»Der Pflegebedarf wird sich bis 2030 massiv erhöhen« | Blätter für deutsche und internationale Politik

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»Der Pflegebedarf wird sich bis 2030 massiv erhöhen«

Studie der Bertelsmann Stiftung zum Pflegenotstand, 19.11.2012

Zusammenfassung

Die Zahl der Pflegebedürftigen wird bundesweit steigen. Zwar besteht die Hoffnung, dass die altersspezifischen Pflegehäufigkeiten in dem Maße sinken, indem die Bevölkerung – altersspezifisch – gesünder wird, und dieser Prozess durch entsprechende Präventionsanstrengungen verstärkt werden kann. Allerdings sind derartige Prozesse in den letzten zehn Jahren nicht zu beobachten (Rothgang et al. 2011). Wird daher von einer Konstanz der alters- und geschlechtsspezifischen Pflegehäufigkeiten auch in den nächsten 20 Jahren ausgegangen, so wird sich die Zahl der Pflegebedürftigen bis 2030 um etwa die Hälfte erhöhen.

Dabei stellt sich die Situation für die einzelnen Bundesländer und erst recht auf Ebene der Kommunen sehr unterschiedlich dar. So weisen die Modellrechnungen für Bremen für den Zeitraum von 2009 bis 2030 ein Wachstum der Zahl der Pflegebedürftigen von 28,2 % aus, während diese Wachstumsrate für Mecklenburg-Vorpommern mit 55,9 % annähernd doppelt und für Brandenburg mit 72,2 % sogar mehr als 2,5-mal so hoch ist. Im Vergleich zum bundesweiten Anstieg der Fallzahlen von 47,4 %; überdurchschnittliche Steigerungsraten zeigen sich auch für Berlin (55,8 %), Schleswig-Holstein, Bayern (je 53,8 %) und Baden-Württemberg (53,6 %). Auf der kommunalen Ebene sind die Unterschiede noch ausgeprägter: Hier reichen die Steigerungsraten von knapp 14 % (Goslar) bis zu mehr als 100 % (München, Oberhavel), wobei die Dynamik praktisch ausschließlich von der Altersstruktur in der jeweiligen Kommune abhängt.

Angesichts dieser Entwicklung stellt sich die Frage, wie Pflege und Betreuung organisiert werden sollen, wenn der Bedarf immer größer wird. Diese Frage ist umso dringlicher, als auf der einen Seite sinkende familiale Pflegepotenziale zu erwarten sind, auf der anderen Seite aber aufgrund der demographischen Alterung die Zahl der Personen im erwerbsfähigen Alter sinkt, sodass – ceteris paribus – nicht von einem steigenden Arbeitskräfteangebot in der Pflege ausgegangen werden kann. Das Aufeinandertreffen steigender Bedarfe nach formaler Pflege und eines rückläufigen Arbeitskräfteangebots konstituiert eine „Versorgungslücke“, die zu schließen eine der vornehmsten Aufgaben der Gesundheits- und Pflegepolitik der nächsten Jahre sein muss.

Um das Ausmaß dieser Versorgungslücke abzuschätzen und insbesondere den kommunalen Entscheidungsträgern die für ihre Entscheidungen notwendige Datengrundlage zu verschaffen, werden in diesem Themenreport die Ergebnisse kleinräumiger Vorausberechnungen zur Zahl der Pflegebedürftigen, ihrer Versorgung in verschiedenen Versorgungsarten und der dabei drohenden Versorgungslücke in der formellen Pflege bis zum Jahr 2030 vorgestellt. Dabei werden drei Szenarien unterschieden:

– Szenario 1 schreibt die derzeit beobachtbaren alters- und geschlechtsspezifischen Verteilungen der Versorgungsformen fort. Die Ergebnisse dieses reinen Status-Quo-Szenarios dienen als Referenzpunkt für die anderen Szenarien.

– Szenario 2 greift explizit den seit Einführung der Pflegeversicherung beobachtbaren Trend zur formellen Pflege auf und schreibt diesen Trend mittels Trendextrapolation fort.

– Szenario 3 wird durch den Wunsch inspiriert, dem im SGB XI normierten Vorrang der häuslichen Pflege zum Durchbruch zu verhelfen. In Abgrenzung zu Szenario 1 und 2 wird daher postuliert, dass sich die Zahl der Pflegebedürftigen in vollstationärer Pflege nicht weiter erhöht.

Wie die Modellrechnungen zeigen, ergibt sich für 2030 in Szenario 1 bundesweit ein Anstieg des Anteils der vollstationär versorgten Pflegebedürftigen von 30,6 % auf 33,1 % und ebenfalls ein leichter Anstieg des Anteilswertes für ambulante Versorgung (von 23,7 % auf 24,8 %), während der Anteilswert für Angehörigenpflege rückläufig ist (45,6 % auf 42 %). Dieser Rückgang ist in Szenario 2 noch deutlich ausgeprägter, da hier nicht nur eine demographisch bedingte Verschiebung in den Pflegeformen berücksichtigt wird, die darauf beruht, dass sich der Anteil der hochaltrigen Pflegebedürftigen an allen Pflegebedürftigen in den nächsten beiden Dekaden erhöht, sondern auch der Rückgang des familialen Pflegepotenzials berücksichtigt wird. Der Anteil der Angehörigenpflege geht gemäß dieser Modellrechnung auf 37,3 %, also um – im Vergleich zu Szenario 1 – weitere 5 Prozentpunkte zurück, wobei sich dies fast ausschließlich in einem steigenden Anteil für ambulante Pflege niederschlägt. Da die Inanspruchnahme formeller Pflegedienste damit in beiden Szenarien steigt, gleichzeitig aber das Arbeitskräfteangebot demographisch bedingt zurückgeht, öffnet sich eine Versorgungslücke, die für Szenario 1 auf 434.000 Vollzeitäquivalente und für Szenario 2 auf 492.000 Vollzeitäquivalente quantifiziert wurde. Bemerkenswert ist hierbei, dass diese Lücke zu mehr als 80 % auf steigende Bedarfe und zu weniger als 20 % auf den Arbeitsmarkteffekt zurückgeht.

Gelingt es dagegen, die Zahl der Pflegebedürftigen in vollstationärer Pflege konstant zu halten, halbiert sich diese Versorgungslücke annähernd (Szenario 3). Sie beträgt dann 2030 „nur noch“ 263.000 Vollzeitäquivalente. Allerdings setzt dies voraus, dass es zum einen gelingt, den Anteil der Angehörigenpflege zu stabilisieren (46 % im Vergleich zum 45,6 % im Jahr 2009) und zum anderen den Anteil der ambulanten Pflege um etwa zehn Prozentpunkte zu erhöhen von 23,7 % (im Jahr 2009) auf 33,2 % (im Jahr 2030). Die dennoch deutliche Reduktion der Versorgungslücke in Szenario 3 ist darauf zurückzuführen, dass nicht nur der Anteil der Angehörigenpflege höher liegt als in Szenario 1 und 2, sondern auch der Personalbedarf bei ambulanter Pflege geringer ist, weil hier nicht berufliche Pflegeleistungen eine größere Rolle spielen.

Für die Länder und die Kommunen ergeben sich dabei je spezifische Effekte, die im Einzelnen deutlich von den Ergebnissen der Bundesebene abweichen können und den Entscheidungsträgern vor Ort die Möglichkeit geben, auf ihre jeweiligen Bedürfnisse einzugehen.

Das „Wunschszenario“ 3 hat somit nicht nur den Vorteil, dass der Wunsch der Betroffenen nach Vorrang der häuslichen Pflege und der entsprechende Gesetzesauftrag des SGB XI umgesetzt werden, er führt zudem zu einer Halbierung der errechneten Versorgungslücke. Für die Verwirklichung dieses Szenarios sind aber vielfältige Anstrengungen notwendig, um die Attraktivität des Pflegeberufes zu stärken und so die Versorgungslücke zu schließen, um die Angehörigenpflege zu stabilisieren und um das zivilgesellschaftliche Engagement zu stärken, das mitwachsen muss, wenn der Anteil der ambulanten Pflege im beschriebenen Ausmaß steigen soll.

Vor diesem Hintergrund werden innovative Konzepte zur Bewältigung zukünftiger Versorgungsbedarfe zunehmend wichtig. Für die qualitative Teilstudie des „Themenreport Pflege“ der Bertelsmann Stiftung wurden deshalb Studien, Modellprojekte und Konzepte, welche geeignet sind, häusliche Versorgungsarrangements durch professionelle Interventionen wirksam zu stabilisieren, systematisch recherchiert. Es wurden neun evidenzbasierte Studien gefunden, wovon eine ausschließlich auf qualitativen Daten, fünf auf deskriptiv quantitativen und qualitativen Analysen bzw. Befragungen sowie drei auf Kontrollgruppendesigns basieren. Zusätzlich wurden sieben impulsgebende Studien, Modellprojekte und Konzepte in die Auswertung aufgenommen.

Im Rahmen der Auswertung wiesen insbesondere case- und care-management-basierte Handlungsansätze belastbare Ergebnisse hinsichtlich einer nachweislichen Verzögerung des Heimeintritts nach. Lücken in der Wirksamkeitsforschung zeigen sich in den Bereichen quartiersnahes Wohnen, Wohnraumanpassung sowie Unterstützungsmöglichkeiten durch Technik bzw. Hilfsmittel.

Insgesamt unterstreicht das Ergebnis der Literaturrecherche die Notwendigkeit, die Anstrengung zur Implementierung von leistungsfähigen Rehabilitationsstrukturen in der Geriatrie drastisch zu verstärken und konsequent Care- und Case-Management-Strukturen zu implementieren. Diese sollten eingebettet sein in regionale und lokale Planungsprozesse, die tragfähige, sektorenübergreifende Kooperations- und Vernetzungsstrukturen und -kulturen befördern und eine bedarfsangemessene Infrastruktur zum Gegenstand haben. Unter diesen Voraussetzungen lassen sich Heimeintritte auf das Maß des Erforderlichen und im Einzelfall Notwendigen am ehesten begrenzen. Hierfür bedarf es aber einer klaren Kompetenzzuweisung für regionale und kommunale Planungsprozesse und eine entsprechende Kompetenz- und Ressourcenausstattung.

Die vollständige Studie finden Sie hier.

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