»Die Zukunft kommt nicht von selbst« | Blätter für deutsche und internationale Politik

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»Die Zukunft kommt nicht von selbst«

Zukunftscharta des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung in Kooperation mit Nichtregierungsorganisationen, 24.11.2014

Einleitung

Wenn wir uns als Weltgemeinschaft gemeinsam Ziele setzen und diese mit vereinten Kräften und beharrlich verfolgen, dann können wir etwas bewegen. Das haben die Millenniumsentwicklungsziele gezeigt, die sich die Weltgemeinschaft zur Jahrtausendwende gesetzt hat, um Armut und Hunger, Kinder- und Müttersterblichkeit, Aids und Malaria zu bekämpfen sowie Bildung, Geschlechtergerechtigkeit und Umweltschutz zu verbessern.

in einigen Bereichen der Millenniumsziele sind bedeutende Fortschritte zu verzeichnen: Wirtschaftlicher Aufschwung und politisches Handeln haben in vielen Weltregionen viele Millionen Menschen aus der absoluten Armut (weniger als 1,25 Dollar am Tag) befreit. Deren Anteil an der Weltbevölkerung hat sich seit 1990 halbiert. Auch viele andere Kennzahlen der zur Jahrtausendwende erarbeiteten MDG zeigen uns, dass wir bei der Bekämpfung von Armut und Hunger, bei der Grundschulbildung und in anderen Sektoren Fortschritte machen, auch wenn noch viel zu tun bleibt.

Viele der bereits gesteckten Ziele wurden allerdings noch nicht erreicht und gerade bei jenen globalen Herausforderungen, die die gesamte Menschheit betreffen, tun wir uns bislang besonders schwer: Der Klimawandel, die Übernutzung natürlicher Ressourcen, Wirtschafts- und Finanzkrisen, Gewaltkonflikte, Menschenrechtsverletzungen, demografische Veränderungen und globale Verteilungsprobleme betreffen alle Menschen in der EINENWELT, die immer weiter zusammenwächst.

im 21. Jahrhundert findet Entwicklungspolitik nicht mehr nur in fernen Ländern statt. Denn durch die Globalisierung, zum Beispiel über lange lieferketten, sind die Lebensbedingungen der Menschen heute weltweit vielfältig miteinander verknüpft. Viele Rohstoffe für unsere Handys und Computer kommen aus Afrika, unsere Kleider aus Asien und die Sojabohnen für unser Viehfutter von Feldern in Südamerika. Diese Beispiele zeigen, dass für uns ganz alltägliche Dinge wie Essen, Kleidung oder das Handy ohne weltweite Zusammenhänge nicht mehr funktionieren. Dies schafft in erheblichem Maße Arbeitsplätze in Entwicklungs- und Schwellenländern, bedeutet aber auch, dass es uns immer mehr angeht, unter welchen Umständen unser Essen, unsere Kleidung, unser Auto und unser Handy weltweit produziert werden. Die Näherinnen in Asien schuften häufig für Hungerlöhne, die Rohstoffe für unsere Handys haben bereits Bürgerkriege finanziert und nur mit der Erhaltung der Wälder werden wir den Klimawandel begrenzen können.

Unser Konsumieren und Produzieren darf nicht auf Kosten anderer Menschen, künftiger Generationen und unserer EINENWELT gesichert werden. Das Ziel einer ökologisch, sozial und wirtschaftlich nachhaltigen Entwicklung können wir nur unter bestimmten Voraussetzungen erreichen. Das bedeutet, dass unsere Handys, Autos, unsere Kleidung und unsere Nahrung sowie die Energie, die wir verbrauchen, langfristig so produziert werden müssen, dass sie die Ressourcen unseres Planeten schonen und diese auch noch zukünftigen Generationen zur Verfügung stehen. Außerdem müssen Unternehmen verantwortungsbewusst handeln, Menschenrechte achten und ihren Beschäftigten zumindest menschenwürdige Arbeitsbedingungen ermöglichen. Kurzum: Die globalen Herausforderungen sind so groß, dass sie nur durch gemeinsame Anstrengungen gelöst werden können. Jede und jeder Einzelne trägt in unserer EINENWELT Verantwortung und kann einen kleinen, aber wichtigen Beitrag leisten. Bürgerinnen und Bürger, die Bundesregierung und der Deutsche Bundestag, Länder und Kommunen, Wirtschaft, Zivilgesellschaft und Wissenschaft, sie alle sind im Rahmen ihrer Möglichkeiten, ihrer Kompetenzen und ihrer Verantwortlichkeiten aufgerufen, wirksame Beiträge für eine nachhaltige Entwicklung bei uns und weltweit zu leisten. Denn zukunftsfähige Politik fängt bei uns in Deutschland an, reicht aber weit über uns hinaus.

Bereits in diesem Jahr hat eine Arbeits- gruppe der Vereinten Nationen in ihrem Abschlussbericht Vorschläge für übergreifende Ziele für nachhaltige Entwicklung (SDG) erarbeitet, die 2015 von der Weltgemeinschaft verhandelt und von den Ländern, jeweils angepasst an ihre Situation, aber gemeinsam, umgesetzt werden sollen. Um etwas verändern zu können, braucht diese Agenda breite Anerkennung in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft, auf der ganzen Welt. Ziel dieser Zukunftscharta ist es deshalb, in Deutschland möglichst viele Akteure zusammenzubringen, um einen gesellschaftlich breit verankerten deutschen Beitrag für nachhaltige Entwicklung innerhalb der veränderten Realität sowohl auf nationaler wie auf internationaler Ebene zu identifizieren.

Grundlage dieser Zukunftscharta ist die Einsicht, dass gemeinsame Ziele in einer neuen globalen Partnerschaft notwendig sind, um in einem veränderten entwicklungspolitischen Umfeld die drängenden Herausforderungen zu bewältigen. Anstelle der klassischen Zweiteilung in Geber- und Empfängerländer ist eine globale Partnerschaft vonnöten, bei der alle Länder und Akteure Verantwortung übernehmen. Basis dieser Partnerschaft sind die universell gültigen Ziele für nachhaltige Entwicklung.

Nachhaltigkeit muss ein zentrales Prinzip allen politischen und gesellschaftlichen Handelns sein. Die ökologischen, sozialen und wirtschaftlichen Dimensionen menschlicher Entwicklung müssen immer wieder neu durch politisches, wirtschaftliches und gesellschaftliches Handeln in Einklang gebracht werden. Dabei müssen Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft

ihr Handeln an gemeinsamen Werten und Normen ausrichten, insbesondere den universellen Menschenrechten.

Es ist auch die Verantwortung der deutschen Politik, dabei für angemessene Rahmenbedingungen zu sorgen und ihre nationalen wie internationalen Handlungen und Entscheidungen kohärent und politikfeldübergreifend am Ziel nachhaltiger Entwicklung auszurichten. Deutsche Politik wird in bedeutendem Umfang im europäischen Kontext entwickelt, abgestimmt und gestaltet. Deshalb muss sich Deutschland hier aktiv im Sinne einer kohärenten Politik für nachhaltige Entwicklung einbringen. Dasselbe gilt auch für die Vereinten Nationen, die für die Lösung grenzüberschreitender Probleme und die Realisierung neuer Partnerschaften unverzichtbar sind.

Zugleich müssen auch nichtstaatliche Akteure wie Wirtschaft, Wissenschaft und Zivilgesellschaft in ihren jeweiligen Handlungsfeldern Verantwortung für nachhaltige Entwicklung übernehmen. in dieser Zukunftscharta werden Partnerschaften zwischen Regierungen, Zivilgesellschaft, Wissenschaft und Privatwirtschaft befürwortet, die nachhaltige Lösungen für die großen Zukunftsfragen erarbeiten. Sie sollen als ein wichtiges Instrument dienen, um die neue globale Partnerschaft mit leben zu füllen und ihre Ziele zu verwirklichen. Länder mit hohem Einkommen sind hierbei besonders gefordert, zusätzliche öffentliche ebenso wie private Mittel zur Umsetzung bereitzustellen. Zugleich wächst mit den finanziellen Handlungsspielräumen wirtschaftlich aufstrebender Länder auch deren Verantwortung, sich einzubringen.

Der Dialog zur Zukunftscharta leistet einen Beitrag zur Umsetzung der deutschen Strategie für nachhaltige Entwicklung (nationale Nachhaltigkeitsstrategie) und ist als solcher ein Leuchtturmprojekt zu ihrer Umsetzung. Diese Strategie definiert nachhaltige Entwicklung als politisches Leitprinzip und macht es mit konkreten Indikatoren und Zielen, Institutionen und Verfahren praktisch wirksam. Für die anstehende Überarbeitung der Strategie kann die Zukunftscharta dazu beitragen, diese stärker international auszurichten. Zugleich können Zukunftscharta und nationale Nachhaltigkeitsstrategie verdeutlichen, wie konkret Deutschland an nachhaltigen Lösungen für Zukunftsfragen arbeitet. Dadurch erhöhen alle deutschen Akteure ihre Glaubwürdigkeit und damit ihren Einfluss in europäischen und internationalen Verhandlungen zu den neuen Zielen nachhaltiger Entwicklung.

Im Rahmen des Dialogprozesses wurden für diese Zukunftscharta acht Handlungsfelder identifiziert, die zentrale Zukunftsfragen aufgreifen. Wir wollen die Zukunftscharta im Entwicklungsjahr 2015 gemeinsam in die Öffentlichkeit in Deutschland tragen und für deren Umsetzung werben. Damit wollen wir nicht zuletzt auch die Umsetzung der international angestrebten Ziele für nachhaltige Entwicklung in Deutschland und durch deutsche Akteure vorantreiben. Wir haben nur die EINEWELT – sie liegt in unserer gemeinsamen Verantwortung.

Die acht Handlungsfelder der Zukunftscharta lauten:

1. Ein Leben in Würde weltweit sichern

2. Natürliche Lebensgrundlagen bewahren und nachhaltig nutzen

3. Wirtschaftswachstum mit Nachhaltigkeit und menschenwürdiger Beschäftigung verbinden

4. Menschenrechte und gute Regierungsführung fordern und fördern

5. Frieden schaffen, menschliche Sicherheit stärken

6. Kulturelle und religiöse Vielfalt respektieren und schützen

7. Innovationen, Technologien und Digitalisierung für transformativen Wandel nutzen

8. Die neue globale Partnerschaft und Multi-Akteurs-Partnerschaften für die Umsetzung entwickeln

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Die vollständige Charta finden Sie hier.

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