Ausgabe September 2000

Globalisierungsparadoxien

Das doppelte Inklusionsproblem moderner Gesellschaften

Der Begriff der Solidarität hat zwei alteuropäische Wurzeln. Eine geht auf die heidnisch-republikanische p h i l i a zurück und die andere auf die biblisch-christliche N ä c h s t e n l i eb e. P h i l i a wird von Aristoteles als B ü r g e r f r e u n ds c h a f t bestimmt und scharf von den häuslichen Sippschaftsund Familienbanden abgegrenzt. Netzwerke bürgerlicher Männerfreundschaft sollen die - in der Tagödienliteratur (Orestie) ästhertisch reflektierten - Mafiastrukturen verfeindeter Sippschaften neutralisieren, den Frieden sichern und das Gemeinwohl fördern. "Heilige Ketten der Freundschaft" (Fries/Hegel) halten den "Bürgerbund" (Rousseau/Kant) zusammen und tragen das Ethos des städtischen Lebens. Philia ist ein politischer, öffentlicher und rechtlicher Begriff. Die der republikanischen Bürgerfreundschaft eigentümliche Form der Solidarität ist fest in die Perfektionshierarchie urbaner Oberschichten eingebunden. Ganz anders die vor allem im Christentum zur Fernsten- und Feindesliebe radikalisierte N ä c h s t e n l i e b e. Sie ist unpolitisch oder metapolitisch und - wie es bei Tertullian heißt dem "öffentlichen Leben fremd". 1)

Der eigentliche Ort der Liebesgemeinschaft ist nicht die civitas terrena, sondern die civitas dei.

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