»Funktionsträger haben sich rechtlich wie berufsethisch falsch verhalten« | Blätter für deutsche und internationale Politik

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»Funktionsträger haben sich rechtlich wie berufsethisch falsch verhalten«

Studie der Berliner Humboldt-Universität und der Universität Münster zum Thema Doping in Deutschland, 5.8.2013 (Auszug)

Further research is needed – dieser eigentlich recht banal klingende Spruch zeigt vor dem Hintergrund der Ergebnisse des Projekts „Doping in Deutschland von 1950 bis heute aus historisch-soziologischer Sicht im Kontext ethischer Legitimation“, die in diesem zusammenfassenden Bericht skizziert werden, seine Gültigkeit: Die Teilprojekte in Berlin und Münster haben zu einer Vielzahl von Ergebnissen geführt. Diese erlauben besser als bisher, die Doping-Problematik in ihren komplexen Strukturzusammenhängen zu verorten, Pfadabhängigkeiten von z. B. institutionellen Rationalitäten sowie Handeln bzw. Nicht-Handeln auszuweisen und vor allem auch quellenmäßig umfangreich zu stützen. Die bereits systematisch angelegten interdisziplinären Zugangsweisen zu Doping bzw. Anti-Doping werden auf der Grundlage der Befunde dieses Projekts deutlich gestärkt. Für Weiterentwicklungen stellen die generierten theoretischen Basierungen und die eruierten Dokumente, Quellen und Interviews vielfältige zukunftsträchtige Ausgangspunkte zur Verfügung.

Vor dem Hintergrund der Ergebnisse des Berliner Teilprojekts werden kurz gefasst die folgenden Empfehlungen formuliert:

(1) Chance auf Endkampfteilnahme: Die Chance auf Endkampfteilnahme bei internationalen Meisterschaften darf nicht „zum einzigen Kriterium“ der Entsendung erhoben werden; denn es hat sich sowohl für den individuellen Akteur als auch für die institutionellen Arrangements als ein stark wirksamer Dopinganlass erwiesen.

(2) Keine personelle Kontinuität in Dopinganalytik und -recht: Die Implementation von nachhaltiger Dopinganalytik und nachhaltigem Dopingrecht sollte nicht durch personelle Kontinuität dergestalt behindert werden, dass dort Personen agieren, die vor der Berufung im Sport engagiert waren oder Sport-Verbandsfunktionen eingenommen haben. Vor dem Hintergrund der in dem Gesamtprojekt rekonstruierten Dopinggeschichte in der Bundesrepublik ist die Besorgnis von Befangenheit zumindest nicht zurückweisbar. Um einen solchen Verdacht weder institutionell noch individuell aufkommen zu lassen, sollte eine strenge Teilung erfolgen, die so bisher nicht gewährleistet ist.

(3) Schaffung einer Institution für vertraulichen Kontakt mit Aktiven: Für Aktive oder ehemalige Aktive sollte eine Institution geschaffen werden, bei der sie ohne Angst vor Öffentlichkeit und vertraulich ihre Sorgen vortragen können. Die historischen Studien zeigen unübersehbar die Ängste, die dafür ursächlich waren, dass Dopinggegner bzw. -verweigerer keinen Ansprechpartner hatten oder sich öffneten, weil sie ihre Karriereängste kaum angemessen verarbeiten konnten.

(4) Abbau von Informationsdefiziten durch Information: In beiden vom Berliner Teilprojekt detailliert bearbeiteten historischen Phasen (Phase I und Phase II) gab es starke Informationsdefizite. Sie nahmen Aktiven die Chance, adäquat auf Druck, Zwang oder Nötigung zu reagieren bzw. vor dem Hintergrund der herausgearbeiteten „Verselbstständigung oder Totalisierung des Leistungsprinzips“ die Tragweite ihres Handelns einzuschätzen. 

(5) Umgang mit Funktionsträgern, die gegen rechtliche wie berufsethische Regeln verstoßen: Beteiligte Funktionsträger haben sich zum Teil – ob aus Unwissen oder vorsätzlich – rechtlich wie berufsethisch falsch verhalten. Hier sind verbindliche Umgangsempfehlungen zu vereinbaren und entsprechend auszuformulieren. 

(6) Arbeit mit Zielgruppen: Beispiele sind die Bildungsarbeit mit Zielgruppen wie Schülern oder Sportgruppen, denen die Forschungsergebnisse nahe gebracht werden. Es können auch Transfereffekte für ähnlich gelagerte Problemstellungen in Wissenschaft und Gesellschaft gefördert werden. Zu denken ist an dopingaffine Praktiken im Breitensport oder an das Neuro-Enhancement. Diese Anregungen sollten in der weiteren Diskussion um Doping im Sport Berücksichtigung finden. 

(7) Dilemma-Situation von Ärzten und Mitarbeitern: Der im zusammenfassenden Bericht des Berliner Teilprojekts zitierte Zeitzeuge befand sich als zur Dopingmitwirkung genötigter Arzt in einer Situation, die sich aus seiner Sicht als Dilemma-Situation gegenüber seinem Vorgesetzten und dessen illegalem Psychopharmaka-Abusus gestaltete. In seinem Interview wies auf die fehlenden Normen gegen Doping sowie den drohenden Verlust des Arbeitsplatzes bei Widerständigkeit als Arzt hin. Dies kann für die zukünftige Anti-Doping-Politik (und gleichermaßen für zukünftige Anti-Enhancement-Maßnahmen) von großer Wichtigkeit sein. Im Anti-Doping-Kampf ist es unerlässlich, auch für solche Probleme Lösungen zu finden. Empfohlen wird die Entwicklung von Mechanismen, die sichern, zumindest jedoch helfen, beteiligten Gruppen, besonders Ärzten, Trainern, Funktionären, Apotheker, Physio- und Sporttherapeuten auf Problemsituationen dieser Art vorzubereiten. 

(8) Dopingverbot durch ein Gesetz sichern: Dopingverbot durch ein Gesetz sowie die Berücksichtigung des Aspektes des Verstoßes gegen die „guten Sitten“ ist ein unerlässlicher, zeitnah zu implementierender Schritt. Die ausdifferenzierte Definition der Strafbarkeit des Athleten gehört hinzu. 

Den vollständigen Schlussbericht der Studie finden Sie hier.

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