»Je höher das Bildungsniveau, desto geringer der monetäre Anreiz des Betreuungsgeldes« | Blätter für deutsche und internationale Politik

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»Je höher das Bildungsniveau, desto geringer der monetäre Anreiz des Betreuungsgeldes«

Bericht des Deutschen Jugendinstituts an der Technischen Universität Dortmund zum Einfluss des Betreuungsgeldes auf die Betreuungsentscheidung der Eltern, Juli 2014

8. Der Einfluss des Betreuungsgeldes auf die Betreuungsentscheidung von Eltern

Laut Statistischem Bundesamt wurde zwischen 1. August 2013 und 31. Dezember 2013 für knapp 65.000 Kinder Betreuungsgeld gewährt. Demgegenüber besuchten zu Beginn des ‚Kindergartenjahrs‘ 2013 rund 490.000 ein‐ und zweijährige Kinder eine Tageseinrichtung bzw. eine Tagespflege (Statistisches Bundesamt 2014).

Eingeführt wurde das Betreuungsgeld als neue Anerkennungs‐ und Unterstützungsleistung für Eltern mit Kleinkindern, um „Gestaltungsspielräume für die familiär organisierte Kinderbetreuung“ zu eröffnen und zugleich Wahlfreiheit bezüglich der Form der Betreuung zu schaffen (BMFSFJ 2013). Mit der Einführung des Betreuungsgeldes wurde jedoch auch die Befürchtung geäußert, dieses würde vor allem für Familien, deren Kinder von Angeboten frühkindlicher Bildung, Betreuung und Erziehung besonders profitieren könnten, also etwa Kinder aus Familien mit Migrationshintergrund bzw. Kinder aus bildungsfernen Milieus, Anreize setzen, keine Kindertagesbetreuung in Anspruch zu nehmen. Die Kritik am Betreuungsgeld bezog sich also darauf, dass es eher Bildungsungleichheit verschärfen könnte statt Chancengerechtigkeit zu fördern.

Vor diesem Hintergrund wird im Folgenden der Frage nachgegangen, ob sich Familien, die sich aufgrund des Betreuungsgeldes gegen ein Angebot frühkindlicher Bildung, Betreuung und Erziehung entschieden haben, substantiell von Familien unterscheiden, bei denen das Betreuungsgeld keine Rolle für die Betreuungsentscheidung gespielt hat. Dahinter steht die Frage, inwiefern sich hinter der, durch das Betreuungsgeld motivierten Betreuungsentscheidung von Eltern, Mechanismen sozialer Ungleichheit und damit Prozesse der Reproduktion sozialer Ungleichheit verbergen. Bei der Analyse wird das Augenmerk vorrangig auf die sozioökonomischen Bedingungen der Familie gelegt (vgl. auch Kapitel 6). Um sich dieser Frage zu nähern wurde in der „kommunalen Bedarfserhebung U3“ danach gefragt, inwiefern das Betreuungsgeld Grund dafür ist, sich für sein unter dreijähriges Kind keine Betreuung in einer Tageseinrichtung oder bei einer Tagespflegeperson zu wünschen. Konkret lautete diese Frage folgendermaßen:

Frage 13: Nach der Einführungsphase des Betreuungsgeldes (...) erhalten ab dem 1. August 2014 Ein‐ und Zweijährige ein Betreuungsgeld in Höhe von 150 Euro monatlich, wenn das Kind keine Kindertageseinrichtung bzw. Kindertagespflege besucht.

Die Möglichkeit, das Betreuungsgeld für Kinder zwischen einem und zwei Jahren zu erhalten, hat mich dazu veranlasst, in Frage 9 anzugeben, dass mein Kind nicht in einer Kindertageseinrichtung oder bei einer Tagesmutter betreut werden sollte. (Antwortvorgaben: 1=‚ja‘, 2=‚nein‘)

Die Möglichkeit, das Betreuungsgeld für Kinder zwischen zwei und drei Jahren zu erhalten, hat mich dazu veranlasst, in Frage 11 anzugeben, dass mein Kind nicht in einer Kindertageseinrichtung oder bei einer Tagesmutter betreut werden sollte. (Antwortvorgaben: 1=‚ja‘, 2=‚nein‘)

[...]

Wirft man zunächst einen Blick auf die bivariaten Befunde, dann zeigen sich nennenswerte Unterschiede auf der Ebene der familienbezogenen Merkmale beim Erwerbsstatus der Eltern (vgl. Tabelle 8.1). Im Unterschied zu den Einflussgrößen auf die Inanspruchnahme und den Betreuungswunsch spielt bei der Nutzung des Betreuungsgeldes der Erwerbsstatus des Lebenspartners der Mutter, der i.d.R. der Vater ist, eine etwas größere Rolle als der Erwerbsstatus und die Erwerbsorientierung der Mutter.

Vor allem sind es aber die sozioökonomischen Merkmale Migrations‐ und Bildungsstatus, die für die Betreuungsentscheidung der Eltern eine Rolle spielen: So gaben von den Familien mit Migrationshintergrund, die sich keine außerhäusliche Betreuung wünschen, 25% an, das Betreuungsgeld sei der Grund dafür gewesen. Bei den Familien ohne Migrationshintergrund liegt dieser Anteil bei lediglich 13%. Bezogen auf den Bildungsstatus zeigt sich, dass je höher das Bildungsniveau in der Familie ist, desto geringer erscheint der monetäre Anreiz des Betreuungsgeldes: Von den Familien, in denen kein Elternteil einen Bildungsabschluss besitzt, stimmen 31% der Aussage zu, das Betreuungsgeld sei Grund für die Betreuungsentscheidung gewesen; bei einem Hauptschulabschluss sind es 23%. Bei den Familien mit einer mittleren Reife als höchsten Bildungsabschluss liegt dieser Anteil bei 14% und bei den Familien mit Hochschulreife bzw. mit Hochschulabschluss reduziert sich dieser Anteil weiter auf 10% bzw. 8%.

Beim Erwerbsstatus des Lebenspartners der Mutter zeigt sich, dass für Familien, in denen der Lebenspartner nicht erwerbstätig ist bzw. einer Teilzeitbeschäftigung nachgeht, das Betreuungsgeld einen größeren Anreiz für die familiäre Betreuung darstellt als für Familien, bei denen der Lebenspartner einer Vollzeitbeschäftigung nachgeht. Bei einem nicht‐erwerbstätigen bzw. teilzeitbeschäftigten Lebenspartner geben 19% an, das Betreuungsgeld wäre maßgeblich für ihre Betreuungsentscheidung gewesen, bei einem vollzeiterwerbstätigen Partner liegt dieser Anteil bei lediglich 13%. Lebt der Lebenspartner der Mutter nicht im gemeinsamen Haushalt bzw. hat die Mutter keinen Lebenspartner, dann liegt der Anteil bei 16%.

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In Ost‐ und Westdeutschland findet sich hingegen keine nennenswerten Unterschiede zwischen Betreuungsentscheidung und Betreuungsgeld (vgl. Tabelle 8.2). Ähnlich verhält es sich beim Kreistyp der Kommune, in der die befragten Personen leben, also beim Urbanisierungsgrad. Hier zeigt sich zwar ein statistisch signifikanter Zusammenhang, wonach in Landkreisen und in kreisfreien Städten die Betreuungsentscheidung etwas häufiger zugunsten des Betreuungsgeldes ausfällt als in kreisangehörigen Städten, der Unterschied fällt jedoch mit einer Differenz von zwei bis drei Prozentpunkten gering aus.

Werden die Betreuungsentscheidungen danach differenziert, ob sich diese auf ein einjähriges oder ein zweijähriges Kind beziehen, dann wiederholen sich die oben erläuterten Muster sozial bedingter Betreuungsentscheidungen. Allerdings scheint sich der Einfluss der sozioökonomischen Merkmale (Migrationsstatus und Bildungsstatus) und der Einfluss des Erwerbsstatus des Lebenspartners der Mutter bezogen auf zweijährige Kinder noch einmal zu verstärken: Während bei den Einjährigen der Anteil der Personen mit Migrationshintergrund, die sich aufgrund des Betreuungsgeldes für eine familiäre Betreuung entschieden haben bei 23% liegt, liegt der Anteil bei den zweijährigen Kindern bei gut 26% und damit noch einmal drei Prozentpunkte höher (vgl. Tabelle 8.3).

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Ähnlich verhält es sich beim Bildungsstatus: Bei den Befragten, die über keinen Schulabschluss verfügen, liegt der Anteil für die das Betreuungsgeld ein Grund für die familiäre Betreuung ist, bei den Einjährigen bei 28% und bei den Befragten mit Hauptschulabschluss bei 21%. Bezogen auf die Zweijährigen liegen die Anteile mit 30% bzw. 23% sogar noch etwas höher. Schaut man nun auf den Erwerbsstatus des Lebenspartners der Mutter, dann erhöht sich hier der Anteil derer, die sich aufgrund des Betreuungsgeldes keine außerhäusliche Betreuung wünschen von 34% bei den Einjährigen auf 42% bei den Zweijährigen und damit um fast zehn Prozentpunkte. Dieser Befund kann dahingehend interpretiert werden, dass zum einen bei den Einjährigen die familiäre Betreuung noch ’selbstverständlicher‘ ist als bei den Zweijährigen, also eine familiäre Betreuung geringerer Anreize bedarf, während zum anderen bei den Zweijährigen der monetäre Anreiz des Betreuungsgeldes stärker zu Buche schlägt als dies bei den Einjährigen der Fall ist.

Die multivariate Analyse bestätigt die Befunde der bivariaten Analyse in den wesentlichen Punkten. Im Detail zeigen sich jedoch auch Unterschiede. Zunächst bleibt der bivariate Befund bestehen, wonach das Erwerbsverhalten der Mutter und des Vaters eine Rolle für die Betreuungsentscheidung spielt. Ist die Mutter erwerbstätig, so sinkt die Wahrscheinlichkeit, sich gegen ein Angebot frühkindlicher Bildung, Betreuung und Erziehung aufgrund des Betreuungsgeldes zu entscheiden; dies trifft im Vergleich zu den nicht‐erwerbstätigen Müttern stärker auf vollzeiterwerbstätige als auf teilzeiterwerbstätige Mütter zu (vgl. Tabelle 8.4). Ähnliches gilt für die Erwerbsorientierung der Mutter: Ist ein baldiger (Wieder‐)Einstieg in die Erwerbstätigkeit geplant, dann ist das Betreuungsgeld eher nicht der Grund dafür, das Kind in der Familie zu betreuen, d.h. keinen Wunsch nach einem KiTa‐Platz zu äußern.

Wirft man einen Blick auf die regionenbezogenen Merkmale, dann zeigt sich entgegen der bivariaten Analyse, dass für Familien, die in Ostdeutschland leben – unabhängig von deren Erwerbsstatus und ihrem Bildungshintergrund – das Betreuungsgeld einen größeren Anreiz darstellt, das Kind zu Hause zu betreuen als für Mütter in Westdeutschland. Keinen Einfluss hat hingegen die Versorgungsquote in den Kommunen, d.h. der Verzicht auf Betreuung zugunsten des Betreuungsgeldes hängt nicht zusammen mit dem Angebot vor Ort und den damit möglichen positiven oder negativen Erwartungen von Eltern bezüglich der Chancen, einen Betreuungsplatz zu bekommen. Allerdings tendieren Eltern in ländlichen Regionen eher dazu, das Kind zu Hause zu betreuen und keine Kindertagesbetreuung in Anspruch zu nehmen. Der Unterschied zwischen kreisangehörigen und kreisfreien Städten, wonach in kreisangehörigen Gemeinden die Wahrscheinlichkeit auf Kindertagesbetreuung zugunsten des Betreuungsgeldes zu verzichten höher ist als in kreisfreien Städten, ist hingegen nur noch auf dem 5%‐Niveau signifikant.

Alles in allem zeigen die vorliegenden Analysen, dass die Befürchtungen, wonach das Betreuungsgeld zu einer sozial ungleichen Inanspruchnahme von frühkindlicher Bildung, Betreuung und Erziehung beiträgt, gerechtfertigt scheinen. Geht man von der gut belegten Annahme aus, dass der Bildungsstatus und der Erwerbsstatus der Eltern auch Indikatoren für die ökonomische Situation der Familie darstellen, dann ist das Betreuungsgeld vor allem für Familien attraktiv, die in einer ökonomisch deprivierten Situation leben oder möglicherweise von Arbeitslosigkeit betroffen oder bedroht sind. Hinzu kommt der Befund, wonach Familien mit Migrationshintergrund eher Betreuungsgeld in Anspruch nehmen und dafür auf ein Angebot frühkindlicher Bildung, Betreuung und Erziehung verzichten. Dies ist insofern kritisch zu betrachten, als dass vor allem für Kinder aus Familien, deren Umgangssprache eine andere als die deutsche Sprache ist, die Kindertagesbetreuung ein wichtiger Ort zum Erlernen der Zweitsprache Deutsch darstellt und damit der Vorbereitung auf die Schule und als Einstieg in eine gelingende Bildungsbiographie dient (vgl. hierzu Kapitel 6).

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Das vollständige Kapitel zum Betreuungsgeld, mitsamt Statistiken, finden Sie hier.

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