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»Die weltweite Hungersituation ist nach wie vor ernst«

Welthunger-Index der Welthungerhilfe, des Internationalen Forschungsinstituts für Ernährungspolitik (IFPRI) und der irischen Nichtregierungsorganisation Concern Worldwide, 14.10.2013

Die globale Hungersituation hat sich seit 1990 verbessert, wie der Welthunger-Index 2013 anhand von Daten aus dem Zeitraum 2008– 2012 zeigt. Der WHI ist um ein Drittel gesunken. Dennoch ist die weltweite Hungersituation nach wie vor „ernst“. 870 Millionen Menschen hatten laut Schätzungen der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) im Mittel der Jahre 2010– 2012 nicht genug zu essen.

Südasien und Afrika südlich der Sahara haben die höchsten WHI-Werte. Südasien hat seinen WHI-Wert zwischen 1990 und 1995 deutlich verbessert, vor allem durch einen großen Rückgang des Untergewichts bei Kindern. Der schnelle Fortschritt in dieser Region konnte jedoch nicht aufrechterhalten werden. Soziale Ungleichheit und der schlechte Ernährungszustand, das geringe Bildungsniveau und der niedrige gesellschaftliche Status von Frauen tragen nach wie vor zu einem hohen Anteil von Untergewicht bei Kindern unter fünf Jahren bei.

Afrika südlich der Sahara konnte in den 1990er-Jahren den Hunger nicht so stark reduzieren wie Südasien. Seit der Jahrtausendwende hat die Region jedoch deutliche Fortschritte gemacht; ihr WHI-Wert liegt nun unter dem von Südasien. Größere politische Stabilität in den Ländern, die in den 1990er- und 2000er-Jahren von Bürgerkriegen betroffen waren, ermöglichte wirtschaftliches Wachstum. Fortschritte im Kampf gegen HIV und AIDS, Erfolge bei der Malariabekämpfung und höhere Impfraten trugen zu einer Senkung der Kindersterblichkeit bei.

Seit 1990 haben 23 Länder deutliche Fortschritte gemacht und ihre WHI-Werte um 50 Prozent oder mehr gesenkt. 27 Länder konnten die Kategorien „gravierend“ und „sehr ernst“ verlassen. Die folgenden zehn Länder haben seit 1990 die größten absoluten Fortschritte erzielt: Angola, Äthiopien, Bangladesch, Ghana, Kambodscha, Malawi, Niger, Ruanda, Thailand und Vietnam.

In 19 Ländern ist die Hungersituation nach wie vor „sehr ernst“ oder „gravierend“. Alle Länder, in denen der Hunger als „gravierend“ eingeschätzt wird, liegen in Afrika südlich der Sahara: Burundi, die Komoren und Eritrea. Die im Vergleich zu 1990 verschlechterte Hungersituation in Burundi und auf den Komoren kann auf langwierige Konflikte und politische Instabilität zurückgeführt werden. Die Lage in der Demokratischen Republik Kongo wurde im WHI-Bericht 2011 als „gravierend“ eigestuft; seither liegen nicht genug Daten vor, um den WHI-Wert zu berechnen. Aktuelle und verlässliche Daten sind auch notwendig, um die WHI-Werte weiterer Länder zu berechnen, in denen vermutlich großer Hunger herrscht; etwa Afghanistan und Somalia.

Es überrascht nicht, dass viele der Länder mit „sehr ernsten“ oder „gravierenden“ Werten als instabil gelten. Von Menschen verursachte und natürliche Katastrophen können Individuen und Gemeinschaften, die ohnehin schon arm sind, in noch tiefere Armut und Hunger stürzen. Ernährungssicherung ist daher ein wesentlicher Aspekt jeglicher Bemühungen, die eine Stärkung der Widerstandsfähigkeit gefährdeter Menschen (Resilienz) zum Ziel haben. Gleichermaßen müssen Ernährungssicherungsprogramme so geplant und umgesetzt werden, dass sie zu einer Stärkung der Widerstandsfähigkeit beitragen.

Arme Menschen sind seit jeher verwundbar gegenüber saisonalen Hunger-Perioden, Dürren und anderen natürlichen oder von Menschen verursachten Katastrophen. In jüngeren Jahren wurde ihre Vulnerabilität noch verschärft: Sowohl die globale Nahrungsmittelpreis- und die Finanzkrise als auch große humanitäre Krisen wie die wiederkehrenden Dürren in der Sahelzone und am Horn von Afrika trugen dazu bei, dass die Widerstandskräfte vieler Menschen weiter dahinschwanden. Solche kurzfristigen Schocks haben langfristige Folgen.

Konzeptionell wurde der Resilienz-Ansatz erweitert: Er beinhaltet nicht nur die Fähigkeit, leichten Krisen standzuhalten, sondern auch die Fähigkeit von Krisen mittlerer Intensität zu lernen und sich daran anzupassen, sowie wirtschaftliche, soziale und ökologische Strukturen als Reaktion auf schwere Krisen zu verändern.

Dieses Verständnis von Resilienz könnte dazu beitragen, die Gräben zwischen Nothilfe und Entwicklungszusammenarbeit zu überwinden. Indem dieses Konzept kurzfristige Krisen mit langfristigem Systemwandel verknüpft, gibt es uns ein umfassenderes Bild der Faktoren, die dazu führen, dass Menschen in Armut oder Ernährungsunsicherheit abgleiten. Es verdeutlicht außerdem, wie entscheidend es ist, soziale Dynamiken und Verhaltensmuster verwundbarer Bevölkerungsgruppen besser zu verstehen.

In der Praxis stellt die Umsetzung des Resilienz-Konzeptes allerdings eine Herausforderung dar. Zunächst müssen sich die Akteure der Entwicklungszusammenarbeit und humanitären Hilfe auf eine gemeinsame Definition von Resilienz einigen. Des Weiteren sind Resilienz, Vulnerabilität und Bewältigungs- und Anpassungsstrategien schwer messbare Phänomene: Krisen sind per se oft kurzfristige, unvorhersehbare Ereignisse, die häufig schwer erreichbare Bevölkerungsgruppen an abgelegenen Orten treffen. Zudem sind die Bewältigungs- und Anpassungsstrategien häufig äußerst komplex.

Concern und Welthungerhilfe sind überzeugt, dass Bemühungen zur Stärkung der Widerstandsfähigkeit auf Gemeindeebene gute Erfolge erzielen können. Sie greifen auf Erfahrungen mit ihren eigenen Programmen im Kampf gegen Unterernährung, meist in ländlichen Gebieten, zurück. Haushalte im Norden Haitis etwa konnten ihre Ernährungssicherheit verbessern, indem die grundlegenden strukturellen Ursachen der Vulnerabilität angegangen wurden und ergänzend Nothilfemittel flexibel und zielgerichtet eingesetzt wurden. Erfahrungen aus der Sahelzone und dem Horn von Afrika zeigen einige Voraussetzungen auf, die gegeben sein müssen, um die Widerstandsfähigkeit auf Gemeindeebene zu stärken.

Die Empfehlungen in diesem Bericht bieten der internationalen Gemeinschaft, den Gebern und Entscheidungsträgern in ernährungsunsicheren Ländern sowie Fachleuten aus Entwicklungszusammenarbeit und humanitärer Hilfe eine Orientierung, wie Menschen dabei unterstützt werden können, widerstandsfähiger zu werden und Hunger zu überwinden.

Den vollständigen Welthunger-Index finden Sie hier.

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