»Depressionen könnten im Jahr 2030 in den Industrienationen zur häufigsten Krankheit werden« | Blätter für deutsche und internationale Politik

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»Depressionen könnten im Jahr 2030 in den Industrienationen zur häufigsten Krankheit werden«

Depressionsatlas der Techniker Krankenkasse, 28.1.2015

Depressionen gehören zu den häufigsten psychischen Erkrankungen in Deutschland. Aufgrund der oftmals langen Erkrankungsdauer und häufig wiederkehrenden Symptomatik kommt der Krankheit eine große allgemeine sowie auch ökonomische Bedeutung zu.[1]

Nach Definition der Weltgesundheitsorganisation (WHO) versteht man unter einer Depression eine weit verbreitete psychische Störung, die durch Traurigkeit, Interesselosigkeit und Verlust an Genussfähigkeit, Schuldgefühle und geringes Selbstwertgefühl, Schlafstörungen, Appetitlosigkeit, Müdigkeit und Konzentrationsschwächen gekennzeichnet sein kann[2].

Ursache einer Depression ist in der Regel eine Kombination unterschiedlicher sozialer, psychischer und körperlicher Faktoren. Für die ärztliche Diagnose von Depressionen gibt es mehrere Kriterienkataloge, wobei die Schwierigkeit besteht, dass die Symptome der Erkrankung vielfältig sind und die Diagnose sich nicht auf objektiv messbare Werte stützen kann.

Verschiedene Untersuchungen deuten auf eine Zunahme der Erkrankung mit Depressionen in den vergangenen Jahren hin. Im Rahmen eines Projektes der WHO zur globalen Krankheitslast wurde eine bevölkerungsbezogene Abschätzung der gesunden Lebensjahre, die aufgrund von Erkrankungen verloren gehen, vorgenommen. Die Daten zeigen, dass Depressionen bereits heute in den Industrienationen zu den Erkrankungen gehören, denen ein erheblicher Verlust an gesunden Lebensjahren zuzuschreiben ist.[3] Hält der Trend zu steigenden Erkrankungszahlen an, könnten Depressionen im Jahr 2030 in den Industrienationen zur häufigsten Krankheit werden.[4]

Depressionen beeinträchtigen den Erkrankten in allen Aspekten seiner Lebensführung. Sie sind für den Erkrankten und sein Umfeld von Bedeutung. Fehlzeiten aufgrund von Depressionen sowie eine nur schwer zu quantifizierende verminderte Produktivität des Erkrankten bei der Arbeit sind für einzelne Unternehmen und volkswirtschaftlich von Belang.

Die vorliegende Publikation befasst sich mit der Bedeutung von Depressionen bei Erwerbspersonen. Auf der Basis von Routinedaten der Techniker Krankenkasse (TK) zu diesem Personenkreis werden eine Vielzahl empirischer Ergebnisse und Befunde zu Depressionen in unterschiedlichen Gruppen von Berufstätigen und unterschiedlichen Regionen Deutschlands sowie zu Veränderungen der Maßzahlen in den vergangenen Jahren vorgestellt.

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Der Depressionsatlas liefert umfängliches Zahlenmaterial zur Bedeutung von Depressionen im Erwerbsalter und zu Veränderungen in den Jahren von 2000 bis 2013.

Innerhalb des genannten Zeitraums stiegen die Fehlzeiten aufgrund von Depressionen deutlich. Zwischen Tiefst- und Höchststand 2006 und 2012 war bei Erwerbspersonen ein Anstieg um 75 Prozent festzustellen. Nach einem leichten Rückgang wurden im Jahr 2013 1,63 AU-Fälle (Arbeitsunfähigkeits-Fälle, Red.) pro 100 Versicherungsjahre mit der Diagnose von Depressionen erfasst. Damit waren Depressionen lediglich 1,4 Prozent aller AU-Fälle zuzuordnen, aufgrund der langen fallbezogenen Dauer waren diese Fälle jedoch für 7,1 Prozent aller gemeldeten Fehltage verantwortlich. Im Mittel war jede Erwerbsperson 2013 gut einen Tag aufgrund von Depressionen arbeitsunfähig gemeldet, eine gemeldete Arbeitsunfähigkeit dauerte durchschnittlich 64 Tage.

Rund 6 Prozent der Erwerbspersonen erhielten innerhalb des Jahres 2013 mindestens eine Antidepressiva-Verordnung, 2000 hatte die Rate noch bei 4,1 Prozent gelegen. Die Zahl der verordneten Tagesdosen stieg im selben Zeitraum um den Faktor 2,74 und hat sich damit nahezu verdreifacht. 2013 wurden demnach anteilig mehr Erwerbspersonen und gegebenenfalls zugleich auch erheblich intensiver mit Antidepressiva behandelt als im Jahr 2000.

Frauen waren nach den vorliegenden Ergebnissen nahezu doppelt so häufig von Depressionen betroffen wie Männer, mit zunehmendem Alter zeigen sich bis kurz vor Erreichen des Renteneintrittsalters steigende Fehlzeiten und Verordnungsraten. Hinweise auf reduzierte Erkrankungsrisiken finden sich bei höherer schulischer und beruflicher Ausbildung und entsprechend auch vorrangig bei Beschäftigten in Berufen mit höherer Qualifikation sowie mit technisch-handwerklicher Ausrichtung. Beschäftigte mit geringerer Qualifikation sowie aus sozialen Berufen sind demgegenüber tendenziell häufiger betroffen.

Sowohl im Hinblick auf Arbeitsunfähigkeiten mit Depressionen als auch im Hinblick auf Verordnungen von Antidepressiva haben sich im Lauf der 14 Jahre Unterschiede zwischen den Bundesländern verringert. Dies könnte auf eine Angleichung der Lebensumstände, aber auch auf eine Angleichung der diagnostischen und therapeutischen Strategien von Ärzten hindeuten.


[1] Wittchen, HU, etal. (2010):DepressiveErkrankungen. Gesundheitsberichterstattung des Bundes. Hrsg.: Robert Koch-Institut, Berlin. Heft51.

[2] WHO Definition einer Depression. URL: http://www.euro.who.int/de/health/topics/noncommunicable-diseases/pages/news/news/2012/10/depression-in­europe/depression-definition(12.11.2014)

[3] Murray, CJ, et al. (2012): Disability-adjusted life years (DALYs) for 291 diseases and injuries in 21 regions, 1990–2010: a systematic analysis for the Global Burden of Disease Study 2010. Lancet 380 (9859): 2197–2223.

[4] Mathers, CD, et al. (2006): Projections of Global Mortality and Burden of Disease from 2002 to 2030. PLOS Medicine 3 (11): e442.

Die vollständige Studie finden sie hier (pdf).

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