»Geplanter Verschleiß nützt Unternehmern und schadet Verbrauchern« | Blätter für deutsche und internationale Politik

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»Geplanter Verschleiß nützt Unternehmern und schadet Verbrauchern«

Studie der Grünen zur Obsoleszenz, 21.3.2013

Wer hat Vorteile vom geplanten Verschleiß?

Wie oben gezeigt, steigt die Rendite auf das eingesetzte Kapital durch die Verwendung von geplantem Verschleiß. Nutznießer sind also die Eigentümer von Unternehmen. Das Eigentum an Unternehmen ist sehr ungleich verteilt. So sind beispielsweise nur 4,4 Prozent der deutschen Bevölkerung in Besitz von Betriebsvermögen,[1] nur etwa 10 % der deutschen Haushalte besitzen Aktien.[2] Also etwa neun Zehntel aller deutschen Haushalte halten kein Eigentum an Unternehmen. In den USA befinden sich 93 % des Betriebsvermögens in Händen der oberen 10 % der Haushalte, Fonds und Aktien sind zu 80 % in Händen der wohlhabendsten 10 % der US-Bürger.[3] ähnlich ist es in fast allen anderen Ländern. Die Vorteile von geplantem Verschleiß – höhere Gewinne – fließen also an vergleichsweise wenige, wohlhabende Menschen. Die Nachteile in Form geringerer Haltbarkeit tragen jedoch alle Verbraucher. Geplanter Verschleiß führt also verteilungspolitisch betrachtet zu einer Umverteilung von vielen zu wenigen: von allen Kunden, die Produkte mit geplantem Verschleiß kaufen, zu der vergleichsweise kleinen Gruppe der wohlhabenden Eigentümer der Unternehmen. Es besteht also ein gewisses ökonomisches Interesse von Großinvestoren und Großanlegern „zu treiben“, um dadurch die Renditen auf das eingesetzte Kapital zu erhöhen.

Exkurs: Brauchen wir geplanten Verschleiß für Wirtschaftswachstum und Vollbeschäftigung?

Nein. Unnötige Arbeit verteuert unser aller Leben und macht uns ärmer als nötig.[4] Angenommen, ein Wirtschaftszweig beschließt, die Haltbarkeit seiner Produkte kollektiv zu Halbieren[5] Das hat zur Folge, dass in dieser Branche ab sofort sehr viel mehr gearbeitet werden muss als vorher. Es entstehen neue Arbeitsplätze. Das klingt zunächst bestechend: beinahe doppelt so viele Arbeitsplätze! Bei genauerem Nachdenken stellt sich jedoch die Frage: Wer zahlt dafür? Die Kosten der zusätzlichen Arbeit müssen auf die Produktpreise umgelegt werden. Also werden die betroffenen Produkte sehr viel teurer als vorher und als nötig. Unsere Reallöhne sinken, der Lebensstandard aller sinkt. Wenn menschliche Arbeit, Fleiß und Intelligenz in Produkte gesteckt werden, die absichtlich bald kaputt gehen, so ist dies eine unverantwortliche Verschwendung von Ressourcen, die, kollektiv gesehen, uns allen schadet, einzelnen jedoch, wie oben gezeigt, Vorteile verschafft.[6] Was würde, ökonomisch betrachtet, geschehen, wenn wir auf geplanten Verschleiß verzichten würden? In einer Übergangsphase würde rein rechnerisch die offiziell ausgewiesene Wirtschaftsleistung sinken und Arbeitsplätze in den betroffenen Branchen würden zurückgehen. Die Vermutung, wenn alles länger haltbar wäre, würde niemand mehr etwas kaufen, gilt jedoch nicht. Grundsätzlich gilt, dass den Privathaushalten regelmäßige monatliche Einkommen (Löhne, Gehälter, Renten, Unterstützungsleistungen) zufließen. Wenn Gebrauchsgüter länger halten, sind weniger häufig und später als bisher Neu- oder Ersatzanschaffungen erforderlich. Werden bei regelmäßigen Mittelzuflüssen die Mittelabflüsse auf einen längeren Zeitraum gestreckt, erhöht sich das im Beobachtungszeitraum durchschnittlich frei verfügbare Kapital. Durch Erhöhung der Langlebigkeit wird also konsumtives Kapital je Periode freigesetzt. Dieses freigesetzte konsumtive Kapital schafft neuen Bedarf und ermöglicht Wachstum in neuen Märkten.[7] Da seine Freisetzung durch die Bereitstellung langlebiger Güter ermöglicht wurde, kann von einem gestärkten Bewusstsein für nachhaltig orientierten Konsum ausgegangen werden. Die den Veränderungsprozess begleitende öffentliche Debatte über gesamtwirtschaftliche Vorteile einer konsequenten Kreislaufwirtschaft fördert die regionale Sensibilisierung. Das freigesetzte Kapital fließt daher vermutlich in neue nachhaltige Produkte und regionale Dienstleistungen, die durch die bisherigen Märkte verdrängt wurden.[8] Mittel- und langfristig könnte die unnötige, nun wegfallende Arbeit dafür verwendet werden, entweder sinnvollere Erwerbsarbeit zu tätigen, für die das freigesetzte Kapital zur Verfügung steht. In diesem Fall würde unser aller realer Lebensstandard steigen. Oder die ersparte unnötige Arbeit könnte verwendet werden zu Arbeitszeitverkürzung – ohne Lohnkürzung! – so dass wir alle mehr Zeit für die Familie, Freunde, ehrenamtliche Tätigkeit oder Hobbies hätten, so dass auch hierdurch die Lebensqualität real zunehmen würde. Auf die massiven negativen Auswirkungen von geplantem Verschleiß für unsere Umwelt soll an dieser Stelle nicht weiter eingegangen werden.[9]

[...]

Die vollständige Studie finden Sie hier.


[1] Frick/ Grabka, S. 60.

[2] HSBC 2011, Die Aktienmuffel

[3] Domhoff, 2012

[4] Vgl. zum Folgenden detaillierter Kreiss, Wege aus der Krise I, Was kann jeder Einzelne tun?

[5] Dies war ein absolut ernst gemeinter Vorstoß von Bernard London, einem reichem New Yorker Immobilienentwickler, der dies im Verzweiflungsjahr 1932 vorschlug, um die Große Depression in den USA zu überwinden. Die Haltbarkeit der Produkte sollte gesetzlich limitiert werden: „Ending the Depression through Planned Obsolescence“. Vgl. Slade, S. 72-77

[6] Slade, S. 6, spricht in diesem Zusammenhang von einem radikalen Traditionsbruch, der durch den Masseneinzug von geplantem Verschleiss in den USA stattgefunden habe, weg von dem Ziel, den Verbrauchern Wohlfahrt zu bereiten, hin zu dem Ziel, den Produzenten Marktanteilsgewinne und Profit zu bescheren: „What these approaches [geplanten Verschleiß einzuführen und durchzusetzen, C.K.] had in common was their focus on a radical break with tradition in order to deliver products, and prosperity, to the greatest number of people – and in the process to gain market share and make a buck. Both goals strike us today as quintessentially American in spirit.“ Hervorhebungen C.K. / St.S

[7] Siehe Modul C

[8] Schridde, 2012 Gebaut um kaputtzugehen

[9] Zu den Müllbergen vgl. z. B. Dannoritzer, Slade, S. 1-3 oder Braungart/ McDonough, S. 48: „Einigen Untersuchungen zufolge werden in den USA mehr als 90 Prozent aller zur Herstellung langlebiger Güter eingesetzten Materialien fast unmittelbar beim Herstellungsprozess zu Müll. Manchmal hält

 

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