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Wider den Alarmismus: Die Chancen der Digitalisierung

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von Hauke Behrendt

In der März-Ausgabe der »Blätter« beschrieb der Kommunikationswissenschaftler Fred Turner, wie die Vision der digitalen Befreiung zur Realität der autoritären Unterdrückung wurde. Das hält der Philosoph Hauke Behrendt für entschieden zu eindimensional.

Die Erwartungen, die sich seit seiner Geburtsstunde am 12. März 1989 an das World Wide Webknüpfen, sind gewaltig. Als eine dezidiert neue, einzigartige Organisationsform werde es alle Menschen dieser Erde miteinander verbinden, die individuelle Freiheit und Selbstbestimmung stärken sowie die Abhängigkeit des Einzelnen von Staaten und Konzernen aufbrechen. Für seinen Vordenker, Tim Berners-Lee, stellt das Internet die digitale Grundlage für herrschaftsfreie Begegnungen, Konversationen und Kollaborationen jenseits von Raum und Zeit dar. Das gesamte hochgradig fragmentierte Weltwissen wäre für alle zu jeder Zeit und von überall her aus abrufbar. Was sich einst auf der antiken Agora oder in den Kaffeehäusern der Aufklärung abspielte, sollten fortan virtuelle Plattformen leisten: eine Stärkung gemeinschaftlicher Werte und die Emanzipation des Individuums. Noch zehn Jahre nach der Gründung bezeichnete sein Schöpfer das Internet als eine „Vision, die neue Freiheiten eröffnet und schnelleren Fortschritt erlaubt, als es durch die Fesseln jener hierarchischen Klassifikationssysteme möglich wäre, an die wir uns selbst gebunden haben.“[1] Kurz darauf platzte die Dotcom-Blase – und das Netz demonstrierte zum ersten Mal sein disruptives Potential, indem es immense Vermögenswerte der IT-Branche vernichtete.

In der März-Ausgabe der „Blätter“ machte nun Fred Turner dem umjubelten Internet die Gegenrechnung auf, indem er den Weg von der Idee der Befreiung zur autoritären Überwachung nachzeichnet. Allerdings greift auch diese Diagnose in ihrer spiegelverkehrten – nun eben absolut negativen – Schwarz-Weiß-Zeichnung zu kurz. Denn in Wirklichkeit ist die Bilanz weit gemischter. So driften nicht nur Quantität und Qualität des Internets auseinander, sondern auch Risiken und Chancen – wobei Letztere in manchen Fällen noch gar nicht allgemein erkannt sind.

Zunächst muss man dem Internet unter rein quantitativen Gesichtspunkten tatsächlich einen bis heute ungebrochenen Siegeszug attestieren. Misst man den Erfolg nur an Einfluss und Ausdehnung, ist die Zukunftsvision einer vollständig vernetzten Welt tatsächlich greifbar nahe. Im vergangenen Jahr waren in Deutschland gerade einmal fünf Prozent noch niemals online. Und mit der flächendeckenden Ausbreitung mobiler Endgeräte reicht das Netz inzwischen buchstäblich überall hin. Ein Großteil unseres Lebens – vom Einkaufen über das Arbeiten bis zur Partnersuche – spielt sich heute im Virtuellen ab. Kurzum: Das Internet ist tatsächlich zu einer nahezu alle Lebensbereiche prägenden digitalen Infrastruktur geworden. Mehr noch: In den Augen der Mehrheit in Europa sollte dem Zugang zu virtuellen Handlungen und Räumen sogar der Status eines universellen Menschenrechts zukommen.[2] Dieser Siegeszug des Digitalen lässt sich auf die enorme Leistungssteigerung seiner technischen Grundlagen zurückführen.

Der Historiker Reinhart Koselleck prägte für die folgenschwere Übergangszeit vom 18. ins 19. Jahrhundert, in deren Verlauf die Moderne geboren wurde, den Begriff der „Sattelzeit“.[3] Heute stehen wir erneut an einer Epochenschwelle von welthistorischem Rang, die man als digitale Sattelzeit bezeichnen kann.[4]

Nimmt man jedoch statt der Quantität die Qualität der zurückliegenden Entwicklung in den Blick, fällt das Urteil ernüchternd aus. Regierungen und Großkonzerne haben sich den Cyberspace gegen die Interessen der Öffentlichkeit angeeignet und für ihre Zwecke zunutze gemacht. Anstelle von Transparenz, Emanzipation und Aufklärung erleben wir eine neue Dimension kommerzieller wie politischer Manipulation und Überwachung, die die Nutzer in systematische Abhängigkeiten zwingt. Monopolstrukturen verdrängten die anfängliche Vielfalt, dezentrale Selbstorganisation weicht wenigen zentralisierten Plattformbetreibern, die Privatsphäre wird ausgehöhlt, die Selbstbestimmung der Bürger radikal bedroht. Wie brachte es der ehemalige Google-Vorstandsvorsitzende Eric Schmidt auf den Punkt: „Wir wissen, wo Du bist. Wir wissen, wo Du gewesen bist. Wir wissen mehr oder weniger, woran Du denkst.“

Mittlerweile haben wir es mit einer solchen Menge an verwertbaren Daten zu tun, dass die vorhandenen Informationen für den Menschen allein nicht mehr handhabbar sind – ja, zurzeit selbst von kaum einem handelsüblichen Computer noch wirklich beherrscht werden können. Man muss sich klarmachen, dass die digitale Weltgesellschaft seit 2007 mehr Daten produzierte als den dazu benötigten Speicherplatz. Bereits im Jahr 2011 wurde erstmals die magische Marke von einem Zettabyte(1000 Exabytes) erzeugter Daten geknackt.

»Die digitale Transformation wird als Revolution erlebt, die alles mitreißt wie eine unkontrollierbare Naturkatastrophe.«

In Anbetracht dieser Entwicklung ist es nicht verwunderlich, dass die digitale Transformation von vielen Menschen als Revolution erlebt wird, die alles mitreißt wie eine unkontrollierbare Naturkatastrophe. Viele haben ein Gefühl der Machtlosigkeit, weil die multipolaren Entwicklungen der Gegenwart sich vollständig ihrem Einfluss zu entziehen scheinen. Tatsächlich haben wir es mit einer paradoxen Entwicklung zu tun: Während immer mehr Menschen digitale Technologien in immer mehr Lebensbereiche integrieren, werden gleichzeitig die progressiven Ideale der Netzgemeinschaft im gleichen Maße immer stärker frustriert. Und obwohl uns das Netz zunehmend in Abhängigkeit von mächtigen Großkonzernen wie staatlicher Überwachung bringt, sind wir bereit, uns weiter diesen Mechanismen unterzuordnen. Sprich: Die Lücke zwischen dem, wie das Internet heute ist, und dem, wie es vor 30 Jahren erdacht wurde, könnte kaum größer sein.

Trotzdem sollten wir uns davor hüten, in technologiefeindlichen Alarmismus zu verfallen. Nicht die Technik selbst, sondern nur der Mensch setzt Zwecke und bestimmt die dafür erforderlichen Mittel. Diese Differenzierung ist wichtig, weil unsere Kritik am Status quo sonst Gefahr läuft, den falschen Gegner ins Visier zu nehmen. Fred Turner ist durchaus darin recht zu geben, dass digitale Medien zur großangelegten Verbreitung von ideologischen bis verschwörungstheoretischen Fake-news missbraucht werden. Doch weder das Internet noch Smartphones verkaufen unsere persönlichen Daten und manipulieren unser Verhalten. Es sind in erster Linie menschliche Gier, Machtversessenheit und Bequemlichkeit, die uns in diese Lage gebracht haben. Sprich: Nicht technische Lösungen sind unser eigentliches Problem, sondern die falsche Wertorientierung – auch wenn erst die Technik spezifische Möglichkeiten der Umsetzung schafft.

Turners pauschalisierende Skepsis gegenüber den sozialen Medien verkennt dabei zweierlei: Erstens ist das Internet tendenziell nicht nur ein Hort ideologischer Manipulation und autoritärer Überwachung, sondern egalisiert umgekehrt auch die öffentliche Meinungs- und Willensbildung. So können wir uns heute aus einer Vielzahl frei zugänglicher Quellen informieren und sind damit weit weniger an traditionelle Gatekeeper wie zentralisierte Massenmedien gebunden. Außerdem sind auch die Schranken, die eigene Meinung öffentlich kundzutun, geringer als noch zu analogen Zeiten. Fakt ist: Digitale Medien bauen asymmetrische Wissensvoraussetzungen ab und verteilen den jeweils beanspruchbaren Redeanteil im öffentlichen Raum gerechter.

Zweitens übersieht Turner, dass „Gruppen mit gegensätzlichen materiellen Interessen und oft tief verwurzelten kulturellen Differenzen“[5] in den sozialen Medien durchaus einen politischen Richtungsstreit austragen. So richtig seine Forderung ist, den politischen Willen von parlamentarischen Repräsentanten rechtlich fixieren zu lassen – ohne kritische (Gegen-)Öffentlichkeit(en) und eine lebhafte Zivilgesellschaft bliebe die politische Entscheidungsfindung letztlich elitär. Das Internet ist eine geeignete Plattform für den produktiven Austausch pluralistischer Gruppen. Damit alle Betroffenen von ihrer rechtlich verbürgten Möglichkeit zur politischen Partizipation auch faktisch Gebrauch machen können, benötigen wir mehr digitale Plätze für Begegnungen, Konversation und Kollaboration.

Digitale Medien allein verleihen den Dingen sicherlich noch keinen neuen Sinn, aber sie sind Arenen, in denen wir uns über die Grundlagen unseres Zusammenlebens verständigen können. So stellt digitale Kompetenz eine Schlüsselqualifikation dar, denn politische, soziale und wirtschaftliche Teilhabe werden künftig ohne digitale Teilhabe immer schwieriger zu haben sein. Die Aushandlung von Wert- und Interessenskonflikten und die Auseinandersetzung um eine andere Ordnung sind fester Bestandteil in dieser Phase technischer Innovation, die im Begriff ist, unsere Lebensumstände fundamental zu verändern. Was unsere Gesellschaft jetzt dringend braucht, ist eine Selbstverständigung über die Ziele und Risiken der Digitalisierung, um gemeinsam den Weg in eine bessere Zukunft gestalten zu können. Dabei sollten wir uns weniger an dem orientieren, was wir angeblich müssen, als vielmehr daran, was wir wirklich wollen. Die Rhetorik der Alternativlosigkeit – ob affirmativ oder apokalyptisch verwendet – verbaut den Blick für offene Horizonte, in deren Grenzen unsere Welt aus- und umgestaltet werden kann. Denn Digitalisierungsschübe stoßen uns nicht einfach zu. Obwohl es schwierig ist, angesichts der komplexen Entwicklungsdynamik den Überblick zu behalten, können wir die Entwicklungsrichtung durch unser Handeln aktiv beeinflussen und so Einfluss darauf nehmen, in welcher Weise sich der digitale Wandel vollzieht und wofür wir ihn einsetzen.

»Moderne Technologie muss den menschlichen Faktor nicht zwangsläufig überflüssig machen.«

Die disruptiven Veränderungen im Zuge der Digitalisierung betreffen besonders die Arbeitswelt. Hier dominieren Befürchtungen, der Einsatz hochgradig vernetzter Maschinen könnte einen Großteil der Arbeitsplätze vernichten. In einer viel beachteten Studie der Oxford Martin School prognostizieren Carl Benedict Frey und Michael A. Osborne, dass rund die Hälfte aller Arbeitsplätze durch Automatisierungsprozesse automatisiert werden könnte.[6] Ganz oben auf der Liste der von Automatisierung bedrohten Berufe rangieren Telefonverkäufer und Büroangestellte, aber auch Piloten und Richter. Doch bei aller berechtigten Sorge wird vielfach übersehen, dass gerade der technologische Fortschritt im Bereich der Mensch-Maschine-Interaktion auch große Potentiale birgt. Gerade nicht oder nur prekär Beschäftigte könnten gefördert werden und in Arbeit gelangen. Waren die Maschinen des Industriezeitalters vor allem dafür da, menschliches Handeln zu vereinfachen und am besten sogar vollständig zu ersetzen, zielen digitale Technologien der neusten Generation immer stärker auf eine arbeitsteilige Interaktion zwischen Mensch und Maschine. So können technische Assistenzsysteme am Arbeitsplatz dabei helfen, dass Menschen, die andernfalls unter beruflicher Exklusion leiden, ihren Platz im Arbeitsleben finden. Noch immer ist insbesondere für Menschen mit körperlichen, geistigen oder seelischen Beeinträchtigungen eine gerechte Teilhabe an der Arbeitswelt nicht verwirklicht. So kam eine hochrangige UN-Delegation 2015 zu dem ernüchternden Urteil, dass Deutschland noch weit davon entfernt sei, das „Recht auf inklusive Arbeitswelten“ zu gewährleisten und wirksam einen inklusiven, mit dem „UN-Übereinkommen in Einklang stehenden Arbeitsmarkt“ zu schaffen.[7]

Mit modernen digitalen Assistenzsystemen könnte dem Abhilfe geschaffen werden. Aktuelle Studien der Universität Stuttgart belegen, dass Assistenzsysteme in Bezug auf die Gruppe der Menschen mit Behinderungen beiden Seiten des Arbeitsverhältnisses nutzen. Insbesondere schwerst geistig behinderte Menschen konnten von einem Montageassistenzsystem erheblich profitieren. Die Digitalisierung ermöglicht damit eine Teilhabe an der Arbeitswelt, die ohne entsprechende Unterstützung verwehrt bliebe. Moderne Technologie muss den menschlichen Faktor also nicht zwangsläufig überflüssig machen, im Gegenteil: Sie kann umgekehrt auch dazu beitragen, das Ideal einer inklusiven Arbeitswelt, in der jeder Mensch ein gerechtes Auskommen findet, besser zu verwirklichen, als dies heute noch der Fall ist. Wenn wir ihre Potentiale richtig nutzen, kann die Digitalisierung dem gesellschaftlichen Fortschritt dienen.[8]


[1] Tim Berners-Lee, Der Web-Report, München 1999, S. 9.

[2] Vgl. „Internet access ‚a fundamental right’“, „BBC News“, 8.3.2010.

[3] Vgl. Reinhart Koselleck, Einleitung zu Geschichtliche Grundbegriffe, in: Otto Brunner, Werner Conze, Reinhart Koselleck (Hg.): Geschichtliche Grundbegriffe, Stuttgart 1972, Bd.1, S. XIII.

[4] Vgl. Hauke Behrendt und Steffen Süpple, An der Wiege des Homo Digitalis. Die digitale Transformation gestalten. Hg. von Intuity Media Lab, Stuttgart 2017.

[5] Fred Turner, Die trügerische Verheißung. Von der Geburt des Internets zum neuen Autoritarismus, in: „Blätter“, 3/2019, S. 41-54, hier: S. 53.

[6]Vgl. Carl Benedikt Frey und Michael A. Osborne, The Future of Employment: How Susceptible are Jobs to Computerisation?, Working Paper, Oxford 2013.

[7]   United Nations, Abschließende Bemerkungen über den ersten Staatenbericht Deutschlands. Staatenberichtsprüfung, Genf 2015, Ziffer 49, www.institut-fuer-menschenrechte.de.

[8]Vgl. Hauke Behrendt, Das Ideal einer inklusiven Arbeitswelt. Teilhabegerechtigkeit im Zeitalter der Digitalisierung, Frankfurt a. M. und New York 2018.

(aus: »Blätter« 4/2019, Seite 45-48)
Themen: Technologiepolitik und Globalisierung