»Arm stirbt früher« | Blätter für deutsche und internationale Politik

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»Arm stirbt früher«

Bericht des Robert-Koch-Instituts zum Zusammenhang von Armut und Lebenserwartung, 25.2.2014

Kernaussagen

– Ein niedriger sozioökonomischer Status geht mit einem erhöhten Mortalitätsrisiko und einer verringerten Lebenserwartung einher.

– Noch in der ferneren Lebenserwartung ab dem 65. Lebensjahr zeichnen sich Unterschiede zuungunsten von Frauen und Männern mit niedrigem sozio- ökonomischen Status ab.

– Frauen und Männer aus den höheren Statusgruppen leben nicht nur länger, sie können auch mehr Lebensjahre in guter Gesundheit verbringen.

– Regionale Unterschiede in der Lebenserwartung sind in engem Zusammenhang mit den Lebensbedingungen in den Regionen zu sehen.

– In fast allen europäischen Ländern sind soziale Unterschiede in der Mortalität und Lebenserwartung zu beobachten.

– Für einzelne Länder wird berichtet, dass sich die sozialen Unterschiede in der Mortalität und Lebenserwartung in den letzten Jahrzehnten ausgeweitet haben.

Soziale Unterschiede in der Mortalität und Lebenserwartung

In den letzten 20 bis 30 Jahren haben zahlreiche Studien gezeigt, dass in Deutschland wie in den meisten anderen Wohlfahrtsstaaten ein enger Zusammenhang zwischen der sozialen und gesundheitlichen Lage besteht. Viele Krankheiten, Beschwerden und Risikofaktoren kommen bei Personen mit niedrigem sozioökonomischen Status, gemessen zumeist über Angaben zu Einkommen, Bildung und Beruf, häufiger vor als bei Personen mit höherem sozioökonomischen Status. Dies gilt auch für schwerwiegende, chronische Gesundheitsprobleme, die oftmals mit Funktionseinschränkungen im Alltag und Auswirkungen auf die Lebensqualität verbunden sind (Mielck 2000, RKI 2005, Richter, Hurrelmann 2009).

Die sozial ungleiche Verteilung von Krankheiten, Beschwerden und Risikofaktoren wird nicht mehr nur unter dem Gesichtspunkt der daraus resultierenden Anforderungen an die Prävention, Gesundheitsförderung und medizinische Versorgung diskutiert (Gerlinger 2008, Rosenbrock, Kümpers 2009). Darüber hinaus spielt sie in der Diskussion über gesellschaftliche Solidarität und Chancengerechtigkeit sowie die entsprechende Ausgestaltung der sozialstaatlichen Sicherungssysteme eine wichtige Rolle. Besondere Aufmerksamkeit erfahren dabei Forschungsergebnisse, die auf eine erhöhte vorzeitige Sterblichkeit und eine geringere Lebenserwartung in den sozial benachteiligten Bevölkerungs- gruppen hinweisen, da diese als extreme Ausprägungsformen sozialer Ungleich- heit angesehen werden (Huster 2012).

Erste Forschungsergebnisse zu sozialen Unterschieden in der Mortalität und Lebenserwartung wurden in Deutschland in den 1980er-Jahren veröffentlicht (Neumann, Liedermann 1981, Schepers, Wagner 1989). Die Zahl aussagekräftiger Studien ist aber bis heute überschaubar geblieben, was unter anderem der eingeschränkten Datenlage zuzuschreiben ist (Kroll, Lampert 2009, Wolf et al. 2012). So werden im Unterschied zu anderen Ländern in Deutschland auf den amtlichen Todesbescheinigungen keine Informationen zur sozioökonomischen Lage der Verstorbenen vermerkt, und auch ein bundesweites Sterberegister, dessen Informationen mit anderen amtlichen oder gesundheits- bzw. sozialwissenschaftlichen Datenquellen zusammengeführt werden könnten, existiert in Deutschland bis heute nicht. Empirische Zugänge, die in den letzten Jahren zunehmend genutzt werden, eröffnen sich über Mortalitäts-Follow-ups zu wissenschaftlichen Studien sowie über die Routinedaten der Sozialversicherungsträger.

Im Folgenden werden die für Deutschland vorliegenden empirischen Ergebnisse zu sozialen Unterschieden in der Mortalität und Lebenserwartung zusammenfassend dargestellt. Neben Untersuchungen, die auf Vergleichen zwischen sozioökonomischen Statusgruppen basieren, werden dabei auch regionale Analysen, die Zusammenhänge zwischen sozioökonomischen Indikatoren und der Lebenserwartung auf Ebene der Bundesländer, der sogenannten Raumordnungsregionen (BBSR 2012) oder der Landkreise bzw. kreisfreien Städte ausweisen, einbezogen. Außerdem wird der Frage nachgegangen, welche zeitlichen Entwicklungen und Trends sich in Bezug auf die sozialen Unterschiede in der Mortalität und Lebenserwartung beobachten lassen. Abschließend werden die bislang für Deutschland vorliegenden Ergebnisse mit Befunden aus anderen Ländern verglichen und unter Berücksichtigung der vorhandenen Datendefizite diskutiert.

 

Die vollständige Studie finden Sie hier.

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