»Die Deutschen tendieren stärker dazu, einen Schlussstrich unter den Holocaust zu ziehen« | Blätter für deutsche und internationale Politik

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»Die Deutschen tendieren stärker dazu, einen Schlussstrich unter den Holocaust zu ziehen«

Studie der Bertelsmann Stiftung zum Verhältnis von Deutschen und jüdischen Israelis, 26.1.2015

Im Mai 2015 begehen Israel und Deutschland den fünfzigsten Jahrestag der Aufnahme diplomatischer Beziehungen. Seitdem haben die beiden Länder nicht nur auf politischer und wirtschaftlicher Ebene, sondern auch in den unterschiedlichsten gesellschaftlichen Bereichen ihre Kontakte vertieft und gemeinsame Projekte ins Leben gerufen. Dafür stehen die deutsch-israelische Wissenschafts- und Forschungszusammenarbeit, gemeinsame kulturelle Initiativen und zahlreiche Begegnungsprogramme für junge Menschen beider Länder. Zeichen der besonderen Bedeutung der bilateralen Beziehungen sind auch die jährlichen Regierungskonsultationen beider Staaten, die 2008 anlässlich des sechzigsten Jahrestages der Staatsgründung Israels aufgenommenen wurden.

Resultierend aus der Verantwortung Deutschlands für den Holocaust gehören das Bekenntnis zum Existenzrecht Israels und die Mitverantwortung für die Sicherheit des Landes zu den scheinbar unverrückbaren Grundpositionen deutscher Außenpolitik. Das haben deutsche Spitzenpolitiker bei zahlreichen Gelegenheiten immer wieder betont. Das Verhältnis zwischen beiden Ländern ist weit davon entfernt, als „normal“ zu gelten. Nach wie vor prägt die Vergangenheit die beiderseitigen Beziehungen und offenbart sich deren Zerbrechlichkeit. Das zeigt sich in vielen Debatten der letzten Jahre, etwa um das Israel-Gedicht des Schriftstellers Günter Grass („Was gesagt werden muss“), und auch die jüngste Eskalation des Konflikts zwischen Israel und der Hamas im Sommer 2014 brachte tief verwurzelte Emotionen an die Oberfläche. Der Krieg im Nahen Osten löste in Deutschland einen Anstieg antisemitischer Aktivitäten bis hin zu körperlichen Angriffen auf Juden aus. Im öffentlichen Diskurs wurden im Zuge der Kritik an der israelischen Regierung wieder- holt antisemitische Rollenklischees bemüht und die israelische Politik sogar mit dem Nationalsozialismus verglichen.

Es stellt sich daher die Frage, wie es um das Verhältnis zwischen Deutschen und jüdischen Israelis tatsächlich bestellt ist. Welches Bild haben die Menschen in beiden Ländern voneinander, welche Bedeutung messen sie der Erinnerung an die nationalsozialistischen Verbrechen zu und wie beurteilen sie die deutsche und die israelische Politik? Schließlich: Inwiefern haben sich diese Wahrnehmungen und Einstellungen in den letzten Jahren verändert?

Für die Zukunft der Beziehungen zwischen Deutschland und Israel haben differenzierte Einblicke in die Facetten dieser gegenseitigen Wahrnehmung eine hohe Bedeutung. Denn die Erkenntnisse, die sich daraus ergeben, können als Indikator für mögliche Krisen und Herausforderungen dienen.

Damit zeigen sie Handlungsbedarf für all diejenigen an, die für den Dialog und die Verständigung zwischen beiden Ländern arbeiten. Die Bertelsmann Stiftung hat deswegen 2013 zum zweiten Mal nach 2007 eine demoskopische Untersuchung in Auftrag gegeben, in deren Rahmen in Israel und Deutschland jeweils rund 1000 Personen über 18 Jahre befragt wurden (in Israel der Themenstellungen wegen nur jüdische Bürger). Die Fragestellungen in den repräsentativen Studien der beiden Jahre sind nicht vollständig, aber in weiten Teilen identisch. Zur Verfügung standen zudem Daten einer Untersuchung im Auftrag des Nachrichtenmagazins DER SPIEGEL aus dem Jahr 1991, die ebenfalls eine vergleichende Analyse der Einstellungen und Befindlichkeiten von Deutschen und Israelis zum Gegenstand hatte. Für einige der Fragestellungen sind daher Vergleiche über einen längeren Zeitraum möglich.

Um zu prüfen, ob sich seit der Erhebung der Daten Anfang 2013, insbesondere durch den Gaza-Krieg im Sommer 2014, in der Meinung der deutschen Bevölkerung wesentliche Veränderungen ergeben haben, wurden sieben der Fragen im Oktober 2014 in Deutschland erneut im Rahmen einer repräsentativen Befragung erhoben. Die Ergebnisse zeigen im Kern, dass viele der Einstellungen im Wesentlichen relativ stabil sind. Allerdings hat sich die Meinung gegenüber Israel bei den deutschen Befragten deutlich verschlechtert und auch in der Frage einer politischen Unterstützung Israels bzw. der Palästinenser zeigt sich eine steigende Frustration und Ratlosigkeit der deutschen Bevölkerung.

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Fazit

Die vorliegende Studie wirft einen differenzierten Blick auf den Zustand der deutsch-israelischen Beziehungen. Diese sind, so ein Kernergebnis, keineswegs „normal“, sondern nach wie vor von der Vergangenheit geprägt. Für beide Länder ist der Holocaust ein negativer Referenzpunkt, der Identitäten und nationale Selbstverständnisse wesentlich formt. Für jüdische Israelis ist die Vergangenheit eng mit der Notwendigkeit eines jüdischen Staates verknüpft. Eine deutliche Mehrheit von ihnen möchte das Andenken an den Holocaust auch in Zukunft wachhalten und misst der Vergangenheit auch

für die Gegenwart und in den Beziehungen zu Deutschland eine aktuelle Relevanz zu. Die deutschen Befragten hingegen unterschätzen, wie sehr der Holocaust das Bild Deutschlands in Israel auch heute noch prägt. Sie tendieren stärker dazu, sich auf Probleme der Gegenwart zu konzentrieren und einen Schlussstrich unter die Vergangenheit und explizit auch den Holocaust zu ziehen. Die Studie zeigt, dass die Forderung nach einem Schlussstrich überdurchschnittlich stark von den jüngeren deutschen Befragten vertreten wird.

Eine wesentliche Fragestellung der Studie richtet sich auf die Wahrnehmung und Interpretation der viel zitierten besonderen Verantwortung Deutschlands, die sich aus der Geschichte ergibt. Deutsche und Israelis teilen die Beurteilung, dass Deutschland eine besondere Verantwortung trägt. Aber die damit verbundenen Implikationen, Erwartungen und Schlussfolgerungen differieren in beiden Ländern deutlich. Die Israelis erwarten sich von Deutschland Unterstützung nicht nur für das jüdische Volk, sondern auch Unterstützung für Israel in aktuellen Konflikten. Die Deutschen hingegen verorten ihre Verantwortung eher auf einer abstrakten Ebene, die sich in der Unterstützung für individuelle Menschenrechte und liberal-demokratische Grundsätze äußert. Zudem herrscht eine grundsätzliche Skepsis gegenüber dem Einsatz militärischer Gewalt in Konflikten. Die auch von den deutschen Befragten akzeptierte Verantwortung Deutschlands erstreckt sich daher nicht notwendigerweise auf die politische oder gar militärische Unterstützung Israels. Diese Diskrepanzen werden noch durch die jeweiligen Herausforderungen der Gegenwart und der Zukunft verstärkt, die beide Länder bewältigen müssen. Die Israelis, die sich von ständig schwelenden Konflikten bedroht sehen, die jederzeit offen ausbrechen können, sind eher zu militärischen Maßnahmen und unter gewissen Umständen auch zur Einschränkung liberaler Werte bereit als die Deutschen, die keinen vergleichbaren existenziellen Bedrohungen ausgesetzt sind. Die deutschen Befragten sind hinsichtlich militärischer Einsätze weitaus zögerlicher. Trotz der Vergangenheit ist das Bild Deutschlands in Israel positiver als das der Deutschen von Israel, dies gilt sowohl für die Wahrnehmung der deutschen Regierung wie auch des Landes allgemein. Aus Sicht der meisten Israelis ist Deutschland heute eine freundlich gesinnte Nation und ein Verbündeter. Die positive Wahrnehmung Deutschlands hat in den vergangenen Jahrzehnten deutlich und kontinuierlich zugenommen. Allerdings stehen die jüngeren Israelis Deutschland und seiner Regierung deutlich kritischer gegenüber als die Älteren.

Die Wahrnehmung Israels in der deutschen Bevölkerung ist hingegen deutlich zwiespältiger, positive und negative Einstellungen sind nahezu gleich stark ausgeprägt. Die israelische Regierung wird gar mehrheitlich negativ bewertet, was sich auch auf die Gesamtwahrnehmung Israels negativ auswirken dürfte. Die Studie zeigt, dass die Haltung Israel gegenüber bei den meisten Deutschen nicht nur durch die Vergangenheit geprägt ist, sondern durch die Wahrnehmung des israelisch-palästinensischen Konflikts überlagert und beeinflusst wird. Das führt zu einer kritischen und in Teilen ablehnen- den Haltung gegenüber Israel, insbesondere unter den jüngeren Deutschen.

Die Ergebnisse weisen somit auch auf eine zunehmende Diskrepanz zwischen den politischen Eliten Deutschlands und der deutschen Bevölkerung hin: Jeder Zweite der Befragten steht einer politischen Unterstützung Israels im Nahostkonflikt durch die deutsche Regierung eher ablehnend gegenüber; Waffenlieferungen an Israel lehnen gar 80 Prozent aller Deutschen ab.

Erschreckend hoch ist die Zustimmung zu verschiedenen Formen des Antisemitismus. Mehr als ein Viertel der Befragten bejahten Stereotype des traditionellen Antisemitismus. Dieser scheint relativ konsistent, stabil und änderungsresistent zu sein und ist insbesondere unter älteren Befragten verbreitet. Die Umfrageergebnisse zeigen zudem einen besorgniserregenden Anstieg in den letzten Jahren des gegen Israel gerichteten Antisemitismus. Somit bleibt die Bekämpfung der verschiedenen Formen des Antisemitismus eine wichtige und andauernde Herausforderung für die deutsche Gesellschaft.

Was bedeuten diese Ergebnisse für die deutsch-israelischen Beziehungen knapp 50 Jahre nach der Aufnahme diplomatischer Beziehungen? In den vergangenen Jahrzehnten sind vielfältige Institutionen der Begegnung und des Austauschs zwischen Deutschland und Israel geschaffen worden. Erfolgreicher Dialog gelingt allerdings nur dann, wenn bestimmte Voraussetzungen erfüllt sind. Dafür bedarf es gemeinsamer Erfahrungen in Vergangenheit und/oder Gegenwart oder einer gemeinsamen Lebenswelt, die von ähnlichen Werten, Grundüberzeugungen, Interessen und Identitäten geprägt ist. Die vorliegenden Daten belegen, dass diese Voraussetzungen im Fall von Deutschland und Israel nicht immer gegeben sind.

Für die Zukunft ist es daher wichtig, Formen der Begegnung und des Dialogs zu schaffen, die ein gegenseitiges Verständnis der Unterschiede und Gemeinsamkeiten ermöglichen. Es bedarf eines differenzierten und vielschichtigen Diskurses, der den unterschiedlichen politischen, kulturellen und sicherheitspolitischen Kontexten Rechnung trägt und damit Missverständnisse und eine verzerrte Sicht auf den Anderen vermeidet. Dialog und Austausch können dann ein gemeinsames Lernen fördern und die Vertrauensbasis schaffen, auf der sich die Beziehungen auch in Zukunft nachhaltig entwickeln können.

Die vollständige Studie finden sie hier.

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