Ausgabe August 2004

Griff nach Fritz Fischer

Der Erste Weltkrieg dürfte den meisten Deutschen heute, 90 Jahre nach seinem Ausbruch, beinahe so entrückt sein wie die Punischen Kriege. NS-Diktatur, Zweiter Weltkrieg und Holocaust, dazu zahlreiche Konflikte seit 1945, vorwiegend in Afrika und Asien, mit ökonomischen und politischen Rückwirkungen auch auf Europa, schließlich das Ende der Blockkonfrontation des "Kalten Krieges" mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion und anderer kommunistisch regierter Länder in Osteuropa sowie die deutsche (Wieder-) Vereinigung 1989 haben eine Distanz geschaffen, die den Krieg von 1914 bis 1918 in den Hintergrund der Erinnerung drängte. Und dennoch bricht sie immer wieder hervor, die Vergangenheit, die nicht vergehen will. Nicht nur, dass uns unsere Nachbarn in Europa, etwa am symbolträchtigen Jahrestag des Waffenstillstands am 11. November 1918, an diese "Urkatastrophe" des 20. Jahrhunderts (wie sie von manchen Historikern genannt wird) gemahnen, an die 15 Millionen Toten (darunter sechs Millionen Zivilisten), die sie forderte. Nicht nur, dass ihre Ängste vor einem aggressiven, die Welt auch im Frieden beunruhigenden Deutschland nicht gestorben sind, auch wenn ihre führenden Politiker etwas anderes sagen. Auch in Deutschland selbst ist der Erste Weltkrieg nicht zum Gegenstand bloß "objektiver Betrachtung" erkaltet.

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Aktuelle Ausgabe Januar 2020

In der Januar-Ausgabe warnt der Journalist Alexander Hurst vor einem drohenden Bürgerkrieg in den USA, sollte Donald Trump eine Abwahl in einem Jahr nicht akzeptieren. Die indische Schriftstellerin Arundhati Roy zeigt, wie die Hindu-Nationalisten die innere Vielfalt Indiens bekämpfen und selbst vor kriegerischen Mitteln nicht halt machen. »Blätter«-Redakteurin Julia Schweers beleuchtet den Generationenkonflikt, der in Afrika zu einer dritten kontinentalen Protestwelle führen könnte. Der Soziologe Mathias Greffrath fordert die Abkehr vom Mantra des ständigen Wachstums, um dem »Zeitalter der Verwüstung« ein Ende zu setzen. Und »Blätter«-Mitherausgeber Micha Brumlik analysiert die antisemitische Kontinuität von der DDR bis ins heutige Ostdeutschland.

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