Ausgabe Februar 2009

Wer wird die Arche bauen?

Das Gebot zur Utopie im Zeitalter der Katastrophen

Kennen Sie die berühmte Gerichtsszene aus dem Welles-Klassiker „Die Lady von Schanghai“? Dieser Film Noir aus dem Jahr 1947 ist eine Allegorie auf proletarische Tugenden unter dem Joch einer dekadenten Oberschicht. Welles spielt einen Matrosen namens Michael O’Hara, der sich auf ein Schäferstündchen mit der Femme Fatale Rita Hayward einlässt, deren Ehemann, Arthur Bannister (gespielt von Everett Sloan), ihm daraufhin einen Mord anhängt. Bannister gilt als bester Strafverteidiger des Landes und bringt O’Hara dazu, sich von ihm verteidigen zu lassen. In Wahrheit will er aber nur sicherstellen, dass der Angeklagte verurteilt und hingerichtet wird. Höhepunkt des Verfahrens ist eine Szene, die der Staatsanwalt verächtlich als „erneuten Griff in die Bannister-Trickkiste“ bezeichnet. Der Verteidiger Bannister ruft Bannister, den betrogenen Ehemann, in den Zeugenstand und befragt sich selbst in einem rasanten, schizoiden Schlagabtausch, der sehr zur Erheiterung der Geschworenen beiträgt.

Ganz im Stil der „Lady aus Schanghai“ möchte ich heute einmal mit mir selbst diskutieren. Werden Sie also Zeuge eines mentalen Konflikts zwischen analytischer Verzweiflung und utopischer Möglichkeit, der aus meiner Sicht, und vermutlich auch objektiv gesehen, nicht zu lösen ist.

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In der Juli-Ausgabe beleuchten der Historiker Ibram X. Kendi und die Soziologin Keeanga-Yamahtta Taylor die lange Tradition rassistischer Gewalt in den USA – und zeigen Wege aus dem amerikanischen Albtraum auf. Der Soziologe Gary Younge und der Journalist Marvin Oppong richten den Blick auf den Rassismus und die Polizeigewalt in Europa. Der Journalist Michael Pollan legt die brutale Effizienz der Lebensmittelindustrie offen – die uns alle buchstäblich krank macht. Und »Blätter«-Redakteur Albrecht von Lucke analysiert den steilen Aufstieg Markus Söders inmitten der Coronakrise - und dessen Chancen, nächster Bundeskanzler zu werden.

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