»Obdachlose sind häufiger psychisch und körperlich beeinträchtigt« | Blätter für deutsche und internationale Politik

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»Obdachlose sind häufiger psychisch und körperlich beeinträchtigt«

Studie der Klinik für Psychiatrie der TU München zu geistigen und körperlichen Erkrankungen bei Obdachlosen, Juli 2014

Die SEEWOLF-Studie – Eine Zusammenfassung

Nach Verabschiedung der Psychiatrie-Enquete 1975 wurde in Deutschland die Zahl der stationären Psychiatriebetten erheblich reduziert. Die damit einhergehende Umverlegung der chronisch Kranken „auf den Bürgersteig“ löste enorme sozialpsychiatrische Aktivitäten in den Gemeinden aus. In den Anfangsjahren dieser Enthospitalisierungsmaßnahmen blieb zunächst unbemerkt, dass ein Teil der chronisch psychisch Kranken in der Gemeinde nicht Fuß fassen konnten, so dass sie sukzessive in die Wohnungslosigkeit gerieten. So sehr vielen psychisch Kranken diese non-restriktive Lebensform kurz-fristig entgegenkommt, so sehr sind sie langfristig von Verwahrlosung und erhöhter Mortalität bedroht.

Dementsprechend stellten frühere Studien fest, dass neben Suchterkrankungen auch affektive Störungen, Angststörungen und sogar Erkrankungen aus dem schizophrenen Formenkreis bei wohnungslosen Menschen gehäuft vorkommen. Wie diese Ergebnisse zeigen, musste die Wohnungslosenhilfe der letzten Jahre den vielfältigen Bedürfnissen einer sich wandelnden Klientel gerecht werden. Der erforderliche Betreuungsaufwand geht inzwischen über die soziale Grundversorgung weit hinaus. Wohnungslose mit chronischen psychischen Erkrankungen stellen dabei besondere Anforderungen an die Betreuung.

Die hier vorgestellte SEEWOLF-Studie ist die bisher größte Wohnungslosen-Studie Deutschlands und untersuchte den psychischen und körperlichen Gesundheitszustand wohnungsloser Menschen im Großraum München erneut. Neben der Häufigkeit, der Art und dem Ausmaß psychischer und körperlicher Erkrankungen wurde erstmals in Deutschland auch die kognitive Leistungsfähigkeit wohnungsloser Menschen ausführlicher untersucht, die einen möglicherweise limitierenden, eventuell aber auch bedeutsamen förderlichen Faktor bei der Bewältigung und Überwindung von Wohnungslosigkeit darstellt. Darüber hinaus wurden umfangreiche Daten zur Krankheits- und Behandlungsvorgeschichte sowie zur Lebensgeschichte allgemein (z. B. hinsichtlich Herkunftsfamilie und aktueller Familiensituation, schulischen und beruflichen Bildungswegen, früherer und aktueller Arbeits-tätigkeit) sowie zur Zufriedenheit mit der aktuellen Wohnsituation in den Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe erfasst. Übergeordnetes Ziel der Studie ist es, auf Grundlage dieser Erhebungen zu analysieren, inwieweit die aktuellen Versorgungsstrukturen den Bedürfnissen wohnungsloser Menschen gerecht werden, bzw. welche Maßnahmen zur Verbesserung der Betreuung wünschenswert wären.

Hauptergebnis der SEEWOLF-Studie ist, dass psychische und teilweise auch körperliche Beeinträchtigungen bei wohnungslosen Menschen weitaus häufiger anzutreffen sind als in der Allgemeinbevölkerung. Dies schließt auch schwere psychiatrische Erkrankungen wie etwa Schizophrenien, neuropsychologische Beeinträchtigungen und Intelligenzminderungen ein. Das Hilfs- und Versorgungsangebot für diese benachteiligten Menschen stetig zu verbessern, bleibt daher eine dringende Aufgabe im Interesse der Betroffenen wie der Allgemeinheit.

Die vollständige Studie finden Sie hier (pdf).  

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