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Die Provinzialisierung der Heimat

Giovanni Segantini – Rückkehr in die Heimat Foto: Giovanni Segantini – Rückkehr in die Heimat

von Thomas Thiemeyer

Nein, es war kein Unglück. Ich habe das Feuer gelegt, an einem Abend, am Abend des achtzehnten August, mir blieb nichts anderes mehr übrig, als das Museum zu zerstören, das einzige masurische Heimatmuseum, in Engenlund drüben, bei Schleswig. Kein Zufall, mein Lieber. So wie es einst allein mein Plan war, das Museum zu erbauen und einzurichten, so war es jetzt auch allein mein Entschluß, es vollkommen zu zerstören, einschließlich all der Zeugnisse, Beweise und Dokumente, die es beherbergte und die ich gemeinsam mit den Leuten in den Jahren nach dem Krieg hier gesammelt habe.“

Mit einem Brand beginnt Siegfried Lenz 1978 seinen Roman„Heimatmuseum“, in dem der im Zweiten Weltkrieg aus Masuren ausgewanderte Zygmunt Rogalla willentlich sein Lebenswerk vernichtet. Bereits in den dreißiger Jahren musste er das Heimatmuseum seines Onkels in Masuren gegen die Nationalsozialisten verteidigen, die mit dem dort gesammelten Fundus an Dingen ihre Ostpolitik legitimieren wollten. Nun, nachdem er die Reste dieses Museums in die junge Bundesrepublik verbracht hatte, droht dort eine Ideologie, die Rogalla fremd ist, seine masurischen Zeugnisse ebenfalls zu vereinnahmen. Er brennt sein Museum – ein Heimatmuseum außerhalb der alten Heimat – nieder, um es vor Instrumentalisierung zu schützen.

Mit sicherem Gespür bündelt der Romancier Lenz in der Eingangssequenz seines Romans, was Heimat – im musealisierten wie im alltagsweltlichen Zustand – kennzeichnet: Heimat ist ein politisches Konzept, mit dem Identitätspolitik betrieben wurde und wird. Dieses Konzept war stark regional oder lokal ausgerichtet und schlug jene besonders in Bann, die keine Heimat mehr hatten, weil sie – wie Rogalla – vertreiben wurden oder freiwillig migrierten. Die lebensweltliche Konkretheit dieser Heimat schließlich, die sich in allerlei Kunst und Krempel sammeln und ausstellen ließ und die einem behagte, weil sie mit bekannten Trachten, Möbeln und Dialekten das Gefühl völliger Vertrautheit vermitteln konnte, diese Konkretheit war seit jeher ihre größte Attraktion: Heimat war sicht- und spürbar. Sie roch, sprach und benahm sich auf eine Art und Weise, die einem niemand erklären musste. Vor wenigen Jahren warb eine deutsche Luxusautomarke mit einem Werbespot, in dem ein gestresster Geschäftsmann in den überfüllten Straßen Tunesiens in seinen Mietwagen besagter Marke steigt, die Türen schließt und sich sofort völlig entspannt. Slogan: „Willkommen zu Hause.“ Das ist Heimat: Vertrautes Terrain, der Ort, an dem man ganz bei sich ist. Ganz bei sich ist seit kurzem auch wieder die CSU. Sie hat bei der Regierungsbildung ein Ministerium durchgesetzt, dass sich Bundesministerium für Inneres, Bau und Heimat nennen könnte. Die „Süddeutsche Zeitung“ hat darin sogleich die „Blaupause Bayern“ erkannt, wo es ein ähnliches Ministerium für Heimat und Digitalisierung schon seit 2013 gibt – als erstes bayerisches Ministerium übrigens mit einer Dependance außerhalb Münchens in Nürnberg. Wer dahinter Folklore und Traditionalismus riecht, den belehrte die SZ eines Besseren: Heimat signalisiere nicht Rückschau und Restauration, sondern im Gegenteil moderne Wirtschafts- und Infrastrukturpolitik, die aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt habe.

Zwischen »Laptop und Lederhose«

In Bayern war das Heimatministerium die Institution gewordene Selbstbeschreibung als Land zwischen „Laptop und Lederhose“, mit der schon Ministerpräsident Edmund Stoiber seinen Freistaat charakterisiert hatte. In der Ära Stoiber mussten die bayerischen Kommunen und Landkreise allerdings Schulen schließen und Schulden machen, während man in der Landeshauptstadt das Prestigeprojekt Transrapid subventionierte. Heute darf der Transrapid in China, nicht aber in München verkehren, was seit der Transrapidpleite 2008 wiederum die Freien Wähler dürfen – und zwar auf den Fluren des bayerischen Landtags auf Kosten der CSU: „Kurzgefasst bestand (das Versagen der CSU) darin, dass sich die Politik im Freistaat auf die Entwicklung in den Metropolen konzentrierte, was im Beraterjargon auch ‚Clusterbildung‘ heißt. Das nützte vor allem großen Unternehmen, die Arbeitskräfte suchten, aber kleinere Kommunen fielen dabei durchs Raster. Auf dem Land machte sich das Gefühl breit, von der Staatsregierung und der CSU nicht mehr ernst genommen zu werden.“[1] Mit dem von Horst Seehofer eingerichteten und mit Markus Söder besetzten bayerischen Heimatministerium korrigierte die Landesregierung ihren Kurs – mit Erfolg, dank guter Konjunktur.

Ähnliches wird nun auf Bundesebene angestrebt. Im Koalitionsvertrag liest sich das unter der Überschrift „Heimat mit Zukunft“ so: „Kommunen sind die Heimat der Menschen und das Fundament des Staates. Der Bund setzt sich intensiv für eine Verbesserung der kommunalen Finanzlage und eine Stärkung der kommunalen Selbstverwaltung ein. In der letzten Legislaturperiode haben wir die Kommunen in besonderer Weise unterstützt. Unser Ziel sind gleichwertige Lebensverhältnisse in handlungs- und leistungsfähigen Kommunen in städtischen und ländlichen Räumen, in Ost und West.“[2] Konkret nennen die Parteien moderne Infrastruktur, flächendeckende Gesundheits- und Pflegeversorgung, Bildung und Kultur für alle, Breitband- und Mobilfunkausbau. Sie versprechen, das Ehrenamt zu stärken und Gewaltprävention gegen Extremisten (hier hat die „Flüchtlingskrise“ ihre Spuren hinterlassen). Mit den Bundesländern und kommunalen Spitzenverbänden plant die Regierung eine Kommission „Gleichwertige Lebensverhältnisse“, die Details erarbeiten soll. Bemerkenswert an diesem regierungsoffiziellen Bundesheimatbegriff sind drei Dinge: Er (re)provinzialisiert Heimat, er bewegt sich im Spannungsfeld zwischen Tradition und Aktualität und ihm gilt Heimat als Inbegriff der föderalen DNA der Bundesrepublik.

Heimat als Provinz

Das neue Bundesheimatministerium ist ein Bundesprovinzministerium. Es soll sich verstärkt um die Belange des ländlichen Raumes kümmern und strukturschwache Regionen außerhalb der Metropolen fördern. So kehrt Heimat dahin zurück, wo sie das (städtische) Bürgertum seit jeher verortete: aufs Land. Dieser Stadt-Land-Gegensatz hat eine Geschichte, die eng mit dem Heimatbegriff assoziiert ist.

Im 19. Jahrhundert erfand das Bildungs- und Kleinbürgertum – nicht aber das finanzstarke Großbürgertum – die Provinz als Inbegriff von Heimat. Heimat war eine heile, naturverbundene ländliche Idylle. Ihr Gegenteil war die anonyme Großstadt. Sie veränderte die Menschen, produzierte Nervenleiden, verpestete die Luft und zwang ihre Bewohner in Mietskasernen, Arbeitsabläufe und Verhaltenskonventionen, die die Kulturkritik von Karl Marx bis Wilhelm Heinrich Riehl als Degenerierung wahrnahm. Was hier als „Symptom der Widernatur“ (Riehl) zu entstehen schien, war ein „metropolitaner Habitus“ (Rolf Lindner), der den Großstädter betont ichbezogen, wachsam, sachlich und indifferent erscheinen ließ. Starke Gefühlsregungen und Solidarität schienen jedenfalls nicht seine Sache zu sein. Stattdessen taxierte er kühl, wie sich seine Mitmenschen vor ihm inszenierten, um als etwas Besonderes zu erscheinen. Er versuchte, sie zu durchschauen, um daraus strategische Vorteile zu ziehen. Seine „Vigilanz“ unterschied ihn vom treuherzigen Bauersohn vom Lande: „Der Provinzler, der die Zeichen noch nicht als Zeichen kennt, verhält sich stattdessen wie gesagt wird, ‚natürlich‘. Erst wenn er die Kunst beherrscht, soziale Type identifizieren und unterscheiden zu können, kann von gelungener Sozialisation zum Stadtmenschen bzw. von gelungener Akkulturation des Migranten die Rede sein.“[3]

Der Kulturwissenschaftler Gottfried Korff hat diese Entwicklung eines großstädtischen Habitus einmal als „innere Urbanisierung“ bezeichnet, für den maßgeblich technische und soziale Beschleunigungen verantwortlich seien: der moderne Verkehr mit Eisenbahn, Automobil und S-Bahn, die Presse mit ihren schnellen und kurzlebigen Nachrichten sowie tayloristisch optimierte Arbeitsabläufe in Fabriken und Industrieanlagen, die den Arbeitsrhythmus steigerten.[4] Je stärker die Dampfhämmer der Industrieanlagen in den Metropolen das „traditionelle“ Handwerk zerstörten, je mehr die Fabrikarbeit den Alltag der Menschen vereinnahmte und den Arbeiter seinem Schaffen entfremdete und je schneller das Lebenstempo wurde, desto größer war die Sehnsucht nach einem Ort, an dem der Mensch im Einklang mit sich und seiner Umwelt existierte; nach einem Ort, an dem man sich nicht zu verstellen brauchte, sondern authentisch sein konnte; nach einem Ort, dem die Anonymität und Blasiertheit der bürgerlichen Welt noch weitgehend fremd waren. Hier imaginierten großstädtische Bildungs- und kleinstädtische Kleinbürger eine „natürliche“ Ordnung, die noch nicht aus den Fugen geraten war, weil kein menschliches Wesen mit ihr sein Unwesen getrieben hatte. An diesem Ort, den sie Heimat nannten, war man sicher. In solchen Imaginationen gibt sich das bürgerliche Pathos der Innerlichkeit ebenso zu erkennen wie eine Zivilisationskritik, die inspiriert von Jean-Jacques Rousseau den Naturzustand verherrlicht und vom Aufbau organisierter Gesellschaften als Verfallsgeschichte erzählt. Die bürgerliche Heimat(schutz)bewegung romantisierte um 1900 das Landleben und die Nähe zur Natur. „Das Bauerntum wird als Stand ideologisiert, als bäuerliche Gemeinschaft gefeiert. ‚Bauerntum‘ wird nicht ökonomisch, sondern ‚kulturell‘ durch die Bearbeitung des Bodens und die Verbundenheit mit ihm verstanden.“[5] Dass die Bauern zu tausenden ihre Äcker hinter sich gelassen hatten, um in den Metropolen ihr Glück zu suchen, ignorierte diese Sicht der Dinge geflissentlich.

Man muss das bürgerliche Wunschbild von der ländlichen Welt der Bauern und Handwerker kennen, um die Konnotationen, die den Heimatbegriff bis heute umgeben, richtig einzuschätzen. Heimat fungierte in ihm „als Besänftigungslandschaft, in der scheinbar die Spannungen der Wirklichkeit ausgeglichen sind.“[6] Um das zu schaffen, projizierten die Bürger ihre Idee von Heimat zum einen außerhalb der eigenen Lebenswelt von den Städten hinaus aufs Land. Zum anderen suchten sie die zeitliche Distanz zur industriemodernen Gesellschaft. Der bürgerliche Heimatbegriff war nicht nur „agrarromantisch und antiurbanistisch“ (Korff), er war auch traditionsversessen.

Heimat zwischen gestern und morgen

Das Bürgertum suchte in der „guten alten Zeit“ und im vermeintlich Unzivilisierten nach vorbildlichen Formen menschlicher Vergemeinschaftung, die sich mehr oder weniger von selbst ergeben hätten. Zwar galt ihm die gegenwärtige, eigene Kultur als die Spitze des Fortschritts. Sie tat aber gut daran, sich ihrer Anfänge zu erinnern, um Auswüchse zu korrigieren und sich von der Vergangenheit inspirieren zu lassen.[7]

Eine solche Agenda, die den Untergang einer vertrauten alten Welt durch die Industrialisierung aufhalten wollte, bildete um 1900 das Zentrum zahlreicher Heimatinitiativen. In pathetischen Worten beschrieb das 1909 der Museumsdirektor Gustav Brandt beim Tag für Heimatschutz in Lübeck: „Alle die mit Sorge und stillem Schmerz beobachtet hatten, wie in der Zeit der Erfindungen und des Verkehrs so vieles verschwand, das ihnen teuer war, die es sahen, mit welcher Leichtigkeit man Denkmäler vergangener Zeit dem Tagesbedürfnis zu opfern sich gewöhnte, sammelten sich im Bund Heimatschutz, und überall fand sein Weckruf Widerhall. Man will nicht mehr schweigend mit ansehen, dass aus nüchternen Nützlichkeitsgründen das lieb gewordene Antlitz der alten Heimat verschändet wird und daß der Bequemlichkeit oder der Gewinnsucht unersetzliche Gefühlswerte geopfert werden. Der staatlich organisierten (aber allein nicht ausreichenden) Denkmalspflege tritt der Bund Heimatschutz an die Seite, und eine Reihe anderer Vereine zur Pflege des Volkstums…“[8] Der Heimatschutz ist um 1900 eine restaurative Bewegung, die sich mit Denkmalpflege und Museen auf derselben Seite im Kampf gegen ökonomische „Gewinnsucht“ und das Nützlichkeitsdenken der Industriegesellschaft wähnte.

Folgerichtig war es die vorindustrielle Welt, in der die Heimatbewegung ihre Requisiten fand: bei Spinnstuben und Webstühlen, Trachten und Kutschen. Die Bildungs- und Kleinbürger, also Lehrer, Bürgermeister, Beamte, Kaufleute, Handwerker oder Pfarrer gründeten und betrieben Heimatbünde, Heimatvereine und Heimatmuseen. Sie bauten sehr zufällige Sammlungen auf, mit denen sie etwas über die gute alte Zeit am Ort und auf dem Land erzählen wollten, und zwar aus einer dezidiert bürgerlichen Perspektive. Aus dieser Sicht war das Land- und Handwerkerleben Inbegriff einer „ursprünglichen“, industriell noch nicht verformten Lebenswelt. Es war nicht durch harte Arbeit, schlechte Hygiene, Landflucht und karges Wohnumfeld gekennzeichnet, sondern durch idealisierte Bauernmöbel und pittoreske, heimelige Bauernstuben, durch mundgeblasene Uhrengläser und rustikale Werkbänke.

Die Heimatdarstellungen des Bürgertums in Heimatbünden, -vereinen oder -museen einte, dass sie sich auf wenige, stark klischeehafte Symbole aus der Vergangenheit beschränkten. Fachwerkhäuser, Trachten, Volkslieder, Bräuche oder Mundart gaben dieser Heimat ihr Gepräge, nicht aber Fabrikarbeit, Automobile oder die Sozialversicherung. Ihr exemplarisches Subjekt waren Bauern und Handwerker, nicht Arbeiter oder Dienstleister.

Diese rückverzauberte Heimat kannte man eher als Kulissenlandschaft, denn als gegenwärtige Lebenswelt. Sie musste absichtlich bewahrt werden, und zwar bevorzugt in Relikten, die im Alltag keine Rolle mehr spielen, sondern dem Schüler nur noch als Bildungsgut im Heimatkundeunterricht entgegentraten. Das so erzeugte Heimatgefühl entstand aus der Geschichte. Es sollte Identifikation mit der Heimat aus dem Wissen um ihre Gewordenheit stiften.[9]

Mit den Details nahmen es die Heimatkundler dagegen nicht so genau: Sie kompilierten Schnitzereien und Mobiliar aus unterschiedlichen Regionen und Zeiten zu heimatlichen Bauernstuben und erfanden sich neue „Traditionen“, die sie in Trachten aus Nachbarregionen als lokales Brauchtum aufführten. Die Volkskunde bezeichnete das früh als „Folklorismus“, als „Volkskultur aus zweiter Hand“ (Hans Moser), und stellte bald grundsätzlich infrage, ob es eine „authentische“ Volkskultur „aus erster Hand“ jemals gegeben habe.[10]

In jedem Fall – und das bringt uns zurück zum Bundesheimatministerium 2018 – galten Heimat und technische Welt lange Zeit als entgegengesetzte Enden einer Skala, die zwischen Land und Stadt und Tradition und Gegenwart verlief. Zwar bemüht sich die Volkskunde bzw. die Kulturwissenschaft seit gut 60 Jahren, diese vermeintlichen Dichotomien aufzulösen. Im allgemeinen Bewusstsein sind sie gleichwohl resistent – nicht zuletzt deshalb, weil Heimat- und Freilichtmuseen, Heimatbünde, Heimatfilme oder Trachtenvereine im Verbund mit Stadtmarketing und Tourismusindustrie die klischierten Heimatbilder nach wie vor wirkmächtig inszenieren.

Infrastruktur- und Digitalisierungsprojekte heute unter dem Begriff Heimat zu fassen, läuft also den bis heute populären Gegensätzen zuwider. Das ist ein Grund für die Erklärungsbedürftigkeit des Ministeriumsnamens.[11] Ein zweiter Grund ist, dass Heimat klassischerweise gerade nicht als Bundesangelegenheit gilt, sondern als Sache der Länder und Kommunen.

Heimat, Föderalismus und Identität

Diesem föderalistischen Heimatverständnis trägt der Koalitionsvertrag Rechnung: „Kommunen sind die Heimat der Menschen und das Fundament des Staates.“ Als Heimat definiert er das Kleinräumliche, die unmittelbare Umgebung der Bürger. Die neue Regierung will die kommunale Selbstverwaltung stärken. Damit bezieht sie sich auf die föderalistische Leitidee, die von Anfang an Staatsräson der Nation und Erfolgsbedingung für die deutsche Heimatfaszination war.

Nachdem 1871 das Deutsche Reich gegründet worden war, förderte gerade die Heimatbewegung das nationale Zusammengehörigkeitsgefühl. Die deutsche Heimatideologie – und das unterschied sie beispielsweise von Frankreich – setzte die Vielfalt innerhalb des „deutschen Volkes“ in Wert: „Heimat“, schreibt der Kulturhistoriker Alon Confino, „bot ein Bild der Nation als einer integrativen Idee von lokalen und regionalen Kulturen.“[12] Confino sieht den Erfolg der Heimatvereine und Heimatmuseen um 1900 als direkte Folge der deutschen Nationsbildung. Das neue Deutsche Reich brauchte Institutionen, die seine Existenz als föderales Gebilde aus vielen vormals eigenständigen Ländern legitimierten. Sie konnten zwischen lokaler und nationaler Identität vermittelten, „die Liebe zur eigenen Heimat und damit zum großen Vaterland“ fördern, wie es 1900 beim Bielefelder Geschichtsverein hieß.

Heimatmuseen und -vereine erzählten die Geschichte des vergleichsweise jungen Deutschen Reichs anhand vieler regionaler und lokaler Geschichten. Statt von Eliten erzählten sie vom einfachen Mann, statt von Großereignissen in Metropolen vom Alltagsleben auf dem Lande, statt Hochkultur zeigten sie regionale „Volkskunst“. So machten sie die abstrakte Nationalgeschichte im eigenen Umfeld greifbar und konnten sie mit lokalen Traditionen verweben: „Indem sie sich auf die lokale Vergangenheit zurückbesannen, repräsentierten sie im Wesentlichen das Örtliche als den Ursprung der Nation.“[13]

Ein Konzept wie Heimat wurde freilich erst nötig, als Nationalstaaten an die Stelle der direkten lokalen Umgebung traten. Jetzt, wo der Einzelne nicht mehr aus eigenem Erleben komplett überreißen konnte, was alles seine Heimat war, sondern unpersönliche imaginierte Gemeinschaften seine Loyalität verlangten, jetzt bedurfte es wirkmächtiger Begriffe, die symbolisch und emotional gefüllt werden konnten. Heimat wurde jetzt sentimental unterfüttert. War Heimat bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts vor allem ein juridisch relevanter Begriff, der denen das Recht auf Heirat, Gewerbe und Versorgung im Alter oder bei Krankheit einräumte, die durch Steuern ein Gemeinwesen finanzierten, so wurde Heimat Ende des 19. Jahrhundert Kompensations- und Integrationsbegriff: Heimat sollte den Bürgern die Angst vor der Modernisierung nehmen, und sie sollte möglichst alle emotional an das „Vaterland“ binden.[14]

„Haus und Hof waren für die Mehrheit der Bevölkerung keine Haltepunkte mehr, und für viele war auch die Bindung an einen einzelnen Ort verlorengegangen. Heimat sollten trotzdem alle haben – Heimat im Sinne von Vaterland.“[15] Die Heimatideologie des Deutschen Reichs versuchte die Idee, dass ein Mensch mit seinem Herkunftsort von Natur aus verwachsen sei, auf den Nationalstaat zu übertragen. Die organisch gewachsene echte „Gemeinschaft“ der Deutschen spielten die Staatsphilosophen alsbald gegen die vermeintlich künstlichen „Gesellschaften“ in England oder Frankreich aus. Wo hier Tiefe und naturwüchsige Verbundenheit das Zusammenleben prägten („Kultur“), erkannten sie dort nur Zweck- statt Blutsbande („Zivilisation“). Die Blut-und-Boden-Rhetorik des Nationalsozialismus griff diese intellektuelle Vorarbeit dankend auf und verwob sie mit ihrem Rassedenken zu einer tödlichen Ideologie, die sich im Namen der Heimat gegen „fremde Rassen“, „fremde Völker“ und „fremde Ideologien“ richtete. Heimat in diesem Sinne konnte niemand finden, der nicht von Geburt an zu einem Ort und einer Gruppe gehörte.

Die Arbeiterbewegung als Heimat

Nicht für alle Klassen klangen die nationalistischen Heimat-Lockrufe hingegen verheißungsvoll. Die Arbeiterbewegung verweigerte sich ihnen schon im Kaiserreich so hartnäckig, dass sie ein beleidigter Kaiser Wilhelm „vaterlandslose Gesellen“ schimpfte. Das Bürgertum hatte die reale Unwirtlichkeit proletarischer Lebensverhältnisse grandios unterschätzt. Die Arbeiter hatten keine (schöne) Heimat. Sie lebten in schmucklosen Mietskasernen, die vieles, aber nicht heimelig waren.[16] In engen Zimmern eingepfercht, wechselten sie ihre Unterkünfte so regelmäßig, dass eine innige Verbindung zu einem Ort nicht entstehen konnte. „Die Kranke“, berichtete der Journalist und SPD-Politiker Albert Südekum 1908 von der Mutter einer siebenköpfigen Arbeiterfamilie aus Berlin, „wußte nicht mehr alle Straßen zusammenzufinden, in denen sie gehaust hatten, tatsächlich nicht einmal anzugeben, in welchen Wohnungen ihre letzten Kinder geboren waren; sie konnte nur schätzungsweise sagen, daß sie durchschnittlich alle sechs Monate das Domizil gewechselt hatten. Meistens hatten sie nur einen Raum ermieten können.“[17] Für diese Nomaden der Großstadt war Heimat kein topografischer Ort, sondern ein sozialer: die Arbeiterbewegung. In diese Heimat wurde man nicht hineingeboren. Sie war gewählt.

Hier deutete sich ein alternatives Heimatverständnis an, das in den Migrationsgesellschaften heute relevant wird: Heimat als Ort der Wahl und nicht als Geburtsort. Eine solche Heimat hat man nicht, eine solche Heimat kann man sich erschaffen. Wer so denkt, teilt nicht die in Deutschland „hegemoniale Vorstellung [...], dass Migration zur Entwurzelung führt“. Wer so denkt, geht vielmehr davon aus, dass sich Menschen ihre Heimat wählen können und auch an Orten heimisch werden, die sie erst spät kennenlernen. „Beheimatung“ lautet das Schlagwort, das dieses neue Heimatverständnis codiert. Es fragt danach, welche Anstrengungen wir unternehmen, um irgendwo anzukommen und was uns gegebenenfalls daran hindert, heimisch zu werden. So ein Heimatverständnis akzeptiert nichts als gesetzt und unveränderbar, sondern nimmt auch diejenigen, die schon immer einen Ort besetzten, in die Pflicht, sich auf die Neuen zuzubewegen. Es erwartet nicht, dass sich Migranten bedingungslos assimilieren, sondern dass sich mit jedem Neuankömmling ein Gemeinwesen verändern muss – und das ist auch gut so.[18]

Migranten, und hier insbesondere Zwangsmigranten wie Flüchtlinge und Heimatvertriebene, sind die Gruppe, die Heimat besonders sucht und pflegt. Zygmunt Rogallas masurisches Heimatmuseum außerhalb der alten Heimat ist typisch für diese Gruppe, die sich ihre neuen Heimaten erschloss, indem sie Erinnerungsstücke aus ihren alten Wohnorten in sogenannten Heimatstuben versammelten. Diese kleinen halböffentlichen Kammern waren gleichermaßen Museen und Vereinsheime für Landsmannschaften.[19] Sie markierten symbolisch Zugehörigkeit.

Vor dem Hintergrund der massiven Vertreibungen und Migrationen des Zweiten Weltkriegs schrieb die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte 1948 das Recht auf Heimat fest. Es garantiert, dass jeder Mensch irgendwo als Einheimischer anerkannt werden muss und dass er seine Heimat verlassen und in sie zurückkehren darf. Damit verbunden ist ein staatlich verbürgter Anspruch auf Versorgung. Zugleich wirkte diese Idee exklusiv, weil sie diejenigen ausschloss, die nicht per Definition dazugehörten (zum Beispiel Flüchtlinge).[20]

„Das Heimatrecht entsprach den Prinzipien einer stationären Gesellschaft, an deren Rändern allerdings die Zahl der Heimatlosen, der Vagabunden und Bettelleute, ständig wuchs. Es wurde aber vollends problematisch, als die wirtschaftliche Entwicklung eine immer größere Mobilität erforderte.“[21] Statt fester Grenzen forderten die liberalisierten Weltmärkte Freizügigkeit für Waren und Personen. Heimat als Gegenbegriff zur Fremde wird so en passant von einer territorialen oder ethnischen Kategorie zu einer sozialen. Es ist nicht mehr so wichtig, woher jemand kommt. Wichtig ist, ob er sich bemüht dazuzugehören und wie diejenigen, auf die er am neuen Ort trifft, ihn aufnehmen.

Heimat als Moderationsbegriff

Interessanterweise scheint das Reden von Heimat wieder zuzunehmen, seit sich die Erkenntnis, dass Deutschland ein Einwanderungsland ist, mit den Fluchtbewegungen von 2015 an herumgesprochen hat und politische Konsequenzen zeitigt (wie die Debatte um ein Einwanderungsgesetz und die veränderte Asylgesetzgebung zeigen). Noch ist nicht klar zu erkennen, ob das Heimatverständnis, auf das wir zusteuern, eher restaurativ und defensiv oder progressiv ist. Die Signale sind widersprüchlich: Forderungen nach Leitkultur, „Heimatschutz“ und Obergrenzen für Asylsuchende deuten in die eine,[22] Pläne für Islamunterricht an Schulen und ein Einwanderungsgesetz in die andere Richtung.

Vielleicht ist Heimat gerade deshalb der passende Begriff für eine offene Situation, weil er viel zulässt. Er verweist auf das Tradierte und rührt an romantische Sehnsüchte, gibt sich aber zugleich offen für neue Aneignungen. In seiner aktuell vorherrschenden Verwendung versucht er, die alten Gegensätze zwischen Tradition und Technik, zwischen Früher und Heute zu überwinden.

Ihre Aura verdankt Heimat vor allem der Konnotation, die sie schon früh begleitete: Heimat ist der Ort, an dem ich mich nicht fremd, sondern absolut sicher fühle, weil ich um die geschriebenen und ungeschriebenen Regeln weiß. Es ist der Ort, an dem mein Habitus, also all das, was (oft unbewusst) mein Denken, Handeln und Fühlen bestimmt, sein Habitat findet. Vielleicht sollten wir Heimat („mit Zukunft“, wie es im Koalitionsvertrag heißt) deshalb als Moderationsbegriff verstehen: Ein Begriff, dessen implizite Referenz zwar der Status quo ante ist, der die stabile Ordnung der guten alten Zeit verspricht („Retrotopie“ nannte Zygmunt Bauman das[23]), der zugleich aber klar macht, dass die Differenzen zwischen Stadt und Land, zwischen Modernisierung und Tradition nicht länger haltbar sind und dass die Utopie einer ethnisch homogenen Gesellschaft nicht mehr zeitgemäß ist. Ob das freilich der Intention des CSU-Innen- und Heimatministers entspricht, wird sich zeigen: „Heimat als Ort zu denken, der nicht ausgrenzt, sondern einschließt und Verschiedenheit aushält, ist eine lohnende Aufgabe für grokogelangweilte linke Geister – und ein Beitrag zur inneren Sicherheit des Landes. Der Heimatminister in spe dürfte das anders sehen. Aber der Mensch kann ja lernen, gerade unter Fremden.“[24]

Um zu lernen, genügt der Blick in die Vergangenheit: Wie schon um 1900 hilft ein unscharfes Verständnis von Heimat, Ängste vor Veränderungen in der unmittelbaren Lebenswelt zu kontrollieren. In ihm verbirgt sich eine Sehnsucht nach Normalität, also nach Zuständen, die ich als normal empfinden kann, weil ich mich sicher fühle und weil sie im Wesentlichen meinen Vorstellungen und den qua Sozialisation erworbenen Wissensbeständen und Werten entsprechen.

 


[1] Sebastian Beck, Blaupause Bayern, in: „Süddeutsche Zeitung“ (SZ), 10./11.2.2018.

[2] Koalitionsvertrag zwischen CDU, CSU und SPD: Ein neuer Aufbruch für Europa. Eine neue Dynamik für Deutschland. Ein neuer Zusammenhalt für unser Land, Berlin, 7.2.2018, S. 117-121.

[3] Rolf Lindner: Berlin, absolute Stadt. Eine kleine Anthropologie der großen Stadt, Berlin 2016, S. 24.

[4] Gottfried Korff, Mentalität und Kommunikation in der Großstadt. Berliner Notizen zur „inneren“ Urbanisierung, in: ders., Simplizität und Sinnfälligkeit. Volkskundliche Studien zu Ritual und Symbol, Tübingen 2013, S. 398-423.

[5] Konrad Köstlin, Heimatgefühl, Heimatbedürfnis und sozialer Wandel, in: Akademie für Lehrerfortbildung Dillingen (Hg.), Heimat und Schule. Fortbildungsmodell, Donauwörth 1989, S. 160-169, S. 164.

[6] Hermann Bausinger, Heimat in einer offenen Gesellschaft. Begriffsgeschichte als Problemgeschichte, in: Reinhard Johler und Bernhard Tschofen (Hg.), Empirische Kulturwissenschaft. Eine Tübinger Enzyklopädie, Tübingen 22015, S. 351-366, hier: S. 355.

[7] Bernd Jürgen Warneken, Volkskundliche Kulturwissenschaft als post-primitivistisches Fach, in: Kaspar Maase und Bernd Jürgen Warneken (Hg.), Unterwelten der Kultur. Themen und Theorien der volkskundlichen Kulturwissenschaft, Köln, Weimar und Wien 2003, S. 119-141.

[8] Gustav Brandt, Museen und Heimatschutz, in: „Museumskunde“ 5/1909, S. 30-34, hier: S. 31. Vgl. dazu auch Hermann Heimpel, Geschichtsvereine einst und jetzt, in: Hartmut Bookmann, Arnold Esch, Hermann Heimpel, Thomas Nipperdey und Heinrich Schmidt, Geschichtswissenschaft und Vereinswesen im 19. Jahrhundert, Göttingen 1972, S. 45-73.

[9] Hermann Bausinger, Volkskultur in der technischen Welt. Erw. Neuausgabe, Frankfurt a. M. und New York 2005, S. 76-93.

[10] Hans Moser, Vom Folklorismus in unserer Zeit, in: „Zeitschrift für Volkskunde“, 58/1962, S. 177-209; dazu kritisch: Hermann Bausinger: Zur Kritik der Folklorismuskritik, in: Reinhard Johler und Bernhard Tschofen, Empirische Kulturwissenschaft 2015, S. 273-284.

[11] „Heimatministerium? Das klingt für viele so rückwärtsgewandt, dass man mit einem Exkurs beginnen muss…“, beginnt Sebastian Beck seinen Artikel zur „Blaupause Bayern“, a.a.O.

[12] Alon Confino, The Nation as a Local Metaphor. Württemberg, Imperial Germany, and National Memory, 1871-1918, Chapel Hill 1997, S. 155 – Übers. d. Red..

[13] Ebd., S. 137.

[14] Konrad Köstlin, Heimatgefühl, Heimatbedürfnis und sozialer Wandel, a.a.O.

[15] Hermann Bausinger, Heimat in einer offenen Gesellschaft, a.a.O., S. 355.

[16] Wolfgang Kaschuba, Arbeiterbewegung – Heimat – Identität, in: „Tübinger Korrespondenzblatt“, 20/1979, S. 11-15.

[17] Albert Südekum, Großstädtisches Wohnungselend, Berlin und Leipzig 1908, S. 17.

[18] Beate Binder, Beheimatung statt Heimat. Translokale Perspektiven auf Räume der Zugehörigkeit, in: Manfred Seifert (Hg.), Zwischen Emotion und Kalkül. „Heimat“ als Argument im Prozess der Moderne, Leipzig 2010, S. 189-204, hier: S. 194.

[19] Reinhard Johler, Josef Wolf und Christian Glass (Hg.), Heimatsachen. Donauschwäbische Grüße zum baden-württembergischen Geburtstag, Tübingen 2012.

[20] Das knüpfte an die juristische Funktion des Heimatrechts aus dem 18. und 19. Jahrhundert an, die heute weitgehend vergessen ist.

[21] Bausinger, a.a.O., S. 353.

[22] Die „Huffington Post“ mutmaßte: „Für die Union bietet die Umbenennung des Ministeriums vor allem die Chance, stärker als bisher ein rechtskonservatives Publikum anzusprechen. Das Innenministerium soll offenbar weg von der vor allem in Bedrohungslagen öffentlich auftretenden Krisen-Behörde, hin zu einer gestaltenden Instanz, die für ‚Heimat‘ und ‚Leitkultur‘ eintritt.“ Lennart Pfahler, Vorbild Strache? Wie Seehofer das Innenministerium umkrempeln soll, www.huffingtonpost.de, 7.2.2018.

[23] Zygmunt Bauman, Retrotopia, Frankfurt a. M. 2017.

[24] Constanze von Bullion, Gegen die Unbehaustheit, in: SZ, 9.2.2018.

(aus: »Blätter« 3/2018, Seite 69-78)
Themen: Kultur, Demokratie und Geschichte