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»Die Vielfalt des Familienlebens stärker berücksichtigen«

Studie der Konrad-Adenauer-Stiftung zu Familienleitbildern in Deutschland, 30.6.2014

Strategisch gilt es zwei Kernziele zu realisieren: Zum einen geht es darum, der Vielfalt von Familien- und Lebensformen, in denen Menschen heute füreinander Verantwortung übernehmen, besser gerecht zu werden. Zum zweiten müssen die Inkonsistenzen und Widersprüche zwischen den vielen verschiedenen familienpolitischen Maßnahmen ausgeräumt und eine deutliche Zielorientierung entwickelt werden. Eine moderne Familienpolitik muss also strategisch angelegt, konsistent und auf klare Ziele hin ausgerichtet werden. Sie sollte, soweit möglich, keine Leitbilder vorgeben – auch nicht implizit –, sondern die Vielfalt des Familienlebens und der dahinter stehenden Leitbilder vorbehaltlos akzeptieren.

Die gegenwärtige Familienpolitik basiert auf den Handlungsebenen Geld-, Infrastruktur- und Zeitpolitik. Sie sollte um zwei weitere erfolgversprechende Ebenen ergänzt werden: um eine proaktiv zu betreibende Gleichstellungspolitik der Geschlechter sowie um eine aktive Kommunikationspolitik, in der allfällige Klischees reflektiert und Handlungsziele der Politik transparent gemacht werden. Bei der öffentlichen Kommunikation von Familienleitbildern geht es nicht um die Beeinflussung oder gar Wertung tradierter oder moderner Lebensziele. Vielmehr sind die vielfach in Medien und Politik transportierten Vorstellun-gen bezüglich des „normalen” Familienlebens kritisch zu relativieren.

Das strategische Handlungsziel einer zukunftsorientierten Familienpolitik sollte die Verbesserung der Lebensqualität durch mehr Wahlfreiheit sein. Eine Erhöhung der Lebensqualität kann durch die Sicherstellung bzw. Verbesserung der ökonomischen Sicherheit, der Wahlfreiheit sowie der Chancengleichheit angestrebt werden. Die Chancengleichheit ist in Bezug auf ethnische und sozioökonomische Herkunft, Geschlecht und Lebensform zu verbessern. Dies gilt insbesondere für die Lebens- und Entwicklungschancen von Kindern. Ökonomische Sicherheit ist stärker als bisher im Kontext des Lebenslaufs und mehr bedarfsorientiert zu adressieren. Bezüglich der Wahlfreiheit sind strukturelle Restriktionen zu beseitigen, die diese behindern. Die Wahlfreiheit der Lebensführung ist etwa dort beschränkt, wo die Nachfrage nach Infrastruktur das Angebot deutlich übersteigt, wie etwa im Fall von Betreuungsplätzen für die Kinder im zweiten und dritten Lebensjahr. Zusätzlich hat die Politik an dieser Stelle durch die Verkürzung des Elterngeldes auf ein Jahr den Bedarf noch weiter erhöht.

Für eine solche strategische Neuausrichtung der Familienpolitik lassen sich mehrere Leitlinien benennen, die der Verbesserung von Lebensqualität dienen sollen:

Familien ökonomisch stärken. Der Familienleistungsausgleich ist stärker am Vorhandensein von Kindern zu orientieren. Steuerbasierte Dauerleistungen sollten verstärkt in bedarfsorientierte Unterstützungsleistungen umgewandelt werden.

Erhöhung der Zeitsouveränität. Die Zeitsouveränität, insbesondere die von Familien, ist zu erhöhen. Dazu kann vor allem eine bessere Harmonisierung und Bedarfsorientierung der Zeitstrukturen gesellschaftlicher Institutionen wie Betreuung, Schule, Arbeitszeit und Behörden beitragen.

Familienfreundliche Arbeitswelt. Arbeitgeber, die ihre Unternehmenskultur familienfreundlich gestalten, sind gezielt zu unterstützen. Einzufordern ist, dass das Angebot an Teilzeit- und vollzeitnahen Arbeitsplätzen systematisch ausgeweitet und die Wiedereingliederungsmöglichkeiten nach familienbedingten Auszeiten verbessert werden.

Stärkung von aktiver Vaterschaft. Väter müssen die faire Chance erhalten, sich stärker in die Familienarbeit zu integrieren. Auch sie profitieren dabei vom Ausbau der Teilzeit- und vollzeitnahen Arbeitsplätze. Zusätzlich wäre die Zahl der sogenannten „Vätermonate” im Rahmen der Elterngeldregelung zu erhöhen. Das würde auch die allfällige Benachteiligung von Frauen auf dem Arbeitsmarkt reduzieren.

Ausbau der Kinderbetreuungsinfrastruktur. Kinderbetreuungseinrichtungen für alle Altersgruppen sind flächendeckend, nachfrageorientiert und in guter Qualität auszubauen. Dazu gehören unter anderem flexible, den Arbeitszeiten angepasste Öffnungszeiten. Die Betreuung muss außerdem für Eltern aller Einkommensschichten finanzierbar sein. Auch Ganztagsschulen sollten flächendeckend ausgebaut und als Wahlalternative angeboten werden.

Wandel des Leitbilds von Kindheit und Kindsein. Die weit verbreiteten Vorstellungen, wie Kinder sind und wie eine ideale Kindheit aussehen soll, basieren auf der Idee der Verletzlichkeit und Schutzbedürftigkeit der Kinder. Daraus wird die Notwendigkeit für ein hohes Maß an Beaufsichtigung, Betreuung, Förderung und Fürsorge abgeleitet. Die Förderung des Kindeswohls hat sich zu einer zentralen Auf-gabe der Eltern entwickelt. Mehr als bisher ist zu hinterfragen, inwieweit die Idee der besonderen Schutzbedürftigkeit der Kinder und ihre pädagogische und gesellschaftliche Umsetzung der späteren Entwicklung des Kindes tatsächlich zuträglich sind. Kinder sind vielfach robuster und selbständiger als die gängigen Leitbilder dies unterstellen. Vor diesem Hintergrund ist die Debatte darüber, wie die berechtigten Ansprüche an eine gute Kindheit auch durch externe Betreuungseinrichtungen gewährleistet werden können, weiter zu intensivieren.

Förderung des Elternwohls. Gegenwärtig ist Elternschaft durch das Streben nach Pflichtbewusstsein, Perfektionismus und durch übersteigerte Qualitätsansprüche gekennzeichnet, die viele Eltern in ihrer Lebensgestaltung stark einschränken und zudem psychisch belasten, indem sie Versagensängste auslösen. Entscheidend ist, dass der Familiendiskurs entideologisiert und von „Kampfbegriffen” wie „Rabenmutter” oder „Heimchen am Herd” befreit wird. In Deutschland existiert momentan kein durchweg positiv besetztes Leitbild, aber eine Reihe von Zerrbildern, die letztlich die meisten Formen, Familie und Beruf zu leben, diskreditieren. In diesem Zusammenhang sollten die gesellschaftlichen Erwartungen und Ansprüche an Elternschaft relativiert werden: Kindeswohl und Elternwohl sind in eine ausgewogene Balance zu bringen. Das Leitbild eines guten Vaters und vor allem das einer guten Mutter zeichnen in Deutschland eine Elternschaft, die durch Professionalisierung und lebenslange Einsatzbereitschaft gekennzeichnet ist. Im Namen der Förderung des Kindeswohls wird Elternschaft zunehmend zu einem Kanon von Pflichten umge-deutet, der eine optimale Entwicklung des Kindes gewährleisten soll, jedoch die Bedürfnisse von Eltern sowie die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit und Leistungsbereitschaft außer Acht lässt. Diese Entwicklung sollte im Interesse sowhl der Eltern als auch der Kinder revidiert werden, da eine Vernachlässigung des Elternwohls letztlich auch dem Kindeswohl schadet.

Leitbild der „Sorgenden Gesellschaft”.  Familienpolitik sollte das Leitbild einer „Sorgenden Gesellschaft” etablieren. Dazu gehört sowohl eine angemessenere Honorierung von professioneller Betreuungs- und Pflegearbeit mit Kindern wie auch mit Betag-ten oder Pflegebedürftigen, die attraktiver gestaltet und besser entlohnt werden muss, als auch die Unterstützung privater Betreuungs- und Pflege-arbeit, etwa durch Pflegezeit-Regelungen.
Stärkung der politischen Kommunikation. Hinsichtlich der Mittel, derer sich Familienpolitik bedient, rückt das der politischen Kommunikation in den
Fokus. Dabei sollten die Ziele und Adressaten, die impliziten Annahmen und Erwartungen sowie die für effizient eingeschätzten Mittel zur Erreichung der Ziele explizit öffentlich deklariert und erklärt werden, so dass sie einer öffentlichen Debatte zugänglich werden. Die Planung und Verabschiedung von politischen Maßnahmen muss hinsichtlich ihrer symbolischen Wirkung und der ihr zugrundeliegenden Familienleitbilder hinterfragt und mit den de-klarierten Zielen der Familienpolitik in Einklang gebracht werden.

Vielfalt als Leitbild der Familienpolitik im öffentlichen Diskurs. Politisches Handeln und gesellschaftliche Strukturen müssen die Vielfalt des heutigen Familienlebens stärker berücksichtigen. Familienpolitik kann durch gezielte öffentliche Kommunikation die bisherigen Ziele und Adressaten familien-politischen Handelns zur Diskussion stellen und neu ausrichten. Diese Neuausrichtung sollte helfen, familienexterne Kinderbetreuung als bereichernde Erziehungs- und Förderungsstätte zu etablieren und den normativen Erwartungsdruck, der auf Eltern lastet, zu reduzieren. Vor allem aber muss sie uneingeschränkt Toleranz und wohlwollende Offenheit gegenüber der Vielfalt der Lebensentwürfe und Lebensverläufe zum Ausdruck bringen. 

Die vollständige Studie finden Sie hier.

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