Ausgabe Oktober 2016

Colonia Dignidad oder: Die verdrängte Verantwortung

Als Bundespräsident Joachim Gauck Mitte Juli Chile besuchte, bot sich ein bizarres Bild: Bei seinem Empfang in der Deutschen Botschaft in der Hauptstadt Santiago trafen Opfer der deutschen Folt+ersekte Colonia Dignidad auf ihre Peiniger von einst. Anwesend waren der wegen Beihilfe zu Kindesmissbrauch und -entführung verurteilte ehemalige „Sicherheitsmann“ der Sekte, Reinhard Zeitner, sowie Hans Schreiber, der heute die juristische Verteidigung ehemaliger Führungsmitglieder organisiert. Was zunächst aussah wie eine Panne, stellte sich später als Vorsatz heraus: Die Botschaft habe sie absichtlich, „nach einem Abwägungsprozess“ auf die Gästeliste gesetzt, heißt es in der Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Linksfraktion im Bundestag.[1] Die Grenze zwischen Tätern und Opfern ließe sich in einem geschlossenen verbrecherischen System wie der Colonia Dignidad nicht „mit letzter Trennschärfe“ ziehen, viele Täter seien zugleich Opfer gewesen. Deutlicher hätte nicht gezeigt werden können, wie wenig die deutschen Behörden aus ihrem historisch unheilvollen Umgang mit der Colonia Dignidad gelernt haben. Gaucks Reise, die eigentlich im Zeichen von Aufklärung und Versöhnung stehen sollte, endete so unfreiwillig im Eklat.

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