»Das Misstrauen in die Medien und das Misstrauen in die Demokratie verstärken einander« | Blätter für deutsche und internationale Politik

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»Das Misstrauen in die Medien und das Misstrauen in die Demokratie verstärken einander«

Arbeitspapier der Otto Brenner Stiftung, 6.10.2017

Derzeit geht es vordringlich um die Glaubwürdigkeitskrise, um Vertrauensverlust, Lügenpresse und Fake News, um eine angeblich abgehobene Journalistenkaste als mediales Sprachrohr und unkritischer  Erfüllungsgehilfe  für  Eliten  und  Establishment.  Aber  nicht  nur  ein  Themenwandel im medialen Diskurs ist zu konstatieren. Beobachter und viele in den Medien Tätige sind von der Wucht und dem Ausmaß der gegenwärtigen Kritik überwältigt. In sozialen Netzwerken, Kommentarspalten und Leserbriefen schlägt Medienmachern eine Welle oftmals beleidigend und aggressiv vorgebrachter Ablehnung entgegen. Die Eindeutigkeit der meisten Äußerungen legt es nahe, von einer tiefen Krise zu sprechen. Für das Medienmagazin Zapp steht gar fest: „Das Gefühl, den Medien nicht (mehr) vertrauen zu können, ist längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen.“

Betrachtet man die Daten einiger wissenschaftlicher Analysen, zeigt sich schnell, dass empirische Befunde weniger eindeutig sind, als der Ton der öffentlichen Debatten vermuten lässt. Stellen doch einige Studien einen Anstieg des Vertrauens in die klassischen Medien fest – und auch unsere Untersuchung weist nach, dass die meisten Menschen dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk und den Tageszeitungen durchaus grundsätzliche Glaubwürdigkeit zugestehen. Angesichts  dieser  Lage  zeigte  sich  das  Fachblatt MediumMagazin kürzlich fast  resigniert:  „Wir wissen trotz aller vorliegenden Zahlen nicht genau, inwieweit das Vertrauen in die klassischen Medien in den letzten Jahren tatsächlich gesunken oder gestiegen ist.“ Gesichert erscheint lediglich, dass sich die Haltungen der Nutzer polarisieren: Hohes Vertrauen und  tiefes  Misstrauen  steigen  gleichzeitig  an, während unentschiedene  Haltungen  deutlich abnehmen. Gibt es also Anlass zur Entwarnung, weil von einer Vertrauenskrise der klassischen Medien „keine Rede“ (Meinungsforschungsinstitut Allensbach) sein kann, oder ist die Öffentlichkeit gar einem „Mythos vom Vertrauensverlust“ aufgesessen?

Die Otto Brenner Stiftung rät von einem frühzeitigen Aufatmen ab und möchte die Diskussion um eine bisher zu wenig beachtete Perspektive erweitern. So wichtig die exakte Feststellung der Zu- oder Abnahme des Vertrauens auch ist: Die gesellschaftlichen Folgen eines verfestigten Misstrauens gegenüber der Medienberichterstattung in einem relevanten Teil der Bevölkerung reichen weit über das Mediensystem hinaus. Diese Ausgangslage war für uns Anlass, mit der vorliegenden Untersuchung die Wechselwirkung zwischen dem Medienvertrauen und dem Vertrauen in wichtige demokratische Institutionen und Werte unserer Gesellschaft zu beleuchten. Wir freuen uns, mit Prof. Oliver Decker und seinen Kollegen ein nicht nur aufgrund der Leipziger „Mitte“-Studien renommiertes Autorenteam für diese Untersuchung gewonnen zu haben.

Das vollständige Arbeitspapier finden Sie hier.

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