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»Gesundheitliche Folgen der Atomkatastrophe in Fukushima sind schon jetzt nachweisbar«

Studie der Nichtregierungsorganisation IPPNW zu den gesundheitlichen Folgen der Reaktorkatastrophe in Fukushima, 6.3.2013

Im japanischen Atomkraftwerk Fukushima Daiichi kam es aufgrund eines Erdbebens und wegen gravierender Sicherheitsmängel am 11. März 2011 zu einer Atomkatastrophe mit massiver und anhaltender Freisetzung radioaktiver Spalt und Zerfallsprodukte . Rund 20% der in die Atmosphäre freigesetzten radioaktiven Substanzen kontaminierten die Landfläche Japans unter anderem mit rund 17.000 Becquerel pro Quadratmeter Cäsium137 und einer vergleichbaren Menge Cäsium134. Erste gesundheitliche Folgen der Atomkatastrophe sind jetzt schon, nach nur zwei Jahren , wissenschaftlich nachweisbar. So war – ganz ähnlich wie nach Tschernobyl – neun Monate nach dem Beginn der Atomkatastrophe ein Geburtenrückgang festzustellen. In ganz Japan „fehlten“ im Dezember 2011 4362 Neugeborene , davon 209 in der Präfektur Fukushima. Auch gab es in Japan eine erhöhte Säuglingssterblichkeit: Über die statistische Erwartung hinaus starben 75 Kinder im ersten Lebensjahr. Allein in der Präfektur Fukushima wurden bei rund 55. 592 Kindern Schilddrüsenzysten bzw. -knoten festgestellt. Im Gegensatz zu Zysten und Knoten bei Erwachsenen müssen diese bei Kindern als Krebsvorstufen gelten. Das zeigen auch erste in Fukushima dokumentierte Fälle von Schilddrüsenkrebs bei Kindern.

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In der vorliegenden Arbeit wurden drei Abschätzungen zu den zu erwartenden Krebserkrankungen durch die externe Strahlenbelastung vorgenommen. Sie stützen sich auf Veröffentlichungen in wissenschaftlichen Fachzeitschriften über die Bodenkontamination in den 47 Präfekturen Japans, auf die durchschnittliche Gesamt-Bodenkontamination sowie im dritten Fall auf Messungen der Ortsdosisleistungen im Herbst 2012. Unter Berücksichtigung der abschirmenden Wirkung von Gebäuden ergeben die Berechnungen der Ärzteorganisation IPPNW kollektive Lebenszeitdosen von 94.749 Personen-Sievert (PSv), 206.516 PSv bzw. 118.171 PSv.

Mit dem Risikofaktor des European Committee on Radiation Risk (ECRR) für die Krebssterblichkeit (0,1/Sv) bzw. für die Krebsinzidenz (0,2/Sv) errechnen sich daraus 18.950, 41.303 bzw. 28.418 erwartete Krebsfälle aufgrund der äußeren Strahlenbelastung in Japan.

Für die Abschätzung der zu erwartenden Krebserkrankungen aufgrund von kontaminierten Nahrungsmitteln wurden 133.832 vom japanischen Gesundheitsministerium veröffentlichte Messergebnisse herangezogen. Ein Großteil der Daten konnte nicht verwendet werden, weil nur unterschrittene Höchstwerte anstelle der tatsächlichen Messwerte veröffentlicht wurden.

Von gut 17.000 Messwerten, die japanischen Präfekturen zugeordnet werden konnten, ergab sich für die „Fukushima-Region“ (Präfekturen Fukushima, Miyagi, Tochigi und Ibaraki) eine mittlere Kontamination der Nahrungsmittel mit Gesamt-Cäsium von 180,8 Bq/kg. Für das sonstige Ost-Japan errechneten sich 108,1 Bq/kg und für West-Japan 71,8 Bq/kg Gesamt-Cäsium. Da aufgrund der Datenbasis unklar ist, ob diese zugrundeliegenden Werte repräsentativ sind, wurde konservativ angenommen, dass die Nahrungsmittel im ersten Folgejahr im Mittel lediglich mit der Hälfte dieser Cäsium-Mengen kontaminiert waren.

Die angenommene Verzehrmenge aus japanischer Produktion von jährlich 30.753.745 Tonnen wurde auf Basis der Bevölkerungsanteile prozentual den drei definierten japanischen Regionen zugeordnet. Ferner wurde eine ökologische Halbwertszeit von 5 Jahren angenommen.

Insgesamt ergaben die Berechnungen der Ärzteorganisation IPPNW eine kollektive Lebenszeitdosis von 93.166 Personen-Sievert. Entsprechend sind aufgrund von kontaminierten Nahrungsmitteln 18.633 Krebserkrankungen zu erwarten.

Der verwendete Risikofaktor von 0,1/Sv, den auch die Weltgesundheitsorganisation WHO neuerdings annimmt, stellt wahrscheinlich eine Unterschätzung des Risikos dar. Neuere Studien weisen auf ein etwa um den Faktor 2 höheres Risiko hin, so dass die ermittelten Erkrankungszahlen noch verdoppelt werden müssten. Geht man von einem Risiko von 0,2/Sv aus, dann ist aufgrund der erhöhten externen Strahlenbelastung mit 37.899 bis 82.606 Krebserkrankungen und aufgrund der kontaminierten Nahrung mit 37.266 Krebserkrankungen zu rechnen

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Für die Arbeiter, die laut Betreibergesellschaft Tepco im Jahr 2011 in der havarierten Atomanlage tätig waren, rechnet die IPPNW auf der Grundlage der Erfahrungen von Tschernobyl mit mehr als 17.000 schweren Erkrankungsfällen.

Teile der quantitativen Ergebnisse dieser Arbeit sind mit Unsicherheiten behaftet, weil manche Ausgangsdaten nur unpräzise veröffentlicht wurden und bei den Berechnungen teilweise weitere Annahmen getroffen werden mussten. Der IPPNW erschien es aber notwendig, mit dieser quantitativen Abschätzung die Dimension der Fukushima-Atomkatastrophe deutlich zu machen.

Weltweit stehen zahllose Atomkraftwerke an Erdbeben-gefährdeten Standorten. Sie sind meist sehr viel schlechter gegen Erdbeben geschützt als japanische Atomkraftwerke. Überall kann es daher auch schon bei weitaus schwächeren Erdbeben jederzeit zu einer weiteren Atomkatastrophe kommen. In Asien, in Amerika wie auch in Europa.

Die vollständige Studie finden Sie hier.

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