Geschichte einer Romanfigur, die er regelmäßig in seine Reden einflocht. Das Wissenschaftliche war ihm immer zu eng.

Und dann möchte ich auch noch erwähnen, dass er eine gesellige, ganz liebevolle Seite hatte. Bevor meine Familie und ich nach Kolumbien zogen, luden Birgit und Elmar uns zu sich nach Hause ein. Er kochte sehr gut und aufwändig, der Tisch war sorgfältig gedeckt. Weil unsere Kinder noch klein waren und absehbar war, dass sie nicht lange stillsitzen würden, befürchtete ich, es könnte anstrengend werden. Kleine Kinder und eine Essenseinladung bei einem Professorenehepaar – das muss nicht immer gut gehen. Aber es wurde gar nicht anstrengend. Wir haben die Kinder bei Elmar und Birgit ins Bett gelegt und weiter getrunken.

Vielleicht klingt das banal, aber für mich war es die Verbindung von theoretischer Reflexion und den kleinen, unauffälligen Gesten des Menschlichen, die ich an Elmar so geschätzt habe. Seine Achtsamkeit für die Natur. Seine Empörung über soziales Unrecht. Seine Sorge vor Krieg. Seine unteilbare Solidarität für die Habenichtse – hier, aber vor allem auch die im globalen Süden.

Elmar war ein guter Mensch. Ein Sozialist im besten Sinne des Wortes. Ein politischer Kopf, der kleine Erfolge wertschätzte und trotzdem das große Ganze nicht aus den Augen verlor. Es liegt an uns allen, die Lücke zu schließen, die er hinterlässt.

Que la tierra te sea leve, compañero.

 

(aus: »Blätter« 6/2018, Seite 118-120)
Themen: Geschichte, Kapitalismus und Ökologie