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»Fridays for Future«: Der Kampf um die Empörungshoheit

Wie die junge Generation um ihre Stimme gebracht werden soll

von Albrecht von Lucke

Seit Jahren ist es dasselbe Ritual: Ende des Jahres, in der Regel Anfang Dezember, findet eine Weltklimakonferenz statt, um die dramatische globale Lage festzuhalten und zu beklagen. Doch schon nach Weihnachten ist das Thema wieder vergessen, um dann erst zum nächsten Jahresende wieder aufgerufen zu werden.[1] „The same procedure as every year“: Das ist ungemein bequem für all jene, die von der Ausbeutung fossiler Ressourcen profitieren, ob als Produzenten durch gewaltige Gewinnmargen oder als Konsumenten durch billige Energiepreise – doch verheerend für jene, denen schon heute das Wasser bis zur Brust steht, insbesondere für die Staaten des globalen Südens. Doch in diesem Jahr ist die Lage eine andere: Erstmals ist das Thema über den Jahreswechsel nicht aus den Schlagzeilen verschwunden. Dafür spielen zwei Faktoren eine entscheidende Rolle, ein objektiver und ein subjektiver.

Zu danken ist dies erstens dem „Jahrhundertsommer“ 2018. Die außerordentliche Dürre des vergangenen Jahres hat auch die nördlichen Breiten spüren lassen, wie fragil das Klima geworden ist – und wie sehr auch wir jenseits der gewaltigen Ernteausfälle bereits unwiederbringliche Einbußen erleiden, wenn man nur an das massive Insektensterben und den Rückgang zahlreicher Vogelarten denkt.[2] Dennoch wäre dieser objektive Faktor wahrscheinlich bereits verblichen, wenn nicht zweitens das hinzugekommen wäre, was man den subjektiven Faktor, ja vielleicht sogar ein neues „politisches Subjekt“ nennen kann.

 

 

Am Anfang stand das Aufstehen und Hinsetzen der jungen Schwedin Greta Thunberg, die über Monate alleine vor dem schwedischen Parlament in Stockholm mit ihrem Plakat gegen den Klimawandel demonstrierte und anschließend auf der Weltklimakonferenz in Kattowitz mit einer beeindruckenden Rede an das Umweltgewissen der Welt appellierte. Doch längst hat ihr Beispiel Schule gemacht, ist daraus, wie die anhaltenden Proteste der Jugendlichen und Schüler zeigen, eine neue Generationsbewegung geworden.

Ihr Anliegen ist denkbar klar, einfach und berechtigt: Der Welt geht, wie die IPCC-Berichte Jahr für Jahr belegen, in der Klimapolitik die Zeit aus. Also, so die Aufforderung an die Politiker: Handelt endlich! Erfüllt das Pariser Klimaabkommen! Denn sonst verspielt ihr unsere Zukunft! „Wir können eine Krise nicht lösen, ohne sie als eine Krise zu behandeln“, lautete Greta Thunbergs Kernbotschaft in Kattowitz. Und daran anschließend forderte sie bei ihrer zweiten, nicht weniger eindrucksvollen Rede auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos: „Ich will, dass ihr handelt wie in einer Krise. Ich will, dass ihr handelt, als würde euer Haus brennen. Denn es brennt.“ Damit bringt Greta Thunberg die Dramatik der Lage auf den Punkt. Früher sprach man in Sonntagsreden stets von der Zukunft kommender Generationen, heute wissen wir: Die Generationen, die von der Klimaveränderung massiv betroffen sein werden, sind längst geboren. Eigentlich, so sollte man daher meinen, hätten die Sorgen der jüngeren Generation allgemeines Verständnis verdient, angesichts der immensen Diskrepanz zwischen globaler Krise und politischer Untätigkeit. Doch genauso stark wie der Protest war von Anfang an der Protest gegen den Protest. Mit allen Mitteln wurde der aufkommenden Bewegung ihre Legitimation abgesprochen. „Das Establishment“, zugespitzt formuliert, schoss zurück, und zwar mit dem denkbar größten Kaliber.

»Arme Greta«: Delegitimierung durch Infantilisierung

Von Anfang an richtete sich die Delegitimierung vor allem gegen die junge Schwedin als dem Gesicht der Bewegung; sofort wurde herausgearbeitet, „was an der Rede der jungen Greta nicht stimmte“.[3] Weil sie sich auf eine Umweltorganisation berufen hatte – „Ich spreche im Auftrag von Climate Justice Now“ – wurde insinuiert, dass die Rede überhaupt nicht von ihr stammen könne, ihr sogar von Erwachsenen eingeflüstert worden sein musste. Greta Thunberg wurde als bloße Marionette diffamiert, die von egoistischen Erwachsenen politisch instrumentalisiert, ja fremdgesteuert werde.[4] All das gipfelte in dem absurden Vorwurf, dass man es mit einem Fall von Kinderarbeit zu tun habe.[5]

Die dahinter stehende Strategie liegt auf der Hand: Anstatt sich mit den Inhalten von Greta Thunbergs Rede wie auch mit dem Anliegen der Jugendproteste auseinanderzusetzen, wird deren Glaubwürdigkeit radikal infrage gestellt. Das geschieht in zweifacher Weise: erstens durch gezielte Infantilisierung – weil es sich um Kinder und Jugendliche handelt, können deren Argumente nicht erwachsen sein, müssen also nicht ernst genommen werden – und zweitens, in noch gesteigerter Stufe, durch laienpsychologische Deutung bis hin zur Pathologisierung der jungen Akteure.

„Es sei die These gewagt“, so der Publizist Sebastian Sigler auf „Tichys Einblick“, „Kinder und Jugendliche, die gegen ganz bestimmte Industrieprojekte oder ganz allgemein für Frieden, Klima und Weltverbesserung auf die Straße gehen, erhoffen sich eine Belohnung durch ‚Erwünschtheit‘“. Damit wird den Jugendlichen jede Autonomie abgesprochen, denn die eigentlichen Motive und Hintergründe liegen für Sigler auf der Hand: „Sie folgen den Vorgaben einer zahlenmäßig starken Gruppe von Erwachsenen, die politisch sehr weit links steht und deren Mitglieder unzufrieden sind, weil sich ihre sozialistischen und kommunistischen Blütenträume angesichts des Alltags in einer funktionierenden Marktwirtschaft aus diesem oder jenem Grund in Luft aufgelöst haben.“ Um die derart fehlgeleiteten Jugendlichen, insbesondere die „arme Greta“, so ihre schon gängige abwertende Bezeichnung, vor bösen Mächten zu schützen, endet die Argumentation in wohlmeinendem Paternalismus: „Greta verdient Mitleid. Sie strahlt nicht jene Fröhlichkeit aus, die für eine glückliche Kindheit steht, sondern wirkt getrieben, fremdgesteuert.“ Indem Greta Thunberg derart fürsorglich in Schutz genommen wird, wird der Inhalt ihrer Aktionen völlig negiert und entwertet. Doch nicht nur das, gleichzeitig wird eine Verschwörung verheerenden Ausmaßes behauptet: „Das Kind Greta, das auszog“, zitiert Sigler zustimmend einen seiner Leser, „um kreuzzugmäßig Scharen anderer Kinder zu erleuchten und zu illuminieren, die Schule zu schwänzen und für die ‚Religionen des Klima’ zu kämpfen‘, diese ‚Greta Pippi Langstrumpf‘ habe alles, um das Zeitalter dieser Religion beginnen zu lassen: die Geschichte, die Zöpfe, den ‚Ernst‘, den bedingungslosen Fanatismus und die Strahlkraft einer überzeugten ‚Heiligen‘“.[6]

Mehr an „Deutung“, genauer: Diffamierung, einer engagierten Jugendlichen geht nicht. Doch so sehr diese „Argumentation“ gleichermaßen infam wie überzogen erscheint, so sehr ist sie doch gerade in ihrer Überzogenheit entlarvend. Denn darin wird der eigentlich Vorwurf vieler sogenannter „Klimaskeptiker“ auf den Punkt gebracht: dass wir es bei sämtlichen Ergebnissen der Klimaforschung, die seit Jahren den immer verheerenderen Klimawandel belegen, letztlich mit einem neuen Totalitarismus in Form einer Klimareligion zu tun haben. Alle diese Vorwürfe, ob sie auf den Charakter Greta Thunbergs oder die angeblichen Absichten vermeintlicher „Hintermänner“ abstellen, verfolgen letztlich das gleiche, sehr durchschaubare Ziel: die junge Frau mundtot zu machen und sich so ihren Argumenten erst gar nicht aussetzen zu müssen. Auf diese Weise immunisiert man sich gegen jede Kritik an der eigenen, ressourcenverschlingenden Produktions- und Konsumtionsweise. Doch, und das ist das Bemerkenswerte, alle diese Vorwürfe – so radikal sie daherkommen – haben bisher nicht verfangen. Ja, mehr noch: Der Protest hat sich längst verselbstständigt und von seiner Urheberin gelöst, ist über Greta Thunberg hinausgewachsen. Die junge Schwedin war nur die Auslöserin, doch die Art und der Inhalt ihres Protests stehen heute für sich: Inzwischen demonstrieren schuleschwänzend Schülerinnen und Schüler in ganz Europa, am stärksten in Deutschland, unter dem Slogan „Fridays for Future“ – so wieder am kommenden 15. März auf der angekündigten Großdemonstration in Berlin. Ihr implizites Grundmotiv lautet: „Warum für die Zukunft lernen, wenn wir keine Zukunft haben!“

Eine neue Protest- und Generationsbewegung

Offensichtlich war die Zeit schlicht reif für diese Protestbewegung (auch wenn sogar die Kanzlerin „äußere Einflüsse“ dahinter vermutete).[7] Allerdings hat inzwischen auch der Protest gegen den Protest eine zweite, noch radikalere Stufe erreicht. Mittlerweile zielt er auf alle, die sich für den Umweltschutz verwenden. Dabei wird kein Unterschied mehr gemacht zwischen der Deutschen Umwelthilfe, die auf die Einhaltung von Stickoxid-Grenzwerten klagt, oder grünen NGOs, die für den Ausstieg aus der Kohleförderung plädieren, alle seien Teil eines neuen ökologisch-medialen Komplexes. Und um den Anliegen der genannten Organisationen ihre Berechtigung abzusprechen, wird mit allergrößtem Kaliber, nämlich geschichtsphilosophisch operiert.

Zu besonderer Meisterschaft hat es in dieser Disziplin der Chefredakteur der „Welt“-Gruppe, Ulf Poschardt, gebracht. Seiner Ansicht, oder genauer: seiner Insinuation nach „braut sich im Reich der Anständigen ein noch größerer Tugendorkan zusammen: der säkularisierte Calvinismus“.[8] Auch für Poschardt hat die Umweltbewegung keinen rationalen, sondern nur religiösen Charakter – und wie jede Religion habe auch diese ihre Priester: „Wie im Calvinismus bestimmen die sündenfreien Eliten, was richtig und falsch ist“, so Poschardt. Der Staat werde letztlich zum Vollzugsorgan der auserwählten Moral als einer neuartigen „Umerziehungskultur“. Hinter dieser „säkularcalvinistischen Gemeinde“ entdeckt Poschardt einen gewaltigen Verschwörungszusammenhang, nämlich eine „Verklumpung grüner Politik, subventionsnaher NGOs und eines medial-kulturellen Komplexes, dem die wechselseitige Anerkennung als Zeichen einzigartiger Auserwähltheit genügt.“ Die aktuellen Umfragen der Grünen habe diese Gemeinde auf neue Gipfel des Hochmuts entführt, auf denen über die sittliche Unreife der anderen gestaunt wird, die weder bei Dieselfahrverboten noch beim Tempolimit, beim Fleischessen oder beim Silvesterböllern Einsicht zeigen. Die Haltung der neuen Hohepriester sei klar: „Sie haben immer recht, sie sind nur gut, sie wissen, was richtig und falsch ist, sie wissen auch alles besser, und sie haben keine Probleme, sich selbst über die sündigen anderen zu stellen.“ Diese hingegen, also alle anderen, würden „für unmündig und diskursdeviant erklärt“. Kurzum: Laut der Poschardtschen Umerziehungsdiagnose wird nicht mehr nur der Einzelne, sondern die ganze Gesellschaft in missionarischer Weise auf grün gepolt.

So absurd der Vorwurf des Missbrauchs einer angeblich grünen Religion erscheint, erinnert er in seiner Schärfe doch an die hoch ideologisch aufgeladenen Debatten der 1970er Jahre. Schon damals behauptete der konservative Soziologe Helmut Schelsky eine neue „Priesterherrschaft“. Allerdings richtete sich sein Vorwurf der Instrumentalisierung des Religiösen nicht gegen ehrlich betroffene, demonstrierende Jugendliche, sondern in einer Debatte auf Augenhöhe gegen die Intellektuellen des anderen, nämlich linken Lagers.[9] Schelskys Kampfanordnung gleicht aber durchaus der von Poschardt inszenierten: Schelsky meinte einen Machtkampf zu erkennen, der sich als neuartiger Klassenkampf darstellt, aber nur „den in der Geschichte Europas uralten Widerstreit von weltlicher und geistlicher Herrschaft in einem modernen Gewande“ widerspiegele.[10] Auf der einen Seite stünden die Priester, nämlich die – natürlich linken, kapitalismuskritischen – Intellektuellen als die Klasse der demagogischen „Sinn- und Heilsvermittler“. Sie werden bei Schelsky zu „Träger[n] einer neuen sozialen Heilsverkündigung“ [11], die sie dem Rest der Gesellschaft aufoktroyieren –in erster Linie den Arbeitern, die die lebenswichtigen Güter überhaupt erst produzieren und damit auf der anderen, der weltlichen Seite stehen.

Da die Intellektuellen mittels Manipulation und Indoktrination die Herrschaft anstrebten, sieht Schelsky die Gefahr der Entstehung einer neuen Heilsreligion, die letztlich zu Lasten derer geht, die den Reichtum des Landes überhaupt erst erwirtschaften. Deshalb komme es darauf an, die Errungenschaften der Aufklärung zu verteidigen – gegen „die neuen sozial-religiösen ‚Dunkelmänner‘“, so Schelsky, „die die Ressentiments der Zeit missionarisch zur Begründung einer neuen Glaubenshysterie benutzen, um ihre eigene sozial-religiöse Herrschaft durchzusetzen.“[12]

Alter Wein in neuen Schläuchen: Von Helmut Schelsky zu Ulf Poschardt

Schelsky behauptete damals, „dass die in diesem Buch entwickelten Thesen nicht so schnell veralten, wahrscheinlich Generationen überdauern werden.“[13] Denn schon (der Antidemokrat) Georges Sorel habe vor zwei, drei Generationen die gleichen Beobachtungen gemacht und daraufhin die allein entscheidende Frage gestellt: „Wovon werden wir morgen leben?“

Tatsächlich kehren Schelskys Thesen heute in aufgewärmter Form wieder. Das schon klassische Versatzstück jedes reaktionären Konservatismus – der Ressentimentverdacht gegen die Zukurzgekommenen, die den Reichen ihre „verdienten Privilegien“ absprechen – taucht als Sozialneid-Vorwurf gegen all jene auf, die etwa die Legitimität immer höher motorisierter SUVs in Frage stellen. Und was bei Schelsky „säkularisierte Religiösität als gesellschaftliche Religion“ heißt, ist für Poschardt „säkularisierter Calvinismus“, also alter Wein in neuen Schläuchen. Auch die dahinterstehende Absicht ist dieselbe, nämlich die Delegitimierung jeglicher Kritik. Zu diesem Zweck wird ein neuer Interessengegensatz konstruiert: Standen in Schelskys Schema den
„produktiven Kräften“ Intellektuelle gegenüber, sind es bei Poschardt Grüne, NGOs und Schüler, und zwar ungeachtet dessen, wofür sich Letztere einsetzen, nämlich für die ökologischen Lebensgrundlagen aller, also auch der Arbeiterinnen und Arbeiter. Und zudem unabhängig davon, dass gerade die Gutsituierten die Umwelt besonders stark belasten, also nach dem Bestreben der Schüler am stärksten ihr Lebens- und Konsummodell ändern müssten. Hinzu kommt der kleine Unterschied, dass wir es in den 1970er Jahren tatsächlich mit starken links-intellektuellen Bataillonen zu tun hatten, während heute die Poschardts Schülerinnen und Schüler aufs Korn nehmen, die alles andere als ideologisch gerüstet sind. Stattdessen halten sie der alten Sorel-Frage – „Wovon werden wir morgen leben?“ – ihre existenzielle Angst entgegen: „Wie werden wir das Morgen überhaupt er- und überleben?“

»Freiheit statt Ökodiktatur«

Worum es Poschardt und seinen Mitstreitern primär geht, sind dagegen weniger die Arbeitsplätze der Arbeiterinnen und Arbeiter, als vielmehr das Wohl und Wehe der deutschen Automobilkonzerne. „Die deutsche Autoindustrie soll enthauptet werden“, man wolle „eine Schlüsselindustrie kriminalisieren“, stößt FDP-Chef Christian Linder ins gleiche Horn und sekundiert damit Andreas Scheuer (CSU). Für den „Minister für Verkehrspolemik“ („Süddeutsche Zeitung“) sind höhere Dieselsteuern und ein Tempolimit auf Autobahnen schlicht „gegen jeden Menschenverstand“.

Der Zufall will es, dass es sich bei allen dreien – Poschardt, Lindner, Scheuer – um ausgewiesene „Petrolheads“ und bekennende Sportwagen-Fans handelt. Und so erklärte denn auch Poschardt die freie Raserei auf der deutschen Autobahn zum angeblich letzten Freiheitsrefugium des Mannes in einer total verwalteten Welt. Auch dafür steht ein alter, aber unvermindert dummer Slogan aus den 1970er Jahren Pate: „Freie Fahrt für freie Bürger!“

Poschardts Neocalvinisten kennzeichne dagegen ihr „Negativverhältnis zu jeder Form von Freiheit – und noch bemerkenswerter: die Liebe zum Verbot“. Ihnen ginge es nicht mehr um „Freiheit vor dem Staat, sondern durch den Staat“. Damit werde diese Gesinnung tendenziell totalitär.

Auch mit dieser Meinung steht Poschardt nicht allein, sieht doch der neoliberale Rainer Hank von der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ bereits „ein Bündnis von Verbotsrhetorikern und Verzichtspredigern“ am Werk, „die den staatlichen Eingriff in die individuelle Bürgerfreiheit mit übergeordneten moralischen Zielen legitimieren. Um die Gattung zu retten, wird das einzelne Individuum bevormundet, erzogen und am Ende entmachtet.“ Diesem Gedanken spendet wiederum Christian Lindner umgehend Beifall und twittert gegen das Tempolimit: „Innovation statt Umerziehung“. Dieser Begriff allerdings impliziert ebenfalls eine gewaltige Unterstellung: Denn natürlich, das lehrt die Geschichte, ist es vom Willen zur Umerziehung nicht weit bis zur Umerziehungsdiktatur. Auch dieser ideologische Schlagabtausch ist keineswegs neu, sondern aus den Gründungsjahren der Grünen allzu bekannt. Hieß es noch in den 70er Jahren gegen „die Roten“ „Freiheit statt Sozialismus“ heißt es heute gegen die Grünen „Freiheit statt Ökodiktatur“. Die Ironie der Geschichte: Indem gerade jene Seite, die sich angeblich für die Freiheit jedes Einzelnen verwendet, so eine neue Totalitarismustheorie erfindet, dämonisiert sie die andere Seite, um sie zum Schweigen zu bringen.

Wer bestimmt, worüber das Land sich aufregt?

Warum aber wird gegen die Argumente der Jugendlichen mit derart harten Bandagen gekämpft? Dahinter verbirgt sich zweierlei: Zum einen ist der Protest der Jugendlichen so offensichtlich berechtigt – Sinnbild dafür ist die ersatzlose Streichung der deutschen Klimaziele 2020 –, dass die gegnerische Seite meint, den Protest bereits im Keim ersticken zu müssen. Zum Anderen aber geht es dabei immer auch um die harte Verteidigung eigener Interessen. „Das Schreckgespenst der ‚Öko-Diktatur‘ wird stets dann bemüht, wenn Profiteure der Zerstörung ihre Privilegien verlieren“, stellt die Umweltjournalistin Kathrin Hartmann im „Freitag“ fest. Daher werde der für den Erhalt unserer Lebensgrundlagen unabdingbare Klima- und Umweltschutz nicht als Frage der Gerechtigkeit diskutiert, für den globalen Süden wie für jüngere Generationen, sondern als Zumutung, Verzicht, ja sogar im Extrem als antidemokratische Gewaltherrschaft. „Eine erstaunliche Täter-Opfer-Umkehr“, so Hartmann.[14] Exemplarisch für die herrschende Täter-Opfer-Umkehr ist es, wenn Peter Altmaier den Aktivistinnen und Aktivisten von „Fridays for Future“ erklärt, er sehe die Wirtschaft in Deutschland durch den Klimaschutz gefährdet. Offensichtlich ist das Gegenteil der Fall, schützt die herrschende Politik doch primär die Interessen der deutschen Wirtschaft wie all jener, die von billigen Energiepreisen profitieren.

Die Massivität der Protest-Unterdrückung zeigt jedoch auch, dass es in der Debatte um etwas noch Grundsätzlicheres geht, nämlich um einen Kampf um die Deutungshoheit – oder genauer gesagt: um die Empörungshoheit. Wer bestimmt und definiert, worüber man sich in dieser Gesellschaft am meisten aufregt? So lautet die Gretchenfrage. Früher hätte man von der Lufthoheit über den Stammtischen gesprochen, heute geht es dabei auch und nicht zuletzt um die Echokammern im Internet.

Von 1968 an über die 1970er und 80er Jahre bis zur Jahrtausendwende und der Gründung von Attac kam die Empörung im Lande, zumal als Protest auf der Straße, zumeist von links. Und noch das „Empört Euch!“, das der französische Résistance-Kämpfer und Diplomat Stéphan Hessel zum Ende seines Lebens verlangte, war eine scharfe, linke Kritik des internationalen Finanzkapitalismus, gerichtet gegen „die Werte des Geldes und der Verschwendung“. Doch in den letzten Jahren – spätestens seit dem Aufkommen von Pegida 2013 und der großen Wutwelle im Gefolge der globalen Flucht – ist der Protest nach rechts gewandert, hat die Empörung die Seiten gewechselt. Das linke „Empört Euch!“ wurde von einem rechten verdrängt. Zu hören waren nur noch die „besorgten Bürger“. Gleichzeitig wurde die linke Kritik immer stärker marginalisiert. Und ein Weiteres kam hinzu: Angesichts der massiven Angriffe von rechts sahen sich die linken wie liberalen Kräfte in den letzten Jahren vor allem zur Verteidigung der demokratischen Institutionen aufgerufen. Jede weiterreichende Gesellschafts- oder gar Kapitalismuskritik trat demgegenüber in den Hintergrund. Auch deshalb waren die letzten drei Jahre klimapolitisch verlorene Jahre.

Jetzt aber scheint der rechte Höhenflug der AfD am Abflauen. Allerdings heißt das keineswegs, dass die Verteidiger des Status quo ihre Privilegien aufgeben. Im Gegenteil: Gerade weil sie sich in der Defensive sehen, wird der Kampf um die kulturelle Hegemonie umso mehr mit aller Härte ausgetragen – auch als Kampf um Gehör und Sichtbarkeit in der medialen Aufmerksamkeitsökonomie. Zu diesem Zweck bringt man gegen die Empörung der Jungen sogar die Wut der Dieselfahrer präventiv in Stellung. Mit der (selbsterfüllenden) Prophezeiung – „Treibt es mit den Verboten nicht zu bunt, sonst ziehen die Arbeiter die gelbe Weste an und halten es wie in Frankreich“ –, wird, um jeden ökologischen Gedanken schon im Ansatz zu unterbinden, in regelrecht erpresserischer Weise die Gefahr brennender deutscher Innenstädte beschworen und zugleich ein neuer rechtsradikaler Aufschwung an die Wand gemalt. Am prägnantesten, aber auch am bizarrsten, brachte diese Logik erneut Ulf Poschardt auf den Punkt: „Wenn Andi Scheuer als großer deutscher Antifaschist das nicht gemacht hätte [das Veto gegen Dieselfahrverbote], hätte sich die AfD dieses Thema geholt und hätte gesagt: Wir sind die Sprecher der Dieselfahrer“, so der „Welt“-Chef in der ARD-Sendung „Maischberger“.[15] Auf diese Weise werden Autolobbyisten kurzerhand zu Antifaschisten umetikettiert.

Die ewige Pubertät der Spaßgesellschaft

Neben alledem gibt es aber noch einen weiteren Grund für die Defensive der jüngeren Generationen. Mit ihrer stark ironischen Haltung hat sich die Jugend in den vergangenen Jahrzehnten selbst entwaffnet und ihrer vielleicht wichtigsten Ressource begeben – nämlich des moralischen Rechts, mit vollem Ernst im Namen und als Vertreter der Zukunft zu sprechen.

Hierin aber besteht gerade die Stärke der Auftritte von Greta Thunberg. Sie spricht in einem seit Langem nicht mehr gehörten Ton der existenziellen Ernsthaftigkeit, der allein der gegenwärtigen Lage angemessen ist. Indem sie, wie auch die Jugendlichen bei „Fridays for Future“, verlangt, die Probleme in ihrer ganzen Dramatik zur Kenntnis zu nehmen, setzt sie Moral und Ernst gegen die herrschende Haltung, die sich mit Ironie gegen die Angst vor der Zukunft immunisiert. Auch aufgrund der eigenen Betroffenheit beendete Greta Thunberg ihre Rede auf dem Weltwirtschaftsforum mit dem Eingeständnis ihrer eigenen Angst und den eindringlichen Worten: „Erwachsene sagen immer: ‚Wir schulden es den jungen Leuten ihnen Hoffnung zu geben.‘ Aber ich will eure Hoffnung nicht. Ich will nicht, dass ihr hoffnungsvoll seid. Ich will, dass ihr Panik habt. Ich will, dass ihr die Angst empfindet, die ich jeden Tag spüre. Und dann will ich, dass ihr handelt.

Greta Thunberg fordert – mit allem ihr zur Verfügung stehendem Ernst – das einzig Vernünftige: das „Erkenne die Lage“ und, daraus resultierend, das gebotene Handeln. Doch seit den 80er Jahren, den Anfangszeiten der Grünen, sind wir diese Schärfe, diesen moralhaltigen Ton, nicht mehr gewohnt, weil sich längst alles aufgelöst hat im Säurebad der banalisierenden Ironie. Der neue radikale Ernst, diese Unbedingtheit der Jungen steht in totalem Kontrast zum Ironiegebot einer pubertären Spaßgesellschaft.

Deswegen ist es infam, Greta Thunberg und ihre Mitstreiterinnen als pubertär abtun zu wollen. Pubertär ist die herrschende Gegenwart der rasenden Spaßgesellschaft, die ihr „erwachsenes“ TV-Publikum jeden Abend aufs Neue infantilisiert.[16] Auch auf diese Unfähigkeit der Erwachsenen, die radikale Lage in aller Klarheit zu benennen, gibt Greta Thunberg die richtige Antwort. „Sie sind nicht erwachsen genug, um das so zu formulieren. Selbst diese Bürde überlassen Sie uns Kindern.“ Und weiter heißt es: „Sie reden nur deswegen vom ewigen Wirtschaftswachstum, weil Sie Angst haben, unpopulär zu sein. Sie sprechen immer nur davon weiterzumachen, mit denselben schlechten Ideen, die uns in diese Misere gebracht haben. Dabei wäre es das einzig Sinnvolle, die Notbremse zu ziehen.“

Ziehen wir die Notbremse

Dieses Bild der Notbremse ist ein altbekanntes. Bei Karl Marx heißt es: „Die Revolutionen sind die Lokomotiven der Geschichte.“ Walter Benjamin hielt dagegen: „Aber vielleicht ist dem gänzlich anders. Vielleicht sind die Revolutionen der Griff des in diesem Zug reisenden Menschengeschlechts nach der Notbremse.“[17]

Benjamin wollte damit nicht die Notwendigkeit der radikalen Veränderung leugnen, aber bei ihm nimmt die Idee der Revolution einen anderen Charakter an. Die Idee einer linearen Fortschrittsgeschichte ist für Benjamin gescheitert. Die Trümmer der Geschichte, speziell des Faschismus, vor Augen, ging Benjamin aus Sicht der Unterdrückten davon aus, „dass der Ausnahmezustand, in dem wir leben, die Regel ist“. Damit aber verändert sich auch das Bild der Revolution. Die Katastrophe wäre der Fortgang der Geschichte – dass alles so weitergeht wie bisher. Worauf es ankommt, ist der Griff nach der Notbremse, der die fatale Kontinuität unterbricht. Diese Erkenntnis, dass es so wie bisher nicht weitergehen kann und darf, ist von bestechender Aktualität. Ohne eine radikale Veränderung werden wir weiter das Klima anheizen, werden sich immer mehr Menschen im Süden in Bewegung setzen. Ohne eine Politik des Zurück, des Weniger, bei der alle unsere Preise – von Benzin und Kerosin bis zu den Lebensmitteln – die ökologische Wahrheit sagen, werden wir die Herausforderungen nicht bewältigen, und schon gar nicht mit den My-country-first-Methoden der Rechtspopulisten und Klimaleugner. „Solange wir uns nicht solidarisch erklären mit allen anderen auf diesem Planeten, werden wir globale Ausgleichsströmungen haben. Das wird das Problem der Zukunft sein. Zusammen mit dem Klimawandel, der ja auch ein Migrationsproblem ist“, stellt der populäre Astrophysiker Harald Lesch fest. „Wir dachten immer, wir könnten unsere Abfälle in die Meere, die Atmosphäre oder den Boden entsorgen, jetzt kommt die Retourkutsche. Wir haben auf viel zu großem Fuß gelebt und merken allmählich, dass die Party vorbei ist“.[18] Doch so sehr speziell die Aufgeklärten unter den Jugendlichen merken, dass die Party vorbei ist, geht diese faktisch unvermindert weiter – denn Tausende wollen weiter feiern und damit glänzende Geschäfte machen. Alles mit dem Ziel, dass sich nichts an unserem ressourcenverschlingenden Konsummodell ändert.

Fest steht aber schon heute: Wenn wir so weitermachen wie bisher, untergraben wir die Möglichkeiten, die ökologische Wende auf demokratisch-
reformerischem Wege zu schaffen. Das ist die eigentlich autoritäre Gefahr: Wenn es den demokratischen Staaten in den nächsten Jahren nicht gelingt, den Nachweis zu erbringen, dass sie die ökologische Frage zu bewältigen in der Lage sind, dann könnte es tatsächlich zu jenen ökodiktatorischen Verhältnissen kommen, die Poschardt und Co. gegen „Fridays for Future“ drohend an die Wand malen. Schon heute zeichnet sich die neue große Systemauseinandersetzung der Zukunft ab: zwischen westlichen Demokratien, die sich auf dem schwierigen und schwerfälligen Weg der demokratischen Kompromiss- und Konsenssuche ökologisch reformieren müssen, und einem in der Tat ökodiktatorischen chinesischen Modell, dass von oben Maßnahmen dekretiert und diese in aller Brutalität durchsetzt, notfalls gegen die individuellen Menschenrechte der Betroffenen. Um den Triumph dieses Modells zu verhindern, müssen unsere Demokratien auf allen Ebenen radikale ökologische Reformen in Gang setzen. Nur so wird das Bewahrenswerte noch zu bewahren sein. Daher müssen wir Greta Thunberg und ihren Mitstreiterinnen von „Fridays for Future“ dankbar sein. Und wir sollten die junge Generation nicht allein lassen gegenüber all jenen, die sie mit allen Mitteln zu diffamieren versuchen. Momentan tragen die Jungen die Fragen auf die Straße, die uns alle schon jetzt betreffen. Ja, „das Haus brennt“. Fangen wir an zu löschen, bevor es zu spät ist – für die globale Umwelt wie auch für unsere Demokratie.

 


[1] Die erste Weltklimakonferenz fand vor 40 Jahren in Genf, dem Sitz der Weltklimaorganisation, statt, damals noch vom 12. bis 23. Februar. Doch seit der dritten UN-Klimakonferenz in Kyoto 1997 hat es sich eingespielt, dass die Konferenzen immer am Ende jeden Jahres stattfinden.

[2] Dass das Volksbegehren „Artenvielfalt – Rettet die Bienen“ mit über 900 000 Unterzeichnerinnen und Unterzeichnern das erfolgreichste je in Bayern durchgeführte ist, ist nur der jüngste Beweis für diesen Bewusstseinswandel.

[3] Ansgar Graw, Was an der Rede der jungen Greta nicht stimmte, in: „Die Welt“, 17.12.2018.

[4] Als Beleg dafür diente ein Text des schwedischen Wirtschaftsjournalisten und Kenners der PR-Branche, Andreas Henriksson, wonach Gretas Schulstreik eine bloße Kampagne für ein neues Buch von Gretas Mutter, der Opernsängerin Malena Ernman gewesen sei. Und hinter dieser Kampagne stehe wiederum der PR-Profi Ingmar Rentzhog.

[5] So u.a. Ansgar Graw, a.a.O.

[6] Sebastian Sigler, Greta Thunberg – Ikone der Klimareligiösen und Opfer ihrer Eltern, www.tichyseinblick.de, 11.2.2019.

[7] Merkel lobte auf der Münchener Sicherheitskonferenz das „wichtige Anliegen“ und sagte dann: „Aber dass plötzlich alle deutschen Kinder – nach Jahren, ohne jeden, würd‘ sagen, äußeren Einfluss – auf die Idee kommen, dass man diesen Protest machen muss, das kann man sich auch nicht vorstellen.“

[8] Ulf Poschardt, Das alte Gift Calvins, in: „Die Welt“, 26.1.2019 (Ironischerweise ist der eigentliche säkularisierte Calvinismus nach Max Weber der von Poschardt so geschätzte Kapitalismus.)

[9] Helmut Schelsky, Die Arbeit tun die anderen. Klassenkampf und Priesterherrschaft der Intellektuellen, Opladen 1975.

 [10] Ebd., S. 13.

 [11] Ebd., S. 142.

 [12] Ebd., S. 354.

 [13] Ebd., S. 11 f.

 [14] Kathrin Hartmann, Der Gärtner wird zum Bock, in: „Der Freitag“, 30.1.2019.

 [15] Siehe „Maischberger“, www.ard.de, 13.2.2019.

 [16] Insofern zieht sich ein bemerkenswertes Band der widerständigen Ernsthaftigkeit von der Rede Greta Thunbergs zu jener legendären Philippika des greisen Marcel Reich-Ranicki gegen die herrschende TV-Spaßkultur.

 [17] Walter Benjamin, Über den Begriff der Geschichte. Werke und Nachlass, Kritische Gesamtausgabe Bd. 19, Berlin 2010, S. 153.

 [18] „Die Vernunft ist gerade auf der Toilette“, Harald Lesch im Gespräch mit Reto Hunziker, in: „Berner Zeitung“, 2.2.2019.

(aus: »Blätter« 3/2019, Seite 91-100)
Themen: Medien, Ökologie und Soziale Bewegungen