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Heiliges Merzle!

von Jan Kursko

Wenn eine Lichtgestalt auf Erden erscheint und ihre Jünger schon nach kurzer Zeit wieder verlässt, dann ist das Jammern und Wehklagen groß. So auch nach dem jüngsten Erscheinen des Heiligen Friedrich. Seine Glaubensgemeinde trauert noch immer, vor allem im Hort der reinen Merzschen Lehre, dem tief von der protestantischen Ethik des Kapitalismus durchdrungenen Ländle, dem schönen Baden-Württemberg. 

Dabei hatte Merz, offenbar bereits in weihnachtlicher Stimmung, doch selbst zu seiner Vermenschlichung beigetragen. Mit einer höchst irdischen Bewerbungsrede war aus dem Merz ein Merzle geworden, getreu dem Vorbild seines großen Förderers Wolfang Schäuble. Das eben ist der Lauf der Welt: Mit Hilfe des badischen Diminutivs werden aus eben noch fast göttlich Großen ganz schlagartig menschlich Kleine. Doch wer einmal seinen Messias gefunden hat, trennt sich höchst ungern von ihm. „Friedrich Merz ist der Markenkern der CDU“, jammert noch immer Christian Freiherr von Stetten, seines Zeichens Vorsitzender des mächtigen Parlamentskreises Mittelstand. Mit dem „Markenkern“ ist dabei natürlich nur eines gemeint, der Kampf gegen die gemeingefährliche „Sozialdemokratisierung“ (Merz). Aber neben der schnöden Abwehr linker Strauchdiebe geht es dabei immer auch um den geistigen Überbau, die Metaphysik der Union.

Das aber könnte keiner besser zum Ausdruck bringen als der große Pathetiker des deutschen Journalismus, „Welt“-Chefredakteur Ulf Poschardt. Er dechiffriert „die kulturelle Katastrophe des Scheiterns von Friedrich Merz“. Dabei geht es ihm natürlich, Gott bewahre, „nicht um die Verklärung seiner Person“, sondern bloß um authentische Darstellung. Denn „Friedrich Merz verführte: mit Disruption. Er ging einen eigenen Weg.“ Ja, Merz hatte eine Mission: „Er hat sich mit dem Staat als Götzen angelegt. [...] Merz hat sich damit gegen einen Zeitgeist gestellt, der gruselig etatistisch und autoritär geworden ist.“ Merz ging es also um nichts anderes als den mutigen, antitotalitären Kampf gegen den Kraken Staat: „Die freie Wirtschaft ist das radikale Gegenmodell zu staatlichen Hierarchie- und Innovationsstrukturen“, weiß Porsche-Philosoph Poschardt, und „Friedrich Merz wollte all das nicht. Er hat Jahre in der freien Wirtschaft verbracht, in der alles, aber wirklich alles von der Leistungsfähigkeit und den Freiheits- und Gestaltungsräumen der Einzelnen abhängt.“ 

Genau das, sein unbedingter Leistungswille, ist der Wesenskern des heiligen Friedrich, der sich auch seinen dürren Tagessatz von 5000 Euro, bezahlt für alle sieben Tage der Woche, bei der Abwicklung der staatlichen WestLB hart erarbeiten musste. Und so steht denn eines fest: „Auch der Reichtum von Merz, eigenverantwortlich erkämpft [bei Wind und Wetter, Eis und Schnee], hat ihm die innere Unabhängigkeit geschenkt, deren Ausdruck am Ende auch ein etwas verblasener Wahlkampf sein konnte.“ Wohl wahr, und so war denn der freie Radikale, äh, Liberale, namens Merz auch schon wieder entfleucht, ehe der CDU-Parteitag noch dieNationalhymne hätte spielen können, hinfort zu neuen Freiheitsräumen. Doch zum Glück weiß Schäuble-Schwager Thomas Strobl (oder doch eher Strob-le?) eines ganz genau: „Der Friedrich Merz ist nicht weg, er ist mitten unter uns.“ Möge er es denn für immer bleiben, ihr lieben Ländle-Menschen der „gehobenen Mittelschicht“. In diesem Sinne: Gesegnete Weihnacht – und für die Armen ein Heilig‘s Blechle!

(aus: »Blätter« 1/2019, Seite 120-120)
Themen: Konservatismus, Medien und Parteien