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»60 Prozent der Deutschen stehen unter Stress«

Studie der Techniker Krankenkasse zu Stress in Deutschland, 30.10.2013

Stress ist eine tolle Sache. Als Reaktion auf äußerliche Reize befähigt er zu besonderen Leistungen. Bei einem Waldbrand etwa gerät ein Tier unter Stress und erhöht damit seine Chancen, lebendig aus der Gefahrensituation herauszukommen. Wenn im Büro mal wieder die Luft brennt, hilft es selten, wenn der Körper auf rasche Flucht gepolt ist. Dort gilt es, die zahllosen Aufgaben trotz allem der Reihe nach und konzentriert abzuarbeiten. Nachdem der Waldbrand gelöscht ist, kehrt wieder Ruhe ein unter den Tieren. In den Büros, den Geschäften, auf Dienstreisen, aber auch zu Hause, mit Kindern oder mit pflegebedürftigen Angehörigen, ist häufig die hohe Drehzahl gefordert. Die eigentlich so nötigen Entspannungsphasen stehen in keinem Verhältnis zu den Anforderungen. Körper und Seele befinden sich unter andauernder Belastung. Auch das ist Stress. Und dann ist Stress alles  andere als eine tolle Sache.

Frauen unter Strom

Für mehr als die Hälfte der Deutschen ist Stress Alltag. 57 Prozent von ihnen sagen von sich, sie seien häufig oder manchmal im Stress. Immerhin 43 Prozent der Befragten empfinden aber auch kaum oder nie Stress. In den Extrempositionen sieht es so aus: Für jeden Fünften ist Stress fast ein Dauerzustand. 13 Prozent hingegen geraten nie unter Strom. Zwischen Ost- und Westdeutschen bestehen da keine nennenswerten Unterschiede,  wohl aber zwischen Frauen und Männern. Von den Frauen sind 63 Prozent gestresst, während dies nur für 52 Prozent der Männer gilt. Ein ähnliches Bild ergibt sich bei denen, für die ein hoher Stresslevel das bestimmende Lebensgefühl ist: Knapp ein Viertel der Frauen steht sogar unter Dauerdruck, bei den Männern ist es nicht einmal ein Fünftel.

Betrachtet man das Alter der Gestressten, so zeigt sich, dass die Höchstwerte bei den 36-bis 45-Jährigen liegen. 80 Prozent von ihnen sind im Stress. Das ist die sogenannte Sandwich-Generation, die Beruf und Familie unter einen Hut zu bekommen hat. Ruhiger wird es ab Mitte 50. In der Altersgruppe zwischen Mitte 50 und Mitte 60 sagt jeder Zweite, er sei selten oder nie gestresst. Ab 66 Jahren sind es sogar 75 Prozent. Außerdem geht es auf dem Land etwas stressärmer zu als in den Städten. Den Spitzenwert beim Stresslevel erreichen Großstädte mit mehr als 500.000 Einwohnern. Dort sind 32 Prozent der Menschen häufig im Stress und weitere 37 Prozent manchmal.

Im Ländervergleich liegt Baden-Württemberg in Sachen Stress ganz vorn – und das gleich in zweifacher Hinsicht: Fast zwei Drittel der Ländle-Bewohner gehören zu den Gestressten, mehr als jeder vierte steht sogar unter Dauerdruck. Mehr Stress hat kein anderes Bundesland. Und: Mit nur 37 Prozent Ungestressten leben in Baden-Württemberg zudem weniger entspannte Menschen als im gesamten übrigen Bundesgebiet. Auch im Kundenkompass Stress, den die Techniker Krankenkasse 2009 herausgegeben hat, hält das Bundesland im Südwesten bereits den Stressrekord. Nicht so leicht lassen sich dagegen die Menschen in Bremen, Hamburg, Schleswig-Holstein und Niedersachsen stressen. Unter den Norddeutschen, denen man ja ohnehin ein eher gelassenes Gemüt nachsagt, sind nur elf Prozent häufig gestresst. Mit insgesamt 50 Prozent selten oder nie Gestressten belegen die Nordländer zudem auch den Entspannungs-Spitzenplatz.

Arbeit stresst

Mit der Bildung und dem Einkommen steigt auch der Stresslevel. Von den Menschen mit Hauptschulabschluss hat mit 53 Prozent die Mehrheit noch einen niedrigen Stresslevel. Bei denen, die einen mittleren Abschluss haben, kippt das Mehrheitsverhältnis: 63 Prozent von ihnen haben einen hohen Stresspegel, bei Abiturienten und Akademikern sind es sogar 66 Prozent Gestresste. Auch bei den Einkommensgruppen spiegelt sich diese Tendenz wider: Wer mehr als 3.000 Euro monatlich als Nettohaushaltseinkommen zur Verfügung hat, ist gestresster als diejenigen mit weniger. 

Völlig außer Zweifel steht: Wer arbeitet, ist gestresst. 70 Prozent der Erwerbstätigen sind manchmal oder häufig im Stress, bei den Nicht-Erwerbstätigen sind es lediglich 44 Prozent. Am häufigsten unter Dauerdruck stehen die Selbstständigen. Jeder dritte von ihnen ist ständig gestresst. Nimmt man zeitweiligen und dauerhaften Stress zusammen, geht es den Angestellten und ihren Chefs besonders schlecht: In beiden Gruppen leiden acht von zehn unter Stress, gefolgt von Schülern und Studenten mit 74 Prozent. Dahinter liegen die Hausfrauen mit 69 Prozent, die Selbstständigen mit 62 Prozent und Arbeiter mit 58 Prozent. Doch wie oben bereits erwähnt, ist es nicht die Arbeit allein.

Stressfaktor Kind 

Nur in den Single-Haushalten, zu denen viele Rentner zählen, halten sich Gestresste und Ungestresste die Waage. In den Zwei-Personen-Haushalten gibt es bereits eine leichte Tendenz zu mehr Stress, ab drei Personen im Haushalt jedoch kippt das Verhältnis. Ganz nüchtern betrachtet: Beruf, Privatleben und Kinder – da steigt einfach der Nervfaktor. So sind 71 Prozent der Menschen mit Kindern im Stress – nur 29 Prozent gelingt es, gelassen zu bleiben. Wobei die Kinder selbst gar nicht als größte Belastung empfunden werden. Die hauptsächlichen Stressfaktoren für Eltern sind der Reihenfolge nach: die Arbeit, private Konflikte, die Betreuung der Kinder, hohe Ansprüche an sich selbst sowie finanzielle Sorgen.

Den Gestressten geht es schlechter

Bislang war lediglich von Stress als Belastungszustand die Rede. Doch Stress hat auch immense negative Folgen. So besteht etwa ein klarer Zusammenhang mit der persönlichen Lebenszufriedenheit. Von denen, die mit ihrem Lebensweg und den eigenen Entscheidungen vollauf zufrieden sind, geben nur 15 Prozent an, häufig unter Strom zu stehen. Dafür sind 52 Prozent von ihnen weitestgehend entspannt. Bei denjenigen, die mit dem Verlauf ihres Lebens hadern und Versäumnisse bedauern, stehen 35 Prozent unter Dauerdruck und nur 23 Prozent von ihnen haben einen niedrigen Stresslevel. 

Zufriedenheit ist das eine. Stress hat aber auch Auswirkungen auf die Gesundheit. Die Rolle von Stress als Ursache oder Mitauslöser von Krankheiten wird immer besser erforscht. Außer Frage steht dabei, dass Stress weit mehr ist als eine Befindlichkeit. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) sieht Stress als eines der größten Gesundheitsrisiken des 21. Jahrhunderts. Auch diese Studie belegt den Zusammenhang. Von denen, die ihren Gesundheitszustand als weniger gut oder schlecht einschätzen, zählt mit 35 Prozent mehr als jeder Dritte zu den stark Gestressten. Weitere 35 Prozent stehen gelegentlich unter Stress. Von denen wiederum, die ihren Zustand als sehr gut oder gut bezeichnen, sind nur 16 Prozent häufig gestresst – 46 Prozent, also fast jeder zweite, sogar selten oder nie.  

Die vollständige Studie finden Sie hier.

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