Ausgabe November 2005

Ukrainische Katerstimmung

„Es gibt keine politische Krise in der Ukraine!“ So zumindest lautete die offizielle Stellungnahme des amtierenden ukrainischen Präsidenten Viktor Juschtschenko zum Rücktritt seines Revolutionsgefährten Alexander Sintschenko, des Leiters der Präsidialverwaltung, am 7. September 2005. Nur einen Tag später entließ er die Regierung der Premierministerin Julia Timoschenko.

Was war passiert? Das politische Erdbeben, dessen langfristige Folgen noch nicht abzusehen sind, wurde durch eine Welle von Rücktritten und gegenseitigen Anschuldigungen ausgelöst. Diese gipfelten zunächst in dem offiziellen Abschiedsgesuch Sintschenkos. Nachdem dieser massive Korruptionsvorwürfe gegen seine Amtskollegen erhoben und der neuen politischen Elite – neben Premierministerin Timoschenko vor allem dem Leiter des Nationalen Sicherheits- und Verteidigungsrates Pjotr Poroschenko – vorgeworfen hatte, sie würden ihre Ämter systematisch zur persönlichen Bereicherung nutzen, sah sich der Präsident gezwungen, das machtpolitische Gleichgewicht wieder herzustellen und entließ, nachdem Poroschenko bereits seinen Rücktritt erklärt hatte, auch die Premierministerin und ihr Kabinett.

Diese radikale Lösung Juschtschenkos war vor allem eine Reaktion auf die ständigen Machtkämpfe zwischen Timoschenko und dem Präsidentenapparat sowie auf die interventionistische Wirtschaftspolitik der Regierung.

Sie haben etwa 11% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 89% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe Januar 2020

In der Januar-Ausgabe warnt der Journalist Alexander Hurst vor einem drohenden Bürgerkrieg in den USA, sollte Donald Trump eine Abwahl in einem Jahr nicht akzeptieren. Die indische Schriftstellerin Arundhati Roy zeigt, wie die Hindu-Nationalisten die innere Vielfalt Indiens bekämpfen und selbst vor kriegerischen Mitteln nicht halt machen. »Blätter«-Redakteurin Julia Schweers beleuchtet den Generationenkonflikt, der in Afrika zu einer dritten kontinentalen Protestwelle führen könnte. Der Soziologe Mathias Greffrath fordert die Abkehr vom Mantra des ständigen Wachstums, um dem »Zeitalter der Verwüstung« ein Ende zu setzen. Und »Blätter«-Mitherausgeber Micha Brumlik analysiert die antisemitische Kontinuität von der DDR bis ins heutige Ostdeutschland.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Indische Soldaten

Bild: imago images / Hindustan Times

Das Ende des indischen Traums

von Arundhati Roy

Indien lebte stets von seiner Vielfalt und seinen Gegensätzen. Doch seit der Wahl von Narendra Modi zum Premierminister droht sich das zu ändern: Denn Modi kämpft für eine Vorherrschaft der Hindus – und zwar mit allen Mitteln.

Bild: imago images / Hindustan Times

Modis Indien oder: Die Schriftstellerin als Staatsfeindin

von Arundhati Roy

Ich fühle mich sehr geehrt, die diesjährige „Arthur Miller Freedom to Write Lecture“ des PEN America halten zu dürfen. Hätten Arthur Miller und ich derselben Generation angehört und wäre ich US-Bürgerin gewesen, so wären wir uns wohl bei einer Vorladung vor das Komitee für unamerikanische Umtriebe in die Arme gelaufen.