»Neun Monate kürzere Lebenserwartung durch Kohlekraftwerke« | Blätter für deutsche und internationale Politik

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»Neun Monate kürzere Lebenserwartung durch Kohlekraftwerke«

Studie im Auftrag der Nichtregierungsorganisation Greenpeace zu den gesundheitlichen Auswirkungen von Kohlekraftwerken in Deutschland, 3.4.2013

Kohlekraftwerke gehören sowohl in Deutschland als auch in Europa zu den schlimmsten Quellen von giftigen Luftschadstoffen. Schwefeldioxid (SO2), Stickoxide (NOx), Ruß und Staubemissionen aus Kohle sind die größten industriellen Ursachen von Feinstäuben, die tief in die Lungen eindrin-gen und vom Blutkreislauf aufgenommen werden. Solche Schadstoffemissionen gefährden die Ge-sundheit von Säuglingen, Kindern und Erwachsenen, verursachen Herzinfarkte und Lungenkrebs und führen vermehrt zu Asthmaanfällen und anderen Atemwegskomplikationen. [1] Die Schornsteine der Kohlekraftwerke stoßen zudem Zehntausende Kilogramm toxischer Metalle wie Quecksilber, Blei, Arsen und Cadmium aus.[2] Dadurch erhöhen sie das Krebsrisiko und führen zu Entwicklungs­störungen bei Kindern. Trotz dieser Gesundheitsrisiken hat es die deutsche Bundesregierung bisher versäumt, die umweltschädliche Energiegewinnung aus Kohle zu beenden. Stattdessen ist die Verfeuerung von Kohle in Deutschland von 2009 bis 2012 Jahr um Jahr gestiegen. Dazu trug auch bei, dass 2012 an den Braunkohlekraftwerken Neurath und Boxberg drei neue Blöcke in Betrieb genom­men wurden, ohne dass im selben Maße Altanlagen abgeschaltet wurden. Zu allem Überfluss sind in Deutschland außerdem 17 neue, umweltverschmutzende Kohlekraftwerke in Bau oder Planung[3], mit verheerenden Folgen für Klima und Gesundheit.

Um die gesundheitlichen Auswirkungen von Kohlekraftwerken zu untersuchen, hat Greenpeace bei der Universität Stuttgart eine Studie in Auftrag gegeben. Diese Studie untersucht die gesundheit­lichen Auswirkungen der 67 größten Braun- und Steinkohlekraftwerke, die zurzeit in Deutschland Strom produzieren. Außerdem wurden die voraussichtlichen Auswirkungen von 15 Neubauprojek-ten untersucht, falls diese ans Netz gehen. Die Studie berechnet durch eine Modellierung der Schadstoffverbreitung in der Atmosphäre, dass die Emissionen deutscher Kohlekraftwerke jedes Jahr zum vorzeitigen Tod von ungefähr 3.100 Menschen führen. Dies ist gleichbedeutend mit ei­nem Verlust von insgesamt 33.000 Lebensjahren. Außerdem hat die Studie berechnet, dass im Jahre 2010 ungefähr 700.000 Arbeitstage aufgrund von Krankheiten verloren gingen, die auf Schadstoffe aus Kohlekraftwerken zurückzuführen sind.[4] Die Zahlen umfassen die Emissionen aus Kohlekraftwerken, die 2010 in Betrieb waren. Die Schadstoffe aus den Kohlekraftwerken machen nicht vor Landesgrenzen halt und wirken sich daher auf jeden Menschen in Europa aus – also auch in Ländern, in denen Kohle kaum oder gar nicht zur Stromerzeugung genutzt wird.

Zwischen 2010 und 2012 nahm die Stromerzeugung aus Stein- und Braunkohle in Deutschland um fünf Prozent zu.[5] Die gestiegene Kohleverbrennung dürfte seitdem zu einer Zunahme von unge­fähr 155 jährlichen Todesfällen und damit rund 1650 verlorenen Lebensjahren geführt haben.[6] Die 15 Kohle-Neubauprojekte würden – inklusive der 2012 ans Netz gegangenen Blöcke in Neurath und Boxberg – zum Verlust von weiteren 1.100 Menschenleben sowie ungefähr 12.000 verlorenen Lebensjahren führen. Dazu käme es, wenn alle diese in Bau oder Planung befindlichen Kraftwerke tatsächlich in Betrieb genommen werden.[7]

Die Verkürzung der Lebenserwartung durch Kohlekraftwerke ist ganz und gar vermeidbar, da wir mit Erneuerbaren Energien und den aktuellsten Lösungen zur Energieeffizienz in der Lage wären, die Lichter ohne ein einziges neues Kohlekraftwerk weiter brennen zu lassen. Wir könnten sogar anfangen, alle bestehenden Kohlekraftwerke in Deutschland nach und nach vom Netz zu nehmen. Der Ausstieg aus der Kohleverbrennung ist dringend notwendig, auch um die katastrophalen Aus­wirkungen des Klimawandels einzuschränken.

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1 Rückerl R et al 2011: Health effects of particulate air pollution: A review of epidemiological evidence. Inhalation Toxicology 23(10): 555-592.
Pope III CA & Dockery DW 2006: Health Effects of Fine Particulate Air Pollution: Lines that Connect. J. Air & Waste Manage. Assoc. 56:709-742.
2 EEA 2012: Europäisches Schadstofffreisetzungs- und -verbringungsregister. http://prtr.ec.europa.eu/ FacilityLevels.aspx. Für die Studie
wurden Kohlekraftwerke in der Datenbank wie im Anhang beschrieben ermittelt.
3 Greenpeace beobachtet kontinuierlich die laufenden Kraftwerksprojekte: http://www.greenpeace.de/fileadmin/gpd/user_upload/themen/klima/20130118...
4 IER 2013: Assessment of Health Impacts of Coal Fired Power Stations in Germany by Applying EcoSenseWeb. http://gpurl.de/StudieUniStuttgart
5 AGEB 2013: Tabelle zur Stromerzeugung nach Energieträgern 1990–2012. http://www.ag-energiebilanzen.de/viewpage.php?idpage=1
6 Dieser Berechnung liegt die Annahme zugrunde, dass die zusätzliche Kohleverstromung seit 2010 zu gesundheitlichen Auswirkungen entsprechend dem bundesdeutschen Durchschnitt geführt hat.
7 Die Ergebnisse für die in diesem Gutachten erfassten neuen Projekte wurden im Hinblick auf die Abkehr vom Staudinger Projekt korrigiert.

Die gesamte Studie finden Sie hier.

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