»Die Medien zeichnen ein negatives Bild von Muslimen« | Blätter für deutsche und internationale Politik

LoginWarenkorb

»Die Medien zeichnen ein negatives Bild von Muslimen«

Studie des Sachverständigenrates deutscher Stiftungen für Migration und Integration zu Muslimen in Deutschland, 12.3.2013

Obwohl die in Deutschland geborene zweite Generation muslimischer Zuwanderer erheblich besser integriert ist als die erste Generation, verengen sich politische und mediale Debatten zunehmend auf die ‚gescheiterte Integration der Muslime‘. War früher pauschal von ‚Ausländern‘ und ‚ihren Integrationsproblemen’ die Rede, dominierten bis vor wenigen Jahren Bezeichnungen, die sich an der nationalstaatlichen Herkunft der Zuwanderer orientierten (z. B. ‚Türken‘, ‚Italiener‘ oder ‚Marokkaner‘). Im Fokus einer defizitorientierten Integrationsdebatte steht in den letzten Jahren die muslimische Bevölkerungsgruppe, d. h. Zuwanderer, die aus islamisch geprägten Staaten stammen. Durch die Verwendung religiöser Begrifflichkeiten und Zuschreibungen im Integrationsdiskurs wird eine sehr heterogene Gruppe von Personen mit Migrationshintergrund auf ein einzelnes Merkmal – ihr ‚Muslimsein’ und damit auf ihre (z. T. auch nur an genommene) religiöse Zugehörigkeit – reduziert. Die Medien wirken bei dieser Entwicklung als Verstärker: Sie behandeln den Islam mit Blick auf den islamistisch motivierten Terrorismus vor allem als Sicherheitsthema und stellen immer wieder spezifische Integrationsprobleme Einzelner als Pars pro Toto für die gesamte Gruppe „der Muslime“ dar.

Wie wird dieses negative Medienbild von Angehörigen der Mehrheits- und der Zuwandererbevölkerung eingeschätzt? Inwieweit bestehen zwischen den verschiedenen Gruppen Unterschiede in der Wahrnehmung? Und welche Rückwirkungen hat das negative Medienbild auf das Zusammenleben im Alltag und die interethnischen Kontakte?

Dieser Policy Brief zeigt die große Kluft auf, die sich zwischen der von der Bevölkerung wahrgenommenen Darstellung von Muslimen in den Medien und den Alltagserfahrungen und Einschätzungen des Zusammenlebens von muslimischen Zuwanderern und Mehrheitsbevölkerung auftut. Grundlage der Analyse ist das SVR-Integrationsbarometer 2012, eine repräsentative Befragung von über 9.200 Personen mit und ohne Migrationshintergrund. Fragt man nach der Darstellung von ‚Türken‘, ‚Afrikanern‘, ‚Arabern‘, ‚Osteuropäern‘ und ‚Muslimen‘ in den Medien, stimmen beide Seiten der Einwanderungsgesellschaft in ihrer Meinung überraschend deutlich überein: die Medien zeichnen ein zu negatives Bild von diesen Gruppen. Vor allem die Mediendarstellung von Muslimen wird kritisch bewertet: Rund 71 Prozent der Befragten ohne Migrationshintergrund finden, dass die Darstellung von Muslimen in den Medien eher oder viel zu negativ ist. Demgegenüber wird die Darstellung der anderen Gruppen als weniger problematisch gesehen: Das Bild von ‚Türken‘ und ‚Osteuropäern‘ beurteilen nur jeweils rund 63 Prozent, das von ‚Afrikanern‘ etwa 66 Prozent als zu negativ. Unter den Muslimen selbst ist die Sensibilität gegenüber dem medial vermittelten Muslimbild stärker ausgeprägt. Über 82 Prozent der befragten Personen mit Migrationshintergrund und islamischer Religionszugehörigkeit finden die Mediendarstellung von Muslimen zu negativ. Dabei kommt hier keineswegs nur die Betroffenheit der ‚Eigengruppe’ zum Ausdruck. Denn unter den Zuwanderern sehen auch jene mit einem türkischen, osteuropäischen oder afrikanischen Migrationshintergrund die Gruppe der Muslime als am stärksten von negativer Berichterstattung betroffen. Die Berichterstattung über die jeweils eigene Herkunftsgruppe empfinden die Befragten als weitaus weniger negativ.

Um das Zusammenleben zwischen Mehrheitsbevölkerung und muslimischen Zuwanderern im Alltag der Einwanderungsgesellschaft scheint es jedoch weniger schlecht bestellt, als dies der mediale ‚Islam-Integrationsdiskurs’ nahelegt. Denn zwischen den Bewertungen der Mediendarstellungen und den persönlichen Erfahrungen des Zusammenlebens besteht eine deutliche Diskrepanz. Insbesondere die im Rahmen des Integrationsbarometers befragten Muslime unter den Zuwanderern schätzen das Zusammenleben zwischen Mehrheits- und Zuwandererbevölkerung durchweg positiv ein: 58,1 Prozent erleben das Zusammenleben als ungestört; weniger als 30 Prozent nehmen Störungen wahr. Zudem lässt sich seit einigen Jahren ein positiver Trend nachweisen: Abgesehen von einer Stimmungseintrübung im Zuge der ‚Sarrazin-Debatte’ erlebt sowohl bei der muslimischen Zuwandererbevölkerung als auch bei der deutschen Mehrheitsbevölkerung ein steigender Anteil der Befragten das Zusammenleben als weitgehend störungsfrei.

Diese Befunde verdeutlichen, dass die Einwanderungsgesellschaft in Deutschland weiterhin nüchternoptimistisch auf den Integrationsalltag blickt. Zwar haben jüngere Untersuchungen zur gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit und zur religiösen Toleranz gegenüber Muslimen ein vergleichsweise hohes Maß an islam- und muslimfeindlichen Einstellungen festgestellt. Diese Einstellungen schlagen sich bislang aber nicht im alltäglichen Zusammenleben nieder. Ein nachhaltiger Einfluss negativ aufgeladener öffentlicher Debatten auf das Zusammenleben zwischen Muslimen und Mehrheitsbevölkerung im Integrationsalltag ist (bisher) nicht nachzuweisen. Allerdings kann ein anhaltend negatives Medienbild vorhandene Vorurteile verstärken oder bei Personen, die dem Islam eher gleichgültig gegenüber standen, die Bildung von Vorurteilen anregen. Dies kann dann auch die alltäglichen Interaktionen von Zuwanderern und Mehrheitsbevölkerung belasten.

Dabei ist weniger die Thematisierung negativer Sachverhalte in der medialen Berichterstattung an sich problematisch, sondern vor allem der Mangel an ‚good news‘. Medien berichten zwar oft, ausführlich und durchaus sachlich korrekt über Muslime, jedoch nicht hinreichend ausgewogen. Handlungsansätze zur Verbesserung des medialen Integrationsklimas müssen vorrangig darauf zielen, den Anteil der Beiträge zu erhöhen, die Muslime außerhalb von Problemzusammenhängen in alltäglicher Normalität thematisieren. Damit könnte auch den Ansprüchen der Mediennutzer in der vielfältigen Einwanderungsgesellschaft im Sinne einer ‚Kundenorientierung‘ besser entsprochen werden. Denn Mehrheits- wie Zuwandererbevölkerung erwarten ein ausgewogeneres Medienbild und weniger negativen Subtext in der Berichterstattung über Muslime und den Islam. Dazu sollten einerseits die Medienmacher bereits begonnene Prozesse der interkulturellen Öffnung fortsetzen, etwa indem sie den Anteil der Redakteure mit Migrationshintergrund steigern und Mechanismen zur Qualitätssicherung der Medieninhalte einführen. Andererseits können sich auch Politik und Akteure der Zivilgesellschaft engagieren, indem sie Anlässe für eine positive Berichterstattung schaffen.

Die vollständige Studie finden Sie hier.

top