Ausgabe Januar 2006

Nürnberg 1945/46

Von der Harmlosigkeit des Gedenkens

Vergleicht man den „Lärm“ um andere Jubiläumstage des Zweiten Weltkrieges (D-Day oder 8. Mai), so war es um „Nürnberg“ verhältnismäßig still. Das allerdings kann nur bedingt verwundern. Auf Skepsis zu stoßen, wenn von den „Nürnberger Prozessen“ gesprochen wurde, war in der Bonner Republik nichts Ungewöhnliches; das Epitheton „Siegerjustiz“ fiel schnell. Wilhelm G. Grewe meinte noch 1989, „die strafrechtliche Verfolgung von führenden Einzelpersonen für die Entfesselung eines Angriffskrieges war, was die Vergangenheit betrifft, ein Justizirrtum; was die Zukunft betrifft wäre es ein Irrweg.“1

Immerhin sind solche Argumente in der Berliner Republik nicht mehr zu hören. Auf der Homepage des Auswärtigen Amtes2 ist zu lesen, dass „speziell für Deutschland die Verfolgung von NS-Tätern durch die Alliierten mit den Nürnberger Prozessen“ eine wichtige Station war, die mit dem Völkerstrafgesetzbuch vom 30. Juni 2002, also der Übernahme des so genannten Romstatuts von 1998 in das innerstaatliche deutsche Recht, einen krönenden Abschluss gefunden habe. Haben die Deutschen also ihre Lektion gelernt und wäre Nürnberg aus diesem Grund nicht eigens zu feiern gewesen? Zur Beantwortung dieser Frage zunächst ein Blick zurück.

Sie haben etwa 4% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 96% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe März 2020

In der März-Ausgabe analysieren der Ökonom James K. Galbraith, der »Blätter«-Mitherausgeber Claus Leggewie und der Historiker Paul M. Renfro, wie die US-Demokraten Donald Trump bei der Präsidentschaftswahl im November schlagen könnten. Die Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann plädiert für die Wiederaneignung des Nationenbegriffs, den sie nicht den Rechten überlassen möchte. Der Umweltaktivist Bill McKibben setzt auf die Kraft der Sonne und des gewaltfreien Protests, um die Klimakrise noch aufzuhalten. Und die Soziologin Christa Wichterich beobachtet eine neue Welle transnationaler feministischer Bewegungen im Kampf für Geschlechtergerechtigkeit.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Der Kampf um Lebensraum

von Hans-Gerhard Marian, Michael Müller

Wie nie zuvor steht der Umwelt- und Naturschutz im Zentrum der öffentlichen Debatte. Zugleich aber sind wir Zeugen einer gewaltigen Verdrängung. Deren Ursache liegt nicht zuletzt im Erstarken einer reaktionären Gegenbewegung. Rechte Klimawandelleugner verbreiten das Gift der Lügen und finden damit einen erstaunlichen Resonanzboden.

Rechter Terror oder: Die doppelte Vertuschung

von Thomas Moser

Wenn nun, nach der Ermordung des hessischen Regierungspräsidenten Walter Lübcke, von einer „neuen Qualität des rechten Terrors“ die Rede ist, dann handelt es sich dabei um eine gefährliche Begrifflichkeit. Denn sie verharmlost die „alte Qualität“ des rechten Terrors.

Vorbild Stauffenberg?

von Klaus Naumann

Im Rahmen der hitzigen Diskussionen über seine soeben erschienene Stauffenberg-Biographie wartete Thomas Karlauf[1] mit einer Pointe auf, die es in sich hat. Der Graf, so Karlauf, gehöre „in die Mitte der Gesellschaft“.