Ausgabe Mai 2008

Schlafen mit offenem Auge

60 Jahre Israel

Für gewöhnlich schlafe ich gut. In unserer ruhigen Vorstadtstraße am Stadtrand von Jerusalem, wo die Lichter von Ramot und Beit Iqsa sich argwöhnisch beäugen, durchbricht nur gelegentlich der Lärm zwischen den Mülltonnen umherjagender Hunde das Schweigen der Nacht. Wenn ich aber einmal nicht schlafen kann, vor allem nach einem Tag voller schlimmer Nachrichten – und solche Tage sind in Israel nicht selten –, komme ich nicht umhin, mich zu fragen, wohin wir uns bewegen.

In seinem Essay „Verratene Vermächtnisse” von 1994 schrieb Milan Kundera: „Kleine Völker. Der Begriff ist nicht quantitativ gemeint, er verweist auf einen Zustand, ein Schicksal. Kleine Völker haben nicht jenes beglückende Gefühl einer ewigen Vergangenheit und Zukunft. Zu einem bestimmten Zeitpunkt in ihrer Geschichte sind sie alle durch die Vorzimmer des Todes gegangen, in fortwährender Konfrontation mit der überheblichen Ignoranz der Mächtigen erscheint ihnen ihre Existenz ständig bedroht oder mit einem Fragezeichen versehen, das über ihr schwebt. Denn es geht um ihre Existenz.“ Oder, um es mit anderen Worten zu sagen: Ein kleines Volk zu sein bedeutet, mitten in der Nacht in der Ungewissheit aufzuwachen, ob man am Morgen noch da sein wird.

Sie haben etwa 5% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 95% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe Februar 2020

In der Februar-Ausgabe warnen die ehemaligen US-Politiker Ernest J. Moniz und Sam Nunn vor einem erneuten Wettrüsten zwischen Russland und den USA. Hans-Gerd Marian und Michael Müller von den NaturFreunden Deutschlands legen die braunen Linien der deutschen Umweltbewegung offen. Der Vorsitzende der SWP, Volker Perthes, fragt nach den Auswirkungen der jüngsten Spannungen zwischen den USA und Iran – auch und gerade für Europa. Die indische Schriftstellerin Arundhati Roy zeigt, wie die regierenden Hindu-Nationalisten Millionen Menschen zu Staatenlosen machen und so ein neues Kastensystem schaffen könnten. Und der Stadtforscher Paul Chatterton skizziert die Zukunft der klimaneutralen, nachhaltig produzierenden Stadt.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Im Zeitalter der Verwüstung

von Mathias Greffrath

2019 war das Jahr, in dem kein Tag verging, ohne neue Klimakatastrophenmeldungen: Brandherde in Bolivien, so groß wie zwei Bundesländer, gestorbene Gletscher auf Island, Dürre im Sudan, tausende Hitzetote in Europa, 700 Millionen Euro Ernteschäden in Deutschland, Venedig unter Wasser wie lange nicht, und immer dramatischere Zahlen.

Mythos Erhard: Die Legende vom deutschen Wirtschaftswunder

von Ulrike Herrmann

Vor bald 75 Jahren ging der Zweite Weltkrieg zu Ende. Danach soll Westdeutschland, so will es die Legende, ein einzigartiges „Wirtschaftswunder“ erlebt haben, das allein der Währungsreform zu verdanken sei. Und wie in jedem Märchen gibt es dabei auch einen Helden: Ludwig Erhard. Selbst Grüne lassen sich inzwischen mit seinem Konterfei abbilden.