Ausgabe Januar 1992

Amerika - Bilder und Spiegelbilder

Terra incognita Oder: Mit dem Westen über den Westen hinausdenken

Antiamerikanismus hat mit der wirklichen amerikanischen Gesellschaft nichts zu tun. Das antiamerikanische Urteil basiert vielmehr auf dem Gerücht über Amerika. Die zentrale These, die im Folgenden deshalb auch vertreten wird, ist die, daß der Antiamerikanismus Folge einer kollektiven Ich-Schwäche ist. Die antiamerikanische Haltung dient vor allem dazu, bei der Suche nach der eigenen deutschen Identität zu helfen.

Die permanente Beschäftigung mit sich selbst hat also zur Voraussetzung, daß noch keine Identität ausgebildet ist. Es wäre auch ein Irrtum zu glauben, daß das neue Deutschland nach der Vereinigung eine solche Identität gefunden hätte. Die Tatsache, daß mittlerweile nicht nur antiamerikanische Ressentiments, sondern auch antiwestliche Haltungen insbesondere in intellektuellen Kreisen en vogue sind, läßt vielmehr vermuten, daß die Zeitreise der Deutschen nicht beendet ist, sondern vielleicht ewiger Anfang bleiben könnte.

In einer Art kurzer Phänomenologie wollen wir den Metamorphosen des Antiamerikanismus nachgehen. Dabei wird deutlich, daß das antiamerikanische Ressentiment keineswegs die Wiederkehr des Immergleichen bedeutet. Vielmehr kommt dem Antiamerikanismus zu verschiedenen Zeiten verschiedene Funktion zu. Erst sehr spät erlebt dann der Antiamerikanismus seine jüngste Wandlung: das Unvermögen, den Westen zu verstehen.

Januar 1992

Sie haben etwa 38% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 62% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

Zur Ausgabe Probeabo