»Deutsche sind offen gegenüber anderen Religionen, haben aber große Vorbehalte gegen den Islam« | Blätter für deutsche und internationale Politik

LoginWarenkorb

»Deutsche sind offen gegenüber anderen Religionen, haben aber große Vorbehalte gegen den Islam«

Studie im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung zu Religion und Zusammenhalt in Deutschland, 29.4.2013

Die wichtigsten Ergebnisse im Überblick

1. In Deutschland gibt es eine grundsätzliche Offenheit gegenüber anderen Religionen, gepaart mit großen Vorbehalten gegenüber dem Islam.

2. Die Trennung von Religion und Politik sowie die Demokratie als Regierungsform sind über die einzelnen Glaubensrichtungen hinweg in Deutschland und den übrigen untersuchten Ländern als hohes Gut akzeptiert.

3. In ethisch-moralischen Fragen – Schwangerschaftsabbruch, Homo-Ehe, Sterbehilfe – zeigen sich deutliche Unterschiede zwischen West- und Ostdeutschland und zwischen den Religionen in Deutschland.

4. Es findet ein Wertewandel über die Generationen hinweg statt, jedoch gibt es kaum Unter-schiede zwischen den Religionen. Hilfsbereitschaft ist in allen Generationen ein geschätzter Wert und bei Muslimen ist Hilfsbereitschaft am stärksten ausgeprägt.

5. Die Bedeutung der Religion weist zwischen einzelnen Ländern und Regionen große Unter-schiede auf: Relativ niedriger Stellenwert in Europa – größere Bedeutung der Religion in Nord- und Südamerika sowie in Indien und der Türkei.

6. Jüngere Menschen finden Religion weniger wichtig und sind weniger religiös als ältere. Es gibt Anzeichen, dass die Religiosität in Deutschland auf bestehendem Niveau bleibt oder sogar ab-nimmt: Religiöse Erziehung geht über die Generationen hinweg in Deutschland zurück.

7. Die Bedeutung der Religion unterscheidet sich zwischen den Konfessionen.

8. Religionsgemeinschaften spielen für die Wertevermittlung eine nachgeordnete Rolle – Familie, Schule und Freundeskreis werden als prägender angesehen.

9. Generell ist der Beitrag von Religion für das Sozialkapital eher gering. Religiöse Heterogenität bringt tendenziell einen etwas geringeren Grad an Sozialkapital mit sich.

1 In Deutschland gibt es eine grundsätzliche Offenheit gegenüber anderen Religionen, gepaart mit großen Vorbehalten gegenüber dem Islam.

Die Befragten in Deutschland begegnen anderen Religionen grundsätzlich mit Offenheit und Aner-kennung. Eine exklusive Position der eigenen Religion wird mehrheitlich nicht gesehen. Religiöse Vielfalt wird sowohl als bereichernd als auch als konfliktträchtig angesehen. Insbesondere gegenüber dem Islam aber herrschen große Vorbehalte in der Bevölkerung vor: Rund die Hälfte der Menschen empfindet ihn als Bedrohung und glaubt nicht, dass er Teil der westlichen Welt ist.

Diese Skepsis gegenüber dem Islam darf nicht als gleichbedeutend mit einer Skepsis gegenüber Muslimen gedeutet werden. Dennoch liegt hier eine wichtige gesellschaftliche Aufgabe des Ab-baus von Vorurteilen gegenüber dem Islam. Denn Deutschland ist faktisch ein Einwanderungsland und braucht auch aus demografischen Gründen eine qualifizierte Zuwanderung. Erfolgreiche Ein-wanderungsgesellschaften sorgen dafür, dass die Gesellschaft die Vielfalt in ihrer Mitte schätzt. Dazu gehören die Toleranz und Achtung gegenüber Menschen mit anderen kulturellen und religiö-sen Wurzeln.

Die Daten des Religionsmonitors zeigen, dass höhere Bildung und eine bessere wirtschaftliche Lage die Offenheit gegenüber anderen Religionen erhöhen. Auch sind diejenigen offener, die selbst religiöser sind. Wer jedoch zum Dogmatismus neigt, lehnt andere Religionen eher ab. Belegen lässt sich auch die Kontakthypothese, d.h. diejenigen, die mehr Kontakt zu religiösen Menschen haben, insbesondere zu Angehörigen einer anderen Religion, weisen eine größere Offenheit auf. Dies zeigt sich vor allem in Ostdeutschland.

[...]

2 Die Trennung von Religion und Politik sowie die Demokratie als Regierungsform sind über die einzelnen Glaubensrichtungen hinweg in Deutschland und den übrigen unter- suchten Ländern als hohes Gut akzeptiert.

Christen, Muslime und Konfessionslose in Deutschland schätzen mit deutlicher Mehrheit die De-mokratie und die Trennung von Politik und Religion. Auch in Ostdeutschland ist die Zustimmung zur Demokratie hoch – wenngleich etwas geringer als im Westen. Es gibt in den untersuchten Ländern eine deutliche Befürwortung der Demokratie und der Trennung von Politik und Religion (Frage nicht gestellt in Brasilien und Indien).

Insgesamt stimmen die Antworten auf diese Fragen zuversichtlich, was die Stärke und Akzeptanz der Demokratie und die Trennung von Religion und Politik angeht – sowohl innerhalb Deutsch-lands als auch in den anderen untersuchten Staaten.

[...]

3 In ethisch-moralischen Fragen – Schwangerschaftsabbruch, Homo-Ehe, Sterbehilfe – zeigen sich deutliche Unterschiede zwischen West- und Ostdeutschland und zwischen den Religionen in Deutschland.

Im Osten Deutschlands werden hinsichtlich Schwangerschaftsabbruch, Homo-Ehe und Sterbehilfe tendenziell „liberalere“ Positionen bezogen. Gleiches gilt für die Konfessionslosen, die bei allen drei Themen eine liberalere Auffassung zeigen als alle religiös Gebundenen. Bei den Themen Homosexualität und Sterbehilfe verläuft die Trennlinie zwischen Christen und Konfessionslosen auf der einen sowie Muslimen auf der anderen Seite. Dem Thema Schwangerschaftsabbruch ste-hen Muslime und Katholiken, im Gegensatz zu Protestanten und Konfessionslosen, ablehnend gegenüber.

Hier liegen latente gesellschaftliche Konflikte verborgen, die für die öffentliche Debatte in Zukunft weiter relevant sein werden. Entsprechende Trennlinien bestehen beispielsweise zwischen den katholischen Gläubigen und der Haltung der Amtskirche (die Gläubigen sind deutlich liberaler als die Lehrmeinung der katholischen Kirche), innerhalb politischer Parteien, aber auch zwischen mus-limischer Minderheit und Mehrheitsgesellschaft.

Diese Differenzen können nicht normativ aufgelöst werden, da hier Grundwerte und -rechte auf-einander stoßen. Für den gesellschaftlichen Zusammenhalt wichtig sind daher geregelte Diskussions- und Aushandlungsprozesse. Gemeinsamer Werteunterricht in Schulen, ergänzend zum konfessionellen Religionsunterricht, könnte hier ein möglicher Weg sein.

[...] 

4 Es findet ein Wertewandel über die Generationen hinweg statt, jedoch gibt es kaum Unterschiede zwischen den Religionen. Hilfsbereitschaft ist in allen Generationen ein geschätzter Wert und bei Muslimen am stärksten ausgeprägt.

Materialistische Werte wie Sicherheit und Tradition finden sich in Deutschland eher bei Älteren, Hedonismus ist dafür stärker bei Jüngeren ausgeprägt. Hilfsbereitschaft ist in allen Altersgruppen in etwa gleich geschätzt und insgesamt der Wert mit der höchsten Zustimmung. Im Vergleich zwi-schen den Religionen zeigt sich, dass Muslime in der Regel immer die stärkste Ausprägung aufweisen und Konfessionslose tendenziell die niedrigste.

Tatsächlich findet in Deutschland ein Wertewandel statt, jedoch muss dies kein Grund zur Sorge sein, wie die gleichbleibend hohe Zustimmung zu Hilfsbereitschaft zeigt. Auch scheint die Sorge unbegründet, dass Muslime, Christen und Konfessionslose vollkommen verschiedene Werte vertreten würden. Die Unterschiede zwischen den Altersgruppen sind weitaus bedeutsamer, als die zwischen den verschiedenen Religionsgruppen. Diese Ähnlichkeit kann ein wichtiger Ausgangs-punkt für Verständigung und Integration sein.

[...]

5 Die Bedeutung der Religion weist zwischen einzelnen Ländern und Regionen große Unterschiede auf: Relativ niedrige Bedeutung in Europa – größere Bedeutung der Religion in Nord- und Südamerika sowie in Indien und der Türkei.

Europa ist deutlich weniger religiös als Nord- und Südamerika sowie Indien und die Türkei. Vergli-chen mit anderen Aspekten des Lebens spielt Religion in Europa insgesamt eher eine nachgeordnete Rolle. Deutschland ist gespalten: Ostdeutschland ist die säkularste Region, die im Religionsmonitor vertreten ist, während Westdeutschland im europäischen Mittelfeld liegt.

Verglichen mit Deutschland und Europa hat Religion in anderen Erdteilen eine deutlich größere Bedeutung. Deshalb ist es von entscheidender Wichtigkeit, Religion besser zu verstehen: Auf anderen Kontinenten prägt sie deutlich stärker den Alltag und wir in Europa haben das Gespür für die Bedeutung von Religiosität in Teilen verloren.

[...]

6 Jüngere Menschen finden Religion weniger wichtig und sind weniger religiös als ältere. Es gibt Anzeichen, dass die Religiosität in Deutschland auf bestehendem Niveau bleibt oder sogar abnimmt: Religiöse Erziehung geht über die Generationen hinweg in Deutschland zurück.

Über die letzten Jahrzehnte hinweg hat die Zahl derer, die religiös erzogen worden sind, kontinu-ierlich abgenommen. Wer religiös erzogen wurde, ist im Erwachsenenalter religiöser. Je älter die Menschen sind, desto religiöser sind sie auch.

Wir gehen für Deutschland von einem weiteren Abbruch der Religiosität über die Generationen hinweg aus. Eine Renaissance der Religion im traditionellen Sinne erscheint zur Zeit wenig wahr-scheinlich.

[...]

7 Die Bedeutung der Religion unterscheidet sich zwischen den Konfessionen.

Für Muslime spielt Religion eine deutlich größere Rolle im Leben als für Christen. Sie weisen auch eine höhere Religiosität auf als Christen. Katholiken sind etwas religiöser als Protestanten.

Die wahrgenommene Differenz zwischen Muslimen und Christen in Deutschland liegt möglicher-weise weniger in den Inhalten ihrer Religionen selbst begründet, als vielmehr im unterschiedlichen Maß der Religiosität: Für die Mehrheit der Christen in Deutschland spielt Religion eine nachgeord-nete Rolle, während sie für viele Muslime ein wichtiger Bestandteil ihres Lebens ist.

[...]

8 Religionsgemeinschaften spielen für die Wertevermittlung eine nachgeordnete Rolle – Familie, Schule und Freundeskreis werden als prägender angesehen.

Die Befragten in Deutschland geben an, bestimmte Werte am stärksten in der Familie sowie im Freundeskreis und in der Schule erworben zu haben. Die Religionsgemeinschaften haben eine deutlich geringere Rolle bei der Vermittlung von Werten. „Sich an Regeln zu halten“ und „Alle Menschen gerecht behandeln“ sind die beiden Werte, bei denen diese überhaupt nennenswerten Einfluss haben.

Für die Wertebildung in Deutschland heißt dies, dass Familie, Schule und das soziale Umfeld der Menschen die entscheidenden Orte sind, in denen grundlegende Wertorientierungen herausgebil-det werden.

[...]

9 Generell ist der Beitrag von Religion für das zwischen- menschliche Vertrauen und ehrenamtliche Engagement eher gering. Religiöse Heterogenität bringt tendenziell einen etwas geringeren Grad an zwischenmenschlichem Vertrauen mit sich.

Es gibt viele Einflussfaktoren, warum Menschen einander vertrauen und sich freiwillig engagieren. Religion ist nur einer davon und – verglichen mit Bildung und sozioökonomischen Status - nicht unbedingt der wichtigste. Dennoch gibt es interessante Unterschiede hinsichtlich von Vertrauen in andere Menschen und freiwilligem Engagement: Religiösere Menschen haben ein höheres Vertrauen in andere Menschen und sind mit größerer Wahrscheinlichkeit freiwillig engagiert. Für Muslime gilt dieser Zusammenhang nicht.

Warum Muslime eine geringere Ausstattung mit sozialem Kapital haben, lässt sich dadurch erklären, dass sie häufig einen deutlich stärkeren Bezug auf die eigene Familie haben und den familiären Beziehungen den Vorzug vor zivilgesellschaftlichem Engagement geben. Desweiteren können insbesondere für die muslimischen Migranten eine Hürde beim Eintritt in diejenigen Institutionen der Mehrheitsgesellschaft bestehen, die die Gelegenheiten für soziales Engagement anbieten, wie beispielsweise die kirchennahen Freiwilligennetzwerke.

Eine größere Offenheit der Institutionen der Mehrheitsgesellschaft könnte zu einem Plus an Sozialkapital und zu einer besseren Integration beitragen. Voraussetzung dafür ist eine „Willkommenskultur“, die kulturelle, religiöse und sprachliche Vielfalt wertschätzt und dafür sorgt, dass Menschen mit Migrationshintergrund in allen Bereichen der Gesellschaft angemessen vertre-ten sind und für alle als Leistungsträger wahrnehmbar sind.

[...]

Die gesamten Ergebnisse der Studie finden Sie hier.

top