»Wir brauchen planbare Berufsperspektiven in der Wissenschaft« | Blätter für deutsche und internationale Politik

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»Wir brauchen planbare Berufsperspektiven in der Wissenschaft«

Offener Brief deutscher Politikwissenschaftlerinnen und -wissenschaftler zu prekären Arbeitsbedingungen an deutschen Hochschulen, Dezember 2014

Wissenschaft als Beruf – für bessere Beschäftigungsbedingungen und planbare Perspektiven

Sehr geehrte Frau Ministerin Wanka,

sehr geehrte Wissenschaftsminister/innen der Länder,

sehr geehrte Mitglieder der Kultusministerkonferenz,

sehr geehrte Mitglieder der Hochschulrektorenkonferenz,

sehr geehrte Mitglieder des Wissenschaftsrats,

sehr geehrte Mitglieder des Deutschen Bundesrats und Bundestags,

sehr geehrte Damen und Herren,

die Forderungen nach einer Verbesserung der beruflichen Lage von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern in Deutschland werden wieder lauter. Die Situation für Promovierende, PostDocs und Lehrkräfte für besondere Aufgaben als befristet angestellte wissenschaftliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an deutschen Hochschulen und außeruniversitären Forschungseinrichtungen ist in jüngster Zeit wieder verstärkt in den politischen und medialen Fokus gerückt. Wir halten nicht nur diese intensivierte Debatte, sondern (hochschul-) politische Maßnahmen zur Verbesserung der Beschäftigungssituation im deutschen Wissenschaftssystem für dringend notwendig.

Mit großem Interesse haben wir den Offenen Brief „Für gute Arbeit in der Wissenschaft“ vom 19.8.2014 an die Deutsche Gesellschaft für Soziologie (DGS) zur Kenntnis genommen, den wir hiermit nachdrücklich unterstützen. Wir verstehen ihn als Impuls auch für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in der Politikwissenschaft und anderen Disziplinen gemeinsam und auf verschiedenen politischen Ebenen für eine Verbesserung der Situation von wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern einzutreten. Wir begrüßen in diesem Zusammenhang auch die Forderung der Hochschulrektorenkonferenz nach einer Ausweitung der Grundfinanzierung sowie die jüngsten Empfehlungen des Wissenschaftsrats, die Stellenstruktur deutscher Hochschulen grundlegend zu reformieren.

Viele Probleme, u.a. lediglich halbe Stellen für Promovierende bei hoher Arbeitsbelastung, mitunter sogar halbe Stellen für PostDocs, die Beschäftigung von Promovierenden auf Wissenschaftliche-Hilfskraft-Stellen, befristete Stellen mit hoher Lehrbelastung, ein Mangel an Dauerstellen, kurze Vertragslaufzeiten und Kettenverträge, fehlende Vereinbarkeit von Beruf und Familie, die Vergabe von un(ter)bezahlten Lehraufträgen etc., sind seit Jahrzehnten bekannt und werden immer wieder in Berichten kritisiert. Es hat sich jedoch an der Situation des wissenschaftlichen Nachwuchses in Deutschland (zu) wenig substantiell zum Besseren verändert; für viele Betroffene hat sich die Situation durch den Abbau unbefristeter Stellen im Mittelbau sogar verschlechtert. So kann und darf es nicht weitergehen. Wir sind der Auffassung, dass über zahlreiche, ohne Zweifel wichtige und richtige Problemdiagnosen und Appelle (wie auch den unseren) hinaus wirksame politische Maßnahmen überfällig sind.

Vorstand und Beirat der Deutschen Vereinigung für Politische Wissenschaft (DVPW) haben bereits 2008 bzw. 2010 eine Stellungnahme zur Bereitstellung von Nachwuchsstellen in der deutschen Politikwissenschaft verabschiedet (siehe: Anhang). Den darin festgehaltenen allgemeinen Forderungen schließen wir uns an. Wir möchten ihnen im Lichte der aktuellen hochschulpolitischen Debatte und des Offenen Briefes an die DGS mehr Nachdruck verleihen und zugleich bei allen Akteuren, die dazu in der Lage sind, anhaltende und konkrete Bemühungen zur effektiven Umsetzung der Stellungnahme anmahnen.

Voraussetzung für planbare und transparente Karrierewege in der Wissenschaft ist, dass politische Entscheidungsträger und -trägerinnen auf Länder- und Bundesebene sowie die Leitung von Universitäten und Forschungseinrichtungen sich nachhaltig und handlungsorientiert mit der problematischen Stellensituation des sogenannten wissenschaftlichen Nachwuchses auseinandersetzen. Die finanziellen Voraussetzungen für gute Arbeitsbedingungen müssen durch eine angemessenere (Grund-) Ausstattung der Universitäten und Institute sowie durch die tatsächliche Ausfinanzierung von Planstellen verbessert werden. Ebenso dringend nötig ist eine Reform der bestehenden Stellenstruktur, um u.a. durch die Schaffung und Vergabe von mehr unbefristeten Stellen dauerhafte und planbare Berufsperspektiven in der Wissenschaft zu gewährleisten. Nur so werden die deutschen Hochschulen ihrem Auftrag der Sicherstellung qualitativ herausragender Lehre und Forschung gerecht werden können.

Wir fordern dazu auf, die Einhaltung geltender Standards konsequent sicherzustellen, darüber hinaus bestehende und kurzfristig herstellbare Möglichkeiten bei der mitarbeiterfreundlichen Ausgestaltung von Beschäftigungsverhältnissen auszuschöpfen und langfristig auf (landes- und bundes-) politischer, universitärer und Institutsebene für eine grundlegende Verbesserung von Beschäftigungsverhältnissen durch die Schaffung attraktiver, verlässlicher und familienfreundlicher Karriereperspektiven Sorge zu tragen. Dafür ist neben der Schaffung zusätzlicher Professuren und der Einführung von Entfristungsregelungen auch die verstärkte Förderung von Karrierewegen jenseits der Professur in der Forschung, in der Lehre und im Wissenschaftsmanagement notwendig.

Hier sind neben der Politik auch die Hochschulen gefragt: Wir fordern Hochschulen und Forschungseinrichtungen dazu auf, sich auf der Basis des (aus dem Templiner Manifest hervorgegangenen) Herrschinger Kodex der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) auf stabile Beschäftigungsbedingungen und planbare Karrierewege für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zu verpflichten. In der Pflicht sehen wir auch Professorinnen und Professoren, die verantwortlich für die angemessene Ausschreibung und tatsächliche Ausgestaltung von Plan- und Drittmittelstellen sind.

Wir fordern politische Entscheidungsträger auf Länder- und Bundesebene, die Fachvereinigungen und die Leitung von Universitäten und Forschungseinrichtungen auf, gemeinsam mit den Betroffenen – u.a. Promovierenden, PostDocs, befristet angestellten wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, Lehrkräften für besondere Aufgaben und Lehrbeauftragten – Lösungen zu finden. Eine dauerhafte und angemessene Repräsentanz von Vertreterinnen und Vertretern des wissenschaftlichen Nachwuchses in den Entscheidungsgremien von Universitäten, außeruniversitären Forschungseinrichtungen, Fachvereinigungen und der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) ist dafür unerlässlich, um sicherzustellen, dass nicht nur „über uns“, sondern vor allem „mit uns“ geredet und nach Wegen zur Verbesserung der Beschäftigungsbedingungen gesucht wird. Im Dialog mit dem wissenschaftlichen Nachwuchs müssen jetzt nachhaltige Veränderungen der Stellenstruktur sowie Regelungen für planbare Karriereperspektiven an deutschen Hochschulen und Forschungseinrichtungen entwickelt und dann auch umgesetzt werden. Es ist Zeit!

Dr. Andreas Kruck, Ludwig-Maximilians-Universität München (Sprecher der Nachwuchsgruppe der Sektion Internationale Politik der DVPW)

Dr. Gabi Schlag, Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg (Sprecherin der Nachwuchsgruppe der Sektion Internationale Politik der DVPW)

Dr. Franziska Müller, Universität Kassel (Sprecherin der Nachwuchsgruppe der Sektion Entwicklungstheorie und Entwicklungspolitik der DVPW)

Elena Sondermann, Universität Duisburg-Essen (Sprecherin der Nachwuchsgruppe der Sektion Entwicklungstheorie und Entwicklungspolitik der DVPW)

Dr. Tobias Bach, Hertie School of Governance, Berlin (FoJuS-Sprecher, Sektion Policy- Analyse und Verwaltungswissenschaft der DVPW)

Martina McCowan, Ludwig-Maximilians-Universität München (FoJuS-Sprecherin, Sektion Policy-Analyse und Verwaltungswissenschaft der DVPW)

Stefan Thierse, Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn (FoJuS-Sprecher, Sektion Policy-Analyse und Verwaltungswissenschaft der DVPW)

Toralf Stark, Universität Duisburg-Essen (Sprecherrat der wissenschaftlichen Nachwuchswissenschaftler der Sektion Vergleichende Politikwissenschaft der DVPW)

Dr. Joscha Wullweber, Universität Kassel (Vorstand der Sektion Internationale Politische Ökonomie der DVPW)

Antonia Graf, Westfälische Wilhelms-Universität Münster (Vorstand der Sektion Internationale Politische Ökonomie der DVPW)

Eva Marlene Hausteiner, Humboldt-Universität zu Berlin (Sprecherin der Nachwuchsgruppe der Sektion Politische Theorie und Ideengeschichte der DVPW)

Dr. Evelyn Bytzek, Universität Koblenz-Landau (Sprecherin der Nachwuchsgruppe des Arbeitskreises Wahlen und politische Einstellungen der DVPW)Prof. Dr. Carina Sprungk, Freie Universität Berlin (Mitglied im Vorstand der DVPW, AG Nachwuchs)

Prof. Dr. Susanne Pickel, Universität Duisburg-Essen (Mitglied im Vorstand der DVPW, AG Nachwuchs)

Dr. Thorsten Thiel, Hessische Stiftung Friedens- und Konfliktforschung (Mitglied im Beirat der DVPW, AG Nachwuchs)

Prof. Dr. Gabriele Abels, Eberhard Karls-Universität Tübingen (Vorsitzende der DVPW)

Bitte unterzeichnen Sie diesen offenen Brief hier:

https://www.openpetition.de/petition/online/wissenschaft-als-beruf-fuer-...

im Dezember 2014

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