»Nichts Goldenes an dieser Morgenröte« | Blätter für deutsche und internationale Politik

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»Nichts Goldenes an dieser Morgenröte«

Manifest von Deutschgriechen gegen die griechische Neonazi-Partei Chrysi Avgi, 6.11.2012

Manche bezeichnen uns als Diaspora-Griechen, andere als Dritte Generation der Gastarbeiter, für manche sind wir Fremde. Einige sind hier auf die Welt gekommen, andere haben ihre Koffer gerade erst ausgepackt und andere wiederum träumen davon zurückzukehren. Wir fahren regelmäßig nach Griechenland, wir haben dort Familie, Freunde, Beziehungen und Jobs. Unsere Biografien, die Musik, das Theater, die Literatur, die Erinnerungen und die gemeinsame Gefühlswelt verbinden uns.

Wir sind erschüttert von den täglich an Brutalität zunehmenden und rassistischen Übergriffen der neonazistischen Chrysi Avgi, der sogenannten Goldenen Morgenröte. In unserem Alltag waren wir es gewohnt über Rassismus und Gewalttaten zu reden, die wir als Migranten in Deutschland erleben, und uns dazu zu Verhalten. Wir werden nie die Bilder von den Angriffen der Neonazis auf Migranten und Flüchtlinge 1992 in Rostock vergessen, bei denen Schaulustige Beifall klatschten und die Polizei tatenlos zuschaute, während all das live im Fernsehen übertragen wurde. Wenn die Gesellschaft die Augen vor solchen Phänomenen verschließt, wundert es dann, dass Neonazi-Organisationen, wie die NSU, sich ermutigt fühlen, Migranten umzubringen? Und wie kürzlich herauskam mit der Verwicklung des Verfassungsschutzes?

Es trifft uns und macht uns gleichzeitig wütend, dass ähnliche Ereignisse in Griechenland alltäglich geworden sind. Inzwischen können dort die Neonazis der Chrysi Avgi, sogar unter den Augen der Polizei, ungehindert zuschlagen. Wir können es nicht fassen, dass in einem Land, in dem der Faschismus Hunderttausende Opfer und tiefe Wunden hinterlassen hat, kriminelle Neonazis zu Abgeordneten gewählt wurden, ihrer Partei im Fernsehen eine Bühne geboten wird, ihnen mit Feigheit begegnet wird und sie offensichtlich mehr als unterschätzt werden. Noch erschreckender erscheint uns die Tatsache, dass Neonazis unter dem Vorwand “rein patriotischer” Absichten die griechische Gesellschaft täuschen und nun die Legitimation haben, diese mit Gewalt zu terrorisieren.

Wie sehr haben die Wirtschaftskrise, die Auflösung gesellschaftlicher Strukturen, die Geringschätzung der Institutionen, die Migrationspolitik in Griechenland und Europa zum Aufstieg der Chrysi Avgi beigetragen? Sicher ist, dass in dieser Krise, die für Griechenland so schmerzvoll ist, sowohl die Politik Deutschlands, als auch die Umsetzung von ausweglosen Sparmaßnahmen eine wichtige Rolle gespielt haben. Die Angst, die Depression und die wirtschaftlichen Probleme vieler Menschen sind inzwischen existentiell geworden und bedrohen tagtäglich die Menschenwürde. Die Krise der Wirtschaft verschärft die Krise der Demokratie.

Glücklicherweise gibt es Menschen, die den Mut haben, sich zu wehren und gewalttätige Angriffe gegen ihre Mitbürger abzuwenden. Es ist wichtig, dass solche Taten Nachahmer finden. Keine Gesellschaft kann frei sein, wenn sie zulässt, dass Menschen in Gefahr sind, weil sie sich aufgrund ihrer Herkunft, ihrer Gedanken, ihres Geschlechts, unterscheiden. Heute die “Anderen”, morgen wir, du, ich. Faschismus ist keine Meinung, sondern ein Verbrechen.

Nichts ist golden an dieser Morgenröte.

Deshalb sagen wir NEIN zur Chrysi Avgi, und zu jeder Chrysi Avgi.

Sommerabo

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