Ausgabe November 2003

Ein Land sieht schwarz

Was für ein Herbst im politischen Deutschland. Die Bayern-Wahl war gerade geschlagen, die Ruhe vor dem Sturm also beendet, schon nahm dieser orkanartige Stärke an. Ein wahrer Reformfuror schüttelt die Republik.

Kaum hatte der Kanzler seine achte Rücktrittsdrohung ultimativ mit dem Erfolg der Agenda 2010 verknüpft und sich Angela Merkel als die Brutalstmögliche aller Reformer geoutet, brach eine Woge der Begeisterung los, schien ein ganzes Land in Verzückung zu geraten, um genau zu sein: seine bürgerliche Medienöffentlichkeit. Von FAZ bis SZ wird jubiliert: Der lang ersehnte Ruck ist da. Allenthalben raunt es "Herbst der Entscheidung". Die Zeit sei reif. Eine Hamburger Wochenzeitung gleichen Namens nimmt dies ganz wörtlich und statuiert voller Euphorie: "Deutschland ist auf dem Weg in eine andere Republik". Längst ist nicht mehr von bloßer Reform die Rede, sondern die Systeme selber - Rente, Gesundheit und Soziales - stehen zur Disposition; und plötzlich finden sich die erstaunlichsten Notgemeinschaften zusammen. Seehofer, Blüm und Schreiner streiten Seit an Seit für die sozialstaatlichen Errungenschaften der Bonner Republik. In diesem Herbst scheint alles möglich. Ein nahezu einhelliger Wille zur Dezision herrscht in der meinungsmachenden Klasse.

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